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GRANDBROTHERS
(Erol Sarp, Lukas Vogel)
Besuch am
15. Juni 2024
(Einmalige Aufführung)
In der Musik wird der Begriff Crossover verwendet, wenn Stile nicht einer Schublade zuzuordnen sind, wenn etwa in der Klassik Jazzelemente mit einfließen, sich Rock- und Poprichtungen überlagern. Auch beim Modern Jazz gibt es keine Berührungsängste mehr vor der ernsten Musik. Vor rund 100 Jahren ging es damit in der Klassik los. Alban Berg verwendete in seiner Oper Lulu Swing-Elemente, Bohuslav Martinů in seiner Ballettmusik La Revue de cuisine den Charleston. George Gershwin und Kurt Weill bedienten sich des Jazz. Igor Strawinsky schrieb für Benny Goodman das Ebony Concerto. Auch der Jazz macht nicht halt vor anderen Genres. Bekannt ist die Zusammenarbeit von Miles Davis und Gil Evans, aus der zum einen das Album Porgy and Bess hervorging. Zum anderen findet auf ihrer Scheibe Sketches of Spain spanische Volksmusik Verwendung, unter anderem Auszüge aus dem Ballett El amor Brufo von Manuel de Falla. Die Liste ist ellenlang. Erst recht ist Crossover auf dem Gebiet der U‑Musik en vogue: Rock und Pop jedweder Richtung und jedweden Ursprungs sind oft nicht klar in einer bestimmten Kategorie einzuordnen.

Mit der Erfindung des Synthesizers und später, als der Computer hoffähig wurde, hielt die elektronische Musik Einzug in alle Musiksektoren. In der Klassik war es etwa ab den 1950-er Jahren Karlheinz Stockhausen, der keine Scheu vor den Electronics hatte. 20 Jahre später setzte sein Schüler Clarence Barlow, der letztes Jahr verstarb, mit Computerkompositionen Maßstäbe. Ab 1986 war er Leiter der Initiative für Musik und Informatik in Köln. Damals kam bei Konzerten seine Musik nicht aus Musikinstrumenten, sondern aus Lautsprechern von der Bühne. In der U‑Musik ist zum Beispiel der Jazz-Pianist, Komponist und Technik-Freak Herbie Hancock legendär. Er erweiterte sein Klangspektrum mittels Verwendung von Vocodern, E‑Pianos und Synthesizern. Mit seinem Hit Rockit aus dem Jahr 1983 machte er das Scratchen hoffähig. Heute spielt bei ihm auch der Computer eine große Rolle. Heute ist ohnehin die Digitaltechnik Standard. DAW – kurz für Digital Audio Workstation – lautet der Überbegriff für die Computerprogramme. Mit solcher Software – gerade die umfangreichen Suiten plus zusätzlichen Plug-ins – kann tontechnisch so gut wie alles gezaubert werden, was das Herz begehrt. Auch hier hält inzwischen die KI Einzug, ein Ende der Möglichkeiten ist also nicht in Sicht.
Klavier & Elektronik heißt eine neu ins Leben gerufene Reihe des Klavier-Festivals Ruhr, die sich mit den musikalischen Grenzüberschreitungen auseinandersetzt. Vier Veranstaltungen finden in dieser Spielzeit in der Heilig-Kreuz-Kirche in Gelsenkirchen statt. Eine von ihnen gestaltet ein anno 2011 in Düsseldorf gegründetes Duo, das sich auf den Namen Grandbrothers getauft hat. Es hat sich zur Aufgabe gemacht, den Flügel klanglich auf eine ganz neue Ebene zu heben.

Zu dem Zweck hat es eine komplexe Apparatur entwickelt, die das ermöglich. Am normalen, stellenweise präparierten Konzertflügel sind etliche Mikrofone aufgestellt. Zusätzliche Hämmer sind im Resonanzboden angebracht, die auf digitalem Weg aktiviert werden. Angeschlossen sind sie unter anderem über ein Interface etwa an ein Midi-Gerät, ein Mischpult zum Regeln der Klänge, und ein Laptop. Das klassische Tasteninstrument ist also ein Impulsgeber für die Digitaltechnik. Aus den von dort kommenden Signalen wird eine große Palette an Patterns erzeugt, die Drum-Maschine zum grooven gebracht, aus vom Pianisten Erol Sarp erzeugten kurzen, tonal gehaltenen Tonfolgen beziehungsweise kleinen einfachen Themen unterschiedliche Riffs kreiert oder von markig wie wummernd auf- und abschwellende Klangflächen generiert. Dafür zuständig ist Lukas Vogel. Die Klänge werden von ihm dynamisch variabel in unterschiedlichen Folgen aneinandergereiht, überlagert oder gegeneinandergesetzt. Zudem werden rhythmische Signale an ein Lichtmischpult weitergeleitet, das dazu synchron in bunten Farben in Bann schlagende Lightshows hervorzaubert.
Die beiden Künstler präsentieren einen Querschnitt aus ihren vier Alben Dilation, Open, All The Unknown und Late Reflections sowie zwei Stücke, die auf ihrer kommenden Scheibe verewigt werden sollen. Inklusive Zugaben sind es vierzehn Titel wie Ezra Was Right, Bloodflow, Auberge und Adrift, die bannend daherkommen. Es handelt sich um leicht zugängliche, ruhige, balladeske, kontemplative wie energische oder rhythmische markante, in die Pop-Richtung weisende Stücke. Einige ähneln wegen ihrer ständig wechselnden Sounds und Beats an Prozesse, wie sie DJs an ihren digitalen Turntables in Clubs erfinden.
Die eingängige Musik des Duos kommt richtig gut an. Das gemischte, aufgeschlossene Publikum von jung bis alt im vollen Auditorium ist schließlich ganz aus dem Häuschen. Keinen hält es nicht mehr auf den Sitzen. Viele Besucher loben die Vorstellung in den höchsten Tönen. Drei Zugaben sind das Resultat. Dabei bleiben bei einigen Gästen, die am Rand stehen, die Beine nicht ruhig.
Hartmut Sassenhausen