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Foto © Beate Kröhnert

Ungewöhnlich faszinierende Klänge

LIEDERABEND MIT JÜDISCHEM LIEDGUT
(Diverse Komponisten)

Besuch am
16. Juni 2024
(Einmalige Aufführung)

 

Mozartfest Würzburg, Shalom Europa, David-Schuster Saal

Es wird ein Lieder­abend der anderen, ungewöhn­lichen Art als vorge­sehen, denn Bariton Johannes Martin Kränzle hat sich einen Tag vor dem Termin beim Würzburger Mozartfest im Jüdischen Zentrum Shalom Europa krank­heits­halber abgemeldet. Daraus wird ein überra­schender Gewinn: Denn Pianist Hilko Dumno kann die ameri­ka­nisch-israe­lische Sopra­nistin Tehila Nini Goldstein ganz kurzfristig dafür gewinnen, muss aber mit ihr das Programm nahezu völlig ändern und alles ganz schnell einüben. Daraus wird eine Entde­ckungs­reise durch die Geschichte jüdischer Musik-Kultur. Denn die sympa­thische Sängerin mit der dunklen Locken­mähne, die sich gleich für ihr schlechtes Deutsch entschuldigt, stellt ihre Wurzeln als sephar­dische Jüdin in einem eindrucks­vollen, ohne Klavier­be­gleitung vorge­tra­genen Volkslied Mi Nishakani minshikot Ahava aus dem Jemen vor.

Dazu muss man wissen, dass ab dem 8. Jahrhundert tausende Juden zusammen mit den Arabern nach Spanien kamen, 1492 aber mit dem Fall des letzten mauri­schen Reichs Granada alle nicht­ge­tauften Juden von den Christen vertrieben wurden und sich in Folge der Depor­tation in Ländern wie Marokko oder dem Jemen ansie­delten. Ihre Musik erhielt unter dem orien­ta­li­schen Einfluss starke Rhyth­mi­sierung in den frei fließenden synago­galen Gesängen, drückte verschie­denste Stimmungs­lagen aus. Goldsteins Familie stammt aus dem Jemen, wo aber ab Anfang des 19. Jahrhun­derts auch die Juden vertrieben wurden, und sie erzählt, dass zu Hause tagsüber dauernd gesungen wurde. Auf den Einfluss jüdischer Musik­tra­dition in Spanien und deren Inspi­ration auch auf europäische Kompo­nisten verweist etwa das Spanische Liederbuch von Hugo Wolf, geist­liche Gesänge, nachge­dichtet von Paul Heyse. Nach Wolfs Lied Auf ein altes Bild zeigt der große, von Elan getragene Sopran von Goldstein in Nun wandre, Maria profunde Tiefe, kräftige Höhe und drama­tische Betonung; bei Die ihr schwebet mit „schwe­bender“ Klavier­be­gleitung steigert die Sängerin sich nach leichter Zurück­nahme zu Heftigem. Besonders schön klingt ihre Stimme in der Mitte, wenn sie Inniges formu­liert etwa bei Ach, des Knaben Augen, und sehr bewusst gestaltet sie den Ausdruck bei Herr, was trägt der Boden hier mit ruhigen, runden Vokalismen. Dass der Atheist Maurice Ravel mit Deux mélodies hébraiques kurz vor dem Ersten Weltkrieg ein zentrales Gebet der jüdischen Liturgie, nämlich das Kaddisch aufnimmt, einen Lobgesang auf Gott, ist bemer­kenswert; er lässt die Singstimme ohne Klavier beginnen, das erst später ein paar kurze Akzente beisteuert. So kann der Sopran wie ein Instrument die Melismen der Melodie ausdrucksvoll entfalten, bis alles, wie beschwörend von den Arpeggien des Klaviers, nachdrücklich endet.

Foto © Beate Kröhnert

Ganz anders das eher weltliche, desil­lu­sio­nie­rende L’énigme éternelle, licht begonnen, mit unter­schwel­liger Melan­cholie wird hier die alte Frage nach dem Sinn des Daseins mit einem tänze­ri­schen Trala trari ohne wirkliche Lösung beant­wortet. Kämpfe­risch, wie ein Aufruf zur aktiven Bebauung des Landes nimmt Kurt Weill 1924 Folksongs für das neue Palästina auf in Bring the Bricks, während There comes Peace eher Ruhe verströmt, Dankbarkeit für die Natur, und die Sängerin das sanft Fließende betont und dabei faszi­niert durch intensive, sensible Gestaltung. Sie begeistert aber auch durch die Varia­bi­lität ihres Vortrags, stets durch Gesten unter­strichen; so zeichnet sie das Licht in einer Canzo­netta opus 522 von Joseph Achron quasi instru­mental nach mit reinen Vokal-Linien, und den Vogel aus dem jiddi­schen Kinderlied von Mikhail „Moshe“ Millner, den man im Klavier zu hören meint, lockt sie mit vergnügtem Tralala, ebenso heiter wirkt ihr erklärtes Lieblingslied Ojfn grinem bergele, ein Schlaflied, das sanft verklingt.

Die vier Lieder aus Shirei Eretz von Menachem Wiesenberg bilden den Schluss des offizi­ellen Programms als Liebes­er­klärung an das Land und sie künden auch von Verlust. Die Karawane schildert, rhyth­misch vom Klavier unter­strichen, das Voran­schreiten beim Marsch durch die Wüste, stärker werdend bis zum Verklingen, dem Entschwinden. Bewegt und neckisch stellt sie die Frage Wohin ist ihr Geliebter gegangen, während das Lied des Landes Shir Eretz nach tragi­schem Klavier-Beginn starke Emotionen schildert, Schmerz­liches, aber auch Liebe­volles, ganz intensiv mit vielen Schat­tie­rungen gesungen. Bei Mein Geliebter wird alles immer stärker, schneller, ohne dass ihre schön geführte Stimme irgendeine Überan­strengung zeigt.

Der lange Beifall erfordert Zugaben, so ein Lied ohne Klavier als Erinnerung an die Oma aus dem Jemen, dreiteilig, zuerst die Bitte eines Mädchens, sie nicht für die Heirat zu verkaufen, dann Tränen und dann, mit rhyth­mi­schem Schlagen auf die Brust, das Schlagen des Herzens nachzeichnend. Eines darf aber nicht fehlen, eine Widmung an das Mozartfest, nämlich eine wunderbare, bestens verständ­liche Abend­emp­findung KV 523, in der die Sängerin mit ihrer reich gefärbten, tragfä­higen Stimme, freien Höhen, klaren Linien und feinster Betonung das Lied so faszi­nierend gestaltet, dass man die seelen­vollen Blicke des Freundes und die Träne am Grab als die schönste Perle geradezu genüsslich nachemp­findet. Danach höchste Begeis­terung im nicht ganz voll besetzten Saal.

Renate Freyeisen

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