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Der phänomenale Siegeszug der Oper als öffentliche Unterhaltung nahm in Venedig seinen Ausgang. Schon 1637 wurde dort zu San Cassiano das erste, nicht nur Aristokraten und reichen Bürgern, sondern dem ganzen Volk zugängliche Operntheater eröffnet. Bis Ende des Jahrhunderts werden es in Venedig fünfzehn weitere Theater sein. Die Öffnung hin zum Volk und auch zum Volkstümlichen schafft eine Oper, in der sich bald das Tragische mit dem Komischen, und das Erhabene mit dem Gewöhnlichen mischen, wie in Monteverdis letzter Oper L‘Incoronazione de Poppea aus dem Jahre 1642. Diese Offenheit schuf eine Musizieroper, in der jeder sein Glück fand. „Sie machten ihr Glück als Arietten (kleine Arien), Cavatinen, Kanzonetten, Couplets, Chansons als glutvolle Sicilianos im schwebenden 12⁄8 Takt. Und da waren vor allem die anspruchsvollen Arien für den Primouomo und die Primadonna, auch sie in wechselnder Gestalt unter mancherlei Namen, als lyrische, dramatische, oder Buffo- (komische) Arie, als Bravour‑, Koloratur- (Zier-) und Spiel-Arie, gipfelnd in der großen Da-capo-Arie.“ So beschreibt Hans Renner das Kaleidoskop der Gesangsformen in der venezianischen Oper. Auf der Bühne feiern Kastraten, Primadonnen und Maschinen betriebene prachtvolle Inszenierungen Triumphe. Nach Monteverdi beherrscht vor allem Francesco Cavalli die Szene in Venedig. Andere venezianische Komponisten, unter ihnen Marc Antonio Cesti und Antonio Caldara, exportieren sich selbst und ihre Kunst ins Ausland an die Höfe von Wien, London oder Paris. In Paris allerdings wird die italienische Musizier-Oper langsam von der sehr formellen, höfischen französischen Deklamier-Oper eines Lully und seiner Nachfolger verdrängt.
Vivaldi beginnt erst 1713 mit 35 Jahren Opern zu schreiben und in der Folge 19 seiner 25 für Venedig komponierten Opern im Teatro San Angelo, eins der kleineren Theater Venedigs, aufzuführen. Doch schon damals, trotz zahlreicher Auslandsreisen, während derer er seine Opern in verschieden Opernhäusern Europas auf die Bühne bringt, bleibt der Vivaldi der Violinkonzerte wesentlich bekannter als der Opernkomponist Vivaldi. Und daran wird sich bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts, bis zur „Wiederentdeckung“ der Barockoper der letzten Jahrzehnte, wenig ändern. Der Melodienreichtum Vivaldis, gestützt durch ein psychologisch fein ausgeklügeltes Libretto Pietro Metastasios nach Herodot, machen die Oper l‘Olimpiade zu einem sofortigen Erfolg.
Es ist die Geschichte des Prinzen Licida, Sohn – in Wirklichkeit nur der Adoptivsohn – des Königs von Creta, der sich in die Prinzessin Aristea verliebt. Ihr Vater, der König Clistene, jedoch hat sie dem Gewinner der athletischen Spiele versprochen, die er gerade in Olympia abhält. Da Licida nicht sehr sportlich ist, bittet er seinen Herzensfreund Megacle, in seinem Namen an den Spielen teilzunehmen, ohne zu wissen, dass letzterer schon Aristeas Geliebter ist. Megacle ist zwischen Liebe und Freundschaft hin und her gerissen, aber er akzeptiert und schweigt. Prinzessin Argene, die Tochter des Kreterkönigs, hingegen, die mit Licida verlobt gewesen war und ihn immer noch liebt, ist geflohen und ihm heimlich nach Olympia gefolgt, denn ihr Vater hat die Verlobung verboten und will sie nun zwingen, Megacle zu heiraten. Sie vertraut ihre Probleme Aristea an. Licida, in Wirklichkeit Megacle, wird der Gewinner der Spiele. Beide Prinzessinnen sind wütend und verzweifelt, als sie von dem Schwindel erfahren. Daraufhin stürzt sich Megacle in einen Fluss, wird aber von einem Fischer gerettet. Clistene verbannt Licida, als man ihm die Wahrheit hinterbringt. In seiner Verzweiflung, von Aristea getrennt zu werden, will Licida Clistene ermorden, wird gefasst und zum Tode verurteilt. Vergeblich versucht Aristea ihren Vater zu überreden, ihm das Leben zu schenken. An der Opferstätte, an der Licida hingerichtet werden soll, nehmen Licida und Megacle herzzerreißenden Abschied voneinander. Doch dann bittet Argene den König an Licidas statt sterben zu dürfen. Durch eine Halskette, die Licida seinerzeit Argene geschenkt hatte, erkennt der König in Licida seinen schon lange verstorbenen geglaubten Sohn Filinto. Er ist also Aristeas Zwillingsbruder. Licida wird begnadigt und die beiden Paare finden zueinander.

Regisseur Emmanuel Daumas sprudelt über von Ideen, leider sind nicht alle für diese Oper passend. Aber er geht wohl von dem Motto aus: Bei mir findet jeder sein Glück. Doch im ersten Akt ist es schwierig, sein Glück zu finden. Vivaldis Oper ist ein Dramma per musica und selbst, wenn er sich damit in manchen Szenen einige Freiheiten genommen hat, bleibt es eine Opera seria. Daumas hingegen verwandelt sie im ersten Akt und teilweise auch noch im zweiten in eine manchmal etwas groteske, manchmal etwas vulgäre Farce. Das Dekor dabei ist eine Turnhalle, in der in fast jeder Szene sechs Turner respektive Tänzer ihre Verrenkungs‑, Bewegungs‑, am-Seil-Schwingungs- und sonstige Kunst zur Schau stellen. Und das ohne Rücksicht, ob da jemand gerade eine Arie singt, der man gern zuhören möchte. Schlicht ausgedrückt: Bei allem Respekt für ihre Fähigkeiten, die hinzugefügten Elemente stören, denn sie tragen nur selten zum Gesamteindruck bei. Der zweite Akt ist, man könnte es ein alt-griechisches Kitsch-Festmahl-Dekor nennen mit sehr wundersamen Fantasiekostümen. Ganz allgemein sind die Kostüme kunterbunt zusammengewürfelt: Aristea trägt ein spanisches Infanten-Kleid à la Velasquez, Argene ein kurzes, weißes Kleidchen und goldene Widderhörner auf dem Kopf, Licida und Megacle sind durchgehend in rot-weißen Turnanzügen zu sehen. Doch bei Megacle bleibt es nicht dabei: Um die Athleten-Rolle glaubhaft zu machen, hat man Marina Viotti von den Schultern und Armen bis unter die Kniee einen Gummi-Muskelprotz-Körper à la Arnold Schwarzenegger übergestülpt. Aminta ist eher von der Commedia dell‘arte inspiriert, Alcandro von der elisabethanischen Zeit und der König Clistene scheint dem Alten Testament entstiegen zu sein, wenn er nicht gerade für ein blutiges Opfer eine Plastik-Fleischhauer-Schürze um hat. Erst im dritten Akt scheint bei ganz einfachem Dekor ein halbwegs einheitlicher alt-griechischer Stil vorzuherrschen.
Aber wer sich vorher auf Vivaldi eingestimmt hat, kommt nicht auf seine Rechnung, denn vom verfeinerten Lebensstil und der vollendeten Ästhetik des Venedigs der Vivaldi-Zeit ist in der Inszenierung nicht einmal eine Spur zu entdecken.
Nun muss man wohl erklärend, wenn auch nicht entschuldigend hinzufügen – und die Direktion des Théâtre des Champs Elysées weist in einem eigenen Kommuniqué darauf hin – dass die Aufführung der Vivaldi-Oper Olimpiade Teil einer großangelegten, landesweiten Olympiade Culturelle pluridisciplinaire ist, anlässlich der Olympischen Sommerspiele in Paris dieses Jahr. Armer Vivaldi!
Musikalisch wird die Aufführung von ausgezeichneten Sängern und Musikern getragen. Jakub Józef Orlinskis scheint ein famoser und begeisterter Turner zu sein. Wenn auch nicht ausschlaggebend, fügt sich diese Eigenschaft sofort gut in die Inszenierung ein. Orlinskis sehr eigene, helle, metallische Kontratenor-Stimme hingegen kommt eigentlich erst in seiner großen lyrischen Arie Mentre dormi am Ende des ersten Akts richtig zur Geltung. Und dann wieder in der Verzweiflungs‑, ja, fast Wahnsinns- Bravour-Arie Gemo in un punto am Ende des zweiten Akts. Letztere ist auch eine der wenigen Szenen, in der die Tänzer, als graue, unförmige Zombies hinter ihm her tanzend, sehr bühnenwirksam zum Einsatz kommen. Als sein Busenfreund Megacle agiert, muskelrollend, Marina Viotti, eine Sängerin, die erfolgreich den Sprung vom Jazz und Heavy metal ins lyrische Fach gewagt und gewonnen hat. Sichtlich amüsiert sagt sie über ihre Rolle: „Ich finde es eher komisch von Carmen, einem weiblichen Archetypus, überzuwechseln zu Megacle, einem bodygebuildeten jungen Mann – szenisch wird das eher sportlich werden.“ Mit sinnlicher, klangvoller Mezzo-Stimme passt sie sich mit der ihr eigenen Wandlungsfähigkeit der Rolle und ihrem wechselhaften Geschehen an. Nach dem herzzerreißenden Se cerca, se dice im zweiten Akt, atmet man richtiggehend auf, wenn sie mit Freude und Leichtigkeit die langen Koloraturen durchlaufend dem Freunde die Treue erklärt: Lo seguitai felice. Noch etwas unheimlich-zurückhaltend als weissagender Berater Licidas in Fidarsi della speme in der Mitte des ersten Akts, geht Ana Maria Labin als Aminta ganz aus sich heraus in der halsbrecherischen Da-capo-Arie Siam navi begleitet von einem Orchester aufgewühlt wie das Meer bei Sturm, die den Akt beschließt. Die Rolle der Aristea füllt mit Charme und mit warmer, beweglicher Stimme Catarina Piva aus. In wilder Entschlossenheit rebelliert sie schon in ersten Akt gegen die diktatorische Vormundschaft ihres Vaters in E troppo spietato und erfreut etwas später in dem bezaubernd lyrisch-melancholischen Sta piangendo la tortorella. Ihre Leidensgefährtin Argene interpretiert Delphine Galou als eine starke, widerstandsfähige Natur wie in der Arie Per que‘ tantii suoi sopiri. Luigi de Donato ist mit sonorer Bassstimme der König Clistene und Christian Senn der zum Buffo degradierte Alcandro.
Jean-Christophe Spinosi leitet die Solisten sowie das ausgezeichnete Ensemble Matheus und den gut einstudierten Chor der Académie Haendel Hendrix mit sichtlicher Begeisterung, wenn man sich auch manchmal wünschte, dass das Orchester ein wenig mehr aus dem Hintergrund hervortritt.
Das Premieren-Publikum scheint mit allem zufrieden.
Alexander Jordis-Lohausen