O-Ton im Abonnement ist mehr!

Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.

Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.

Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.

O-Ton 

3-Monats-Abo

  • +3 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 16,-
 €

für jeweils 3 Monate

Unsere Top-Empfehlung!

O-Ton 

Jahres-Abo

  • +7 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 48,-

pro Jahr

O-Ton 

6-Wochen-Abo

  • sofort loslesen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 9,-

für jeweils 6 Wochen

O-Ton 

Jahres-Mitgliedschaft

  • keine automatische Verlängerung
  • keine Werbeanzeigen
  • Zugang verfällt nach Ablauf
nur 48,-

für ein Jahr

Foto © Sascha Kreklau

Chuzpe statt Respekt

COSÌ FAN TUTTE
(Wolfgang Amadeus Mozart)

Besuch am
21. Juni 2024
(Premiere am 8. Juni 2024)

 

Musik­theater im Revier, Gelsenkirchen

Per pietà, ben mio, das E‑Dur Rondo der Fiordiligi, zusammen mit dem vorge­schal­teten Rezitativ Ei parte, ist ein eigenes Seelen­drama. Es fordert den drama­ti­schen Kolora­tur­sopran über die gewaltige Strecke von annähernd neun Minuten. In der großen Adagio-Sequenz wird sinnlich erkennbar, wie die gefühl­vollste Figur des ganzen Werks inmitten des frivolen Verfüh­rungs­spiels anklingen lässt, dass sie sich schuld­be­wusst gegenüber dem Geliebten fühlt, den sie für ein flüch­tiges Erlebnis zu hinter­gehen gewillt scheint. Ihn wähnt sie in der Ferne, was aber gar nicht stimmt. Die Sopra­nistin Rebecca Davis gestaltet im Musik­theater im Revier das Rondo mit Inbrunst im instru­men­talen Dialog mit den Holzbläsern sowie dem stimmungs­vollen Horn. Die Folge ist ein anhal­tender Szenenbeifall.

Mit diesem Bravour­stück Mozarts ist in der Gelsen­kir­chener Aufführung von Wolfgang Amadeus Mozarts Così fan tutte schon viel gewonnen, weil die Musik den Abend prägt, letztlich rettet. Das blendend aufge­legte Sextett der Sänger­dar­steller überzeugt mit musika­li­schem und spiele­ri­schem Können. Getragen und phasen­weise verwöhnt von der Neuen Philhar­monie Westfalen mit Giuliano Betta am Pult, der sich für flinke Tempi entscheidet, die auch durchhält, nur leider den solis­ti­schen Instru­menten manche Ungenau­igkeit durch­gehen lässt. Über die Kopro­duktion mit der Straß­burger Opéra national du Rhin ist hingegen wenig Erfreu­liches zu sagen. Außer dass die Insze­nierung von David Hermann im Verein mit dem Ausstatter Jo Schramm und dem Kostüm­design von Bettina Walter kühnen und durchaus kreativen Ideen folgt, aber überwiegend quer liegt zu Lorenzo da Pontes frivolem Libretto und Mozarts himmli­scher Partitur.

Foto © Sascha Kreklau

Das Sujet von Untreue und Verwech­selung, sei es als Komödie, sei es als Tragödie aufge­zogen, hat die Erfinder von Stoffen für die Bühne von Beaum­ar­chais bis Hofmannsthal wie das Kino seit jeher angezogen. Das auf dem Theater­stück von Patrick Marber beruhende Filmdrama Hautnah von Mike Nichols erzählt 2004 von der Verstri­ckung zweier Paare, die sich ähnlich verlieben und trennen wie in Mozarts Dramma giocoso. Als Julia Roberts in der Rolle der Anna und Jude Law, der Schrift­steller Dan, im Foyer eines Opern­hauses einander näher­kommen, ist von der Bühne her das Terzettino Soave sia il vento aus Così fan tutte zu vernehmen. Schöner lässt sich die Aktua­lität der Wiener Geschichte vom Partner­tausch zur Zeit der Türken­kriege, in der Oper in das Neapel um 1750 verlagert, kaum inszenieren.

Die Hinder­nisse, die der Verbreitung des Werks in den Jahren nach der Wiener Urauf­führung im Januar 1790 anfangs entge­gen­stehen, beruhen mutmaßlich auf einem Missver­ständnis. Kaiser Joseph II. soll dem Kompo­nisten und seinem Libret­tisten für die in Auftrag gegebene Oper ausdrücklich vorge­schrieben haben, eine durchaus gewagte Story zum Inhalt zu machen. Die schil­lernde Rezep­tions- und Insze­nie­rungs­ge­schichte des vom „alten Philo­sophen“ Don Alfonso angezet­telten Streits um die Frage, ob die Partne­rinnen der jungen Offiziere Ferrando und Guglielmo, im Textbuch albanische Edelmänner, ihnen so treu sind, wie sie glauben, durch­bricht Regisseur Hermann radikal. Eigen­wil­ligkeit trifft Authen­ti­zität, Chuzpe ersetzt Respekt vor dem Werk. Das geht in der Oper selten gut.

Mozarts und Da Pontes Lehrstück voller neapo­li­ta­ni­scher Raffi­nesse verlagert Hermann in das von zwei Weltkriegen erschüt­terte Frank­reich zwischen 1913 und 1950. Aus dem Kaffeehaus zu Neapel des ersten Aufzugs wird so die Streit­szene zwischen den drei Männern, die mit der Einbe­rufung Ferrandos und Guglielmos in den Kriegs­dienst endet. Als Schwer­ver­wundete kehren sie 1918 aus dem Krieg zurück, wobei es Guglielmo, der stark banda­giert an Krücken humpelt, ärger erwischt hat als seinen Freund. Despinas Intrige mit angeblich tödlichem Gift und medizi­ni­scher Zauber­kraft spielt zehn Jahre später in einer Revue tropicale.

Wiederum zehn Jahre später – die Jahres­zahlen werden mit simplen Tafeln veran­schau­licht – nimmt der tatsäch­liche wie der bloß vorge­stellte Partner­tausch in einem Club der Freizü­gigkeit seinen Lauf. Wirklich erotisch wirkt die Szene freilich nicht, da die Statis­terie des Theaters mit den ewig gleichen Verren­kungen von Armen und Beinen eine Lüsternheit sugge­rieren will, die – gäbe es die Musik nicht – rasch in Lange­weile umschlüge.

Das Jahr der Vorbe­rei­tungen zur vermeint­lichen Doppel­hochzeit ist 1939, in dem der Zweite Weltkrieg ausbricht und beide junge Männer zum franzö­si­schen Militär einge­zogen werden. Während 1945 noch das Bangen um die Rückkehr der Offiziere vorherrscht, leuchtet die Schluss­szene unter der Jahreszahl 1950 die nuklearen Risiken plastisch aus, unter denen die wieder vereinten Paare fortan leben müssen. Zum grellen Schein mutmaßlich eines Atomblitzes senkt sich eine tonnen­schwere Bombe von oben auf die Bühne hernieder.

Foto © Sascha Kreklau

Wie wenig der Oktroy einer gewollten Schwere zur tatsäch­lichen Leich­tigkeit von Stoff und Musik passt, wird auch in einzelnen Szenen deutlich. Dann etwa, wenn der schwer verwundete Guglielmo sich in seiner von Selbst­be­wusstsein strot­zenden Arie Non siate ritrosi als „stark und gut gebaut“ preist und seine „schönen Füße“ lobt, auf denen er sich gerade noch zu einer Bank schleppen kann. Dann etwa, wenn Ferrando in seinem Solo Un‘aura amorosa von der „süßen Labung“ der Liebe schwärmt, während die Regie uns weiß machen will, dass er wie Guglielmo trauma­ti­siert zurück­ge­kehrt ist.

Lina Hoffmann als Dorabella bildet mit der beein­dru­ckenden Davis als Fiordiligi ein kontrast­reiches Schwes­ternpaar. Ihr Mezzo­sopran lässt auf eine positive Entwicklung seit ihren Rollen im Rossini-Otello und in Verdis Un giorno di regno schließen, was sie insbe­sondere in der „Eumeniden-Arie“ Smanie impla­cabili unter Beweis stellt, mit einem mehrfach wieder­holten Crescendo auf einem einzigen Ton. Benjamin Lee bringt als Ferrando sein schönes Timbre mit schmel­zender Mittellage und lyrischer Phrasierung voll zur Geltung. Simon Stricker gibt dem im Vergleich mit Ferrando selbst­ge­fäl­li­geren und weltläu­fi­geren Guglielmo mit seiner markanten Bariton­stimme Kontur und Farbe.

Philipp Kranjc gestaltet, obgleich für Don Alfonso eigentlich zu jung und zu athle­tisch, den Skeptiker und Zyniker passabel. Eine fabel­hafte Figur macht Margot Genet in der Soubrett­en­rolle des Kammer­mäd­chens Despina. Wie viel sie vom Leben versteht, enthüllt sie in der pfiffigen Arie Una donna a quindici anni. Nicht zuletzt in der plötz­lichen Unter­bre­chung des Stücks, in der die Violinen innehalten, als wolle Despina ihre Herrschaft auffordern, die vor ihnen ausge­brei­teten Weisheiten zu kommen­tieren. Der von Alexander Eberle einstu­dierte Chor absol­viert seine kurzen Auftritte tadellos. Sein Bella vita militar zur Verab­schiedung der jungen Männer in das Militär knistert nur so vor satiri­schem Spaß.

Der freund­liche, sich für alle Mitwir­kenden steigernde Beifall des Publikums im anspre­chend besetzten Haus unter­mauert die Quint­essenz des Abends. Eine noch so eigen­willige, vielleicht auch absurde Insze­nierung kann der Könner­schaft Mozarts und Da Pontes nichts anhaben. Welch ein Glück!

Ralf Siepmann

Teilen Sie O-Ton mit anderen: