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Foto © Wilfried Hösl

Alptraum in schwarz und weiß

IL TROVATORE
(Giuseppe Verdi)

Besuch am
2. Juli 2024
(Premiere am 27. Juni 2013)

 

Bayerische Staatsoper München

In der Münchner Fußball-Arena läuft das Achtel­finale zwischen den Nieder­landen und Rumänien, ganz München ist in Oranje getaucht. Das Spiel ist eindeutig, kein großes Drama. Das gibt es aber zeitgleich wenige Kilometer entfernt in der Bayeri­schen Staatsoper, wo derzeit die Münchner Opern­fest­spiele begonnen haben. Verdis Il Trovatore steht auf dem Plan. Die Insze­nierung ist zwar schon elf Jahre alt, doch in ihrer bedrü­ckenden Darbietung immer noch hochaktuell.

Hass, Rache und Eifer­sucht – diese Trias sind die treibenden Kräfte in der auch als „Dramma lirico“ bezeich­neten Oper von Giuseppe Verdi. Da mutet es fast unheimlich an, dass der Librettist Salvadore Cammarano noch vor Vollendung des Trouba­dours plötzlich verstarb. Leone Emmanuele Bardare vollendete das Libretto. Verdi kompo­nierte zu dem Libretto ebenso düstere wie mitrei­ßende Musik. Neben Il Trovatore, der am 19. Januar 1853 in Rom urauf­ge­führt wurde, gehören seine erfolg­reichen Werke Rigoletto von 1851 und La traviata, ebenfalls 1853 urauf­ge­führt, zu Verdis sogenannter trilogia popolare. Die Handlung spielt in Biscaya und Aragonien zu Beginn des 15. Jahrhun­derts, kurz vor dem Ende des spani­schen Bürger­krieges 1413.

Foto © Wilfried Hösl

Zum Verständnis der Oper ist die Kenntnis der Vorge­schichte der Handlung wichtig. Der alte Graf von Aragón hatte zwei Söhne, Luna und Garcia. Garcia ist – wie Azucena erst am Ende der Oper enthüllt – niemand anders als Manrico. Garcia wurde als Kleinkind angeblich von einer Zigeu­nerin mit einem Zauber belegt, die deswegen auf dem Schei­ter­haufen verbrannt wurde. Aus Rache raubte deren Tochter, Azucena, den jungen Garcia, um ihn ihrer­seits zu verbrennen; in einem Anflug von Wahn verbrannte sie aber verse­hentlich ihren eigenen Sohn und behielt Garcia bei sich, den sie unter dem Namen Manrico aufzieht. Die eigent­liche Handlung ist trotz des verwor­renen Librettos deutlich. Graf Luna und Manrico, die Brüder, die von ihrer gemein­samen Herkunft nichts wissen, sind Todfeinde, und lieben dieselbe Frau: Leonora. George Bernard Shaw hat die Konstel­lation einmal sehr trocken beschrieben: „Opera is when a tenor and a soprano want to make love and are prevented from doing so by a baritone“.

Im Mittel­punkt des Dramas aber steht die schmerz­ge­pei­nigte und trauma­ti­sierte Acuzena, die als Kind miter­leben musste, wie ihre Mutter, eine Zigeu­nerin durch den Vater des Grafen Luna wegen angeb­licher Hexerei verbrannt wurde. Das trauma­tische Erlebnis als Kind und ihre Rache, den Sohn des Grafen von Aragón zu verbrennen, statt­dessen im Wahn ihr eigenes Kind tötete, das macht die Figur der Azucena zu einer tragi­schen Person, die ihres Lebens nicht mehr froh werden kann. Ihre Stimmung und innere Dramatik ändern sich laufend, das Libretto weist ihr tragische und ergrei­fende Szenen zu. Sie ist liebende Mutter und von wahnvoller Rachsucht zerfressen zugleich.

Leonora glaubt, Manrico sei getötet worden und will daraufhin ins Kloster. Manrico eilt ins Kloster und verhindert ihr Gelübde noch gerade recht­zeitig. Zwischen Manrico, dem als Troubadour verklei­deten Anführer der Rebellen, und dem Grafen Luna kommt es zum Duell, in dem Manrico zwar verletzt wird, der aber davon absieht, Luna zu töten, und flieht. Azucena wird gefangen genommen und soll hinge­richtet werden. Manrico versucht vergeblich, Acuzena zu befreien und wird ebenfalls zum Tode verur­teilt. Leonora versucht vergeblich, sich für Manricos Begna­digung zu opfern. Luna verlangt sie als Preis, am Schluss entzieht sie sich der Ernied­rigung durch Gift. Manrico glaubt, dass Leonora ihn mit dem Heirats­ver­sprechen für den Conte betrogen hat, bis er reali­siert, dass sie Gift genommen hat, um ihm treu zu bleiben. In ihrer Sterbe­szene bekräftigt sie noch einmal ihren Willen, lieber zu sterben als einen anderen zu heiraten. Als Luna Manrico hinrichten lässt, offenbart Azucena ihm, dass er seinen eigenen Bruder getötet hat.

Foto © Wilfried Hösl

Das lyrische Drama wird in München in einer „Schwarzweiß-Fassung“ vom Regisseur Olivier Py als drasti­sches Psycho­drama insze­niert. Und Py ist nicht dafür bekannt, sanft mit den Figuren der Handlung umzugehen. Er zeigt einer­seits das Psycho­gramm einer tief trauma­ti­sierten Seele, indem er die Figur der Azucena in den Fokus stellt. Die Vergan­genheit, die sie erleben musste, wird durch eine drastische Realität auf der Bühne darge­stellt. Alles spielt in Dunkelheit, in der die Albträume zu grausamer Realität werden. Aber auch Graf Luna ist trauma­ti­siert durch den Verlust seines Bruders als Kind, zerfressen von Rachegier und überstei­gerter Eifer­sucht gegenüber Manrico, seinem Rivalen in der Liebe und Todfeind auf dem Schlachtfeld. Manrico selbst leidet an einem überstei­gerten Mutter­komplex, dem er am Schluss seine Liebe zu Leonora opfert, um sich selbst für seine vermeint­liche Mutter zu opfern. Lenora steht mit ihrer Unschuld und reinen Gefühlen für Manrico inmitten eines toxischen Dreieck­ver­hält­nisses, das am Ende ihr eigenes Leben fordert.

Statt einer strin­genten Handlungs­führung folgt das Geschehen der Drama­turgie eines verstö­renden Alptraums in schwarz und weiß. Immer wieder werden die trauma­ti­schen Verlet­zungen durch Feuer, Sexua­lität und Gewalt aufge­zeigt, die Regisseur Py in den Vorder­grund stellt, auch mit Hilfe drasti­scher Darstel­lungen. Py spielt mit Assozia­tionen und Gewalt­fan­tasien. Da sieht man halbnackte Tänzer mit schwarzen Tiermasken, die gegen­ein­ander kämpfen. Immer wieder irrt eine alte, halbnackte Frau als Geist der Azucena über die Bühne. Aber auch die Szene des Zigeu­ner­chores ist bewegend. Man sieht alte Indus­trie­ma­schinen, und die „Zigeuner“ sind hier hart arbei­tende Werktätige. Da schlägt ein Arbeiter mit gewal­tigen Hämmern auf den Bug einer Lokomotive ein, während oben das besungene „Zigeu­ner­mädchen“ wild und lasziv tanzt und sich dann fast nackt auszieht.

Das Bühnenbild und die Kostüme stammen von Pierre-André Waltz. Die Handlung scheint in die Zeit der begin­nenden Indus­tria­li­sierung verlegt zu sein. Py hat die Szenen so drastisch darge­stellt, dass man als Zuschauer davon gefangen wird. Natürlich gab es zu Verdis Zeiten noch nicht die heute medizi­nisch anerkannte Diagnose „Posttrau­ma­tische Belas­tungs­störung“, aber Menschen sind zu allen Zeiten durch Ereig­nisse wie Krieg, Verge­wal­tigung, Folter und Ernied­rigung trauma­ti­siert worden. In keiner Oper werden die Trauma­ti­sierung und ihre Folgen so drastisch geschildert wie im Troubadour, und selten erlebt man die Umsetzung auf der Bühne so real wie in der Insze­nierung von Olivier Py. Das ist keine Effekt­ha­scherei, sondern eine sehr wort- und werkge­treue Umsetzung des Dramas auf die Bühne.

Foto © Wilfried Hösl

Musika­lisch und sänge­risch ist es eine Stern­stunde, die sich da in München abspielt. Allen voran Yulia Matochkina, die mit ihrem warmem, aber in den drama­ti­schen Höhen kraft­vollem und ausdrucks­starkem Mezzo­sopran die Rolle der trauma­ti­sierten Azucena voller Inten­sität singt und spielt. In ihrem Gesichts­aus­druck spiegeln sich ihre Leiden wider, hin- und herge­rissen zwischen Schuld- und Rache­ge­fühlen und der Liebe zu ihrem Ziehsohn. Ihre große Arie Stride la vampa singt sie mit großer Inten­sität, und sie hält die Spannung hoch bis zum letzten drama­ti­schen Ausbruch, wenn sie ihre Mutter für gerächt hält. Vittorio Grigolo, der immer noch als feuriger und leiden­schaft­licher Italiener die Bühne rockt, kann in der Rolle des Manrico seine große sänge­rische und schau­spie­le­rische Klasse unter Beweis stellen. Ob es im emotio­nalen Duett Mal reggendo all’aspro assalto mit Azucena ist, oder mit der lyrischen Arie Ah! si, ben mio und der sich anschlie­ßenden berühmten Stretta Di quella pira, er hat den Schmelz fürs Belcanto, aber auch den Stahl für die Dramatik. Marina Rebeka in der Rolle der Leonore ist mit ihrem lyrischen Sopran, der sowohl das Verträumte und Zarte ausdrücken kann als auch die drama­ti­schen Höhen mühelos bewältigt, für ihre Partie eine Ideal­be­setzung. Sehr berührend gesungen ihr Miserere. George Petean gibt den Grafen Luna mit nobler Größe und edlem Bariton. Die Wärme in seiner Stimme verleiht dem Grafen mehr Mensch­lichkeit, als es die Rolle eigentlich hergibt. Insbe­sondere mit seiner großen Arie ll balen del suo sorriso zeigt er großes Gefühl. Ein Höhepunkt ist das Terzett Di geloso amor sprezzato, in dem Luna und Manrico um Leonora kämpfen. Erika Baikoff darf als Ines, der Vertrauten Leonoras, mit ihrem leichten Sopran größere Bühnen­er­fahrung sammeln. Granit Musliu als Ruiz und Tareq Nazmi als Ferrando reihen sich auf hohem Niveau in das großartige Sänger­ensemble ein.

Der Bayerische Staats­opernchor ist an diesem Abend sehr spiel­freudig und präsent und hervor­ragend von Christoph Heil einge­stimmt. Das Bayerische Staats­or­chester unter der Leitung von Francesco Ivan Ciampa spielt einen zugkräf­tigen und farben­reichen Verdi mit großer Inten­sität und Leiden­schaft. Am Schluss gibt es großen Jubel und langan­hal­tenden Applaus des Publikums, vor allem für die vier Haupt­ak­teure, das Orchester und den Dirigenten. Es ist eine drastische, emotional berüh­rende Insze­nierung, die bei den Opern­fest­spielen in München nur zweimal auf dem Spielplan steht.

Andreas H. Hölscher

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