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Foto © Ralf Puder

Theater als parolische Anstalt

SCHAF SEHEN
(Juliane Hendes)

Besuch am
3. Juli 2024
(Urauf­führung)

 

Asphalt-Festival, Festi­val­zentrum Ost34, Düsseldorf

Die Wiederkehr des Kunst­ak­ti­vismus, die Revita­li­sierung des Agitprop-Theaters, das wir gegen­wärtig erleben, hat im Düssel­dorfer Theater­kol­lektiv Pièrre.Vers seit Jahren einen regel­mäßig liefernden Mitstreiter, man kann auch sagen Vorkämpfer. NRW-Spitzen­­för­derung sowie zwei verlässlich die Bühnen stellende Platt­formen, Düsseldorf-Festival und Asphalt-Festival, haben Pièrre.Vers den Rücken gestärkt. Man steht auf festem Boden. Und ist erfüllt von seiner Mission, „sich mit künst­le­ri­schen und teilweise auch aktivis­ti­schen Mitteln für eine demokra­tische Gesell­schaft einzu­setzen“. So Hausau­torin Juliane Hendes in ihrem Programm­heft­mo­nolog zu Schaf sehen. Eine theatrale Verschwörungs­erzählung, mit der die heurige Asphalt-Festival-Ausgabe eine umjubelte Eröff­nungs­pre­miere erlebt.

Foto © Ralf Puder

Pièrre.Vers, leicht kann man sich überzeugen, hat sein Publikum. Eines, das treu mitgeht, mitmacht, mitlacht, auch wenn es im neuen Stück, abgesehen von bemühten Kalauern, nichts zu lachen gibt. Davon sowie vom Versuch, Publikum ins aktivis­tische Selbst­ver­ständnis hinein­zu­ziehen, später mehr. Schlech­ter­dings erstaunlich an der sich über fast zwei Stunden erstre­ckenden Marathon-Produktion, ist das Selbstbewusst­sein, mit dem man sich in den Kampf wirft – um Worte, um Seelen. Dass Letztere im Prinzip unsere Seelen sind, um die es Pièrre.Vers geht, liegt auf der Hand. Das treue Schaf in rot, das mit geschlos­senen Augen das Programmheft ziert, ist die Negativ­projektion dafür. Auf der Bühne ist es die Seele von Sebastian alias Jonathan Schimmer, um die Zwillings­schwester Johanna ringt, gegeben von Anna-Magdalena Beetz. Am Ende stellt sich heraus: vergeblich. Sebastian hat so viel Müll im Kopf, dass er bei den Reichs­bürgern landet, einer politi­schen Sekte, die vom Fortbe­stand des Deutschen Kaiser­reichs ausgeht. Kennt man aus den Nachrichten.

Schaf sehen entfaltet sich als Statio­nen­drama. Wie beim Golf zieht das Publikum mit den Spielern. Zu Beginn wie am Ende jeder Nummer ertönt kunst­voller Singsang in der Handschrift von Bojan Vuletić, der Mann für Kompo­sition, Sound­design. Unbegleitete Frauen­stimmen locken uns arme Schafe zum nächsten Weide­platz. So geht es durch die Räume, die Susanne Hoffmann anfänglich karg, dann üppig ausstattet, was Philippe Waldecker mit wechselnden Licht­stim­mungen aufgreift, verstärkt. Man hockt auf Stühlchen, auf Bänken und – taucht ein, genauer: wird einge­taucht in einen Malstrom aus, hätte man früher gesagt, Aberglauben, Ammen­märchen. Heute kursiert der gesam­melte Schwachsinn rund um das ebenso geheime wie nieder­trächtige Treiben von CIA, von Mossad und von Aliens, die Politiker durch Echsen­menschen ersetzen, als so genannte Verschwö­rungs­er­zählung. Demnach ist Angela Merkel eigentlich Hitlers Tochter, die Bundes­re­publik eine GmbH, ist das Corona-Virus von Bill Gates in Umlauf gebracht worden. Kennt man, wenn nicht aus den Nachrichten, so doch als überrum­pelnde, bei den gewöhn­lichsten Anlässen mitge­teilte Offen­ba­rungen in so genannten Freundes- und Bekann­ten­kreisen. Wusstest Du schon? – In diesem Sinn funktio­niert auch die Schaf-sehen-Drama­turgie. Als ein konti­nu­ier­liches, nach Inten­sität wie Massi­vität sich steigerndes Besprechen des Publikums. Die Geschwin­digkeit, mit der der Text aufgesagt wird, ist hoch, muss hoch sein, ist ja doch die übliche Praxis derje­nigen, die Luft in Tüten verkaufen, also vorzugs­weise parolisch unterwegs sind.

Foto © Nana Franck

Schon wenn es mit dem Aufzug nach oben geht, stellt sich ungutes Gefühl ein. Ausge­suchte Höflichkeit auf der einen Seite, auf der anderen sind die Aktivisten nicht sparsam mit Zurecht­wei­sungen. Ach, Sie ziehen die Augen­brauen hoch! Was statt­findet, so viel spürt man, ist Manipu­lation, der Versuch, die Distanz einzu­reißen, mit der man sich gegenüber zudring­lichen Verkäufern, in diesem Fall Verkäufern hanebü­chener Meinungen, zu schützen versucht. Und doch – bereits bei der zweiten Station gelingt es. Es ist der schau­rigste Moment des ganzen Abends. Ein Experiment am lebenden Objekt. Geplanter Zufall. „Inhaltlich“ geht es an der Stelle – wir sind beim Kern noch jeder Verschwörung angelangt – um „die Juden“. Wolfi, ein abstrus mit Perücke herum­ham­pelnder Daniel Fries, baut sich vor einem Zuschauer auf, reicht ihm einen Zettel. Er soll vorlesen, was da drauf­steht. Zögern. Und dann, tatsächlich, wird laut, wird theater­öf­fentlich ein antise­mi­ti­scher Text vorge­tragen. Die kleine Sekunde des Nachdenkens hat nicht ausge­reicht, um das Ansinnen abzuwehren. Publikum ist zum Komplizen geworden. So einfach geht das.

Womit sich ein Abgrund aufgetan hat. Als sei nichts gewesen, wird er übersprungen, übergangen. Noch ehe man mit seiner Verstörung klarge­kommen ist – Müsste das nicht besprochen werden!? – wird man von den fröhlich pfeifenden Hirten auch schon in Richtung einer in jeder Hinsicht gespens­ti­schen Schluss­station getrieben. Einiger­maßen ratlos stehen wir am Rand des Ackers der Landkommune Zur hellen Sonne. Mit Hacken, vorma­schinell, wird das Feld bestellt. Man härtet sich ab. Thimo­theus nimmt ein Kaltbad, wofür Alexander Steindorf sich mal nackig macht. Dann dürfen wir in die gute Stube schauen, das Reich von Magdalena, überzeugend gegeben von Julia Dillmann. Um den Tisch eine Versammlung von Aussteigern, denen das Bewusstsein bis zum Abwinken vernebelt ist. Die Mischung aus Gemüt­lichkeit und Verwor­renheit grenzt an eine Schmerz­er­fahrung. Im Prinzip ist das ein Horror­sze­nario, der Bühnenbild gewordene Schlaf der Vernunft, aus dem Ungeheuer aufsteigen. Und tatsächlich. Wieder ist da der Wolfi. Mit großer Geste hängt er eine Landkarte des Deutschen Kaiser­reichs auf. Es beginnt, einver­ständlich beobachtet von Moni alias Azizé Flittner, ein reichs­bürgerliches Trommel­feuer. Und, zur Indok­tri­nation auch hier wieder die Invek­tiven unter der Gürtel­linie. Jetzt, spätestens, müsste man doch aufstehen, gehen, denkt man sich. Dann denkt man, dass Leben im spätkapitalisti­schen Realismus ja nicht immer angenehm ist. Warum sollte es im Theater, das diese irre Welt abbilden will, anders sein?

Wie das alles endet? – Nun, das Regie-Drama­turgie-Kollektiv um Christof Seeger-Zurmühlen, um Juliane Hendes, wird sich das auch gefragt haben. Wie kommen wir raus aus der Nummer? – Die Antwort fällt klassisch aus: Deus ex machina. Wenn auf der Bühne alles und jedes in heilloser Verwirrung geraten ist, kann nur der Eingriff von außen weiter­helfen. Vormals wurden dazu aus dem Schnür­boden die Götter herab­ge­lassen. In Schaf sehen ist es der abgedrehte Reichs­bürger-Apostel, der sein Wolfsfell abwirft, um einen pädago­gisch wertvollen Demokratie-Monolog zu halten, wie er, im Prinzip, aus noch jeder Broschüre der Zentrale für politische Bildung montiert werden kann. Wie es begonnen hat, so endet Schaf sehen. Als Verlautbarungs-Theater.

Georg Beck

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