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ELEKTRA
(Richard Strauss)
Besuch am
6. Juli 2024
(Premiere am 27. Oktober 1997)
München leuchtet nicht wirklich an diesem Samstagabend der Opernfestspiele. War die Eröffnungspremiere mit Le Grand Macabre von György Ligeti noch bei strahlendem Wetter und langen Roben auf dem roten Teppich vonstatten gegangen, drängen sich an den Kassen der Geschäfte rund um Marienplatz und Oper die kaufwilligen Kunden mit Regenschirmen. Ein plötzliches Gewitter sorgt für Abkühlung des sonst schwülen Tages, ein Platzregen geht herunter, und Blitz und Donner begleiten die Flüchtenden bis hinein in den hehren Operntempel.
Aber das stört gerade bei Elektra eigentlich nicht im Geringsten, schafft vielmehr eine gelungene Kulisse für das, was gleich auf der Bühne passieren wird. Die Elektra ist kein einfach zu realisierendes Werk. Schon viele Regisseure haben sich daran abgearbeitet, mit mäßigem bis großem Erfolg. Großartige Aufbauten, möblierte Esszimmer, Sprungtürme, Badezuber, einfach nur Vorhänge oder eben, wie hier in München, Wände, die Öffnungen bieten, werden da aufgeboten. Hier im Nationaltheater wird die Inszenierung von Herbert Wernicke seit 1997 immer wieder gezeigt, immer sehr erfolgreich, ähnlich wie die legendäre Sichtweise von Patrice Chéreau an der Staatsoper Berlin.
Wernicke verzichtet auf Theaterblut, lässt dem Zuschauer die Möglichkeit, das unheilvolle Geschehen in seinem Kopf zu bebildern, ein Vorgang, der ungleich viel grausamer ausfallen kann als in der Bühnenwirklichkeit. Darauf baut der 2002 verstorbene Regisseur mit seiner sehr reduzierten, aber wohldurchdachten Inszenierung. Der Fokus liegt auf den Figuren, denen im eingeschränkten Bühnenraum ein kleinere Fläche vor einem überdimensionierten schwarzen Quadrat bleibt, die Trennwand zum Palast, die sich diagonal heben kann und den Blick auf die Treppe zur roten, lüsternen und verderbten Welt der Klytämnestra frei gibt. Die Farben Blau und Rot bestimmen die Lichtregie, die meist nur dem schwarzen Quadrat einen farbigen Rahmen gibt und ansonsten mit den scharf gezeichneten Lichtkegeln der Verfolger klarkommt.

Mehr braucht es nicht, um die Dialoge wirken zu lassen. Die Schallwand direkt hinter den Sängern macht es etwas leichter, über den gigantischen Orchesterapparat von fast 120 Mitgliedern zu singen, wenn man das bei diesen mörderischen Partien überhaupt sagen kann. Allerdings gibt es eine unglaubliche Schwierigkeit bei dieser Produktion: Durch das Vorsetzen eines Rahmens vor den Vorhang ist es laut Aussage der Mitarbeiter unmöglich geworden, Übertitel zur Verfügung zu stellen. Im Zeitalter der Digitalisierung ein schier unverständlicher Umstand. Ein Manko für alle, die die Elektra vielleicht zum ersten Mal sehen und hören, denn bei der Ausgesetztheit der Partien ist es nicht leicht, den Text zu verstehen. Man muss ja nicht wie zuletzt in Baden-Baden die Zuschauer geradezu mit Text bewerfen, aber auch dem geübten Operngänger, der den Text nicht auswendig parat hat, entgehen so wichtige Details der inneren Handlung, zumal nicht alle Sänger wirklich gut sprechen.
Schwarz ist das wallende Gewand der Elektra, weiß das der Chrysothemis. Klytämnestra erscheint in Rot, einen Umhang aus dem Stoff des Münchner Opernvorhangs mitschleppend. Der dient ihr als Requisit, sich darin schützend einzuwickeln, ihn aber auch als Zeichen der Macht weit auszubreiten. Orest wird ihn am Ende in Herrscherpose auf der großen Treppe in Szene setzen. Mägde und Vertraute sind dem Ganzen jeweils angepasst. So weit, so gut. Warum aber Orest und sein Vertrauter, ebenso die Diener, in Anzügen daherkommen, versteht man nicht wirklich. Erstere stoßen seitlich über eine Eisentreppe dazu, teils aus der Proszeniumsloge singend, was besonders die Besucher an der linken Seite der Ränge wohl nicht wirklich einsehen dürften.
Einziges Requisit der Elektra ist das Beil, das sie die ganzen 110 Minuten, die die Aufführung dauert, mal zärtlich, mal wütend einsetzt. Allerdings wirkt der Einsatz der Axt quasi wie ein Wurfgeschoss, das sie am Ende seitlich schwingt, anstatt zu tanzen, komisch und lässt den Zuschauer darüber philosophieren, ob der Haltestrick auch reißen könnte, anstatt ihrem irren Triumph zu folgen. Am Ende rammt sie sich das Beil in den eigenen Körper.
Elena Pankratova als Elektra fesselt vom ersten Moment an. Auf ihren großen, nahezu vibratolos geführten Sopran kann sie sich in jeder Hinsicht verlassen. Anfangs geraten ihre Agamemmnon-Rufe zum tiefaufwühlenden Moment, später geht einem ihr Erkennen des Bruders Orest durch Mark und Bein. Lyrische Momente zeigt sie im Gespräch mit der Schwester, warm und zärtlich, packende, schwarze Tiefe der Gestaltung bei „sei verflucht!“. Stark, wie sie hier den Umhang schleppt, vom fiebrigen Akkorden und Läufen des Orchesters getrieben. Immer wieder trinkt sie stilecht aus einer Schale unter dem Bühnenaufbau Wasser, um für die nächsten Forte-Ausbrüche gewappnet zu sein, die sie mühelos bewältigt.
Eine ungewöhnliche Chrysothemis singt Vida Miknevičiūtė. Mit klarer, durchdringender Stimme und auch fordernd hat sie ihre Figur angelegt, diese Schwester will nicht das Heimchen am Herd im Schoß der Familie werden, sie entsagt der Gewalt mit Furore. Mit Leichtigkeit erhebt sich ihr kräftiger, stark fokussierter Sopran bei guter Verständlichkeit über das Riesenorchester, und auch ihr Spiel ist absolut überzeugend. Zu einem ebenbürtigen Höhepunkt gerät das Duett mit der runderen, etwas weicheren Stimme der Elektra, als die versucht, sie zurückzuhalten und gemeinsam mit ihr Rache zu nehmen. Es bleibt zu warten, wann die Sängerin auch die Elektra gibt.

Violeta Urmana, eine allseits begehrte Klytämnestra, kann besonders am Anfang nicht über Brüche in den Registern wegtäuschen. Manche Töne verschwimmen etwas, teils hat sie Mühe, über das Orchester hinweg zu kommen. Richtig wohl fühlt sie sich in der Mittellage. Eine darstellerische Größe wie die einer Christa Ludwig auf der Bühne erreicht sie nicht an diesem Abend.
Der Orest von Károly Szemerédy, von oben herunter kommend wie ein Deus ex Machina, lässt mit seinem kernig-kräftigen und wohlverständlichen Bariton von Anfang keinen Zweifel daran, dass er die Rache vollziehen wird.
Alle Nebenrollen sind durchwegs sehr gut besetzt, herausragend ist die junge Natalie Lewis als Vertraute, die schon im letzten Jahr beim Arienabend des Opernstudios sehr positiv aufgefallen ist. Eine vielversprechende, reiche Stimme, auf die man sich in größeren Rollen freuen kann. Als vierte Magd gefällt Erika Baikoff, neues Ensemblemitglied 2024⁄25 am Nationaltheater, die gerade bei der Schubertiade in Schwarzenberg als Einspringerin überaus großen Erfolg hatte.
Vladimir Jurowski, als Star schon bei seinem Auftritt am Dirigentenpult ausgiebig begrüßt, stellt gleich mit den ersten Takten mit dem Agamemmnon-Motiv klar, worum es an diesem Abend geht: knackige, packende, unheimliche, auch füllige Klänge, die immer wieder Soli aufblitzen lassen. Mit intensiver, aber auch tänzerischer Kraft meißelt Jurowski die Unerbittlichkeit der Partitur mit Schärfe heraus. Er arbeitet die Motive sorgsam heraus, gibt Vorahnungen, erschüttert, so bei der Verkündigung von Orests Tod. Meist begleiten die Instrumentalisten die Sänger angemessen, manchmal übertönen sie sie.
Der Chor in der Einstudierung von Christoph Heil macht seine kleine Partie gut und erscheint nicht auf der Bühne.
Ach ja, und das obligatorische klingelnde Handy beim Duett von Orest und Elektra hat zum Glück einen Ton, den man fast für die Harfe halten kann …
Die Zuschauer im fast ausverkauften Haus feiern die Vorstellung absolut begeistert, sehr zur Freude der Beteiligten. In dieser Spielzeit steht die Oper nicht mehr auf dem Spielplan.
Jutta Schwegler