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Foto © Wilfried Hösl

Tiefer Einblick in die russische Seele

LIEDERABEND ASMIK GRIGORIAN UND LUKAS GENIUŠAS
(Diverse Komponisten)

Besuch am
7. Juli 2024
(Einmalige Aufführung)

 

Opern­fest­spiele München, Bayerische Staatsoper München

In einem langen, schwarzen und sehr engan­lie­genden Kleid kommt sie auf die Bühne, der Star des Abends: Asmik Grigorian. Ihre Mimik ist angestrengt, sie sucht Halt am Klavier, schließt die Augen, sammelt sich, und beginnt gemeinsam mit ihrem konge­nialen Begleiter Lukas Geniušas einen Lieder­abend, der noch weit in vielen Zuhörern weiter­wirken wird.

Die Litauerin, Tochter einer Sopra­nistin und eines Tenors, stammt aus einer sehr musika­li­schen Familie und hat sich spätestens seit ihrem Erfolg als Marie im Wozzeck bei den Salzburger Festspielen 2017 einen der ersten Plätze in der Riege der Sopra­nis­tinnen ersungen. Um so gespannter ist das Publikum im ausver­kauften Prinz­re­gen­ten­theater an diesem Abend.

Grigorian bringt als Begleiter Lukas Genuišas mit, mit dem sie für ihre gemeinsame Einspielung des Albums Disso­nance mit Liedern von Sergei Rachma­ninoff 2022 den Preis der deutschen Schall­plat­ten­kritik erhalten hat. Und der ist mehr als nur ein Begleiter. Das Duo harmo­niert blind, Anschlag und Spiel­weise des Pianisten ist völlig dem Ton und Gestus der Sopra­nistin angepasst, ja, erhebt ihn noch. Denn Genuišas schafft einen samtenen, weichen Teppich, auf dem sich die Sängerin ausbreiten kann. Völlig unprä­tentiös und bescheiden sitzt er da in schwarzem Hemd und schwarzer Hose am Flügel, bewegt kaum den Körper, nur die Finger sind Boten herrlichster Musik. Genuišas, in Moskau geboren, entstammt einer berühmten Pianis­ten­fa­milie, hat 2015 beim 15. Inter­na­tio­nalen Tschai­kowsky-Wettbewerb gewonnen und spielt seither auf den Podien der Welt. Er dürfte als Russe einen besonders nahen Zugang zu Tschai­kowsky und Rachma­ninow haben, und man vermeint, das zu hören. Gleich zu Anfang fallen sehr weiche Akkorde auf, dennoch durch­sichtig und fein. Es wirkt noch alles wie beiläufig, als habe er sich gerade mal so ans Klavier gesetzt und vor sich hin gespielt. Uneitel, sehr zart kann er die Sängerin begleiten, fast verträumt, roman­tisch, aber immer bei ihr, immer unter­stützend und ihr die Stimmungen zu Füßen legend. Später dann, als er die Romanze in f‑Moll opus 5 und das Scherzo humoris­tique D‑Dur opus 19 Nr. 2 von Pjiotr I. Tschai­kowski und von Sergei W. Rachma­ninow die Préludes gis-Moll opus 32 Nr. 12 und 13 spielt, trumpft er auf, und man versteht, warum das Scherzo „humoris­tisch“ genannt wird, mit einem solchen Schalk spielt er es. Sprin­gende, hüpfende und perlende Kaskaden begeistern das Publikum, das ihn mit rauschendem Beifall schon direkt nach seinen Vorträgen belohnt.

Foto © Wilfried Hösl

Grigorian nimmt die Zuhörer mit ihrer reichen und fast schon senso­risch im Raum spürbaren Stimme sofort gefangen. Würde man ihr eine Farbe geben, wäre sie leuchtend rot bis dunkelrot. Lodernd kann sie sein, im besten Sinne, wie vormals die der Julia Varady, die seit 1971 nach einem Auftritt bei ebendiesen Opern­fest­spielen an der Bayeri­schen Staatsoper viele Jahre in München zu hören war. Wie sie aber immer auch lyrisch, nie nur auftrumpfend. Überhaupt geht sie die Lieder sehr zart und weich an. Wie sie die Phrasen immer weiter ins Piano nimmt mit ihrer reichen und reifen Stimme, das ist beste Kunst, balsa­misch und in der Tiefe satt, vor allem aber ergreifend. Ihre Prophe­zeiung über das Leben danach in Wir werden ausruhen berührt sehr. Manchmal holt sie hohe Töne im Piano mit dem Arm nach oben wie aus dem Nichts. Bei dem engen Kleid sieht man, wie sie mit dem Körper arbeitet: sehr diffizil, sehr verfeinert, mit dem geringsten Aufwand. Eine große Palette an Farben und dynami­schen Schat­tie­rungen steht ihr zu Gebote, mit der sie die Tiefen der russi­schen Lieder auslotet.

Vorwiegend Lieder der ganz großen Gefühle haben die beiden ausge­sucht. Es geht um Sehnsucht, Träume, um Liebe, die alle Grenzen überwindet, Verschmelzen mit der Natur, mit der Seele eines anderen. In der bei ihr so weich artiku­lierten russi­schen Sprache lässt Grigorian die Vokale aufblühen, große Bögen entstehen und in tiefe Melan­cholie blicken. Es sind die ruhigen, die tief aus dem Innern aufblü­henden Lieder, die sie für ihren Lieder­abend erwählt hat, und in deren Abgründe sie sich hinein­begibt. Das quirlig-begeis­terte Lied Frühlings­wasser, vergleichbar mit Hugo Wolfs Er ist’s, bleibt merklich kühl, als wären es die herben, die peinvollen Gefühle, die der Sängerin näher liegen.

Das Publikum feiert ausdrücklich beide Künstler frene­tisch, ergattert drei Zugaben und lässt die beiden erst nach unzäh­ligen Auftritten in die verdiente Entspannung gehen.

Ach ja, und das Handy? Das klingelte schon kurz vor Beginn und warnte so wohl alle anderen Besucher, das ihrige doch noch auszuschalten …

Jutta Schwegler

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