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PELLÉAS ET MÉLISANDE
(Claude Debussy)
Besuch am
9. Juli 2024
(Premiere)
Die zweite Premiere bei den diesjährigen Opernfestspielen der Staatsoper in München empfängt das Publikum beim Betreten des Zuschauerraums im herrlichen Prinzregententheater mit frischer Brise: Bühnenbildner Ben Baur lässt direkt hinter dem hellen Rahmen, der dem Geschehen auf der Bühne während der gesamten Vorstellung die Anmutung eines Ölgemäldes geben wird, einen feinperligen Wasserfall laufen. Sehr angenehm nach einem höchst schwülen Tag in der bayerischen Landeshauptstadt.
Nun ist Pelléas et Mélisande kein Werk, das die Herzen der Zuschauer im Sturm erobert. Die Sänger haben keine Arien, eher wirkt es so, als ob sie mit ihrem nahe dem Sprechgesang liegenden Singen die Motive im Orchestergraben begleiten. Doch es ist eine feine Musik, die da erklingt, mit immer wieder neu aufblühenden Klangfarben, berückenden Soli, die einen langsam, ganz langsam und unmerklich hineinzieht in das schwermütige Geschehen. Geheimnisvoll und morbide ist die Stimmung, es geht um Gewalt, Schmerz, Eifersucht und alte schicksalshafte Familienstrukturen, und, ja, vielleicht auch um Liebe.
Die Geschichte beruht auf dem Schauspiel von Maurice Maeterlinck, Nobelpreisträger von 1911, das die Seelenzustände seiner Personen indirekt wiedergibt, durch Verweise auf Sagen- und Märchenfiguren, auf Wetter- und Naturphänomene und anhand symbolischer Objekte, wie das sorgfältig gestaltete Programmbuch vermittelt.

Golaud, Enkel von Arkel, des Königs von Allemonde, trifft im Wald auf eine seltsame, verängstigte Frau – Mélisande. Er nimmt sie mit auf das düstere Schloss seiner Väter, wo die Familie in einer Art Starre lebt und Arkels kranken Vater pflegt. Hier hausen Arkel und Geneviève, die Mutter der Halbbrüder Golaud und Pelléas, und Yniold, Sohn Golauds aus erster Ehe. Mélisande fühlt sich von Anfang an in diesem düsteren Ambiente nicht wohl und entwickelt eine Zuneigung zu Pelléas. Golaud brennt mit der Zeit vor Eifersucht und züchtigt Mélisande mehrmals. Pelléas und Mélisande gestehen sich ihre Liebe und küssen sich, Golaud kommt hinzu und ersticht seinen Halbbruder. Mélisande gebiert ein Kind und noch kurz, bevor sie stirbt, will Golaud sie dazu zwingen, die Wahrheit über ihre Beziehung zu Pelléas zu sagen. Das Kind überlebt und wird ihren Platz in der Familie einnehmen.
Mélisande ist die Verliererin in dem düsteren Geschehen. Schon gleich zu Beginn sagt sie: „Je suis perdue, perdue! Oh! Oh! Je ne suis pas d’ici, je ne suis pas née là.“ – Ich bin verloren, verloren! Ich bin nicht von hier, ich bin nicht hier geboren. Nur sehr zaghaft kann sie Gefühle für Pelléas entwickeln, Golaud bleibt ihr, obwohl sie ihn heiratet, fremd. Zwar liegt, ähnlich wie im Märchen Der Froschkönig, eine Krone für sie im Wasser, und Pelléas kommt wie der Prinz in Rapunzel, um sich in ihr Haar zu wickeln, aber wirklich ankommen in dieser Wirklichkeit kann sie nicht.
Regisseurin Mijnssen entstaubt das Stück von jeder klischeehaften Umsetzung. Brunnen, Grotte und Turm entstehen in der Fantasie der Figuren, als Versteck muss dann schon mal die Höhle unter dem Tisch herhalten. Nur das Wasser dominiert, der schon erwähnte Wasserfall vom Beginn, der danach verschwindet, und recht flaches Wasser, das Krone und Ring verschluckt und in dem die Protagonisten hin und wieder herumschlurfen, weitet sich später über die ganze Bühne aus. Es hat eine schimmernde Oberfläche und darunter dunkle Geheimnisse, wie die Musik. Die Tragödie liegt in der Familie, in den Figuren, die sich ihres Schicksals nicht erwehren können. Mijnssen lokalisiert das Geschehen in einer großbürgerlichen Familie um 1902, im Jahr der Uraufführung des Werkes. Hier braucht es keinen Wald, keinen Turm, um zu sehen, wie die Menschen in ihrem eigenen Schicksal eingesperrt sind. Natürlich wirkt es zunächst etwas seltsam, wenn sich Golaud und Mélisande gleich auf einem Sofa näherkommen, aber letztendlich ist das nach Mijnssens Ansatz nur stringent. Weniger verständlich sind solche Szenen, in denen Pelléas erst singt, er erreiche die Hand seiner Geliebten nicht und die im nächsten Moment nach seiner greift.
Die Bühne und Kostüme von Baur entsprechen der Deutung, außer Mélisande und dem jungen Yniold in weißer Kleidung, sind alle dunkel bis schwarz gewandet. Erst als Pelléas‘ Liebe zu Mélisande stärker wird, entledigt er sich der Anzugsjacke und erscheint im hellen Hemd. Das Licht unter der Leitung von Bernd Purkrabek zieht den Zuschauer hinein in das düstere Geschehen und schafft teils durch die Reflexionen im Wasser flirrende Momente. Für kurze Augenblicke singt ein Projektchor der Bayerischen Staatsoper unter der Leitung von Franz Obermair, die Choreografie der tanzenden Ballettpaare am Anfang hat Dustin Klein.
Die Sänger der Produktion sind durchwegs sehr passend ausgewählt und werden ihrer Rolle gerecht. Alle sprechen ein sehr gut verständliches Französisch, nicht nur die beiden Französinnen selbst. Sabine Devieilhe berückt als Mélisande den Zuhörer nicht nur mit ihrem betörenden Timbre in der Stimme, die – an der Barockmusik geschult – mit Leichtigkeit strömt. Aber sie kann auch mit Wärme das junge Mädchen verkörpern. Die Rolle des fragilen, verletzlichen Mädchens scheint der zierlichen Französin wie auf den Leib geschrieben. Bei Mijnssen darf sie jedoch auch den eigenen Willen augenfällig machen, so verliert sie den Ehering des wesentlich älteren Golauds nicht im Wasser, sondern wirft ihn verächtlich hinein. Sie selbst erwählt sich ihren Geliebten, und das ist Pelléas. Als der sich auch nur vorstellt, in ihren Haaren zu wühlen, genießt sie das augenscheinlich erregt auf ihrem Bett.
Christian Gerhaher als Golaud, der im Vorfeld gegenüber dem Bayerischen Rundfunk verlauten ließ, dass er „diesem Werk nicht auf die Schliche“ komme, beweist, dass er dennoch höchste Qualität abliefern kann. Der Rollenwechsel vom bisherigen Pelléas zum tiefer liegenden Golaud tut ihm gut, mit sehr wandlungsfähiger und fülliger Stimme schafft er ein absolut überzeugendes Rollenporträt der wahnwitzigen Figur. Die Stimme gewinnt passend zur Entwicklung der Oper immer mehr an Kraft und Volumen, wird zum Teil schneidend und scharf, als wolle er damit Mélisande geißeln. In der Sorge um seine Frau aber kann seine sich in die Nähe des Bassbaritons entwickelnde Stimme warm und lyrisch sein. Dazu ist er ein hervorragender Schauspieler.
Ben Bliss als Pelléas besitzt einen warmen, lyrischen Tenor, den er in der Höhe leicht deckelt. Im Duett mit Devieilhe, als sie sich ihre Liebe gestehen, gelingt ihm eine Stelle besonders gut: „On dirait que ta voix a passé sur la mer au printemps! Je ne l’ai jamais entendu jusqu’ici. On dirait qu’il a plu sur mon cœur.“ – Es ist, als wäre deine Stimme im Frühling übers Meer gekommen! Niemals vorher habe ich sie gehört. Es ist, als sei Regen auf mein Herz gefallen.

Sophie Koch als Geneviève singt mit warmem, vollem Mezzosopran die relativ kleine Rolle der Mutter, verkörpert sie aber überzeugend.
Franz Josef Selig darf mit König Arkel den einzigen Menschen in dem Werk spielen, der mit anderen Mitgefühl zeigt. In ihm hat Mélisande noch einen kleinen, emotionalen Halt. Er ist es, der am Ende in Bezug auf Mélisande sagt: „C’était un pauvre petit être mystérieux, comme tout le monde“ – Es war ein armes kleines Wesen, so voller Rätsel, wie alle Menschen – ein Satz, der am Ende auf der Bühnenrückwand zu lesen ist. Selig verkörpert den König mit sonorem, immer geschmeidigem und einnehmendem Bass.
Yniold wird von Felix Hofbauer vom Tölzer Knabenchor sehr gut gesungen. Mit Leichtigkeit kommt er über das Orchester und verkörpert die wichtige Rolle intensiv und vor allem im Spiel mit Gerhaher bemerkenswert. Übrigens eine Rolle, die Devieilhe als Studentin gesungen hat.
Martin Snell und Pawel Horodyski vom Opernstudio der Bayerischen Staatsoper in den kleinen Rollen des Arztes und des Hirten machen ihre Sache ebenfalls sehr gut.
Das Bayerische Staatsorchester unter der Leitung von Hannu Lintu findet zu einer beeindruckenden orchestralen Klangfülle mit sehr farbiger Prachtentfaltung. Die oft flächigen Klänge strukturiert der Finne sorgfältig durch die rhythmischen Elemente. Die Sänger lässt der Dirigent regelrecht von den Instrumenten umweben, weich und oft verheißungsvoll, die Schatten des Unheils voraus werfend. Die Musik webt immer weiter, nur wenn wirklich echte Gefühle geäußert werden, schweigt das Orchester und die Sänger singen einige Phrasen a cappella.
Einige Zuschauer im ausverkauften Prinzregententheater verlassen teilweise den Saal schon in der Pause, manche gehen während des Stückes. Diejenigen, die sich auf die Musik und Sichtweise der Regisseurin einlassen können, haben am Ende ein tiefes Mitgefühl für die Leidenden entwickelt.
Herzlicher Applaus für die Mitwirkenden ist die Folge.
Jutta Schwegler