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BUILDING BRIDGES
(Diverse Komponisten)
Besuch am
13. Juli 2024
(Einmalige Aufführung)
Musik ist Zeitkunst. Musiker sind Zeitkünstler. So denkt man. So sollte es sein. Bewusstsein für Proportion im Kleinen wie im Großen. In der Mikroorganisation einer Partitur wie in der Organisation eines Programms. Mit beidem tritt man vors Publikum. Mit beidem wirbt man um ein Publikum. So wird Kunst schön. Von der Kunst, einem Abend Gestalt, Form zu geben, ist sie nicht zu trennen. Darin besteht Einigkeit. Muss eine Besprechung gleichwohl das Elementare gelingender Begegnung im Konzertsaal ins Gedächtnis rufen, ist das nicht angenehm. Nicht für den Rezensenten. Und schon gar nicht für eine so wunderbare Initiative der pianistisch-künstlerischen Nachwuchsförderung wie sie András Schiff seit 2014 in die europäischen Konzertsäle stellt, mit seinem Namen, seinem Ruhm beglaubigt, einzig mit dem Ziel, damit eine junge Generation, die den Hochschulabschluss hinter sich hat, im Konzertbetrieb Fuß fassen kann. Building Bridges nennt Schiff das. Brücken bauen.
Nur eben, dass die Brücken auch ins Publikum geschlagen werden müssen. Es kann nicht sein, dass, wie jetzt im Düsseldorfer Robert-Schumann-Saal geschehen, ein Konzert das Stehvermögen seiner Besucher derart strapaziert, dass sich die Hälfte der Anwesenden vorzeitig verabschiedet. Drei ausgewachsene, freundlich anmoderierte Einzel-Recitals, zwei Pausen – das summiert sich schlussendlich auf geschlagene fünf Stunden. Ähnlich den realen Überflutungen in der jüngsten Vergangenheit, so ist es hier der Zeitfluss, der über die Ufer tritt. Mit der Folge, dass das Publikum auf Selbstschutz plädiert und der junge koreanische Künstler des Schlussdrittels vor halbgeleertem Saal vortragen muss. Im Interesse sowohl des Veranstalters Klavierfestival Ruhr als auch des hochengagierten Mentors kann das nicht sein. Ein Brückenbau-Programm, das in der Schlussbilanz vor ein Rätsel stellt.

Dabei startet alles so heiter, mit begrüßenswertesten Absichten. Zuzustimmen ist Schiff ja insbesondere in seiner Skepsis gegenüber den unseligen Wettbewerben. Schnell, laut und fehlerfrei Klavier spielen zu können, ist noch keine Kunst. Musik, betont er zu Recht, ist etwas anderes als Sport, wo Zeiten, wo Weiten gemessen, Tore, Niederschläge, Asse und dergleichen gezählt werden. Was man den weltweit stattfindenden Concours de piano aber vor allem vorhalten muss, ist, dass sie das Künstlerische im umfassenden Sinn des Wortes behindern. Ein Pianist, der ein Podium betritt, bringt ja nicht allein pianistisches Können mit. Das ist sowieso unterstellt. Was er vor allem mitbringt, mitbringen soll, ist ein Konzertprogramm, das die Persönlichkeit des Vortragenden zum Ausdruck bringt, hörbar macht. Genau darauf kommt es Schiff an. Und noch jedes Klavier-Festival tut gut daran, Initiativen zu fördern, die Musik weniger als zirzenisches Ereignis, sondern als das Glück des gelebten Augenblicks favorisieren.
Etwa so, wie die junge Italienerin Martina Consonni ihr Recital anlegt. Was für eine wunderschöne Idee, an einem sonnigen Juli-Sommertag in einem Konzertsaal Schaumweine aus den allerersten Lagen auszuschenken! Ein Programm wie aus einem Guss. Eröffnet mit der Reverenz an einen italienischen Landsmann, Domenico Scarlatti. Und dann, die Italianità mit der Seele suchend. Bei Haydn, Schubert, Schumann, Mendelssohn. Perlendes Leggiero, die Arpeggien spitz herausgeschleudert wie knallende Korken. Dazu die federnden Bässe, die Consonni traumwandlerisch von weit oben auslöst, die Architektonik ins Schweben versetzt. Das Publikum ist sich einig: Martina Brillante.
Ganz anders, nicht weniger beeindruckend der Auftritt von Julius Asal, den Schiff in seiner Begrüßung mit den wärmsten Worten lobt, die allergrößten Hoffnungen mit ihm verbindet. Angesichts des Übergewichts der Asiaten in den europäischen Klavierklassen sei es hocherfreulich, einmal einen jungen deutschen hochbegabten Pianisten begrüßen zu können. Ein Anspruch, den Asal in jeder Beziehung einlöst. Pianistisch fabelhaft, programmatisch klar wie ein Dreisatz. Hier besteht die Idee darin, drei Pflöcke einzuschlagen, einen Rahmen zu setzen, ein Zentrum zu bilden. An den Außenseiten Beethoven mit dessen f‑Moll-Sonate opus 2 Nr. 1 sowie Brahms mit dessen 3. Klaviersonate ebenfalls in f‑Moll. Und in der Mitte, vom gebürtigen Ungarn Schiff mit Rührung wie mit Stolz vermerkt, Bartoks Suite opus 14. Man begegnet darin einem funkelnden Quasar, extrem leuchtend voller geschärfter Akzente, einer zerrissenen Rhythmik, die der virtuose Schlaks lustvoll-authentisch vor das Publikum hinstellt, insofern dieser Bartok in seinem Hin-und-Hergeworfensein doch überraschende Nähe entwickelt zur populären Musiksprache der Jungen, dem Rock.

Dann, zum Dritten, die glänzende Erscheinung Tomoki Park, ein Koreaner, in Yokohama zur Welt gekommen. Der hat tatsächlich den Mut, gleich drei Gegenwartskomponisten ins Programm zu hieven: den Landsmann Isang Yun, Heinz Holliger und die sehr, sehr junge US-amerikanische Komponistin Katherine Balch, die hierzulande niemand kennt. Park hat das Stück bei ihr in Auftrag gegeben, Ende letzten Jahres im Berliner Konzerthaus uraufgeführt und seitdem immer wieder gespielt. Balch nennt ihre Miniatur einen „musical snack“, bestehend aus gehaltenen Linien, unterbrechenden Clustern und durchs Sostenuto-Pedal ermöglichtem Nachhall. Alles in allem drei nicht ganz leicht zu verstehende, geschweige einzuordnende Exkursionen ins weite Feld der neuen Musik, zusammengehalten aber, umflochten von den Vier Duetten aus Johann Sebastian Bachs Clavier-Übung – Alt und Neu in nächster Nachbarschaft, in Korrespondenz. Die in den Szenen der Gegenwartsmusik gewiss nicht neue Idee ist dem Klavierfestival-Publikum durchaus neu. Ja, Park schafft es, seinen Entwurf als Gesamtkunstwerk ohne störende Beifalls-Unterbrechungen vorzutragen. Eine fulminante Leistung, die jeden Respekt und schuldigen Applaus verdient.
Hätte Park es damit bewenden lassen, wäre seine Handschrift ohne Weiteres im besten Gedächtnis geblieben. Pianisten, die ihre Exzellenz in den Dienst einer Zeitgenossenschaft stellen, muss man mit der Lupe suchen. Dann aber kommt Park noch einmal zurück, setzt sich vors Instrument und stürzt sich in Beethovens opus 106, in die Hammerklaviersonate, einem, vielleicht dem berüchtigtsten Monstrum der Klavierliteratur, das das Zeug dazu hat, alles und jedes in den Schatten zu stellen und auszulöschen. Und genauso geschieht es. Nicht, dass Park in diesem Fall Schwächen zeigt. Er besteht auch diese Tour de Force. Und hinterlässt doch, mittlerweile sind wir weit in der fünften Konzertstunde fortgeschritten, einen zwiespältigen Eindruck, da nun überhaupt nicht klar wird, inwiefern beides, das aus Alt und Neu gebaute Mischprogramm und dieses Ungetüm korrelieren sollen, können? Keine Brücken weit und breit.
Ein Befund und damit eine Frage, die in letzter Instanz an den Mentor weiterzureichen wäre. Immerhin, dem teils fehlerhaften, teils dürftigen Programmblatt ist doch so viel zu entnehmen, dass die Building-Bridges-Konzertprogramme von András Schiff „in intensiver Abstimmung mit den Musikern“ vorgenommen werden. Für die beiden ersten Recitals dieses Marathon-Abends glaubt man das sofort. Angesichts der unpassierbar gemachten Brücke an dessen Ende, geht man mit Zweifeln.
Georg Beck