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DER FREISCHÜTZ
(Carl Maria von Weber)
Besuch am
17. Juli 2024
(Premiere)
Das Wetter hat noch einmal mitgespielt. Ein heftiges Gewitter zieht zwei Tage vor der Eröffnung der Bregenzer Festspiele über die Gegend rund um den Bodensee, Dauerregen und kleine neue Seen sind die Folge. Bis zum Tag vor der Premiere ziehen dicke Wolken über die Bucht, und alle bangen, ob das Wetter hält. Aber der Wettergott oder andere Mächte haben ihre Hände im Spiel, die Premiere zumindest kann auf der Seebühne stattfinden.
6719 Besucher fasst das Halbrund um die neu errichtete Bühne auf dem See. Ein neuer Betonquader wurde zeitgleich mit dem aufwendigen Bühnenbild für den Freischütz gebaut, ein ambitioniertes Unterfangen, das termingerecht gelang. Regisseur Philipp Stölzl, der auch die Bühne konzipiert hat, hat eine recht authentische Bühnenlandschaft geschaffen: ein Dorf direkt nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges im November 1648, mitten im Winter. Die Häuser sind fast verfallen, der Kirchturm steht schief, Wasser hat den Dorfplatz geflutet. Ein großer, runder Mond steht über allem, der mit hohlem Gesicht die Szene beschaut und gegen Ende als Projektionsfläche für religiöse Motive dient, wenn der Eremit in das Geschehen eingreift. Die Straßen liegen unter Schnee und Eis, täuschend echt nachgebildet, Bäume recken ihre kahlen Äste weit in den Himmel. Überall dominiert das Wasser, sei es als rinnender Mühlbach, sei es als Sumpf im vorderen Bereich der Bühne, und beeinflusst die Figuren, lässt sie immer wieder im kühlen Nass hin und her wanken, schlurfen und robben. Bei der Wilden Jagd kriechen aus der sumpfigen Vorbühne die Untoten, hebt sich eine Kutsche mit skelettiertem Pferd hervor, durch die Hydraulik in wilden Galopp gebracht – ein gefundenes Vehikel für Samiel, die teuflische Gestalt, die hier in Bregenz das gesamte Geschehen bestimmt.

Und hierin liegt die Besonderheit der Aufführung: Stölzl erzählt die Geschichte um. Hier hat der Teufel das Sagen. Das alte Libretto von Friedrich Kind nach der gleichnamigen Erzählung von Johann August Apel von 1810 hat Jan Dvorák nach einem Konzept von Stölzl in Dialoge gefasst, eine Zusatzmusik auf der Bühne von Ingo Ludwig Frenzel kommt hinzu. Das ist ein bisschen so, als ob man dem Publikum den Text nicht einfach so zumuten könnte. Ania Marchwinska am Cembalo, Daniel Schober am Kontrabass und Atanas Dinovski am Akkordeon begleiten vor allem die teuflischen Machenschaften, aber auch Dialoge.
Moritz von Treuenfels vom Münchner Residenztheater spielt den Teufel mit vollem Einsatz, er klettert auf Bäume, springt ins Wasser, steht auf dem Kopf der feuerspeienden Riesenschlange und dirigiert am Ende vom Kirchturm aus das Geschehen. Unheimlich ist er, das ist gewollt, aber auch durchaus sympathisch in seinem Suchen nach Kontakt, in seinem Einschmeicheln in die Seele seines Opfers. Schauspieler von Treuenfels macht daraus eine Paraderolle für sich. Das ist auf der einen Seite wunderbar zu sehen. Auf der anderen Seite schleicht sich die Figur nicht nur in die Seelen der Handelnden ein, sondern unterbricht mit ihrem Gesang auch die Arien der Protagonisten. Das mag für Stölzls publikumswirksame und cineastische Sichtweise durchaus interessant sein, den Sängern nimmt das aber den Fluss in ihren Darbietungen. Die wunderbaren Arien werden zerstückelt, eine wirklich tiefe Interpretation wird einer ironischen Sichtweise der Empfindung geopfert. Die romantische Schauergeschichte wird mit Hilfe von Unterbrechungen und neu angedachten und auch als Hypothese vorgestellten Schlüssen konterkariert. Das wirkt insgesamt ein bisschen wie das Making-of im Zusatzmaterial von DVD.
Anscheinend meint man in Bregenz, die Regenbogen-Community besonders ansprechen zu müssen. Die in Stölzls Fassung von Max in der zehnten Woche schwangere Agathe muss nun unbedingt noch eine Liebesbeziehung mit Ännchen eingehen, am Ende überlegen beide, in die Schweiz zu fliehen. Das wirkt recht aufgesetzt und zeugt gemeinsam mit der zweiten Premiere, dem Tancredi von Gioachino Rossini am nächsten Tag von einer gewissen Anbiederung an ein bestimmtes Publikum. Tancredi, als Hosenrolle für einen Mezzosopran konzipiert, muss sich als Frau in die andere weibliche Hauptrolle, Amenaide, verlieben und für sie kämpfen. Letztendlich macht man damit einen Kniefall vor dem Zeitgeist – etwas sehr bemüht wirkt das Ganze. Schöner wäre es, wenn zeitgenössische Komponisten sich des Themas annähmen, aus der heutigen Zeit heraus.
Die neue Dialogfassung empfiehlt sich mit etwas anzüglichen Reimen einem eventsuchenden Publikum. Das wird mit dem fantastischen Bühnenbild, der Kulisse am See, den zahlreichen pyrotechnischen Effekten, den fantasievollen Kostümen von Gesine Völlm und der hervorragenden Leistung der Maskenabteilung verzaubert. Am Ende wird die Handlung noch in die Gegend um den Bodensee verlegt, unter anderem wird der Pfänder genannt.

Natürlich haben die Sänger einen großen Anteil am Gelingen des Abends. Allen voran gibt Mauro Peter mit seinem lyrischen Tenor einen nachdenklichen, aber auch verzweifelten Max. Mit schönem, rundem Ton vor allem in der Mittellage strahlt er viel Wärme aus und zeigt auch in der Stimme eine große Sensibilität. Kein Jäger, sondern ein Schreiberling ist er, kein Held, wie er oft besetzt wird, sondern ein Leidender. Die von ihm angebetete und bereits in andere Umstände versetzte Agathe verkörpert mit viel Anmut und berückendem Timbre Nikola Hillebrand, besonders ihre mühelosen, silbrigen Höhen gefallen. Mit ihrer hellen und schwerelosen Stimme ist sie eine ideale Verkörperung der ja jugendlichen Försterstochter, die gewohnheitsgemäß mit eher schwereren Stimmen besetzt wird. Katharina Ruckgaber als Ännchen wirbelt als Anstifterin zur Unruhe durch das Geschehen und muss ihren bezaubernden Sopran im Sinne des Feminismus einsetzen. Das erste Duett der beiden Frauengestalten und eine ihrer Arien sind gestrichen, aber Ruckgaber schafft es dennoch, sich prominent in das Treiben auf der Bühne einzubringen und ihre lyrische Stimme bei Kommt eine schlanke Maid (sic!) gegangen mit betörenden Farben strömen zu lassen. Und das schafft sie auch im Wasser mit Leichtigkeit, inmitten von sternenlämpchen-geschmückten Nymphen in glitzernden Badeanzügen, die einen kitschigen Wassertanz um sie herum vollführen.
Christof Fischesser singt den Kaspar mit zupackendem, mächtigem Bass und vollem Körpereinsatz nicht nur beim Freikugelgießen im Feuerkreis mitten im Wasser. Er verkörpert die Figur sehr überzeugend, unerbittlich ein neues Opfer für weitere drei Jahre im Pakt mit dem Teufel anstrebend. Er hat die Stimme dafür: schlackenlos, direkt, frisch, knackig und rund. Franz Hawlata als Erbförster Kuno setzt seinen Bassbariton stark und polternd ein und verkörpert die nötige Souveränität für die Rolle. Auch Livio Holender singt den Ottokar als hohlen Ludwig II, der in der Kutsche vorfahren und übergriffig werden darf. Die kleineren Rollen sind mit Andreas Wolf als sonorem Eremit, Maximilian Krummen mit geschmeidigem Bariton als junger Jäger Kilian und den wohltimbrierten Brautjungfern Theresa Gauß und Sarah Kling luxuriös besetzt.
Der Prager Philharmonische Chor unter der Leitung von Lukáš Vasilek und Benjamin Lack hat großen Anteil an der wirksamen Umsetzung der Inszenierung, sie sind das Volk, das die Bühne belebt und dabei stimmgewaltig agiert.
Das Wired Aerial Theatre und die Statisterie der Bregenzer Festspiele vervollkommnen die Aufführung im akrobatischen Bereich. Florian Schmitt beleuchtet die Bühne äußerst effektvoll und farbenprächtig, schafft passende Stimmungen zu dem schaurig-horrenden Treiben.
Unter dem eleganten und präzisen Dirigat von Enrique Mazzola brauchen die Wiener Symphoniker anfangs etwas Zeit, um in einen klar strukturierten Klang zu finden. Vieles ist gestrichen, später dann in der Wolfsschluchtszene dürfen sie zu Krähengeschrei und sonstigen Geräuschen so richtig auftrumpfen, das passt dann auch wieder hervorragend zur Fantasy-Kulisse.
Diejenigen im Publikum, die sich gerne an Musicals erfreuen und vielleicht eifrige Kinogänger sind, haben bestimmt Freude an der Inszenierung. Andere, die Webers Musik genießen wollen, haben das Nachsehen, zumal in der Aufführung der Ton oft über die Anlage seltsam hohl klingt, ganz anders als noch vor drei Jahren bei Stölzls Rigoletto am selben Ort. So gibt es denn auch kräftigen Applaus im ausverkauften Rund, aber auch einige Buhs muss sich Stölzl gefallen lassen. Bis Mitte August gibt es noch Karten.
Jutta Schwegler