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GÄRTNERPLATZ OPEN AIR
(Diverse Komponisten)
Besuch am
21. Juli 2024
(Einmalige Aufführung)
Jedes Jahr, zum Ende der Spielzeit, verabschiedet sich das Ensemble des Staatstheaters am Gärtnerplatz München mit einem Open-Air-Konzert in die Theaterferien. Tausende von Menschen säumen bei freiem Eintritt den Gärtnerplatz, denn neben Kultur gibt es auch viele kulinarische Genüsse. Und für das Gärtnerplatztheater ist das Saisonfinale ein absoluter Höhepunkt im Programmkalender und Gelegenheit, sich mit einem bunten Mix aus Oper, Operette und Musical bei seinem treuen Publikum zu bedanken, aber auch neue Zuschauer zu erschließen. Die Solisten des Gärtnerplatztheater-Ensembles und das Orchester des Staatstheaters am Gärtnerplatz unter der Leitung von Chefdirigent Rubén Dubrovsky präsentieren live und unter freiem Himmel Höhepunkte aus dem Repertoire, und wagen natürlich auch schon mal den Blick in die neue Saison. Staatsintendant Josef E. Köpplinger führt in bewährter Manier durch das Programm.
Doch dieses Mal ist alles anders. Ein banger Blick auf die Wettervorhersage verheißt nichts Gutes, für den Abend sind lokale Unwetter vorhergesagt, und ob das Konzert überhaupt gespielt werden kann, ist völlig unklar. Trotz der schlechten Prognose sind wieder tausende Menschen gekommen, in Regenkleidung gehüllt, bereit, dem Wetter zu trotzen. Das beeindruckt auch Köpplinger sehr, und er entschließt sich, das Konzert zunächst zu starten und zu schauen, wie weit man kommt. Die Bühne ist zwar mit einem Zeltdach geschützt, aber starker Wind kann natürlich dann auch den Regen nicht abhalten. Pünktlich mit der Ouvertüre setzt der Regen ein, doch weder das Orchester, die Solisten, und erst recht nicht das Publikum, lassen sich davon vertreiben. Köpplinger beschränkt sich daher auch darauf, nur die Stücke anzusagen.
Die Schnellpolka Unter Donner und Blitz von Johann Strauss Sohn wäre vielleicht der richtige dem Wetter angemessene Einstieg gewesen, doch GMD Rubén Dubrovsky eröffnet mit der Ouvertüre zur Oper Carmen das Konzert und hinterlässt mit dem flotten und dynamischen Vorspiel eine erste musikalische Visitenkarte für die kommende Saison, denn am 18. Oktober 2024 wird Bizets Dauerbrenner in einer Neuinszenierung von Herbert Föttinger Premiere feiern. Dann folgen zwei absolute Klassiker aus dem Werk. Zunächst singt die Mezzosopranistin Sophie Rennert die Habanera der Carmen, L’amour est un oiseau rebelle, mit warmer und verführerischer Stimme, dann folgt der Tenor Lucian Krasznec mit der Blumenarie des Don José, La fleur que tu m’avais jetée. Die singt er lyrisch schön mit tenoralem Schmelz. Beide Solisten werden im Herbst auch diese Rollen auf der Bühne verkörpern. Und das Publikum dankt es mit jubelndem Applaus. Anschließend folgt ein eher selten gespielter Verdi, die Oper Un giorno di regno. Der Bass Levente Páll und der Bassbariton Timos Sirlantzis geben mit markanten und ausdrucksstarken Stimmen das Duett Diletto genero, a voi ne vengo zum Besten.

Es folgt der erste Ausflug in die Glitzerwelt der Operette. Andreja Zidaric lässt mit dem Vilja-Lied der Hanna Glawari aus der Operette Die lustige Witwe Franz Lehárs aufhorchen. Ungarische Klänge zaubern der Tenor Caspar Krieger und die Sopranistin Julia Sturzlbaum mit dem herrlichen Duett Komm mit nach Varasdin aus der Operette Gräfin Mariza von Emmerich Kálmán auf die Bühne. Bei solch fröhlichen Klängen vergisst man, dass man im strömenden Regen sitzt.
Ein absoluter Höhepunkt der zurückliegenden Spielzeit ist das Musical Les Misérables von Claude-Michel Schönberg. Der junge Bariton Daniel Gutmann in der Rolle des Javert hat da sehr beeindruckt, und auch an diesem Abend erhält er für das leidenschaftlich vorgetragene Lied Sterne großen Applaus. Dann geht es wieder zurück zur italienischen Oper. Der erst 24-jährige Tenor Matteo Ivan Rašić begeistert mit seiner schon in bestem Belcanto-Stil vorgetragenen Arie Una furtiva lagrima aus der Oper L’elisir d’amore von Gaetano Donizetti. Es ist unglaublich, mit welcher Schönheit der junge Bursche die so bekannte Arie, mit der sich alle großen italienischen Tenöre verewigt haben, vorträgt. Großer Jubel ist der verdiente Lohn, und Köpplinger an der Seite der Bühne ist in diesem Moment sicher mehr als zufrieden, das große Talent für das Ensemble des Gärtnerplatztheaters verpflichtet zu haben. Matija Meić begeistert die Zuschauer des Gärtnerplatztheaters immer wieder mit seinem ausdrucksstarken, voluminösen, dunklen Bass. Mit der großen Arie des Miller Sacra la scelta … Ah! fu giusto il mio sospetto aus der Oper Luisa Miller Giuseppe Verdis setzt Meić einen markanten Schlusspunkt des ersten Konzertteils.
Eigentlich stünde jetzt eine Pause auf dem Programm, doch angesichts der widrigen Witterungsbedingungen entscheidet sich Köpplinger in Absprache mit Dubrovsky und dem Orchester sehr zur Freude des Publikums, die Pause zu streichen und direkt mit dem Programm fortzufahren. Die zur Eröffnung des zweiten Teils geplante Ouvertüre zur Operette Waldmeister von Johann Strauss Sohn fällt den Wetterkapriolen zum Opfer. Das ist besonders schade, steht das unbekannte Werk des Walzerkönigs doch als Premiere im kommenden Jahr auf dem Programm des Gärtnerplatztheaters. Da hätte man schon gerne mal reingehört. Und in dem Augenblick, als Köpplinger die Streichung verkündet, gibt es einen lauten Donnerknall, als ob der gute alte Johann Strauss im Himmel etwas erzürnt gewesen sei ob solcher Entscheidung.

Stattdessen wird der zweite Teil wie schon zu Beginn des Konzertes mit Georges Bizet eröffnet. Das wunderbare Duett Au fond du temple saint aus der Oper Die Perlenfischer begeistert das Publikum durch den ausdrucksstarken Gesang von Lucian Krasznec und Ludwig Mittelhammer. Dann kommt Johann Strauss doch noch zum Zug, und das Wetter beruhigt sich etwas, wenn auch nur für einen Moment. Die großartige Jennifer O’Loughlin, die in den vergangenen Wochen als Sonnambula wahre Triumphe gefeiert hat, verzaubert das Publikum mit dem Csárdás Klänge der Heimat der Rosalinde aus der Operette Die Fledermaus. Die Partie hat sie auch bei der Premiere des Werkes vor zwei Jahren mit großer Verve verkörpert, der Csárdás ist ein gesangliches Feuerwerk und einer der Höhepunkte des Konzertes. Giacomo Puccinis Oper Il tabarro, das erste Werk seines Triptychons, wird eher selten gespielt. Die große Arie des Michele Nulla, silenzio interpretiert der junge Bassbariton Alexander Grassauer auf beeindruckende Art. Gyula Rab und Anna-Katharina Tonauer duellieren sich anschließend musikalisch mit Un soave non so che aus der Oper La Cenerentola von Gioachino Rossini, auch so ein Erfolgshit im Repertoire des Gärtnerplatztheaters.
Der Schluss des Konzertes gehört ganz der Operette. Zunächst amüsieren Juan Carlos Falcón und Lukas Enoch Lemcke das Publikum mit dem Ohrwurm Ich bin der Prodekan aus der Operette Der Vogelhändler Carl Zellers, der in der zurückliegenden Spielzeit eine begeisterte Premiere gefeiert hat. Großes Gefühl und Operettenschmelz bietet dann der Tenor Alexandros Tsilogiannis mit dem Dauerbrenner Dein ist mein ganzes Herz aus der Operette Das Land des Lächelns von Franz Lehár. Schöner kann man die Arie, die Lehár einst für Richard Tauber schrieb, kaum noch singen. Und dem durchnässten Publikum wird es bei den Klängen so richtig warm ums Herz. Und zum Schluss des Konzertes kommen alle 18 Solisten auf die Bühne und bestreiten gemeinsam das große Finale aus der Operette Pariser Leben von Jacques Offenbach.
Das Publikum, durchnässt, aber glücklich, lässt das Ensemble nicht ohne Zugabe gehen, und mit Always Look on the Bright Side of Life aus dem Musical Monthy Python’s Not the Messiah nach dem Kultfilm Das Leben des Brian lassen es die Protagonisten zum Abschluss noch einmal richtig krachen. Dann sind gut 90 Minuten Open-Air-Konzert vorbei, und das Publikum hält trotz Regen und Wind durch, zu schön ist das Programm. Das Ensemble ist durch das tapfere Publikum so beflügelt, dass jeder eine absolute Höchstleistung präsentiert, einschließlich Dirigent und Orchester. Ein wunderbarer Saisonabschluss mit Vorfreude auf die neue Spielzeit, bis es dann wieder im Juli 2025 heißt: „Gärtnerplatz Open Air“, dann Unter Blitz und Donner bitte nur musikalisch.
Andreas H. Hölscher