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Foto © Fritz Kramer

Keine kalten Herzen

BAUM, HERZ & KANTILENE
(Diverse Komponisten)

Besuch am
22. Juli 2024
(Urauf­führung)

 

Theater-Werk München im Deutschen Jagd- und Fische­rei­museum München

Wer in München ein Museum besuchen mochte, der hat die Qual der Wahl. Neben dem großen Deutschen Museum und den Pinako­theken gibt es dutzende von inter­es­santen Ausstel­lungs­räumen, die entdeckt werden wollen. Eins davon ist das Deutsche Jagd- und Fische­rei­museum, das sich seit 1958 in der ehema­ligen Augus­ti­ner­kirche mitten im Zentrum von München befindet, unweit der Frauen­kirche. Herzstück ist der Weiße Saal, der durch seine einzig­artige Archi­tektur besticht. Der hohe, imposante Raum präsen­tiert an der Wand und in Vitrinen eine vielseitige Bandbreite spannender Exponate, die die Geschichte der Jagd darstellen. Die weißen Wände, mit ihren bestuckten und figura­tiven Pilastern und die großen Kirchen­fenster des Saals schaffen eine einmalige Atmosphäre. Ein idealer Raum für ein Konzert, mit einer wunder­baren Akustik. Die beiden alten hohen Treppen dienen hierbei als Zuschau­erraum, etwa 100 Zuschauer sitzen auf Kissen auf den Treppenstufen.

Vor gut einem Jahr hat Regis­seurin Kristina Wuss hier die Musik­thea­ter­collage In der Strömung insze­niert, mit jungen Sängern, die mit ihren Wunsch­stücken ein begeis­terndes Konzert darge­boten haben. Nun steht erneut eine Musik­theater-Szenen­collage auf dem Programm, diesmal sehr frei nach dem Märchen Das kalte Herz von Wilhelm Hauff sowie dem Isarmärchen mit dem Münchner Revier­förster Thomas Mayr. Wuss kombi­niert hier ein bekanntes, tradi­tio­nelles Märchen mit urgrünen Themen wie Natur, Nachhal­tigkeit und Ökologie.

In dem Märchen Das kalte Herz des schwä­bi­schen Schrift­stellers Wilhelm Hauff wird die Geschichte vom sozialen Aufstieg und Fall des 16-jährigen Kohlen­brenners Peter Munk erzählt, der sich – getrieben von seinem unbän­digen Wunsch nach Reichtum und Ansehen – mit dunklen Mächten einlässt. Der arme Köhler­junge geht einen folge­schweren Tausch­handel mit dem unheim­lichen Hollän­der­michel ein, der ihm schnell zu finan­zi­ellem und materi­ellem Besitz verhilft, im Gegenzug aber Peters warmes, pochendes Herz verlangt und ihm statt­dessen einen kalten Stein einpflanzt. Ein Handel, der Peters gesamtes Leben verändert. Die Märchen­handlung spielt vor der Kulisse des geheim­nisvoll-magischen Schwarz­waldes zur Zeit des boomenden Holzhandels mit den begehrten Schwarz­wald­tannen und des begin­nenden Kapita­lismus im ausge­henden 18. Jahrhundert. Hauffs parabo­li­scher Märchentext über Machtgier, Geltungs­be­dürfnis und Verrohung der Gesell­schaft hat bis heute nicht an Brisanz und Aktua­lität verloren.

Das Märchen über Unzufriedene, die ihr Herz austau­schen, um schnellen Erfolg im Beruf zu erhaben, erschließt für Wuss einen neuen Perso­nen­kreis – aus Oper und Musical. Der Hollän­der­michel reißt keine Bäume mehr aus, geht aktuell in seinem Tausch­ge­schäft „Herz gegen Steinherz“ subtiler vor. Doch zum Glück gibt es immer noch den weisen Glasmann, der sein Wirkungsfeld nun auch auf die Ufer der Isar und auf München ausdehnt: „Schatz­hauser im grünen Tannenwald, bist schon viel hundert Jahre alt. Dir gehört all Land, wo Tannen stehn – lässt Dich nur Sonntags­kindern sehn …“, so die Inter­pre­tation ihrer Musiktheater-Szenencollage.

Foto © Fritz Kramer

Das Konzept von Wuss ist gleich: Die Szenen aus dem Märchen sind in Opern‑, Operetten- oder Musica­l­arien einge­bettet, darge­boten von den meist sehr jungen Solisten vom Kurs Musik­theater sowie vom Kurs Vocal Coaching. Im Gegensatz zu früheren Auffüh­rungen ist der gespro­chene Anteil deutlich reduziert, die Musik steht im Vorder­grund, was einer­seits das Konzert­er­lebnis hebt, anderer­seits aber das Verständnis der Szenerie deutlich erschwert. Insgesamt stehen 42 kurze Szenen auf dem Programm, die meisten davon mit Musik kombi­niert. Wer jedoch das Märchen Das kalte Herz nicht kennt, der hat große Schwie­rig­keiten, der Szenerie zu folgen, zumal die gewählten Musik­stücke in keinem Zusam­menhang zu dem Stück stehen, sondern Wunsch­stücke der Solisten sind, die sie meisten­teils einfach mal auspro­bieren möchten. An diesem Abend ist das Leistungs­ge­fälle im Vergleich zu vorhe­rigen Auffüh­rungen deutlich stärker, zumal zwei hochpro­fes­sio­nelle und leistungs­starke Sänger als Gäste das Gefüge komplett sprengen.

Das ist zum einen der Bayreuth-erfahrene Bass Andreas Hörl in der „Rolle“ des reichen Ezechiel, der mit seinem kraft­vollen schwarzen Bass die große Halle des Jagd- und Fische­rei­mu­seums bis in die Rotunde füllt, sei es mit der ersten Strophe aus dem Trinklied des Kasper aus Webers Freischütz, sei es Hundings Erzählung Ich weiß ein wildes Geschlecht aus Wagners Walküre oder Hagens Wacht am Rhein aus der Götter­däm­merung, der Auftritt des großar­tigen Basses ist alleine schon sein Eintrittsgeld wert. Gleiches gilt für den jungen Tenor Alexandros Tsilo­gi­annis vom Staats­theater am Gärtner­platz, der großes Gefühl und Operet­ten­schmelz mit dem wunder­baren Lied Dein ist mein ganzes Herz aus der Operette Das Land des Lächelns von Franz Lehár darbietet. Schöner und eleganter kann man die Arie, die Lehár einst für Richard Tauber schrieb, kaum noch singen, Tsilo­gi­annis, der die Arie 24 Stunden zuvor noch vor mehreren tausend Zuschauern beim Gärtner­platz Open Air darge­boten hat, begeistert aber auch mit der Arie des Pinkerton aus Puccinis Madama Butterfly mit schönem lyrischem Tenor und strah­lenden Höhen.

Da haben es die anderen, zum Teil noch sehr jungen Solisten deutlich schwerer, denn sie sind in ihrer Entwicklung noch nicht so weit, oder haben, was die Auswahl der Arien anbelangt, noch nicht das richtige Gespür für ihre Fähig­keiten und ihre Grenzen. Aus dieser Gruppe ragt die lyrische Kolora­tur­so­pra­nistin Seung-Hee Jang noch heraus. Insbe­sondere ihre Cio-Cio San lässt aufhorchen, sowohl im Duett mit Tsilo­gi­annis, als auch mit der bewegend vorge­tra­genen Arie Un bel di vedremo. Die Rhein­tochter Woglinde, Frau Fluth aus den Lustigen Weibern von Windsor von Otto Nicolai, Violetta in Verdis La Traviata und die Sophie im Rosen­ka­valier sind weitere Partien, die sie eindrucksvoll präsentiert.

Magda Wszebo­rowska begeistert an diesem Abend sowohl sänge­risch als auch tänze­risch mit großer Verve unter anderem als das Schlaue Füchslein von Leoš Janáček, als Rhein­tochter Wellgunde, und als Eliza Dolittle aus dem Musical My Fair Lady von Frederic Loewe. Auch die Mezzo­so­pra­nistin Michaela Polkehn lässt als Rhein­tochter Floss­hilde, als Frau Reich, als Erda im Rheingold und als Hexe Ježibaba aus Rusalka von Antonín Dvořák mit warmer und ausdrucks­starker Tiefe aufhorchen, während ihr Octavian bei der Rosen­über­rei­chung für die Szene zu drama­tisch angelegt ist.

Foto © Fritz Kramer

Bei der Sopra­nistin Carla Antunes wechseln Licht und Schatten sehr stark. Ihre stärksten Momente hat sie mit zwei Liedern aus ihrer brasi­lia­ni­schen Heimat, nämlich mit den farben­reichen Stücken Boi Bumbá – Batuque Amazônico und mit Uirapuru. Canção Amazônica von Waldemar Henrique. Hingegen müssen ihre Inter­pre­ta­tionen von Elsas Traum­er­zählung Einsam in trüben Tagen aus Wagners Lohengrin und der Zeit-Monolog der Marschallin aus dem Rosen­ka­valier von Richard Strauss als grenz­wertig bezeichnet werden. Ihre Stimme hat weder das Fundament, die Höhe, noch die Reife, um diese Arien zu singen, und auch an ihrer Textver­ständ­lichkeit muss sie noch hart arbeiten. Gleiches gilt auch für den Tenor Bartosz Jankowski, dessen Arie Immer nur Lächeln aus Lehárs Operette Das Land des Lächelns mit sehr gepressten Höhen und einem unangenehm starken Akzent darge­boten wird. Das fällt dann um so mehr noch auf, wenn kurze Zeit später Tsilo­gi­annis dieselbe Rolle verkörpert. Die Kombi­nation ist sehr unglücklich gewählt, und Jankowski hat sich mit seiner Arien­auswahl keinen Gefallen getan.

Einen respek­tablen Auftritt absol­viert die Sopra­nistin Laura Barthel in der Rolle der Marylou aus der Operette Märchen im Grand­hotel von Paul Abraham. Hannes Achim Langanky gibt den Köhler Munk mit viel Leiden­schaft, und sein Lied-Vortrag Manchmal träume ich schwer und dann denk ich es wär von Hannes Wader berührt tief. Frits Kamp als Hollän­der­michel spielt überzeugend, was man von seiner Darbietung der großen Mephisto-Arie aus Gounods Faust nicht sagen kann.

Ein echter Hingucker ist Tofel Santana Tanzbo­den­könig, der mit zum Teil akroba­ti­schen Tanzein­lagen begeistert, auch wenn sein Break­dance zu Wagners Wotan und dem Meister­singer-Vorspiel nicht wirklich passt. Einen beson­deren Auftritt hat der Lettische Chor München Laima als „Wald“ mit letti­schen Volks­liedern. Das Finale mit allen Protago­nisten gehört dem Isarmärchen und dem Lied Du schöne Münchner Stadt, einst so wunderbar darge­boten von Bally Prell.

Nach gut 90 Minuten ohne Pause geht ein durchweg begeis­ternder Musik­thea­ter­abend zu Ende. Das Publikum spendet am Schluss lautstarken Applaus und jubelt zurecht den Solisten zu, die wieder so ganz unter­schied­liche Facetten ihres Könnens gezeigt haben. Henri Bonamy, der die einzelnen Stücke mit großem Engagement vom Treppen­absatz dirigiert hat, und Thomas Jagusch für eine überra­gende Leistung am E‑Piano haben sich einen großen Sonder­ap­plaus für ihre überzeu­gende Darbietung verdient. Kristina Wuss ist es wieder mal gelungen, Literatur und Musik in einer Collage zu vereinen und jungen Nachwuchs­künstlern ein Podium zu bieten.

Andreas H. Hölscher

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