O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.
Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.
Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.
O-Ton
3-Monats-Abo
für jeweils 3 Monate
O-Ton
Jahres-Abo
pro Jahr
O-Ton
6-Wochen-Abo
für jeweils 6 Wochen
O-Ton
Jahres-Mitgliedschaft
für ein Jahr
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Kulturmagazin mit Charakter
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
LA FANCIULLA DEL WEST
(Giacomo Puccini)
Besuch am
29. Juli 2024
(Premiere am 27. Juni 2013)
Giacomo Puccinis siebte Oper wird gemeinhin als „Westernoper“ abgestempelt. Es geht um die Zeit des Goldrauschs in Kalifornien um 1850 und handelt von nach Glück und Reichtum suchenden Träumern, von Banditen und Betrügern. Mit seiner Goldgräberoper taucht Puccini ähnlich wie zuvor mit La Bohème oder Madama Butterfly in ein klar umrissenes Milieu ein, für das er ein spezifisches musikalisches Kolorit kreiert, inspiriert von amerikanischer Gospelmusik, aber dann doch italienisch üppig instrumentiert im unverkennbaren Verismo-Stil. Für den Komponisten war es ein Höhepunkt seiner Karriere und der endgültige internationale Durchbruch, als La fanciulla del west am 10. Dezember 1910 an der Metropolitan Opera in New York City uraufgeführt wurde. Kein Geringerer als Arturo Toscanini stand am Dirigentenpult, die Rolle des Dick Johnson sang Enrico Caruso, den Part der Minnie Emmy Destinn. Für viele Puccini-Kenner und ‑Liebhaber gilt Das Mädchen aus dem goldenen Westen, so die häufig gebrauchte Übersetzung nach dem Originaltitel des Schauspiels von David Belasco, als die beste seiner Opern. Beeinflusst von der Musik Debussys und Richard Strauss, hat er sich vom Belcanto-Stil verabschiedet, es gibt so gut wie keine Arien in dem Stück, alles nur Dialoge, vieles im Parlando geschrieben, es gibt große Duette und Chöre. Direkt die erste Chorszene weist stilistisch schon auf seine letzte Oper Turandot hin, die gut 15 Jahre nach dem Mädchen vollendet sein wird. Ausnahme ist Dick Johnsons Arie Ch’ella mi creda im Angesicht des drohenden Todes am Galgen, sein letzter Gruß an die geliebte Minnie, emotional wie Cavaradossis große Arie E lucevan le stelle an Tosca. Doch trotz der großen Musik und einer eigentlich attraktiven Story, eine Frau zwischen zwei Männern, ist es auf den deutschen Opernbühnen in den letzten Jahren ruhig geworden um das Mädchen. Wenn Puccini, dann La Bohème, Butterfly, Tosca oder Turandot, die Klassiker mit den großen Arien.
Umso schöner ist es, dass die Bayerische Staatsoper den musikalischen Schatz wiederentdeckt hat, ihn im Rahmen der diesjährigen Opernfestspiele zweimal auf die Bühne bringt und in einer in die moderne Zeit übertragenen Inszenierung präsentiert.

Die ursprüngliche Geschichte führt in ein einsames Goldgräbercamp im Wilden Westen – ein bis dato ungewöhnlicher Schauplatz für eine Oper. Das Zusammenleben in der rauen Männerwelt ist bestimmt von einer klaren Hackordnung unter Führung von Sheriff Jack Rance, der die Tristesse der Prärie mit Machtmissbrauch und Willkürherrschaft kompensiert. Die Suche nach dem Gold wird für die Männer zum Sinnbild für eine tiefe Sehnsucht, die unter der harten Schale des Arbeitsalltags liegt, für die Suche nach dem Sinn des menschlichen Daseins, fern der Heimat, fern der Familie. In dieser Welt verkörpert Minnie die Hoffnung auf ein anderes Leben. Für die Goldgräber ist Minnie Mutter, Schwester, sexuelle Projektionsfläche und reiner Engel zugleich. Als plötzlich ein Fremder in das Camp eindringt, gerät die Ordnung ins Wanken, zumal eine dunkle Vergangenheit auf ihm lastet und Minnie, die sich in ihn verliebt hat, öffentlich für ihn eintritt. Denn Dick Johnson ist in Wahrheit Ramerrez, Kopf einer mexikanischen Diebesbande. Sheriff Rance begehrt Minnie, Johnson liebt sie, und es beginnt ein tödliches Spiel. Johnson wird verwundet, Minnie pokert mit Rance um sein Leben und gewinnt durch Falschspiel. Am Ende steht der Galgen für Johnson, doch Minnie kann seine Hinrichtung in letzter Sekunde verhindern, das Ende bleibt offen. Und damit ist es eine der wenigen Opern von Puccini, die nicht mit dem Tod eines Hauptprotagonisten endet.
Die bittere Realität ist trostloses Arbeiterleben. Nur mühselig schürfen sie ein wenig Gold zusammen – zum Sterben zu viel, zum Leben zu wenig. Allein Minnie, die einzige Frau im Lager und Barfrau und Autoritätsperson in einem, vermag es, ein wenig Trost und Zuneigung zu verbreiten. Auch sie sehnt sich nach der einzigen und reinen Liebe. Gibt es in einer solch unwirtlichen Welt die Möglichkeit, seine Vergangenheit hinter sich zu lassen, neu zu beginnen oder gar Verzeihung zu erlangen? Und Puccini spitzt mit avancierter, hochemotionaler Klangdramaturgie die Oper auf die Frage zu, was stärker sei: das Recht oder die Liebe?
Regisseur Andreas Dresen setzt in seiner Inszenierung den Bezug zum Amerika der sechziger und siebziger Jahre des 20. Jahrhunderts und dem amerikanischen Traum von Erfolg, Freiheit und Selbstbestimmung, darauf weisen auch die Fotos im ausgezeichneten Programmbuch hin. Die Suche der Männer ist die Sehnsucht nach einem neuen Leben, das sie nicht finden. Es sind Getriebene, heimatlose, einsame Männer, die bei Zigarren, Whisky und Glücksspiel Ablenkung vom harten Alltag in einem Bergwerk suchen. Minnie ist dabei so etwas wie die Seelentrösterin, aber tabu für die Männer. Dresen verzichtet bewusst auf Wildwestromantik. Da gibt es keinen Saloon, keine Pferde, keine Folklore der Goldgräberzeit im Kalifornien des 19. Jahrhunderts. Das Bühnenbild von Mathias Fischer-Dieskau zeigt mehr ein modernes Arbeitslager. Ein Bergwerk stellt die Hauptkulisse, Minnies Bar „Polka“ ist hier die Insel, die für ein paar Stunden Schutz und Zuflucht vor Dreck und Lärm der Welt unter Tage bietet, ein Zufluchtspunkt für Gestrandete und Verlorene und Schnittstelle zwischen dem Arbeitslager und der Außenwelt, die von Stacheldraht abgeschirmt wird. Grau und schwarz dominieren die Farben auf der Bühne, alles ist düster und hat was Apokalyptisches, was durch das nebelumwaberte Lichtdesign von Michael Bauer noch verstärkt wird.
Im zweiten Akt sieht man von Minnies Hütte nur das kleine, ärmliche Wohnzimmer und die Schlafkammer, unkomfortabel und beengt und irgendwie verloren auf der großen Bühne. Hier kumuliert die Jagd auf Johnson und Rances krankhafte Eifersucht. Lediglich Minnies einziges Abendkleid bringt etwas Farbe in die Tristesse und die kurze Hoffnung auf einen glücklichen Ausgang. Die ansonsten einfache Arbeiterkleidung der Männer wurde von Sabine Greunig entworfen. Im Schlussakt sieht man dann eine fast leere Bühnenschräge, ohne jegliche Zivilisation. Hier gelten nur noch die archaischen Regeln von Rache und Vergeltung. Und ihr vermeintlicher Sieg der romantischen Liebe wird die Realität der Geschichte nicht überdauern. Dresen nimmt die schlichten Bilder als Rahmen für eine subtile Regie. Seine Erfahrung als Filmregisseur kommt ihm hier zugute, denn die vielen kleinen Rollen werden zu Charakteren und Persönlichkeiten. Und das Dreiecksgeflecht um Rance, Johnson und Minnie wird so miteinander verwoben, dass die Grenze zwischen Gut und Böse verschwimmt. Dresen schafft es, den Spannungsbogen über die gesamten drei Stunden zu halten und auch die emotionalen Stellen nicht als sentimentalen Kitsch erscheinen zu lassen. Ob am Ende das Recht oder die Liebe siegt, ist auch eine Frage der Perspektive und eigentlich nicht zu beantworten.

Sängerisch ist der Abend auf höchstem Niveau. Malin Byström ist stimmlich wie optisch eine erstklassige Minnie. Ihr Puccini-erfahrener Gesangsstil, zwischen Tosca und Turandot angesiedelt, verleiht der Minnie in der Mittellage eine warme, liebevolle Stimme, die aber in den Ausbrüchen zu einem kraftvollen, dramatischen Sopran wechselt. Michael Volle, dem Opernpublikum eher als Hans Sachs oder Wotan bekannt, gibt den Sheriff Rance mit markantem und ausdrucksstarkem Bariton sowie dem Habitus des Bösewichtes. Beim Schlussapplaus tritt Volle humpelnd und mit schmerzverzerrtem Gesicht vor den Vorhang, was während der Vorstellung kaum aufgefallen war und seiner großartigen Interpretation auch keinen Schaden zugefügt hat. Yonghoon Lee als Dick Johnson hat bereits als Cavaradossi und Calaf große Erfolge gefeiert. Sein Tenor ist ideal für den Verismo-Stil Puccinis, geschmeidig und kraftvoll zugleich, mit der notwendigen Portion Schmelz. Sein leicht baritonal gefärbter Tenor hat das warme Timbre in der Mittellage und die leuchtende Kraft in den dramatischen Höhen. Das zeigt er vor allem in der großen Arie Ch’ella mi creda am Schluss der Oper und macht den Abend zu einem großen Puccini-Erlebnis. Auf seinen Auftritt als Calaf in Puccinis Turandot in der kommenden Spielzeit darf sich München freuen. Neben den drei Hauptfiguren gibt es fünfzehn Nebenrollen, die aber so stark besetzt sind, wie man es kaum an einem Haus findet. Sean Michael Plumb als Jake Wallace ist ja fast schon eine Luxusbesetzung, sein Lied zu Beginn der Oper leitet den Reigen der vielen Männerstimmen ein. Auch Kevin Conners als Barkeeper Nick, Bálint Szabó als Wells-Fargo-Agent Ashby und Tim Kuypers als Sonora fügen sich hier nahtlos ein.
Es ist der Abend eines großartigen Ensembles, zu dem natürlich auch das Bayerische Staatsorchester unter der Leitung von Juraj Valčuha gehört. Er schafft es, die großen symphonischen Momente kraftvoll auszumalen, die lyrischen Parlando-Stellen subtil und sängerfreundlich zu begleiten. Valčuha, Puccini-erfahren, zeigt an diesem Abend alle Facetten der sowohl an feinen als auch an dramatischen Elementen reichen Partitur und wird am Schluss wie das Bayerische Staatsorchester, der Bayerische Staatsopernchor, bestens einstudiert von Christoph Heil, und das gesamte Gesangsensemble bejubelt, das Publikum erhebt sich fast unisono von den Plätzen. Man kann nur hoffen, dass dieses Opernjuwel im Repertoire der Bayerischen Staatsoper bleibt.
Andreas H. Hölscher