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DER IDIOT
(Mieczysław Weinberg)
Besuch am
11. August 2024
(Premiere am 2. August 2024)
Die 2010 bei den Bregenzer Festspielen gespielte Oper Die Passagierin, 2016 im Theater an der Wien, 2020 auch in Graz und 2022 in Innsbruck zu erleben, bewirkte eine Wiederentdeckung des 1919 in Polen geborenen, sowjetischen Komponisten Mieczysław Weinberg, dessen tragische Biografie allein schon fasziniert. Beim Überfall Deutschlands war der Jude Weinberg aus Warschau nach Osten geflohen, erst Minsk, dann Taschkent, um sich dann in Moskau niederzulassen. Zuletzt geriet er doch noch in die Fänge des Stalin-Regimes und wurde interniert, nur der Tod des Diktators rettete sein Leben. 1986 vollendete er seine letzte Oper Der Idiot, die er seinem Leidensgenossen der Stalin-Ära, Freund und Förderer Dimitri Schostakowitsch, widmete und die zuerst nur in einer Kammerversion 1991 in Moskau aufgeführt wurde. In der Originalversion wurde sie nach Weinbergs Tode, er starb 1996, erst 2013 in Mannheim uraufgeführt. Zuletzt wurde die Oper im Frühjahr 2023 im Theater an der Wien aufgeführt. Es ist ein Werk, das zu Unrecht so selten aufgeführt wird. Eine Rarität, die man sehen sollte, dachte sich wohl auch Intendant Markus Hinterhäuser und lässt das Musikdrama nun in der Felsenreitschule bei den Salzburger Festspielen aufführen.
Die Oper ist jedoch alles andere als leichte Kost. Das ist vor allem auf die doch sehr seltsame Geschichte zurückzuführen. Als Vorlage diente dem Komponisten und seinem Librettisten Alexander Medwedew der gleichnamige Roman von Fjodor Dostojewski. Ein weit mehr als 900 Seiten starkes Kaleidoskop über die sprichwörtliche „russische Seele“, die eine völlig zerklüftete Seelenlandschaft der vielen Figuren zeigt. Trotz einer komprimierten Fassung von Weinberg bringt es die Oper immerhin auf eine Spielzeit von knapp vier Stunden inklusive Pause.
Es geht um den jungen, labilen, unter anderem an Epilepsie leidenden Fürst Myschkin, der von seinem mehrjährigen Sanatoriumsaufenthalt in der Schweiz in die russische Heimat nach St. Petersburg zurückkehrt. Im Zug freundet sich er sich mit dem reichen, skrupellosen Kaufmannssohn Rogoschin an, der seinerseits von der Edelkurtisane Nastassja besessen ist. Auch der aufopferungsvolle Myschkin, der es allen recht machen will, verfällt der Frau, will aber die brave, großbürgerliche Aglaja, Tochter eines Generals, heiraten. Doch dazu kann er sich auch nicht durchringen. Nach und nach entwickelt sich zwischen den Personen – es gibt viele weitere – ein Abhängigkeitsverhältnis. Rogoschins ermordet zum Schluss Nastassja. Letztlich befinden sich die Überlebenden sich auf dem Abstellgleis des Lebens. Für die Bühne sorgt Malgorzata Szczesniak.

Krzysztof Warlikowski zeigt den Fürsten Myschkin als herzensguten, aufopferungswilligen, sozialen Tölpel, der stets das Gute will und das Böse schafft, in der Romanvorlage von Dostojewski als Don-Quixote-artige Parodie auf die Christusfigur angelegt. Der Regisseur betont die Christus-Analogien, nicht nur, wenn er Myschkin unter Hans Holbeins Gemälde Der Leichnam Christi im Grabe liegen lässt und ist ganz nahe bei der Romanvorlage. Er zeichnet ihn als Outsider, der nicht mitmachen will, nicht gesellschaftsfähig und voller Verzweiflung über das Leid und Unglück ist, von dem er umgeben ist. Ein zerbrechlich Seltsamer, der auf eine Tafel mathematische Formeln kritzelt. Er zeigt die realistischen Aspekte von Dostojewskis Roman. Die Figurenzeichnung ist bis in die kleinste Nebenrolle genau, die Geschichte einigermaßen geradlinig erzählt, obwohl Weinbergs komplizierte Anlage das nicht erleichtert. Es ist der surreal geprägte Kreislauf von Leidenschaft, Gewalt und Geldgier. Alle sind irgendwie entwurzelte Getriebene. Seinem multimedialen Konzept entsprechend, das mit Simultanszenen und filmischen Elementen die imposante Felsenreitschule belebt, legt Warlikowski den Fürsten und den Mörder Rogoschin schließlich neben die leblose Nastassja – filmisch und in einem Bühnenquader sichtbar – auf die Schlafstatt.
Die Musik ist voll Leitmotiven und geprägt durch einen intensiven spätexpressionistischen Stil: Packend, bohrend, grell sind die Klänge, vor allem mit saftigem Blech, oft nur in kurzen Sequenzen. Die dramatische Wucht, der expressive Grundton sind geradezu körperlich präsent. Genauso leitet sie Myrga Gražinytė-Tyla bei den exzellent disponierten Wiener Philharmonikern: Bohrend sind die Wiederholungen, dramatisch grell die Steigerungen, zart so manche Traumsequenz.
Fabelhaft sind die Herren der Konzertvereinigung Wiener Staatsopernchor und ebenso sind uneingeschränkt alle Solisten. Der Tenor Bogdan Volkov ist ein extrem leidender, vokal höhensicherer, intensiv singender und vor allem expressiv spielender Fürst Myschkin, eine Lichtgestalt, die alle retten will. Der Bassbariton Vladislav Sulimsky ist ein Idealtyp des brutalen Rogoschin und singt ihn kernig sowie kontrolliert ruppig. Er sorgt aber im letzten Akt für die schönsten Töne des Abends. Die Sopranistin Ausrine Stundyte gibt eine exzellente, expressive Nastassja mit leichten Schärfen. Xenia Puskarz Thomas als Aglaja ist ihre wunderbar singende, ebenbürtige Gegenspielerin. Das „Duell“, das sich die beiden Sängerinnen im vierten Akt liefern, gehört ebenso zu den vokalen Höhepunkten des Abends. Iurii Samoilov ist ein omnipräsenter, kommentierender und intrigierender Lebedjew. Clive Bailey hört man als etwas derben General Jepantschin. Margarita Nekrasova ist eine imposant klingende Jepantschina, Pavol Breslik überzeugt als höhensicherer Ganja. Auch das übrige Ensemble ist bis in die kleinsten Partien ideal besetzt.
Langer, begeisterter Jubel zum Schluss.
Helmut Christian Mayer