Die Geschichte des Herrn H.

DER FLIEGENDE HOLLÄNDER
(Richard Wagner)

Besuch am
8. August 2024
(Premiere am 25. Juli 2021)

 

Bayreuther Festspiele

Geflüstert gestreute Erwar­tungen vor der ersten Folge von Insze­nie­rungen gehören auf dem Bayreuther Hügel zum jährlich wieder­keh­renden Ritual. Wurde vor der ersten Serie der Aufführung von Richard Wagners Der fliegende Holländer unter der Regie Dmitri Tcher­niakovs im dritten Jahr viel über Michael Volles Bayreuther Rollen­debüt als Holländer orakelt, gestaltet Tomasz Konieczny in der hier zur Rede stehenden, zweiten Serie die Rolle mit sänge­ri­schem Verve und überzeugend gestal­tendem Aplomb. Es ist ein Holländer von mannhaftem Schrot und Korn, der die Aufführung auffallend durchtönt.

Dass es nicht nur ihm neben der charis­ma­ti­schen Elisabeth Teige als Senta, sondern auch im Zusam­men­spiel mit Eric Cutler als Erik gelingt, eine zwischen den Stimmen ausge­wogene Klang­farbe zu entwi­ckeln, spricht für sich. Fernab von Promi­nen­ten­getöse mehr als nur solide Leistungen. Und mit Georg Zeppe­nfeld als Daland ist jede Aufführung per se versi­chert, auch wenn er selbst an diesem Abend mitunter auffallend routi­niert präsent wirkt.

Dass es notwendig und geboten ist, den Staub, der sich über Jahrzehnte auf Werke wie dem Holländer mit jeder Insze­nierung mehr abgelagert hat, wegzu­blasen, um einen klaren, heutigen Blick zu gewinnen, ist unbestritten. Ob man aller­dings Tcher­niakovs Vision eines als Kind trauma­ti­sierten Holländers folgen mag, sei dahin­ge­stellt. Er erfindet eine Vorge­schichte, in der die Mutter des künftigen Holländers in verzwei­felter Liebes­sehn­sucht – oder ist es doch nur Hurerei? – Selbstmord begeht. Einge­rahmt von einem Text zu Beginn der szenisch aktio­nis­ti­schen Bilder­folge – „Die merkwür­digen, immer wieder­keh­renden Träume des Herrn H.“ und endend mit „Nach vielen Jahren kehrt Herr H. in seine Heimat zurück“ – überblendet das Spiel die gesamte Ouvertüre. Als eine stran­gu­lierte Puppe der toten Mutter aus dem Fenster stürzt, geht ein Ruck durchs Publikum. Die Musik verschwindet für Momente endgültig hinter der Bilderzählung.

Allein das souveräne, nicht durch Kinker­litzchen der Regie abgelenkte Dirigat von Oksana Lyniv durch­leuchtet diesen Holländer wie mit magischen Kräften. Unter ihren Händen flutet Wagner pur in den Raum. Unauf­fällig auffällig markiert sie Klang-Arabesken, die nachhaltig musika­lisch erzählen. Figürlich zierlich, fast zerbrechlich, brilliert sie mit starken Setzungen.

Derweil ist der Schweiß, der bei den hochsom­mer­lichen Tempe­ra­turen in Wagners Bretterbude massenhaft fließt, das einzige Wasser­ag­gregat. In Tcher­niakovs Distinktion gibt es kein Wasser, kein Schiff. Ein Markt­platz, den der Regisseur auch in seiner Eigen­schaft als Bühnen­bildner mit standar­di­sierten Lego-Häusern umstellt, bildet das Zentrum. Immer wieder neue, sich mobil verschie­bende, bedeu­tungsvoll aufge­ladene Räume verschieben die Perspek­tiven. Als der Holländer, der von Wagner absichtsvoll namenlos gelassen wird, bei Tcher­niakov zum Herrn H. avanciert, das erste Mal den Markt­platz betritt, schweift sein Blick bedeu­tungsvoll zu jenem Fenster, wo die stran­gu­lierte Puppe die Ouvertüre zum Horror-Slapstick mit porno­gra­fi­schem Under­statement macht.

Foto © Enrico Nawrath

Belichtet in der maleri­schen Manier von René Magritte und mit szeni­schen Bildmo­tiven, die an das ikono­gra­fische Werk Night­hawks von Edward Hopper denken lassen, für das Licht ist Gleb Filsht­insky zuständig, kehrt der Mann an den Ort seiner Albträume zurück.

Die eigentlich als Gesänge der Matrosen und der Spinne­rinnen benannten Chöre – von Eberhard Friedrich wie immer zuver­lässig einge­stimmt – sind hier brachial alkoho­li­sierte Typen, die es in jeder Vorstadt-Kneipe geben könnte. Aus der Mitte der Frauen, sittsam als Dorf-Chor um Mary versammelt und von ihr dirigiert, bricht Senta mit Hurra aus. Der Kontrast zwischen Mary, von Nadine Weissmann als altjüng­fer­liche Figur des 19.Jahrhunderts rollen­ge­recht charak­te­ri­siert, und der Senta von Elisabeth Teige als Kind der Generation 21. Jahrhundert mit Hoody und knallig gelbem Sommer­mantel könnte nicht größer sein. Teiges Senta stellt sich mit ihrem erotisch selbst­be­wusst unter­füt­terten Sopran dem moralin­sauren Muff der Tradition mit revoluz­zer­haftem Furor entgegen. Teige zeigt sich als komplette Schau­spiel­sän­gerin. In weniger als drei Jahren hat sie Bayreuth inzwi­schen erobert.

Exzel­lente Textver­ständ­lichkeit bei allen Solisten ist ein unbedingtes Quali­täts­merkmal der Besetzung. Aufge­hoben und getragen von einem außer­or­dentlich geradezu tänze­risch beweg­lichen Orchester, zaubert Lyniv einen orgias­tisch anmutenden Wagner-Klang.

Im katastro­phi­schen Finale lässt es Tcher­niakov nach seiner Lust und Laune krachen. Erst schießt der Holländer mit seiner Pistole in die aufge­brachte Dorfge­mein­schaft. Drei Tote liegen am Boden. Die Häuser sind in Brand gesetzt. Und Mary erschießt den Holländer mit einem Gewehr. Schluss­endlich tröstet Senta mit zartem Streichen über Marys Haare. Eine versöh­nende Geste, die der ruhelos verfluchten Existenz, des auf ewig fliehenden, etymo­lo­gisch dem Fliegenden naheliegend, Holländers ein Ende setzt.

Vorhang und viele bravi nach 140 Minuten Dauerspannung.

Peter E. Rytz

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