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BÉRÉNICE
(Jean Racine)
Besuch am
31. August 2024
(Premiere am 25. August 2024)
Ruhrtriennale, Kraftzentrale im Landschaftspark Duisburg-Nord
Wer die Kraftzentrale im Landschaftspark Duisburg-Nord betritt, wird in den rohen, dunkel atmenden Raum gleichsam hineingezogen. Der Raum ist geradezu gemacht, um die dunklen Seiten menschlichen Daseins zu beleuchten. Gern mit Stroboskop-Licht, unterlegt mit musikalischem Raunen und Dröhnen. Für Ruhrtriennale-Inszenierungen ist sie seit mehr als zwei Jahrzehnten ein magischer Fixpunkt.
Romeo Castellucci adaptiert die Tragödie Bérénice von Jean Racine in der Formensprache eines Monologs. Zentral fokussiert auf den Bérénice-Text, gestaltet er diesen mit Isabelle Huppert als ein Sprechen über Einsamkeit und Verlassenheit. Die international hoch geschätzte, vielfach mit Preisen dekorierte Schauspielikone Huppert, die zurzeit als Jury-Präsidentin beim Filmfest Venedig wirkt, entwickelt den Charakter der Bérénice aus einem tief empfundenen Mitverstehen. Sie ersetzt die gesprochenen Worte durch äquivalente, extemporierte Wortfindungen – Synekdoche, zitiert nach Castellucci.
Ihre radikale Schauspielkunst gibt häufig Frauen in zwischenmenschlichen Grauzonen von Liebe und Gewalt einen ganz eigenen Charakter. Seit mehr als 50 Jahren in unzähligen Filmen hat sie den Frauen mit ihrer Darstellung eine Hommage an die Fallhöhen des Lebens gewidmet. „Die Schauspielerei ist eine Art, den eigenen Wahnsinn auszuleben“, sagt Huppert.
Mit Huppert hat sich Castellucci für seine Inszenierung aus der, wie er es nennt, Unzeitgemäßigkeit-Perspektive, einer außergewöhnlichen Wort-Spiel-Künstlerin versichert. Das Credo der Regie – „Bei Racine ist alles Sprache“ – übersetzt sie als eine Horizontverschiebung: „Wir müssen den ausgetretenen Pfad verlassen, um ihren Horizont besser zu sehen“. In der Geschichte um den siegreichen Helden, den künftigen Kaiser Titus in Rom und seine Liebe zu der jüdischen Prinzessin Bérénice leuchtet im Racine-Text die formale Schönheit des Wortes. Politisches Macht-Poker lässt die Liebe scheitern. Im Sediment jener Wirklichkeit, wo alles bleibt wie es ist oder bleiben soll, changiert Hupperts Monolog zwischen Erotik und Gewalt.
Zu Beginn entschweben der Erzählerin Huppert, gekleidet in ein prächtiges bodenlanges Kleid und einen lichtfarbenen Überwurf, das Kostüm hat Iris van Herpen entworfen, die Worte aus dem mit durchsichtiger Netzseide abgetrennten Bühnenraum märchenhaft entrückt. Laut dröhnend schlägt ein Hammer auf eine kleine hasenfüßige Figur ein. Begleitet von einem insistierend wabernden, martialisch sich aufbäumenden Elektronik-Sound von Scott Gibbons steigert sich Bérénices Deklamation in ein verzweifeltes, schmerzhaft klagendes Nicht-Glauben-Wollen.

In der Anmutung des im Flyer abgedruckten Interviews mit Castellucci – Ein Körper. Eine Multitude an Stimmen – erschüttert Bérénice-Huppert mit ihrer Wut und Verzweiflung die Kraftzentrale. Es ist, als würde sie sich an einen großmächtigen Energietransfer anschließen. Bérénice will mit Titus reden, der jedoch abwesend ist. Wie Huppert ihren drängenden Redebedarf als Subjektersatz an das Objekt Heizkörper richtet und aus einer Waschmaschine den vermeintlichen Brautschleier hervorzerrt, verschmelzen Hoffnung und Wirklichkeit in schauspielerischer Gestik, der jene genannte formale Schönheit des Wortes eingeschrieben ist.
Sie realisiert, nun angetan mit einem sackleinenen Arbeitskleid, dass sie allein ist. Versichert sich ihrer Gefangenschaft. Tritt bis an die netzartige Trennlinie. Verharrt für Momente kopfschüttelnd und resigniert.
Vor dem finalen Chaos retardiert eine tänzerische Performation die Kaiserkrönung im verschatteten Halblicht von Cheikh Kébé und Giovanni Manzo. Höflinge, einst stolze Krieger, entledigen sich ihrer Kleidung, heben wie eine Apotheose des Menschen in seiner körperlichen und emotionalen Nacktheit ein Kreuz mit Titus in die Höhe.
Das Kreuz der verlorenen Liebe zu tragen, bleibt allein Bérénice. Auf den Vorhang eingeblendet sind die statistischen Elementarteilchen-Anteile des Lebensraums hier und heute, wie sie schon bereits vor dem Beginn der Tragödie zu buchstabieren waren: 0,000.000.3 Prozent Gold. Der Wert der Liebe mit Gold gewogen. Zu leicht im Machtspiel befunden. Sie kapituliert chancenlos.
Bérénice verlässt Rom. Auch Titus‘ Tränen können daran nichts ändern. Auf einem roten, von Spot-Light fokussierten Tuch kauernd, würgt sie stotternd ihre gekränkten Liebesgefühle heraus: „Ne me regardez pas!“ – Schaut mich nicht an!
Im Applaus schauen viele leuchtende Augen dann doch auf die unvergleichliche Huppert. Eine Schauspielerin per definitionem, wie nur sie für Castellucci eine solche Bérénice sein kann.
Peter E. Rytz