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Der besonderen Initiative des Hausherrn Jens Neundorff von Enzberg ist es zu verdanken, bildende Kunst noch stärker in den Theaterbetrieb einzubeziehen und dafür namhafte Gegenwartskünstler gewinnen zu können. Neben dem spartenübergreifenden, inzwischen 90-jährigen Allrounder Achim Freyer, Schüler von Bertolt Brecht, der 2021 in Meiningen bereits die Zauberflöte inszeniert hat, konnten der Düsseldorfer Künstlerfürst Markus Lüpertz und der britisch-deutsche Bildhauer Tony Cragg gewonnen werden.
Die selten aufgeführte fünfaktige Version in französischer Sprache aus dem Jahre 1886 stellt für jedes Haus eine große Herausforderung dar. Seit der zyklischen Aufführung des Rings durch Christine Mielitz 2001 ist das traditionsreiche Meininger Theater als besonderer Leistungsträger bekannt und Freyers akribisch umgesetzte Inszenierung scheint dort in besten Händen zu sein.
Als Regisseur, Bühnen- und Kostümbildner kreiert Freyer eine Art paradigmatisches Vermächtnis.
Ein mehrstufiges Einheitsbühnenbild in strengem Schwarzweiß bietet den Protagonisten auf verschiedenen Ebenen Raum. Großflächige Projektionen und Überblendungen mit Freyers eigenen Malereien aus verschiedenen Schaffensperioden erweitern die Ebenen optisch und schaffen einen komplexen Bühnenraum, der sich langsam fließend fortwährend verändert. Transluzente Gewebe und vor allem zwei schwarze, vertikal ausgerichtete Zeiger bringen eine geheimnisvolle Bewegung auf die Bühne. Farbige Lichtkonturen oder großformatige Farbfelder akzentuieren den Handlungsverlauf. Freyer zeichnet auch für Licht und Video verantwortlich.

Die Sängerdarsteller platziert Freyer meist isoliert auf ihren Spielflächen. Sie ziehen ihre Bahnen und interagieren nur durch den Gesang. Alles Geschehen ist stets frontal auf den Zuschauerraum ausgerichtet. Die Sänger schauen sich nicht an und berühren einander kaum. Jeder der Protagonisten zeichnet sich durch eine eigentümliche Gestikulation aus, die sich zu individuellen Chiffren entwickelt, die von ihren Ängsten, Wünschen, Träumen und Sehnsüchten zu erzählen scheinen. Zu Beginn der Aufführung scheint eher zweifelhaft, ob diese eigenwillige Bewegungschoreografie über knapp vier Stunden funktionieren kann. Aber das Spiel vermag seine ganz eigene Faszination zu entwickeln. Die eigentümliche Langsamkeit wird noch von den Kostümen Freyers unterstützt, wobei der Begriff Kostüm dem, was auf der Bühne zu sehen ist, nicht gerecht wird. Für jeden Darsteller hat er eigene Skulpturen aus einem starren schaumartigen Material entworfen, die ästhetisch irgendwo zwischen triadischem Ballett und Commedia dell‘Arte anzusiedeln sind. Allesamt überzeugend in ihrer kreativen Einzigartigkeit, teilweise wie bei Don Carlos und vor allem Elisabeth auch in der Lage, über das Kostüm die innere Befindlichkeit auszudrücken. So zeigt Elisabeths weißes Kleid immer wieder blutrote Aufbrüche, die sie vorwährend zu kaschieren versucht. Sinnbild für die ausweglose Liebe in einer so sehr von höheren Zwängen bestimmten Realität.
Über den Bühnenhintergrund ziehen schwarzkonturierte, scherenschnittartig anmutende, menschliche Tableaus in der Ästhetik einer Käthe Kollwitz als Zitat für die düsteren Momente von Krieg und Leid, Unterdrückung und Tod entsprechend dem geschichtlichen Rahmen der Opernvorlage.
Die sich durch die gesamte Inszenierung ziehende Gemächlichkeit wird lediglich durch die Choreografie des Bewegungschores ab und an aufgebrochen und führt zu einer erfrischenden, gegenläufigen Dynamik, wie sie zum Beispiel in der glutroten Autodafé-Szene zu einem der unvergesslichen Momente der Inszenierung wird.
Ansonsten scheinen die wenig handelnden Personen auf sich selbst zurückgeworfen in bedrückender Isolation auf der nahezu requisitenfreien Bühne gefangen. Lediglich ein überdimensioniertes schwarzes Schwert und eine rote Rose symbolisieren die gegenläufigen Pole des Spannungsfeldes der Handlung.
Selbst in Duett – oder Terzett-Szenen sind die Sänger niemals einander zugewandt, sondern hintereinanderstehend frontal nach vorne ausgerichtet. Für den Zuschauer macht Freyer „das Theater zu einem Spiegel, in dem er Figuren und Gefühle identifizieren kann“. Freyer stellt Fragen, gibt keine Antworten. Je nach Erfahrungs- und Wissensstand des Zuschauers stellt er Material bereit, das er durch eigene Hinterfragung erfassen und interpretieren kann. Frei von suggestiven Behauptungen oder Bestimmungen.
Freyer nimmt den Zuschauer in seinem durchaus schockierenden Soziogramm nicht an die Hand oder interpretiert das Beziehungsgeflecht. Das bleibt an diesem Abend dem Reichtum der Musik überlassen.
Unter der Ägide des jungen irischen Generalmusikdirektors Killian Farrell ist der Abend eine musikalische Offenbarung und setzt Maßstäbe. Die Meininger Hofkapelle spielt differenziert, wohlklingend und bestätigt ein weiteres Mal, dass das Orchester immer wieder über sich hinauszuwachsen in der Lage ist.
Sängerisch und darstellerisch überragt die Elisabeth von Dara Hobbs, die sich international einen hervorragenden Ruf als dramatischer Sopran erarbeitet hat. Besonders im deutschen Fach und da als gefragte Wagner-Heroin, verfügt sie über alle Voraussetzungen, der komplexen und anspruchsvollen Rolle der Elisabeth gerecht zu werden. Ihre Stimme zeichnet sich durch eine bemerkenswerte Tragfähigkeit und einen reichen, vollen Klang aus, der sowohl in lyrischen Passagen als auch in dramatischen Höhepunkten beeindruckt. Die Höhen der Partie erreicht sie mühelos.
Auch an der Leistung des Don Carlos von Matthew Vickers ist nichts auszusetzen. Der aktuell im Ensemble des Staatstheaters Darmstadt beheimatete Tenor glänzt in den Mittellagen und in der Höhe. Lediglich die besonderen darstellerischen Herausforderungen des regiegewollten Gestikulierens scheint zu minimalen Intonationsproblemen zu führen, die er im Laufe des Abends aber bravourös überwindet.
Trotz aller kommunikationsfernen, szenischen Besonderheiten kann sich Shin Taniguchi als Marquis von Posa darstellerisch und sängerisch charismatisch mit seinem geschmeidigen Bariton in Szene setzen. Selcuk Hakan Tirasoglu gibt mit Phillipe II ein Rollendebüt, das er mit seinem profunden Bass und überragender Präsenz bestens meistert.

Trotz aller eludierender Regie schafft Marianne Schechtel als Prinzessin Eboli mit ihrem wohlklingenden, warmen Mezzo wunderbare musikalische Momente. Ihre Arie O don fatale, in der sich Ebolis Reue und Verzweiflung ausdrücken, gerät zu einem der emotionalsten Momente des Abends und zu verdient anhaltendem Applaus.
Mark Hightower als Großinquisitor und Thomas Wija als Mönch sind hervorragend besetzt. Sara Maria Saalmann glänzt mit ihrem frischen Mezzosopran und darstellerischem Vermögen, wofür sie vom Publikum emphatisch bejubelt wird. Auch kleinere Rollen sind adäquat besetzt, wobei die Stimme aus der Höhe von Dorothea Böhm besonders erwähnt werden soll.
Außer Don Carlos und Elisabeth mit Matthew Vickers und Dara Hobbs sind alle Rollen aus dem hauseigenen Ensemble besetzt.
Die Chöre unter der Leitung von Roman David Rothenaicher sind einfach prächtig. Trotz der beachtlichen Größe des Chores gelingt ein ungemein differenzierter Klang.
Die veritable Produktion des Don Carlos wird vom Premierenpublikum frenetisch aufgenommen. Das ausverkaufte Haus scheint unter dem anhaltenden Applaus zu erbeben, der einfach nicht enden will.
Ein großes Lob für diesen ganz besonderen Opernabend und die unermüdliche Arbeit des Hauses zur Behauptung und Wahrung seiner Traditionen. Angesichts der gesellschaftlichen Verwerfungen zumal in Thüringen darf man die vulnerable Situation von subventionierter Hochkultur nicht ausblenden. Zukünftige politische Mehrheiten werden möglicherweise nicht zugunsten des Theaters im kleinen Bundesland Thüringen arbeiten, das noch immer einen gewichtigen Beitrag für die bundesdeutsche Kulturlandschaft leistet.
Achim Freyer als unentwegter Theaterrevolutionär, der sich immer wieder neu erfindet, äußerte den Wunsch, dass seine Inszenierung in Meiningen für lange Zeit im Repertoire verbleiben möge. Ob es den Meiningern allerdings vergönnt sein wird, dass Don Carlos ein ähnliches Schicksal erfährt wie seine Stuttgarter Skandalinszenierung des Freischütz von 1986, die heute immer noch als Kultinszenierung gefeiert wird, bleibt abzuwarten.
Freyer selbst beginnt in diesen Tagen bereits mit den Proben zu seinem nächsten Theaterprojekt: Der Inszenierung des Fliegenden Holländers in Gera, nur ein paar Kilometer weiter östlich in dem Bundesland gelegen, dessen politische und gesellschaftliche Zukunft so sehr im Fokus steht und hoffentlich nicht den Beginn einer Theaterdämmerung einläuten wird.
Bernd Lausberg