Vor dem neuen Album

RECORDING TIME
(Rebecca Trescher)

Besuch am
8. September 2024
(Einmalige Aufführung)

 

Insel, Wuppertal

Eine Band, die noch nie öffentlich aufge­treten ist, ein Programm mit fast ausschließlich Urauf­füh­rungen, und dann steht auch noch eine CD-Produktion ein paar Tage später beim Deutsch­landfunk Kultur ins Haus. Unter diesem vorder­gründig sehr sport­lichen Umstand werden Rebecca Trescher und ihre drei Kollegen im sozio­kul­tu­rellen Ort namens Insel vorstellig und sorgen dessen ungeachtet für einen kurzwei­ligen Abend. Manchen bleibt bestimmt der Mund offen stehen ob solcher Voraus­set­zungen. Wie soll das Konzert nur anständig über die Bühne gehen? Nun, es klappt. Der frene­tische, langan­hal­tende Schluss­ap­plaus spricht für sich.

Man kann also die Veran­staltung als eine General­probe für die kommenden Aufnahme-Sessions bezeichnen. Das ist keineswegs abwertend gemeint, sind doch solche Verfahren im Musik­business nicht unüblich. Es wird unter anderem die Homoge­nität im Zusam­men­spiel und die Impro­vi­sa­ti­ons­reife unter konzer­tanten Bedin­gungen getestet. Und sollte etwas nicht funktio­nieren, könnte anschließend noch nachge­bessert werden. Gerade im vorlie­genden Fall ist die Entscheidung aus bereits erwähnter Konstel­lation mehr als legitim. Auf den Namen Recording Time ist dementspre­chend der Abend getauft.

Foto © O‑Ton

Das Resultat kann sich hören lassen. Das hängt sicher auch damit zusammen, dass die vier Musiker Profis, im Jazz stilis­tisch absolut firm sind und auf eine vielseitige künst­le­rische Tätigkeit zurück­blicken können. Bandlea­derin Treschers Ruf als Klari­net­tistin, Basskla­ri­net­tistin und Kompo­nistin ist erstklassig. Sie wurde unter anderem vorletztes Jahr von dem US-ameri­ka­ni­schen Jazz-Magazin Down Beat zum „Rising Star“ gekürt, erhielt im selben Jahr den Deutschen Jazzpreis für die „Kompo­sition des Jahres“ und belegte mit ihrem anno 2019 gegrün­deten Tentet den Ersten Platz beim Neuen Deutschen Jazzpreis. Pianist Andreas Feith heimste ebenfalls einige Auszeich­nungen ein, arbeitete bereits mit etlichen hochka­rä­tigen Musikern zusammen oder koope­rierte bei der Aufnahme seines Debüt­albums Surviving mit der Klassik­ab­teilung des Bayeri­schen Rundfunks. Phil Donkin am Kontrabass kommt aus Großbri­tannien, ist in Sachen Modern Jazz in vieler Munde. Lang ist die Liste an bekannten Kollegen, mit denen er in seinem Heimatland, Deutschland und den USA koope­rierte, darunter Nils Wogram, Jim Mullen und Mark Turner. Till Brönner, Tony Lakatos, Frank Chastenier oder Ack van Rooyen sind einige der allseits bekannten Personen, mit denen Schlag­zeuger Tobias Backhaus musizierte oder bei exqui­siten Jazzor­chestern wie dem Berlin Jazz Orchestra und anderen Forma­tionen an Aufnahmen mitwirkte. So wundert es nicht, dass die vier Vollblut­mu­siker vorzüglich musika­lisch kommunizieren.

Bis auf das Stück High Attitude Air von Teschers in diesem Jahr erschie­nenen Tentet-Album Character Pieces werden nur neue Werke gespielt, die Trescher in diesem Sommer kompo­nierte: Zaubergang, Meander, Changing Perspec­tives, Nautical Twilight oder Song For The Night. Laut Treschers Anmode­ra­tionen ließ sie sich dazu von täglichen Begeben­heiten oder Gemüts­zu­ständen, etwa einem Sonnen­un­tergang, inspi­rieren. Entstanden seien Rohdia­manten, denen Feith den Feinschliff verpasst habe. Es sind eingängige, feinsinnige, emotionale, klanglich ein wenig an den Impres­sio­nismus gemah­nende, teils poesie­volle, teils lyrische, hochmu­si­ka­lische Tonschöp­fungen. Stilis­tisch können sie dem tradierten, klassi­schen Jazz zugeordnet werden. Hin und wieder werden die Tonalität durch harmo­nische Rückungen sowie alterierte Akkorde und Skalen hin zum leicht fassbaren modalen Jazz überführt. Das Schema der Kompo­si­tionen ähnelt sich: Mit oder ohne solis­ti­sches Intro wird das Thema in Form von Tonfolgen oder Melodien vorge­stellt. Impro­vi­sa­tionen, überwiegend von der Klari­net­tistin und dem Pianisten vorge­tragen, schließen sich an. Danach wird das Thema erneut gespielt.

Mit großer Akkura­tesse werden die Stücke aus der Taufe gehoben. Dabei entlockt Trescher ihren beiden Holzblas­in­stru­menten variable, warme Töne und glänzt mit fanta­sie­vollen Soli. Feith sorgt für abwechs­lungs­reichen, feinglied­rigen, harmo­ni­schen Unterbau und überzeugt mit einem perlenden Skalenspiel. Für das stets zuver­lässige, ab und an auch schön groovende Bassfun­dament ist Donkin zuständig. Und das sensible, profunde Schlag­zeug­spiel von Backhaus ist auch bei vertrackten rhyth­mi­schen Passagen eine stets verläss­liche Stütze.

Die Zugabe ist für Donkin die Gelegenheit, seine hohe virtuose Klasse voll zur Geltung zu bringen. Wiesel­flink gleitet bei seinem großen Solo die linke Hand über das Griff­brett, während die Finger der anderen ebenso gewandt die Saiten zupfen.

Hartmut Sassen­hausen

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