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Foto © Ennevifoto

Freiheit im Tod

CARMEN
(Georges Bizet)

Besuch am
7. September 2024
(Premiere am 8. Juni 1995)

 

Opern­fest­spiele, Arena di Verona

Die Oper Carmen von Georges Bizet zählt zu den meist­ge­spielten Opern weltweit und das nicht nur an den ganz großen Häusern. Es ist die eingängige, manchmal folklo­ris­tisch wirkende Musik mit ihren großen lyrischen und drama­ti­schen Passagen, die einem die Oper so nahebringt.  Die Ouvertüre ist fast schon eine eigene Marke, so hoch ist ihr Wieder­erken­nungswert. Carmen hat bis heute nichts an Aktua­lität verloren. Es ist das ewige Spiel um Liebe und Eifer­sucht, um Schuld­zu­wei­sungen und Verletz­barkeit, erotische Fantasien, um Ehre und Stolz, alles Themen, die auch in der heutigen Zeit eine wichtige Rolle spielen. Und deshalb stellt sich bei jeder Insze­nierung die Frage, wie geht das Konzept des Regis­seurs auf? Spielt er mit den gängigen Klischees, oder vermeidet er sie und sucht eine radikale Lösung? Beide Ansätze sind durchaus berechtigt und können auch voll aufgehen.

Foto © Ennevifoto

Bei den jährlichen Opern­fest­spielen in der Arena di Verona stellt sich die Fragen erst gar nicht, denn hier wird nicht mit Regie­theater herum­ex­pe­ri­men­tiert, sondern einem breiten Publikum die Schön­heiten des Werkes, und das nicht nur musika­lisch, präsen­tiert. Regisseur Franco Zeffi­relli, der Großmeister des Kinos, kam im Sommer 1995 mit einer mittler­weile legendär gewor­denen Carmen-Insze­nierung in die Arena di Verona. 2009, kurz vor seinem Tod, überar­beitete er seine eigene Insze­nierung neu. Bei den Festspielen 2022 hatten die Verant­wort­lichen in Verona  die große Ambition, Carmen so auf die Bühne zu bringen, wie sie noch nie zuvor zu sehen war: Die Insze­nierung integriert das ursprüng­liche Projekt von 1995 mit den besten Intui­tionen, die Zeffi­relli selbst für die Wieder­auf­nahme von 2009 übernommen hatte, und vor allem mit wichtigen szeni­schen Elementen, die hier zum ersten Mal überhaupt reali­siert wurden und die Zeffi­relli nur entworfen hatte, ohne sie jemals auf der Bühne zu sehen. Diese Carmen sollte also die endgültige Synthese der Vision sein, die Zeffi­relli im Laufe der Jahre entwi­ckelt hat, mit verschie­denen techni­schen Anpas­sungen und einer Rückkehr zum größt­mög­lichen Umfang der ersten Produktion. Ein Ergebnis, das dank der Betei­ligung der Franco-Zeffi­relli-Stiftung und der früheren Mitar­beiter Zeffi­rellis erreicht wurde, darunter Lucia Real, die die ursprüng­liche Choreo­grafie von El Camborio mit dem arenaei­genen Ballett aufgreifen wird, und mit der außer­ge­wöhn­lichen Betei­ligung des spani­schen Balletts der Compañia Antonio Gades unter der Leitung von Stella Arauzo. Die Kostüme sind die Origi­nal­kostüme von Anna Anni, und die Beleuchtung wurde von Paolo Mazzon neu gestaltet. Die großartige Insze­nierung ist nun in dieser Form in Verona seit 2022 zu sehen, beschließt die diesjäh­rigen 101. Festspiele der Arena di Verona und stand in diesem Jahr insgesamt neunmal auf dem Spielplan. Carmen wurde 1914, ein Jahr nach der ersten Aida, im Veroneser Amphi­theater erstmals aufge­führt und ist nach Verdis „Königin der Arena“ mit 286 Auffüh­rungen immer noch die meist­auf­ge­führte Oper.

Carmen ist das unbestrittene Meisterwerk von Georges Bizet, das auf der Grundlage der Novelle von Prosper Mérimée entstand und dank der Libret­tisten Meilhac und Halévy bald einen eigenen Charakter mit neuen Figuren und Situa­tionen erhielt. Das Werk stieß jedoch nicht sofort auf die erwartete Resonanz: Der erste Auffüh­rungs­zyklus an der Opéra comique in Paris war noch im Gange, als der Komponist vorzeitig starb. Von da an wurde Carmen mit den Rezita­tiven, die von seinem Kollegen Guiraud vertont wurden, in der ganzen Welt bekannt, und es begann ein Weg des überwäl­ti­genden und ununter­bro­chenen Erfolgs, dank der Stärke des Dramas, der Aktua­lität der Geschichte, der melodi­schen Erfindung ihres Autors und der Ikoni­zität der Atmosphären von Sevilla, die in der Partitur und auf der Bühne wieder­ge­geben wurden.

Zeffi­relli sieht Carmen nicht als männer­mor­denden Vamp, als der sie oft darge­stellt wird, sondern als selbst­be­stimmte Frau. Für ihn ist Carmen in ihrer Unabhän­gigkeit ihrer Zeit voraus und heißt den Tod als letzte Bekundung ihres unbedingten Freiheits­willens willkommen. Und das ist Zeffi­rellis Annäherung an das Sujet in seinem Regie­konzept. Carmen vereint und überhöht gleich­zeitig die Eigen­schaften, die eine Frau besitzen kann. Sie ist leiden­schaftlich bis zur Selbst­aufgabe, dreht sinnlich im roten Bereich und erreicht dadurch eine hohe emotionale und gefähr­liche Fallhöhe. Carmens größter Drang ist dabei, ihre Freiheit zu erlangen oder zu bewahren, sich unabhängig von den anderen zu machen. Selbst­be­stimmung und Emanzi­pation stehen im Mittel­punkt ihres Handelns. Die Dreiecks­be­ziehung zu Don José und Escamillo ist daher die logische Konse­quenz aus Carmens Persön­lich­keits­struktur. Für Carmen ist das höchste Gut ihre Freiheit. Niemals will sie sich den Zwängen der Gesell­schaft unter­werfen. Der angepasste Sergeant Don José ist faszi­niert von einer Frau, die sich einfach nimmt, was sie will. Er gibt alles für sie auf, seine Jugend­liebe Micaëla, in der er mehr die Projektion seiner Mutter sieht, seine Stellung beim Militär und schließt sich sogar einer Schmugg­ler­bande an. Er ist besessen von Carmen, die schon bald das Interesse an ihm verliert und dem todes­mu­tigen Stier­kämpfer Escamillo verfällt. José ist verzweifelt und will Carmen zurück, um jeden Preis. Dabei ist er Opfer seiner eigenen Dämonen, die ihn beherr­schen und ihn immer wieder zu gewalt­tä­tigen Ausbrüchen verleiten. Viel zu spät reali­siert er, dass er von Carmen nur als Mittel zum Zweck gebraucht wurde.

Zeffi­relli bietet Assozia­ti­ons­flächen für das Publikum an, ohne dabei unver­bindlich zu werden. Einer­seits spielt er mit den typisch spani­schen Klischees, dennoch ist seine Perso­nen­regie von einer eher subtilen Charak­ter­sprache geprägt. Hier die leiden­schaft­liche, sehr weibliche Carmen aus einer sozialen Unter­schicht, die nach Freiheit und Anerkennung giert. Don José einer­seits, der der Frau verfällt und für sie sämtliche Werte, die ihm einmal wichtig waren, über Bord wirft. Escamillo anderer­seits, der maskuline Star, der Carmen das Gefühl vermittelt, endlich ihr Ziel erreicht zu haben. Und dazwi­schen Micaëla, als weiblicher Antipode zur Carmen, die aufgrund ihrer Sozia­li­sation ihre eigenen Grenzen nicht zu überwinden mag und deshalb keine wirkliche Rivalin für Carmen ist.

Foto © Ennevifoto

Im Mittel­punkt des Bühnen­bildes, das ebenfalls von Zeffi­relli stammt, sind großflä­chige Bilder, die die jeweilige Szene illus­trieren, ohne ganz konkret zu werden. Zeffi­relli nutzt seine Erfah­rungen vom Kino, um die großflä­chige Bühne bestens auszu­staf­fieren und keinen unnötigen Platz zu verschenken. Schließlich reiten hier Soldaten auf Pferden über die Bühne, werden Planwagen mit Eseln gezogen. Das ist in dieser Form nur in Verona möglich.   Zeffi­relli bietet dem Publikum hier eine Atmosphäre, in der jeder nach seiner eigenen Vorstellung entscheiden kann, was der Raum für ihn bedeutet. Untermalt wird die Szenerie durch die atmosphä­risch reizvolle Licht­regie von Paolo Mazzon. Die Kostüme wurden von Anna Anni entworfen im typisch spani­schen Habitus. Die Soldaten wirken galant, die Arbei­te­rinnen in der Zigaret­ten­fabrik sind weder schmud­delig noch verschwitzt, sondern kommen ebenfalls in klassi­schen Kleidern auf die Bühne, was mehr der Optik auf der großen Bühne als einer realen Darstellung der Szenerie geschuldet ist.

Es sind die Sänger­dar­steller an diesem Abend, die aus der letzten Vorstellung der Saison ein umjubeltes Ereignis machen. Allen voran Alisa Kolosova in der Titel­rolle. Dass sie sich mit Carmen identi­fi­ziert, zeigt sie sänge­risch und darstel­le­risch mit leiden­schaft­lichem Spiel. Die Habanera singt sie mit lasziver Stimme. Ihr warmer Mezzo­sopran hat genau die erotische Tiefe in der Stimme, die für eine Carmen so prägnant ist, und sie kombi­niert das mit einer äußerst sinnlich-eroti­schen Darstellung und wird zu Recht umjubelt. Paolo Lardizzone verleiht der Partie des Don José einen ganz beson­deren Charak­terzug. Leiden­schaft um jeden Preis. Seine Blume­narie ist von betörender Schlichtheit, mit tenoralem Schmelz und sicherer Höhe. Die Verän­derung Don Josés vom einfachen, verliebten Soldaten zum aggres­siven, psycho­ti­schen Stalker setzt Lardizzone nicht nur darstel­le­risch, sondern auch sänge­risch mit großem Einsatz um. Aller­dings erscheint seine Stimme etwas zu klein für diese Bühne und die gewaltige Arena, dazu kommt eine gewisse Unsicherheit, die ihn ständig zum Dirigenten schauen lässt, was ihn dann doch etwas hemmt.

Foto © Ennevifoto

Mariangela Sicilia gefällt als Micaëla mit lyrischem, glocken­reinem Sopran, strah­lender Höhe und dezentem Spiel. Ihre große Arie Je dis que rien ne m‘ épouvante im dritten Akt singt sie innig und empathisch. Dafür bekommt sie großen und langan­dau­ernden Szenen­ap­plaus. Dalibor Jenis überzeugt als Escamillo mit schön­k­lin­gendem Bariton, vor allem mit seinem Torero-Auftrittslied, doch fehlt ihm das Testo­steron in der Stimme, um als siegreicher Torero so zu glänzen, dass die Frauen ihm reihen­weise zu Füssen fallen und die Männer Abstand halten. Die Neben­rollen, allen voran mit Alessia Nadin als Mercédès und Daniela Cappiello als Frasquita sind alle heraus­ragend besetzt, so dass das gesamte Ensemble einen großar­tigen sänge­ri­schen und darstel­le­ri­schen Eindruck hinterlässt.

Der Chor der Arena di Verona, einstu­diert von Roberto Gabbiani, ist stimmlich gut präsent und durch inten­sives Spiel in das Gesamt­ge­schehen integriert. Hervor­zu­heben ist dabei der Kinderchor, ebenfalls gesanglich hervor­ragend aufge­stellt, der sich mit engagierter Choreo­grafie einen Sonder­ap­plaus verdient hat. Gleiches gilt für die spani­schen Tänzer, die in der Umbau­pause vom dritten zum vierten Bild eine bravouröse Choreo­grafie zeigen, die vom Publikum begeistert aufge­nommen wird. Das Orchester der Arena di Verona unter der Leitung von Daniel Oren spielt einen inten­siven und zugkräf­tigen Bizet. Schon das bekannte Vorspiel ist flott und eingängig im ersten Teil, im zweiten Teil düster und melan­cho­lisch. Die Tempi wechseln, es flirrt und brodelt atmosphä­risch im Graben. Werden die Orches­tersoli durchaus prägnant und gerade hinaus gespielt, so ist die Begleitung der Sänger ein dienendes, den Gesang unter­strei­chendes Dirigat und Orches­ter­spiel. Oren und das Orchester der Arena di Verona werden zum Schluss ebenfalls umjubelt.

Das Publikum in der mit etwa 15.000 Zuschauern ausver­kauften Arena di Verona hat an diesem Abend ein beson­deres Gespür für die Leistungen im Orches­ter­graben, auf der Bühne und hinter den Kulissen. Einhellig wird das gesamte Ensemble mit langan­hal­tendem Applaus und Jubel bedacht. Obwohl es mittler­weile ein Uhr geworden ist, bleiben die Menschen in der lauwarmen Spätsom­mer­nacht noch eine Weile in der Arena, um die besondere Atmosphäre noch etwas auszu­kosten. Franco Zeffi­relli hat mit seiner Produktion eine sehens­werte Inter­pre­tation der Carmen im klassi­schen Gewand auf die Bühne gebracht, ohne große Aufreger, dafür eingängig und ideal für Opern­ein­steiger oder einem breiten Publikum, das eher nicht zu den routi­nierten Theater­gängern zählt. Und im kommenden Jahr, wenn vom 13. Juni bis zum 6. September die 102. Opern­fest­spiele in der Arena di Verona wieder statt­finden, wird die legendäre Insze­nierung der Carmen für insgesamt acht Vorstel­lungen zu sehen sein, neben Auffüh­rungen von Verdis Aida, Nabucco, La Traviata und Rigoletto.

Andreas H. Hölscher

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