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ITALIA NERA
(Otto Respighi, Luigi Nono, Giuseppe Verdi)
Besuch am
10. September 2024
(Einmalige Aufführung)
Das Orchester der Deutschen Oper Berlin zu Gast in der Philharmonie Berlin erzählt beim Musikfest 2024 mit Italia Nera die italienische Musikgeschichte über drei Generationen. Das Programm schlägt, insbesondere mit Feste Romane, Sinfonisches Gedicht für Orchester aus dem Jahr 1928 von Ottorino Respighi, gewissermaßen als Vorspiel zu Respighis selten aufgeführter Oper La fiamma, die Ende September in ihrem eigenen Haus Premiere haben wird, eine Brücke.
Die Pfeiler der Brücke verankert das 19. Jahrhundert mit der konzertanten Aufführung des IV. Aktes aus Giuseppe Verdis Oper Otello, mittig gehalten durch die 1920-er Jahre des 20. Jahrhunderts mit den Canti di vita e d’amore. Sul Ponte di Hiroshima aus dem Jahr 1962 von Luigi Nono für Sopran- und Tenor-Solo und Orchester steht für die zweite Hälfte des bewegenden Jahrhunderts.

Die enigmatischen Kompositionen sind von der deutschen romantischen Tradition ebenso inspiriert wie vom französischen Impressionismus und der russischen Musikgeschichte. Donald Runnicles dekliniert und reflektiert diese Kontexte mit dem Orchester auch im souveränen Wissen um die italienische Musikgeschichte des 17. und 18. Jahrhunderts. Alle drei Kompositionen sind Ausdruck von nichts anderem, als dass aus den überkommenen Traditionen neue Traditionen zu generieren sind. Das geschieht mit dem je eigenen Verständnis der Komponisten ihrer Zeit.
Respighis neo-romantische Breitwandmusik imaginiert mit den Feste eine Kameramusikfahrt durch voneinander historisch weit entfernte Landschaften. Mit Circensis, einem akustischen Cinemascope-Format, führt die Komposition mit mehrfachen Schlagwerken und Gongs direkt in die Arenen des Alten Roms, in den Circus Maximus. Das von Kaiser Nero als Volksbelustigung arrangierte grausame, tumultuarische Szenario, wenn Menschen im Kampf mit Löwen auf verlorenem Posten stehen, ihr Leben geopfert wird, kontrastiert mit dem Andante der Pilgerzüge in Giubileo. Leuchtet in L’Ottobrata und im finalen La Befana Jahrmarktstreiben unterschiedlicher kultureller Herkünfte aus.
Gegen die Neroschen Grausamkeiten beschwören die Canti von Nono eine lebendige Hoffnung auf das Ende jeglicher Form von Grausamkeit und kriminellem Wahnsinn. Die Liebeserklärung an das Leben interpretiert die Sopranistin Lilit Davtyan mit eindrucksvoller, gestisch unterstrichener Überzeugung. Aus dem Unhörbaren, wie aus einem Hoffnungs-Nichts aufscheinend, präludiert ihre Stimme kraftvoll. Nonos so abstrakt komponierte Canti assoziieren einen unmittelbaren Zeitbezug aus sich selbst heraus. Musik komplett neu denken, eine Maxime der Neuen Musik nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, intendiert immer auch die politischen Haltungen des Pazifisten, Humanisten und Antifaschisten Nono. Italia Nera, beworben als düsterer italienischer Abend, präsentiert mit ihm in jedem Fall einen Protagonisten der Hoffnung: „Du wirst es sein – wirklich und hell“ nach dem Gedicht Passerò per Piazza di Spagna von Cesare Pavese.

Mit Otello dominiert final freilich wieder die Düsternis menschlicher Tragik nach der Pause. Verdi komponiert entsprechend düstere Akkorde in sehr tiefen Instrumentallagen. Das dem vierten Akt vorausgegangene Credo in un Dio crudel che m‘ha creato beschreibt Jagos Handeln wie psychologisch sedimentierter Treibsand. Eifersucht, einmal geweckt, die im Gefühlschaos jede Verlässlichkeit, Berechenbarkeit und Orientierung aufgibt, wird fast zwangsläufig radikal, zum unberechenbaren Mahlstrom.
Federica Lombardi, eine der interessantesten, auch meist gefragtesten Sopranistinnen ihrer Generation, charakterisiert Desdemona im Scheitern einer exklusiven Liebesbeziehung mit geschmeidigen Koloraturen. Ein arioser Gesang, den sie als naiv Liebende zelebriert. Lyrisch in den Höhen, klar artikulierend. Selbst konzertant umweht ihr Sopran eine weltentrückte Sinnlichkeit.
In der Abschiedsszene Ave Maria piena di grazia erwartet Desdemona desillusioniert ihr Schicksal. Erkennend, dem von Jago inszenierten Schicksal nicht entgehen zu können, verabschiedet sie sich in einem Meer von Koloraturen höchster Verzückung von dieser Welt.
Roberto Alagna vermeidet es auffällig, einer häufig mit der Rolle des Otello verbreiteten Heldenpose in die Falle zu gehen. Allein sein sonor temperierter, klar und kraftvoll artikulierender Tenor profiliert Otello als einen tödlich gefühlsunfähigen Menschen: Dio! Mi potevi scagliar tutti i mali.
Das Orchester der Deutschen Oper leitet Runnicles präzis und fesselnd nach Respighi und Nono auch durch die Otello-Apotheose. Elegante Holzbläser, nuancierte Streicher, dynamische Blechbläser und drohend mächtiges Schlagwerk fesseln in Italia Nera insgesamt.
Peter E. Rytz