O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.
Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.
Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.
O-Ton
3-Monats-Abo
für jeweils 3 Monate
O-Ton
Jahres-Abo
pro Jahr
O-Ton
6-Wochen-Abo
für jeweils 6 Wochen
O-Ton
Jahres-Mitgliedschaft
für ein Jahr
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Kulturmagazin mit Charakter
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
KEIN ENDE/MOMENTOLOGY
(Carla Jordão, Caroline Simon)
Besuch am
13. September 2024
(Premiere)
Wenn die Ehrenfeldstudios in Köln als „Zentrum für darstellende Künste“ zur Tanzaufführung rufen, sollte man nicht lange zögern und den Abend schon gar nicht verpassen. Eher selten sind die großen, spektakulären Aufführungen, aber die sind ja gerade im Tanz auch nicht zwingend notwendig, um einen Abend zu erleben, den man lange in Erinnerung behält. Und so laden die Studios auch heute zu zwei Tanzsoli ein. Die es in sich haben, so viel sei schon jetzt verraten.
Den Anfang macht die Choreografie Kein Ende von Carla Jordão. Die Tänzerin und Choreografin ist in Lissabon geboren und studierte dort auch Tanz, ehe sie in Essen an der Folkwang-Universität ihren Master in Choreografie erwarb. Heute lebt und arbeitet sie in Köln. Sie widmet sich mit ihrer Choreografie einem der Lieblingsthemen der Ehrenfeldstudios – den alten Tänzern. Für ihr Solo hat sie Sônia Mota als Tänzerin gewinnen können. Mota wurde 1948 in São Paulo geboren. An der Öffentlichen Ballettschule ihrer Heimatstadt unternahm sie ihre ersten Karriereschritte, ehe sie 1970 nach Europa ging. Fortan arbeitete sie erfolgreich als Balletttänzerin auf beiden Kontinenten. Heute ist sie 76 Jahre alt, in einem Alter also, in dem man sich hartnäckigen Behauptungen zufolge seit mindestens 36 Jahren aus dem Tänzerberuf zurückgezogen hat. Nicht so Mota. Die schreitet hocherhobenen Hauptes im hautfarbenen Unterkleid mit einem Buch, einem Kamm und zwei Kleidern in der Hand die Stufen der Tribüne auf die Bühne hinab.

Sorgsam legt sie das Buch, den Kamm und die Kleider in einer Reihe auf dem Boden ab. Zur Musik von Helen Bedsoe, den Beatles und Jean-Baptiste Barrière absolviert sie ihren Tanz. Zunächst langsam, fast meditativ, steigert sie sich allmählich im Tempo, streift zwischenzeitlich ein schwarzes Kleid über, frisiert die Haare. Dabei fallen reihenweise Haarnadeln aus dem silbergrauen Haar. Was zunächst streng und würdevoll wirkt, wird so immer jünger und wilder. Das Publikum hat seine Freude daran ebenso wie an ihren getanzten Erinnerungen an große Erfolge, die sich als großer Applaus von der Festplatte äußern. Nein, sie hüpft nicht mehr wie eine junge Dohle über die Bühne. Vielmehr zeigt sie, dass Tanz mehr ist als die inzwischen selten gewordene Erotik 21-jähriger Tänzerinnen, die gekonnte Darstellung mindestens ebenso überzeugt, wenn auch auf einer anderen Ebene. „In meinem jetzigen Lebensjahrzehnt fängt mein Geist an, sich an meinen Körper anzupassen“, sagt sie selbst, als sie sich im zweiten Teil auf dem Boden niederlässt, um einem imaginären Interviewer seine Fragen zu beantworten – obwohl doch nichts mühsamer ist, als sich auf den Boden zu hocken. Mota gelingt es zu vermitteln, was Tanz ist. Besser vielleicht sogar als eine Mary Wigman, die Geschwindigkeit und Ausgelassenheit in den Vordergrund stellte. Je besser der Tänzer, desto eher wird ihm, wie bei Mota, der Ausdruck gelingen.
Just in diesen Tagen geht durch die Presse, dass ein 75-jähriger Dirigent noch einmal eine Vertragsverlängerung für fünf Jahre mit der Düsseldorfer Tonhalle unterzeichnet hat. Das ruft Unmut beim Publikum hervor. Und nicht zu Unrecht. Schließlich nimmt der alte Mann seinen Nachfolgern den Arbeitsplatz weg. Egal, wie gut er sein mag – es gibt Menschen, die behaupten, dass er sehr gut sei, es gibt auch andere Stimmen – seine Zeit am Pult ist vorbei. Es reicht, möchte man dem alten Mann zurufen. Gilt das dann auch für die alte Frau, die ihre Zeit auf der Bühne verbringt, anstatt in einem Altenheim die Enkel zu Kaffee und Kuchen zu empfangen? Weit gefehlt. Hier steht eine große Tänzerin, die niemandem den Arbeitsplatz wegnimmt, sondern stattdessen dafür sorgt, dass das Publikum auf ausgesprochen unterhaltsame Weise mehr über das Phänomen Tanz erfährt, als es ihm ganze Compagnien junger Hüpfer, pardon, Nachwuchskünstler vermitteln könnten. Und so darf sich Mota an diesem Abend zurecht ausgiebig feiern lassen – und mit ihr Jordão, die den Fokus goldrichtig gesetzt hat.

Mit einem ganz anderen Aspekt des Tanzes setzt sich Caroline Simon in ihrem Tanzsolo Momentology #5 auseinander. In Brüssel geboren, studierte sie Bühnentanz, zunächst bei Anne Teresa De Keersmaeker. In Rotterdam beendete sie ihr Studium als Tänzerin und Tanzpädagogin mit dem Schwerpunkt Improvisation. Das Thema Improvisation hat sie bis heute nicht losgelassen. Im August vergangenen Jahres startete sie die Reihe Momentology in den Ehrenfeldstudios. Üblicherweise heißt Tanz Proben hart erarbeiteter Figuren und Abläufe, bis das Grundgelenk des kleinen Zehs im richtigen Moment knackt. Wer sich hier auf Improvisation einlässt, landet schnell in der Beliebigkeit. Möglicherweise hat das Thema deshalb bis heute keine besondere Bedeutung erlangt. Simon ficht das nicht an. Wie in der Musik gilt auch im Tanz: Man muss ganz besonders gut im Handwerk sein, um sich den gelungenen Seitensprung erlauben zu können.
Zwei Voraussetzungen will Simon erfüllt sehen, ehe sie sich auf das Abenteuer einlässt. Silke Z., künstlerische Leiterin der Ehrenfeldstudios und von Silke Z. Resistdance, einer Companie, die im nächsten Monat 25 Jahre alt wird, hält ein musikalisches Programm bereit, und Garlef Kessler, technischer Leiter der Ehrenfeldstudios seit 2019, schafft ein passendes Lichtdesign. Die Besonderheit: Beide agieren live.
Mit TickTock von Hans Zimmer geht es eher beschaulich los, während Simon den Raum ausmisst, im Stil alter Pantomime Figuren erschafft und mit PushUp von Creeds allmählich Fahrt aufnimmt. Auch diese Tänzerin hat keine Angst vor dem Wort. Sie erzählt, aus welchen früheren Produktionen ihre Bühnenkleidung – eine grüngestreifte Bluse zu grauer Hose – stammt, was zu trocken-humorvollen Bemerkungen über das Alter führt. Dass es auch melancholisch sein darf, wird klar, wenn die Mad World von Tears for Fears erklingt, und doch ist es nur die Vorstufe zum orgiastischen Gesuhle auf dem Tanzboden, begleitet von ihren Begeisterungsrufen. Eine köstliche Einlage! Mit Formidable von Stromae geht es gutgelaunt dem Ende entgegen. Es lohnt sich, das Video anzuschauen, um zu verstehen, wie sich das französische Lied wie eine zweite Haut über den Tanz legt. Nach nur 30 viel zu kurzen Minuten, aber das gehört zum Konzept der Improvisationsreihe, ist der mitunter nachdenklich stimmende, humorvolle, andeutungsweise poetische Spaß zu Ende. Auch hier zurecht langanhaltender Applaus, der zeigt, dass es beim Publikum durchaus ein Interesse an gut getanzter Improvisation gibt.
So kurzweilig der Abend ist, so wenig eilig haben es die Besucher anschließend, nach Hause zu kommen. Da muss noch Zeit sein für Getränke und Gespräche mit den Künstlern. Und wenn es eine weitere Aufführung am 14. September gibt, ist klar, dass es keine Wiederholung sein kann.