O-Ton im Abonnement ist mehr!

Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.

Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.

Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.

O-Ton 

3-Monats-Abo

  • +3 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 16,-
 €

für jeweils 3 Monate

Unsere Top-Empfehlung!

O-Ton 

Jahres-Abo

  • +7 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 48,-

pro Jahr

O-Ton 

6-Wochen-Abo

  • sofort loslesen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 9,-

für jeweils 6 Wochen

O-Ton 

Jahres-Mitgliedschaft

  • keine automatische Verlängerung
  • keine Werbeanzeigen
  • Zugang verfällt nach Ablauf
nur 48,-

für ein Jahr

Foto © O-Ton

Schmunzeln und Staunen

KEIN ENDE/​MOMENTOLOGY
(Carla Jordão, Caroline Simon)

Besuch am
13. September 2024
(Premiere)

 

Ehren­feld­studios, Köln

Wenn die Ehren­feld­studios in Köln als „Zentrum für darstel­lende Künste“ zur Tanzauf­führung rufen, sollte man nicht lange zögern und den Abend schon gar nicht verpassen. Eher selten sind die großen, spekta­ku­lären Auffüh­rungen, aber die sind ja gerade im Tanz auch nicht zwingend notwendig, um einen Abend zu erleben, den man lange in Erinnerung behält. Und so laden die Studios auch heute zu zwei Tanzsoli ein. Die es in sich haben, so viel sei schon jetzt verraten.

Den Anfang macht die Choreo­grafie Kein Ende von Carla Jordão. Die Tänzerin und Choreo­grafin ist in Lissabon geboren und studierte dort auch Tanz, ehe sie in Essen an der Folkwang-Univer­sität ihren Master in Choreo­grafie erwarb. Heute lebt und arbeitet sie in Köln. Sie widmet sich mit ihrer Choreo­grafie einem der Lieblings­themen der Ehren­feld­studios – den alten Tänzern. Für ihr Solo hat sie Sônia Mota als Tänzerin gewinnen können. Mota wurde 1948 in São Paulo geboren. An der Öffent­lichen Ballett­schule ihrer Heimat­stadt unternahm sie ihre ersten Karrie­re­schritte, ehe sie 1970 nach Europa ging. Fortan arbeitete sie erfolg­reich als Ballett­tän­zerin auf beiden Konti­nenten. Heute ist sie 76 Jahre alt, in einem Alter also, in dem man sich hartnä­ckigen Behaup­tungen zufolge seit mindestens 36 Jahren aus dem Tänzer­beruf zurück­ge­zogen hat. Nicht so Mota. Die schreitet hocher­ho­benen Hauptes im hautfar­benen Unter­kleid mit einem Buch, einem Kamm und zwei Kleidern in der Hand die Stufen der Tribüne auf die Bühne hinab.

Caroline Simon – Foto © O‑Ton

Sorgsam legt sie das Buch, den Kamm und die Kleider in einer Reihe auf dem Boden ab. Zur Musik von Helen Bedsoe, den Beatles und Jean-Baptiste Barrière absol­viert sie ihren Tanz. Zunächst langsam, fast meditativ, steigert sie sich allmählich im Tempo, streift zwischen­zeitlich ein schwarzes Kleid über, frisiert die Haare. Dabei fallen reihen­weise Haarnadeln aus dem silber­grauen Haar. Was zunächst streng und würdevoll wirkt, wird so immer jünger und wilder. Das Publikum hat seine Freude daran ebenso wie an ihren getanzten Erinne­rungen an große Erfolge, die sich als großer Applaus von der Festplatte äußern. Nein, sie hüpft nicht mehr wie eine junge Dohle über die Bühne. Vielmehr zeigt sie, dass Tanz mehr ist als die inzwi­schen selten gewordene Erotik 21-jähriger Tänze­rinnen, die gekonnte Darstellung mindestens ebenso überzeugt, wenn auch auf einer anderen Ebene. „In meinem jetzigen Lebens­jahr­zehnt fängt mein Geist an, sich an meinen Körper anzupassen“, sagt sie selbst, als sie sich im zweiten Teil auf dem Boden nieder­lässt, um einem imagi­nären Inter­viewer seine Fragen zu beant­worten – obwohl doch nichts mühsamer ist, als sich auf den Boden zu hocken. Mota gelingt es zu vermitteln, was Tanz ist. Besser vielleicht sogar als eine Mary Wigman, die Geschwin­digkeit und Ausge­las­senheit in den Vorder­grund stellte. Je besser der Tänzer, desto eher wird ihm, wie bei Mota, der Ausdruck gelingen.

Just in diesen Tagen geht durch die Presse, dass ein 75-jähriger Dirigent noch einmal eine Vertrags­ver­län­gerung für fünf Jahre mit der Düssel­dorfer Tonhalle unter­zeichnet hat. Das ruft Unmut beim Publikum hervor. Und nicht zu Unrecht. Schließlich nimmt der alte Mann seinen Nachfolgern den Arbeits­platz weg. Egal, wie gut er sein mag – es gibt Menschen, die behaupten, dass er sehr gut sei, es gibt auch andere Stimmen – seine Zeit am Pult ist vorbei. Es reicht, möchte man dem alten Mann zurufen. Gilt das dann auch für die alte Frau, die ihre Zeit auf der Bühne verbringt, anstatt in einem Altenheim die Enkel zu Kaffee und Kuchen zu empfangen? Weit gefehlt. Hier steht eine große Tänzerin, die niemandem den Arbeits­platz wegnimmt, sondern statt­dessen dafür sorgt, dass das Publikum auf ausge­sprochen unter­haltsame Weise mehr über das Phänomen Tanz erfährt, als es ihm ganze Compa­gnien junger Hüpfer, pardon, Nachwuchs­künstler vermitteln könnten. Und so darf sich Mota an diesem Abend zurecht ausgiebig feiern lassen – und mit ihr Jordão, die den Fokus goldrichtig gesetzt hat.

Sônia Mota – Foto © O‑Ton

Mit einem ganz anderen Aspekt des Tanzes setzt sich Caroline Simon in ihrem Tanzsolo Momen­tology #5 ausein­ander. In Brüssel geboren, studierte sie Bühnentanz, zunächst bei Anne Teresa De Keers­maeker. In Rotterdam beendete sie ihr Studium als Tänzerin und Tanzpäd­agogin mit dem Schwer­punkt Impro­vi­sation. Das Thema Impro­vi­sation hat sie bis heute nicht losge­lassen. Im August vergan­genen Jahres startete sie die Reihe Momen­tology in den Ehren­feld­studios. Üblicher­weise heißt Tanz Proben hart erarbei­teter Figuren und Abläufe, bis das Grund­gelenk des kleinen Zehs im richtigen Moment knackt. Wer sich hier auf Impro­vi­sation einlässt, landet schnell in der Belie­bigkeit. Mögli­cher­weise hat das Thema deshalb bis heute keine besondere Bedeutung erlangt. Simon ficht das nicht an. Wie in der Musik gilt auch im Tanz: Man muss ganz besonders gut im Handwerk sein, um sich den gelun­genen Seiten­sprung erlauben zu können.

Zwei Voraus­set­zungen will Simon erfüllt sehen, ehe sie sich auf das Abenteuer einlässt. Silke Z., künst­le­rische Leiterin der Ehren­feld­studios und von Silke Z. Resist­dance, einer Companie, die im nächsten Monat 25 Jahre alt wird, hält ein musika­li­sches Programm bereit, und Garlef Kessler, techni­scher Leiter der Ehren­feld­studios seit 2019, schafft ein passendes Licht­design. Die Beson­derheit: Beide agieren live.

Mit TickTock von Hans Zimmer geht es eher beschaulich los, während Simon den Raum ausmisst, im Stil alter Pantomime Figuren erschafft und mit PushUp von Creeds allmählich Fahrt aufnimmt. Auch diese Tänzerin hat keine Angst vor dem Wort. Sie erzählt, aus welchen früheren Produk­tionen ihre Bühnen­kleidung – eine grünge­streifte Bluse zu grauer Hose – stammt, was zu trocken-humor­vollen Bemer­kungen über das Alter führt. Dass es auch melan­cho­lisch sein darf, wird klar, wenn die Mad World von Tears for Fears erklingt, und doch ist es nur die Vorstufe zum orgias­ti­schen Gesuhle auf dem Tanzboden, begleitet von ihren Begeis­te­rungs­rufen. Eine köstliche Einlage! Mit Formi­dable von Stromae geht es gutge­launt dem Ende entgegen. Es lohnt sich, das Video anzuschauen, um zu verstehen, wie sich das franzö­sische Lied wie eine zweite Haut über den Tanz legt. Nach nur 30 viel zu kurzen Minuten, aber das gehört zum Konzept der Impro­vi­sa­ti­ons­reihe, ist der mitunter nachdenklich stimmende, humor­volle, andeu­tungs­weise poetische Spaß zu Ende. Auch hier zurecht langan­hal­tender Applaus, der zeigt, dass es beim Publikum durchaus ein Interesse an gut getanzter Impro­vi­sation gibt.

So kurzweilig der Abend ist, so wenig eilig haben es die Besucher anschließend, nach Hause zu kommen. Da muss noch Zeit sein für Getränke und Gespräche mit den Künstlern. Und wenn es eine weitere Aufführung am 14. September gibt, ist klar, dass es keine Wieder­holung sein kann.

Michael S. Zerban

Teilen Sie O-Ton mit anderen: