O-Ton im Abonnement ist mehr!

Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.

Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.

Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.

O-Ton 

3-Monats-Abo

  • +3 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 16,-
 €

für jeweils 3 Monate

Unsere Top-Empfehlung!

O-Ton 

Jahres-Abo

  • +7 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 48,-

pro Jahr

O-Ton 

6-Wochen-Abo

  • sofort loslesen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 9,-

für jeweils 6 Wochen

O-Ton 

Jahres-Mitgliedschaft

  • keine automatische Verlängerung
  • keine Werbeanzeigen
  • Zugang verfällt nach Ablauf
nur 48,-

für ein Jahr

Ende offen

SALOME
(Richard Strauss)

Besuch am
15. September 2024
(Premiere)

 

Oper Wuppertal

Unter der neuen Intendanz von Rebekah Rota konso­li­diert sich der Opern­be­trieb in Wuppertal zunehmend. Die Produk­tionen der ersten Spielzeit, angefangen bei Tristan und Isolde bis hin zu Die lustigen Weiber von Windsor, werden stilsicher und musika­lisch äußerst anspre­chend auf die Bühne gebracht.

Vor fast zehn Jahren wurde in Wuppertal unter der unglück­lichen Intendanz von Kamioka zuletzt die Salome aufge­führt, insze­niert von Michiel Dijkema in einem ästhe­tisch beein­dru­ckenden Bühnen­konzept. Die Erwar­tungen an die Neuin­sze­nierung sind entspre­chend hoch.

Richard Strauss’ Oper Salome, 1905 am König­lichen Opernhaus Dresden urauf­ge­führt, ist eine der ersten Litera­tur­opern und eine konge­niale Verbindung von Text und Musik. Seine klang­ma­le­rische Musik, die die Abgründe mensch­licher Psychen ausleuchtet und darstellt, stellt höchste Anfor­de­rungen an Orchester und Solisten.

Regis­seurin Andrea Schwalbach insze­niert das düstere Drama behutsam histo­ri­sierend in einem von Britta Leonhard entwor­fenen dunklen Bühnenraum mit zwei versetzten Spiel­flächen und wenigen aufstei­genden Stufen im Hinter­grund. Ein schmaler Krater im Bühnen­boden zeigt den Eingang zum Verlies des Propheten Jochanaan, den Salome mit Haut und Haaren begehrt.

Es entsteht ein offener Illusi­onsraum, in dem sich die grausam-faszi­nie­rende Handlung des Dramas und die zwar perverse, aber durchaus ambiva­lente Liebe Salomes entfalten können. Dezent einge­setzte Licht­ef­fekte und die licht­um­rissene Scheibe des übergroßen Mondes verwandeln die Bühne stimmungsvoll, ohne Brüche und Zäsuren in der Wahrnehmung. Der Fokus liegt auf den handelnden Personen, die immer wieder reizvolle Tableaus bilden und den Raum optimal nutzen. Die wenigen dynami­schen Gruppen­szenen mit Juden und Nazarenern, die in einem wider­stre­benden Disput vereint sind, werden geschickt choreografiert.

Foto © Bettina Stöß

Die ebenfalls von Britta Leonhard entwor­fenen Kostüme zeigen durchweg einen Kanon von Schwarz und Weiß, der lediglich in den opulent ausge­stat­teten Erschei­nungen von Herodes und Herodias farblich aufge­brochen wird.

Bei jeder Neuin­sze­nierung darf man auf Salomes Tanz der sieben Schleier gespannt sein. Kati Farkas setzt die immer wieder­keh­rende Heraus­for­derung, neue und unver­wech­selbare Akzente zu setzen, intel­ligent und packend um. Die Einleitung zum Tanz wird zu einem Pas de Deux von Salome und dem Pagen der Herodias, der in der Hosen­rolle von Ensem­ble­mit­glied Edith Grossmann zu einer zentralen Figur aufge­wertet wird. Während der tänze­ri­schen Inter­ak­tionen munitio­niert der Page Salome mit allem, was sie zur Verführung des geifernden Herodes einsetzen kann. Zuerst mit klischee­haften Acces­soires wie Schaft­stiefeln, falschem Kragen und Stock, dann aber wird Salome durch ein gelbes Kostüm und eine rote Perücke zur Erscheinung der Herodias stili­siert. Mutter und Tochter sehen sich plötzlich ihrem eigenen Spiegelbild gegenüber und scheinen erschrocken. Beim anschlie­ßenden Schlei­ertanz wird Salome erneut entkleidet. In leichter Unter­wäsche bemächtigt sie sich unter anderem der Schals der fünf in das Geschehen invol­vierten Juden und präsen­tiert sich rollen­konform lasziv. Der aufs Äußerste erregte Herodes kommt ihr im wahrsten Sinne des Wortes hautnah. Beim eksta­ti­schen Höhepunkt der Szene beginnt Salome, ihr Oberteil nach oben zu schieben, aber die lustvolle Blöße bleibt Illusion. Das Licht erlischt, und Herodes ist wie hypnotisiert.

Im Folgenden nimmt das Drama seinen Lauf, in dem Salome den Eid von Herodes gnadenlos einfordert und den Preis, also den Kopf des Jochanaan, letztlich nach langem Aufbäumen auch erhält. Die Exekution wird in dieser Insze­nierung ebenfalls vom Pagen durch­ge­führt, der schließlich das Schwert auf der Bühne zurück­lässt und sich zusammen mit allen anderen Protago­nisten entfernt. Nur Salome und Herodes bleiben während des bizarr-schau­rigen Liebes­ge­sangs an den enthaup­teten Jochanaan auf der Bühne. Der blutige Kopf, den Salome fortwährend in den Händen hält und auf ihren Körper legt, scheint plötzlich wie entzaubert und ohne jegliche Faszi­nation. Sie wirft das Haupt des Propheten emoti­onslos in den offenen Krater. Für den entsetzten Herodes ist das endgültig der Anlass, Salomes Tod zu befehlen. Doch niemand ist geblieben, um diesen Befehl ausführen zu können. Und so stürzen sich Herodes und Salome, in tiefer Gegner­schaft vereint, auf das blutige Schwert, das zwischen ihnen liegt. Die Dunkelheit lässt offen, wer am Ende wen niederstreckt.

Der finale Regiecoup ist gewagt, aber in der drama­tur­gi­schen Gesamt­kon­stel­lation durchaus zulässig. Wer wird gerichtet: die männer­ver­zeh­rende Femme fatale oder der in seinen Begierden schamlos übergriffige Herrscher? Insgesamt eine überzeu­gende und stimmige Regie­arbeit von Schwalbach.

Foto © Bettina Stöß

Musika­lisch liegt die Aufführung bei Patrick Hahn in besten Händen. Seit 2021 leitet er das Sinfo­nie­or­chester Wuppertal und behauptet die gute Reputation des A‑Orchesters eindrucksvoll. Ihm gelingt es, im Zusam­men­spiel von Orchester und Solisten eine große atmosphä­rische Dichte der expres­sio­nis­tisch anmutenden Klang­welten zu erzeugen. Die Partitur von Salome erfordert eine der größten Orches­ter­be­set­zungen und sorgt auch hier für beein­dru­ckende musika­lische Opulenz.

Alle vier Haupt­partien sind in Wuppertal mit hervor­ra­genden Gästen besetzt, die Inten­dantin Rota aus ihrer Zeit als Opern­ma­na­gerin am Staats­theater Karlsruhe kennt. Davon profi­tieren nun die Wupper­taler Bühnen.

Im Mittel­punkt der Insze­nierung steht natürlich Salome, überragend inter­pre­tiert von Helena Juntunen, die die Partie bereits 2017 an der Straß­burger Oper verkör­perte. Ihr Sopran verfügt über zahlreiche Schat­tie­rungen und überzeugt sowohl in den drama­ti­schen Höhen als auch in vibrie­render Tiefe. Sie wird der anspruchs­vollen Partie sowohl darstel­le­risch als auch gesanglich voll und ganz gerecht. Eine agile Bühnen­per­sön­lichkeit, die kindliche Verletz­lichkeit ebenso wie monströse Begierde überzeugend darstellen kann.

Überragend ist auch Matthias Wohlbrecht als lüsterner Herodes. Die Rolle, mit der er erst im Frühjahr an der Oper Frankfurt brillierte, scheint wie für ihn geschaffen. Seine große und facet­ten­reiche Tenor­stimme trägt die gesamte Aufführung.

An seiner Seite überzeugt die Mezzo­so­pra­nistin Gundula Hintz als Herodias, die als Opern-und Konzert­sän­gerin alle Voraus­set­zungen mitbringt, die hyste­risch-schrille Gattin des Tetrarchen glaubhaft zu verkörpern.

Michael Kupfer-Radetzky gibt den Jochanaan mit kräftigem Bariton, der in den Höhen eine enorme Durch­schlags­kraft und Bedroh­lichkeit entfaltet. Etwas verzerrt und schwer zu verorten sind jedoch seine Rufe aus der Tiefe, die durch Verstärker aus Lautspre­chern von oben und nicht von unten kommen.

Ensem­ble­mit­glied Sangmin Jeon zeigt sich als Hauptmann, der den Versu­chungen der Salome leidvoll erliegt. Auch in dieser Produktion bewährt er sich mit seinem jugend­lichen Tenor hervor­ragend. Einen minimalen Punkt­abzug gibt es in der Darstellung für den nicht enden wollenden Todes­kampf in den Armen des Pagen. Edith Grossman gibt mit schönem Mezzo der kleinen Hosen­rolle des Pagen mit ihrer regie­tech­nisch angelegten Mehrdeutung eine eindrucks­volle, facet­ten­reiche Note. Die übrigen Neben­rollen sind angemessen besetzt.

Nach einigen Momenten der stillen Betrof­fenheit entfesselt sich im nur zu zwei Dritteln gefüllten Haus der Jubel des Publikums, der die Leistungen der Sänger, des Sinfo­nie­or­chesters Wuppertal unter der Leitung von Patrick Hahn und das gesamte Regieteam einschließt.

Möge dem Opernhaus Wuppertal unter der engagierten Leitung wieder mehr Rückhalt und Interesse in der Stadt­ge­sell­schaft zuteil­werden. Das Haus hat die Chance durch die erfolg­reiche Arbeit der vergan­genen Monate mehr als verdient.

Bernd Lausberg

Teilen Sie O-Ton mit anderen: