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Foto © Sandra Then

Mythos und Utopie

NABUCCO
(Giuseppe Verdi)

Besuch am
15. September 2024
(Premiere)

 

Deutsche Oper am Rhein, Oper Düsseldorf

Giuseppe Verdis Opern, darunter Nabucco, sind die ersten Werke, die den 16-jährigen Vitali Alekseenok in Minsk mit der Kunst der Oper in Berührung bringen. 17 Jahre später stellt sich der 33-Jährige mit Verdis dritter Oper als neuer Chefdi­rigent der Deutschen Oper am Rhein nach zweijäh­rigem Engagement als Erster Kapell­meister dem anspruchs­vollen Publikum der Landes­haupt­stadt vor. Dem Gewinner des Arturo-Toscanini-Dirigen­ten­wett­be­werbs 2021 in Parma gelingt mit den inspi­rierten Düssel­dorfer Sympho­nikern, dem glänzend einge­stellten Chor und Extrachor sowie einem auf Belcanto-Niveau agierenden Sänger­ensemble eine fulmi­nante Eröff­nungs­pre­miere der neuen Spielzeit.

Mit Nabucco schafft Verdi, gerade einmal 29-jährig, 1842 an der Mailänder Scala seinen Durch­bruch. Der Aufsteiger aus Busseto etabliert sich als fixe Größe im Opern­be­trieb. Das Werk wird in den drei Jahren nach der Urauf­führung an mindestens 33 italie­nische Bühnen übernommen. Der trium­phale Erfolg des Dramma lirico, beflügelt durch die kollektive Stimmungslage im italie­ni­schen Risor­gi­mento, führt den boden­stän­digen Kompo­nisten gar erstmals ins Ausland. Verdi dirigiert im April 1843 die Wiener Premiere seines Nabucco höchst eigenhändig.

So unbestritten der Stellenwert von Nabucco im Opern­kanon des 19. Jahrhun­derts und seine Selbst­ver­ständ­lichkeit heute im Welterbe der klassi­schen Musik, so proble­ma­tisch der Umgang mit dem alttes­ta­men­ta­ri­schen Stoff für die Regie. Schon Verdi geht es gar nicht um das Sakrale, das über dem Konflikt zweier verfein­deter Völker im sechsten Jahrhundert vor Christus steht. Temis­tocle Solera, sein Librettist, stellt den Macht­hunger des babylo­ni­schen Königs und dessen illegi­timer Tochter Abigaille in das Zentrum des Dramas.

Nabucco-Auffüh­rungen im Stil einer sakralen Weihe­stunde und mit einem alles verklä­renden Finale, in dem Poten­taten aus unerklär­lichem Altru­ismus einem ganzen Volk die Freiheit schenken, gelten heute als weitgehend unvor­stellbar. Allen­falls sind sie noch als Massen­spek­takel in der Arena von Verona auffindbar. Erst recht undenkbar sind Bühnen­bilder mit dem Protz der babylo­ni­schen Blütezeit, die im Rausch archi­tek­to­ni­scher Glanz­leis­tungen ihre Krönung finden. Nabucco wird vielmehr als Vorlage für einen pragma­ti­schen Pazifismus geschätzt. Nicht in den Völkern ist der destruktive Antago­nismus zu sehen, sondern im Verhältnis von Poten­taten zu ihren Unter­tanen, die den Krieg als Mittel zum Macht­erhalt nutzen. Folglich sind die Völker berufen, sich mit ihrer ureigenen Kraft aufzu­lehnen und gegen die Aggres­soren zu verbünden.

Foto © Sandra Then

2019 verlegt der im Moskauer Hausarrest gehaltene, russische Regisseur Kirill Serebren­nikow an der Staatsoper Hamburg seine Nabucco-Insze­nierung an den New Yorker Zentralsitz der UNO. Er zeichnet Nabucco als syrischen Poten­taten, lässt Va, pensiero, sull´ali dorate, den legen­dären Chor der hebräi­schen Sklaven, von einem 40 Mitglieder umfas­senden Projektchor syrischer Geflüch­teter singen. Dem in Soleras Text und in Verdis Melodien angelegten Verständnis mit den Poten­taten, seien diese weltliche Herrscher oder Religi­ons­führer, die Gott Jahwe oder dem Götzen Baal folgen, ist der Boden komplett entzogen.

Einen noch konse­quen­teren Schritt weiter geht Ilaria Lanzino in ihrer Düssel­dorfer Insze­nierung. Sie trans­for­miert die Origi­nal­schau­plätze – Tempel von Jerusalem, Burg und Hängende Gärten zu Babylon, Ufer des Euphrats – in ein erschre­ckend heutiges Jetzt. Lange Video­se­quenzen von Hochhäusern und vom alltäg­lichen Leben in den Wohnsilos während der Ouvertüre lassen Speku­la­tionen über Zeit und Ort der Insze­nierung gegen­standslos erscheinen. Die Video­spe­zia­listen Andreas Etter und Fabio Stoll zeigen dabei, wie meisterlich sie ihr Metier beherrschen.

Lanzinos im Team mit der Ausstat­terin Dorota Caro Karolczak und der Kostüm­bild­nerin Carola Volles ersonnene Bühne erlaubt sich ein perma­nentes Spiel mit wechselnden Projek­tionen auf die Protago­nisten, gesteigert durch auf- und nieder­fah­rende Spiegel, die den Eindruck ganzer Völker­scharen vermitteln. Durch den Krieg haben die Menschen auf beiden Seiten ihren Halt, buchstäblich den Boden verloren. Den Staub ihrer zerstörten Häuser tragen sie wie eine Schicht der Last mit sich. Die gesell­schaft­liche Hierarchie ist ins Wanken geraten. Das weiße Gold des Balkons am Palast Nabuccos ist trüge­risch. Der Ratssaal hat den Charme einer Oligar­chen­clique im Osteuropa der 1930-er Jahre. Nichts ist stimmig, alles in einem Fluss des Abschieds vom Estab­lishment. Die im Zentrum der Bühne aufge­türmten Barri­kaden erweisen sich nicht als Instanz des Trennenden, sondern ziehen beide Völker magne­tisch zueinander.

Schlüssig in solcher Sicht­weise, wandelt sich der Mythos Babylon zur Utopie. Die verfein­deten Bruder­völker lehnen sich gegen die totali­tären Herrscher auf und nehmen ihre Inter­essen am Ende selbst in die Hand. Va, pensiero wird von beiden Völkern angestimmt, musika­lisch großartig, zumal Alekseenok den finalen Ton wie eine Fermate eine Zeitlang im Raum schweben lässt. Eine exzep­tio­nelle Leistung des nach dem Schluss­vorhang vom Publikum lautstark gefei­erten Vokal­ensembles, die sich auch Chorleiter Patrick Francis Chestnut zurechnen darf.

Um ihrer Intention Plausi­bi­lität zu verleihen, greift Lanzino wiederholt in die Drama­turgie des Vierakters ein. Das in einem Maße, das ohne ihr im Programmheft dokumen­tiertes Interview kaum umfassend zu verstehen ist. Die eigen­willige Drama­turgie macht auch vor den von Heili Schwarz-Schütte einge­rich­teten Übertiteln in deutscher Sprache nicht halt. Die stellen sich nur bedingt in den Dienst an Stück und Publikum, worauf vor allem Erstbe­sucher des Werks Anspruch hätten, liefern sich den Inten­tionen der Regis­seurin aus. Schafft Frieden und redet endlich mitein­ander, heißt es in einer Chorse­quenz, die keine Entspre­chung im Libretto aufweist. Gedeutet werden kann sie als Anspielung auf den aktuellen Krieg Russlands in der Ukraine, verstanden als plumper Rekurs auf Positionen in der aktuellen politi­schen Debatte in Deutschland.

Musik­theater ist in seinen besten Momenten ein Konstrukt aus dem Zusam­men­spiel aller Künste, mit einem Primat der Musik, was im Belcanto unstreitig sein dürfte.  Lanzinos Regie­konzept ordnet das wohlver­standene prima la musica einem Primat der spekta­ku­lären Schau­werte, der morali­schen Attitüde, der Gesinnung, wenn man so will, unter. Offenbar wird ihre Haltung in dem Tort, den Lanzino mehrfach ausge­rechnet den melodischsten Arien und Ensem­ble­nummern antut, indem sie die mit mehr oder weniger stimmiger action unterlegt. Eine Frau bringt unter Schmer­zens­schreien ein Baby auf die Welt. Kinder laufen spielend von links nach rechts und wieder zurück. Zwei Kämpfer stellen einen Spreng­stoff scharf. Solche „Einfälle“ liegen schmerzlich quer zum Gesang, etwa zum Gebet des Zaccaria Tu sol labbro de´ vegenti, dessen Adel aus einer wunder­barer solis­ti­schen Cello-Begleitung erwächst. Oder zum sprühenden Terzett Io tamava, das Abigaille, Ismaele und Fenena vereint.

Auch für die drama­tur­gi­schen Impromptus erweitert die Regis­seurin Verdis Personal um junge Ausgaben von Abigaille und Fenena sowie um einen jungen Ismaele. Im Fall der auf Rache sinnenden Abigaille mag das psycho­lo­gisch Sinn ergeben, weil Lanzino als Ursache für ihren Zorn die Kränkung sieht, die sie als Kind durch das erfolglose Ringen um die Liebe des Vaters erfahren hat. Anders als die als Töchterchen bevor­zugte Fenena, die ohne Groll lebt und als Erwachsene nicht um Anerkennung zu kämpfen hat.

Foto © Sandra Then

In der Titel­partie führt Alexey Zelenkov mit seinem volltö­nenden, gleichwohl flexiblen Bariton ein Sänger­ensemble an, das mit geringen Einschrän­kungen den Melos und die Italianità der Partitur Verdis eindrucksvoll auf die Bühne bringt. Er verkörpert den machia­vel­lis­ti­schen Macht­men­schen ebenso glaubhaft wie den Schwächling mit psycho­pa­tho­lo­gi­schen Zügen, der sich als Gott präsen­tiert, bevor ihn ein Blitz­schlag – Fügung von oben? – wieder auf den Boden holt. Eine eindrucks­volle Fallstudie von der Denatu­rierung des Herrschers zum gebro­chenen Mann.

Als Zaccaria, Hohepriester und Anführer der Hebräer, versteht es der basso profundo Liang Li imponierend, das Volk der Juden auf Erlösung und Zukunft einzu­schwören und sich zum Heraus­for­derer Nabuccos auf Augenhöhe zu profi­lieren. D’Egitto là sui lidi, die leiden­schaft­liche Kavatine im ersten Akt, profi­liert Li zum Bravour­stück schlechthin. Luke Stoker ist mit mächtigem Bass ein Oberpriester des Baal, der das Volk mit lodernder Inbrunst auf Kampf und Feind­schaft einzu­peit­schen versteht. In der wenig dankbaren Rolle des Ismaele findet der leicht gehemmt wirkende Tenor Eduardo Aladrén nicht wirklich zu Eigenart und Charakter seiner Rolle.

Die Sopra­nistin Svetlana Kasyan, wie Li Gast der Produktion, beherrscht das drama­tische wie das lyrische Fach. Sie wird auch mit den extrem schweren Inter­vall­sprüngen der Abigaille fertig, die schon bei der Urauf­führung von Giuseppina Strepponi nur mit Mühe gemeistert wurden, der späteren Ehefrau Verdis. Die maßlose Wut und Verletzung der Frau zeichnet sie grell und laut, lässt aber die für den Charakter wichtigen Nuancen vermissen.

Kimberley Boettger-Soller zeichnet mit gut austa­riertem Mezzo Fenena voller Empathie. Aufhorchen lässt sie insbe­sondere mit ihrem berührend gestal­teten Gebet Oh, dischiuso è il firma­mento. In weiteren Rollen wissen Mara Guseynova als Anna und Riccardo Romeo als Abdallo ihre Partien adäquat zu gestalten.

Die Düssel­dorfer Sympho­niker finden dank des einfühl­samen Dirigats Alekseenoks zu einer beseelten Linie zwischen den aufge­peitschten Ausbrüchen und den lyrischen Momenten auf der Bühne, die auch den Sängern entge­gen­kommt. Der anhal­tende Jubel, der über allen Mitwir­kenden, das Regieteam einge­schlossen, zusam­men­schlägt, bestätigt die Qualität der Aufführung.

Die erste Neupro­duktion in der neuen Spielzeit verspricht thema­tisch und künst­le­risch fordernde Ausein­an­der­set­zungen mit den Grund­be­din­gungen gesell­schaft­lichen Zusam­men­lebens. Oper ein Raum der Reflexion über Komple­xität in Abgrenzung zu Populismus und Simpli­fi­zierung? Man darf gespannt sein.

Ralf Siepmann

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