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Schuld und Sühne

INNOCENCE
(Kajia Saariaho)

Besuch am
28. September 2024
(Premiere)

 

Großes Haus, Musik­theater im Revier, Gelsenkirchen

Die 2021 beim Festival d’Aix-en-Provence mit großem Erfolg urauf­ge­führte Oper Innocence der finni­schen Kompo­nistin Kaija Saariaho ist als Kopro­duktion bereits am Royal Opera House, der Dutch National Opera, der Finnish National Opera und der San Francisco Opera gezeigt worden und feiert ihre deutsche Erstauf­führung am Musik­theater im Revier in Gelsen­kirchen. Intendant Michael Schulz hat das Recht von der inzwi­schen verstor­benen Kompo­nistin frühzeitig zugesi­chert bekommen. Die führenden deutschen Opern­häuser von Berlin bis München versuchten danach vergeblich, Gelsen­kirchen die Erstauf­führung abzutrotzen. Der fünfak­tigen Oper liegt sowohl ein finni­sches Original-Libretto von Sofi Oksanen als auch ein inter­na­tio­nales Libretto von Aleksi Barrière zugrunde, das einen Mix aus engli­scher, tsche­chi­scher, rumäni­scher, franzö­si­scher, schwe­di­scher, deutscher, spani­scher und griechi­scher Sprache enthält.

Zum letzten Saison­auftakt der Ära Schulz wird die Oper Innocence – (Un)Schuld verjährt nicht als Kopro­duktion mit dem Chorwerk Ruhr und der Oper Leipzig im sehr gut besetzten Großen Haus des Musik­theaters im Revier in einer Insze­nierung von Elisabeth Stöppler präsentiert.

Auf mehreren Erzähl­ebenen wird die Handlung der Oper in der Art eines Thrillers oder einer Tragödie der Gegenwart wieder­ge­geben. Im Laufe des Abends fließen diese Ebenen zusehends inein­ander und offen­baren, wie eng verwoben die verschie­denen Handlungs­stränge in Wirklichkeit sind. Im Mittel­punkt steht der Amoklauf eines Schülers an einer inter­na­tio­nalen Schule in Helsinki vor zehn Jahren, bei dem ein Lehrer und neun Schüler erschossen wurden. Unaus­sprech­liches wird dabei durch die Sprache der Musik auf die Bühne gebracht.

Die Eltern des mittler­weile aus der Jugendhaft entlas­senen, aber versto­ßenen Amokläufers feiern die Hochzeit ihres zweiten Sohnes Tuomas mit seiner aus Rumänien stammenden Braut Stela. Die glück­liche Braut ahnt nichts von den dunklen Geheim­nissen ihrer neuen Familie. Auf dem Hochzeits­bankett arbeitet die kurzfristig einge­sprungene Aushilfs­kell­nerin Teresa, deren Tochter beim Amoklauf ums Leben kam.

Foto © Karl und Monika Forster

Parallel dazu findet ein thera­peu­ti­sches Treffen der Überle­benden des Schul­mas­sakers statt. Weder die Überle­benden noch die Familie des Täters haben die schreck­liche Tat überwunden und sind immer noch zutiefst traumatisiert.

Es entsteht ein komplexer Reigen aus Anklagen, Selbst­vor­würfen, Schuld und Unschuld, ausgehend von den Eltern des Täters, die zwischen Verharm­losung und Verant­wortung schwanken, über die Kellnerin Teresa, die die unwis­sende Braut über die Schat­ten­seiten ihrer neuen Familie aufklärt, bis hin zu den vielen psycho­lo­gi­schen Moment­auf­nahmen der trauma­ti­sierten Überle­benden und den in Rückblenden erschei­nenden Getöteten.

Im Verlauf der voran­schrei­tenden Ereig­nisse und Enthül­lungen wird offenbar, dass die vermeint­liche Allein­schuld des Täters auf komplexen Zusam­men­hängen von Mitschuld der anderen Protago­nisten am Gesche­henen beruht. Alle Überle­benden offen­baren durch ihre Geständ­nisse ihre Mitschuld am Amoklauf, und die Grenzen zwischen Opfern und Tätern, zwischen Unschul­digen und Schul­digen beginnen zunehmend zu verschwimmen.

Stöppler bringt die komplexe und verwir­rende Handlung in eindring­lichen Bildern überzeugend auf die Bühne. Ines Nadler gestaltet dabei ein Bühnenbild, das sich sowohl vertikal als auch horizontal vielschichtig gliedert und stilis­tisch einem geome­tri­schen Gefüge à la Mondrian in Schwarzweiß mit farbigen Recht­ecken aus trans­lu­zentem Plexiglas ähnelt, und sich erfri­schend von dem detail­ver­lieb­teren Bühnenbild der inter­na­tio­nalen Kopro­duktion unterscheidet.

Im Bühnen­hin­ter­grund steht eine vierstufige Tribüne mit dem Chor, der dort auch bis kurz vor dem Finale der Oper meist sitzend, manchmal stehend verbleibt. Auf der oberen Ebene befindet sich die Hochzeits­ge­sell­schaft, darunter die überle­benden Mitschüler in einem schul­klas­sen­ähn­lichen Raum mit Stühlen und Tischen. Im oberen Bühnen­hin­ter­grund ist in großen Leucht­buch­staben das Wort Innocence zu lesen.

Dank der deutschen Überti­telung lässt sich die zunächst überwäl­tigend erschei­nende Handlung gut und zunehmend inter­es­siert verfolgen. Schwach­punkt in dem Zusam­menhang ist nur die Verstärkung der Gesangs- und Sprech­stimmen durch Mikrofone. Bei den vielen gleich­zeitig auf der Bühne präsenten Darstellern ist es schwer zu erkennen, welche Person gerade singt oder spricht. Verfolger und andere optische Akzent­set­zungen vermögen das kleine Defizit kaum zu kompen­sieren. Nichts­des­to­trotz formen die dreizehn betei­ligten unschuldig-schul­digen Charaktere eine äußerst spannende Geschichte, die drama­tur­gisch wohldurch­dacht umgesetzt wird und das Publikum fasziniert.

Auch musika­lisch beein­druckt das Vermächtnis der finni­schen Kompo­nistin auf besondere und sensible Weise. Ihre fünfte und letzte Oper besticht durch eine empha­tische Musik, die auch für den ungeübten Zuhörer konsu­mierbar erscheint. Sie wird atmosphä­risch von einem fast durch­gän­gigen, zarten, ätheri­schen Klang bestimmt, der von Strei­chern, Orffschen Instru­menten sowie Glocken­spielen sphärisch getragen und nur in wenigen hochdra­ma­ti­schen Passagen durch den imposanten Orches­ter­ap­parat der Neuen Philhar­monie Westfalen überragt wird. Das dreißig­köpfige Vokal­ensemble des Chorwerks Ruhr unter der Einstu­dierung von Sebastian Breuing ist dabei sowohl musika­li­scher Anker als auch Ausru­fe­zeichen der Gesamt­auf­führung. Die spezia­li­sierte, überra­gende stimm­liche Präsenz des renom­mierten Ensembles macht die Aufführung zu einem ganz beson­deren Klangerlebnis.

Die zahlreichen Protago­nisten der Aufführung sind durch­gehend sehr gut besetzt. Ganz besonders heraus­ragend ist jedoch Erika Hammarberg als Marketa, die die Erscheinung der getöteten Tochter der Kellnerin Teresa verkörpert. In ihrer Rolle wird die Relati­vierung von Schuld und Unschuld am sinnbild­lichsten deutlich. Hammarberg, die als Folksän­gerin stark von finno-ugrischen und nordi­schen Musik­tra­di­tionen beein­flusst ist, besitzt ein unver­gleichlich eigen­tüm­liches Stimmt­imbre, das ein wenig an die islän­dische Sängerin Björk erinnert und an diesem Abend für Gänsehaut sorgt.

Foto © Karl und Monika Forster

Hanna Dora Sturlu­dottir überzeugt als Kellnerin, die im Zentrum der alles bestim­menden Frage von Schuld und Unschuld steht, sowohl gesanglich als auch schau­spie­le­risch. Ihr äußerst flexibler Mezzo­sopran meistert alle Heraus­for­de­rungen der Partie, zwischen Fragi­lität und mutigem Aufbäumen. Margot Genet als Braut und Katherine Allen als Schwie­ger­mutter verfügen über vielge­lobte, bemer­kens­werte Sopran­stimmen, meisterlich und in der Höhe glasklar.

Khanyiso Gwenxane, der dem Bräutigam seine Stimme verleiht, beein­druckt mit seinem kraft­vollen, zuweilen tempe­ra­ment­vollen Tenor. Den Schwie­ger­vater spielt Benedict Nelson souverän und verfügt über alle stimm­lichen Nuancen, die von der zwischen Mut und Verzweiflung stehenden Rolle gefordert werden. Phillip Kranjz als Priester und Anke Sieloff als Lehrerin sind vortrefflich besetzt und komplet­tieren das überzeu­gende Sänger- und Darstel­ler­en­semble, zu dem noch Bele Kumberger, Sebastian Schiller, Pablo Alverado, Danai Simantiri und ausdrücklich Elisa Berrod hinzu­gefügt werden müssen.

Die musika­lische Leitung des Abends liegt in den Händen von Valtteri Rauha­lammi, der das äußerst komplexe Werk umsichtig und diffe­ren­ziert zur Aufführung bringt. Im Zusam­men­spiel von Neuer Philhar­monie Westfalen, dem Chorwerk Ruhr und statt­lichem Bühnen­per­sonal, bestehend aus Gästen und Ensemble, wird die deutsche Erstauf­führung von Innocence zu einem brillant-beklem­menden Manifest mensch­licher Schuld und Verant­wortung, das aktueller und gegen­wär­tiger kaum sein könnte.

Die pausenlos, fast zwei Stunden aufmerksam verhar­renden Zuschauer zeigen sich angesichts der außer­or­dent­lichen Leistungen begeistert. Der immer wieder neu aufbrau­sende Applaus der Besucher schließt Sänger, Darsteller, Orchester, Chor, den Dirigenten und das gesamte Regieteam mit ein.

Eine weitere Stern­stunde der zeitge­nös­si­schen Oper am so experi­men­tier­freu­digen und hohe Qualität garan­tie­renden Musik­theater im Revier.

Bernd Lausberg

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