O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.
Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.
Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.
O-Ton
3-Monats-Abo
für jeweils 3 Monate
O-Ton
Jahres-Abo
pro Jahr
O-Ton
6-Wochen-Abo
für jeweils 6 Wochen
O-Ton
Jahres-Mitgliedschaft
für ein Jahr
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Kulturmagazin mit Charakter
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
FOLKSONGS
(Diverse Komponisten)
Besuch am
11. Oktober 2024
(Einmalige Aufführung)
Kammermusik-Festival Würzburg, Maschinenhaus auf dem Bürgerbräu-Gelände
Ein Kammermusikfestival zu gründen, scheint heutzutage ein Wagnis angesichts sich leerender Konzertsäle. Doch mit einem exquisiten Konzept schafften es die Sängerin Theresa Maria Romes und die Pianistin Marie-Thérèse Zahnlecker schon vier Jahre, nicht nur die üblichen Interessenten in das großzügig umgebaute, sich zum Konzertsaal auch akustisch eignende Maschinenhaus auf dem ehemaligen Bürgerbräu-Gelände in Würzburg zu locken. Seit 2021 stellen die Initiatorinnen ein ungewöhnliches, sorgfältig kuratiertes Programm zusammen mit Kompositionen aus verschiedenen Epochen und Genres, geboten von jungen, meist preisgekrönten, stets neu zusammengesetzten Ensembles auf verschiedenen Instrumenten.
Heuer wurde das dreitägige Festival mit dem Abend Folksongs eröffnet. Wer sich darunter althergebrachte Volksmusik oder moderne Aufbereitungen vorstellt, liegt falsch. Zwar sind die nun zu einem abwechslungsreichen Mix vereinten Kompositionen von Musikern aus der ganzen Welt angeregt von Anklängen an die typische Rhythmik und Melodik derartiger Musik, doch gehen sie weit darüber hinaus. All das gestaltet der Eröffnungsabend Folksongs im gut besuchten Saal zu einem spannungsvollen, spannenden musikalischen Erlebnis. Sogar eine Uraufführung des kurzen Werks Tria der ukrainischen Komponistin Anna Korsun, Jahrgang 1986, gibt es dabei, äußerst konzentriert vorgetragen von den drei Streichern aus dem vielfach hoch gelobten Eliot-Quartett aus Frankfurt am Main, vom Geiger Alexander Sachs aus Kanada, dem Viola-Spieler Dmitry Hahalin aus Russland und dem Cellisten Michael Preuß aus Leipzig. All das klingt wie ein schmerzlicher Abgesang auf die bedrohte Heimat: Die Viola klingt wie ein Hauch, fein fallen die anderen Streicher ein, ein Seufzen, ein Zittern, geheimnisvoll wie ein Wind aus der Ferne, ertönt, manches erinnert an Weinen, bis alles abschwillt zur Tiefe, leiser wird, zu atmen scheint und zur Ruhe kommt.

Bei Sergej Prokofieffs Ouvertüre über hebräische Themen opus 34 kommt nun die erste Geigerin Maryana Osipova aus Russland zum Eliot-Quartett hinzu, ebenso der ausgezeichnete Klarinettist Nemorino Scheliga und der sehr lebendig aufspielende Jonas Gleim am Klavier. Das Stück mit den dicht verwobenen hebräischen Melodien, entstanden beim Improvisieren, erinnert gerade durch die Klarinette an Klezmer-Musik, und das Klavier steuert die rhythmische Struktur bei; das Ineinander von melancholisch berührendem, sehnsuchtsvollem Singen und freierer, fröhlich tänzerischer Laune lebt von der Spannung zwischen lyrischer Ruhe und sich immer wilder, schneller steigerndem Tempo mit unglaublicher Virtuosität bis zum energischen Ende.
Der Chôros Nr. 2 des brasilianischen Komponisten Heitor Villa-Lobos ist geprägt vom Improvisieren; in dem kurzen Stück profilieren sich in einem furiosen Miteinander die Flötistin Anissa Baniahmad vom Nationaltheater Mannheim und der Klarinettist virtuos und sehr lebendig – ein kleiner Spaß! Wesentlich ausführlicher hat sich Robert Schumann 1849 aus romantischer Sicht mit seinen 5 Stücken im Volkston opus 102 befasst mit überlieferter Melodik. Cellist und Pianist beginnen energisch in der tänzerisch bewegten Miniatur, die fast lieblich erweitert wird, dann wirbelt alles virtuos dahin; das zweite Stück ist ganz Wohlklang, schwelgerisch lyrisch singend, intensiv dann die Idylle des dritten Satzes, der vierte ist erfüllt von intimem Glanz, und nach dessen energischem Schluss scheint das Cello im fünften Stück nach markiger Betonung sich zu befreien in virtuoser Schnelligkeit vom nachdenklichen Einhalten.

An Irland erinnern will Reynaldo Hahn in seinen Trois Préludes sur des airs populaires irlandais. Das Onyx-Klavierduo, Jonas Gleim und Marie-Thérès Zahnlecker, begeistert dabei mit seinem sich gegenseitig wunderbar inspirierenden, harmonischen Spiel wie aus einem Guss; gerade aus The Willow Tree vermeint man den irischen Volkston herauszuhören. Den krönenden Abschluss des ersten Teils bilden die Folk Songs von Luciano Berio von 1964; das Werk mit elf Liedern aus verschiedenen Ländern stellt höchste Ansprüche an die Sängerin, hier Maria Theresa Romes mit facettenreichem, stets wohlklingendem Sopran und klarer Diktion, an die wechselnde instrumentale Besetzung mit Flöte, Klarinette, Viola und Violoncello, mit Percussion, Oliver Schwab und Markus Schuster, und Harfe, Maria-Theresia Freibott, aber auch an die Aufmerksamkeit des Publikums, denn die Lieder werden in ihrer jeweiligen Originalsprache vorgetragen; dankenswerter Weise gibt es dazu eine Übersetzung im guten Programmheft; lediglich bei Love Song aus Aserbaidschan ist eine deutsche Wiedergabe nicht möglich. Kein Wunder, dass das nicht sehr eingängige Werk selten aufgeführt wird. Aber es lohnt sich, die charakteristischen Merkmale der einzelnen Länder an den neu komponierten Liedern von Berio zu verfolgen.
Eine bewegte Erzählung macht Romes aus dem amerikanischen Lied I Wonder as I Wander , während das Mond-Lied aus Armenien mit anfangs ruhigem Glanz der Stimme zu Harfe und Klarinette betört, sich immer mehr entwickelt in bewegter Ausstrahlung. Das französische Lied auf die Nachtigall scheint fast etwas traurig-melancholisch. Durch die Begleitung mit Percussion erhält Auf Frauenart aus Italien viel Nachdruck, aber mit dem Lob auf die ideale Frau wird alles vergnügter, und die Sängerin kostet das mit schön differenzierten Steigerungen aus. Der fast atemlos schnelle Tanz Ballo und die Motette von der Traurigkeit werden von Romes, fein getragen von den Instrumenten, mit viel Vergnügen gesungen oder als Kontrast dazu gestaltet mit Nachdenklichkeit. Das leitet über zum französischen Lied Malurous, bei dem die Stimme beim Drehen des Spinnrads ein fast nostalgisch naives Porträt einer Idylle in beschwingter Melodie schildert. Das Lied aus dem fernen Osten über die Liebe steigert sich zu einem furiosen Tanz voller Lebensfreude, und Romes strahlt das auch mit der Färbung ihrer variablen Stimme aus, bis sie am Ende ins – gewollte – Sprechen verfällt. Der Abend schließt mit dem Klavierquartett g‑Moll opus 25 von Johannes Brahms, die drei Streicher des Eliot-Quartetts und die Pianistin Marie-Thérèse Zahnlecker. Hier drücken die subtilen Spannungen im ersten Satz innere Stimmungsschwankungen aus; freundlicher, bewegter kommt der zweite Satz daher in feiner Abstufung; der dritte Satz betont das melodische Singen, wird kräftiger, dramatischer, schwingt fein aus, und das Rondo erinnert mit viel Feuer an die beliebten Ungarischen Tänze, fasziniert mit viel mitreißender Schnelligkeit, zitiert in seinen Tempowechseln mit wildem Dahinwirbeln und sehnsuchtsvoller Melodik das, was viele früher unter einem „Zigeuner-Stil“ verstanden. Mit einem hexerisch geschwinden Schluss endet der interessante Abend bravourös.
Langer Beifall!
Renate Freyeisen