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ELEKTRA
(Richard Strauss)
Besuch am
13. Oktober 2024
(Premiere am 6. Oktober 2024)
Allein. Weh, ganz allein. Der Vater fort, hinabgescheucht in seine kalten Klüfte. Mit Streicherpassagen, die sich wie Girlanden in die Höhe schrauben, wird die Obsession der Elektra präsent. Und von ihr, der Tochter des getöteten Königs, im Agamemnon-Monolog zu dumpfen Paukenschlägen benannt, in dem sie den Mord an ihrem Vater schildert, als „das Bad dampfte von deinem Blut“. Unaufhörlich erinnert sich die im Palast von Mykene wie ein Tier gehaltene Prinzessin an das von ihrer Mutter Klytämnestra im Verein mit deren Geliebten Aegisth verübte Verbrechen. Wie eine Drahtschlinge hat sich die Erinnerung um Elektras Seele gelegt, die in krankhafter Abhängigkeit von ihrem Vater erstarrt ist. Nur eine Bestimmung erfüllt ihr Leben: Rache an den Mördern zu üben. Ein Leben, das im psychopathologisch zu deutenden Wahn kein wirkliches Leben ist und am Ende folgerichtig in einem Tanz der Entäußerung endet.
Schon in der zweiten Szene der Elektra von Richard Strauss, die an das Vorspiel mit dem einleitenden hämmernden Agamemnon-Motiv und an den Auftritt der fünf Mägde anschließt, wird die Vorstellung erkennbar, die Roland Schwab, Regisseur der Neuproduktion an der Kölner Oper, mit dem Mythos der Artriden-Tochter verbindet. Seine Elektra ist die zeitlose Vivisektion einer Familie im Wahn einer Rache, die das Schicksal ganzer Generationen unter den Nachkommen des Tantalos prägt. Agamemnon opfert Iphigenie auf dem Altar von Aulis, was seinen Tod durch Klytämnestra zur Folge hat und eine neue Gewaltspirale auslöst.
Gewalt generiert Gewalt, was bruchlos in die heutige Katastrophe im Nahen Osten überführt, ohne dass Schwab diese Aktualität durch eine zusätzliche Bildsprache aufzeigen muss. Dafür ist die Wucht, die das Geschehen auf der riesigen Bühne im Deutzer Staatenhaus schon gespenstisch genug.

August Everding, Intendant und gefragter Regisseur in den 1970-er und 1980-er Jahren, reduziert seine Elektra-Inszenierung für die Opernhäuser in Hamburg und München auf die Ausstellung eines überdimensionalen riegelförmigen, schwarzen Klotzes, der sich in der Bühnenmitte langsam um die eigene Achse dreht und ansonsten dem Psychodrama seinen Lauf lässt. Reduktion leitet auch Schwab, Regisseur von Bayreuths Tristan und Isolde 2022, und sein Ausstattungsteam.
Das auf musikalische Opulenz ausgerichtete Gürzenich-Orchester Köln unter Leitung des Ulmer GMD Felix Bender ist links von der Bühne postiert. So steht Piero Vinciguerra die komplett freie Bühne zur Verfügung, die nüchterne Innenarchitektur einer Messehalle in das Vestibül des Königspalasts von Mykene zu verwandeln. Klassizistische Struktur erhält das durch geometrisch angeordnete Pfeiler, in die Lichtelemente eingearbeitet sind. Dazwischen bewegen sich kriechend Gefangene an Ketten. Im Hintergrund schleudert eine Batterie von Scheinwerfern grelle Blitze in unregelmäßigen Abständen in das Parkett, die bisweilen schmerzhaft das Auge der Besucher treffen und wohl auch ihren Nerv. In dieser antiken Familie kann es keine Ruhe geben, soll wohl die fulminante Lichtregie von Andreas Grüter vermitteln.
Die Kostüme von Gabriele Rupprecht variieren die einmal festgelegte Grundlinie von Schwarz und Grau. Lediglich Elektras Schwester Chrysothemis darf sich in einem feudalen Gewand in Cremefarben bewegen, darf sich Klytämnestra vom Einheitsschwarz ihrer Entourage durch Königspurpur unterscheiden, das in eine lange Schleppe übergeht. Elektra nutzt sie in der dramatischen Dialogszene mit ihrer Mutter fast als Mordwerkzeug.
Die Eigenart der Bühne und die Anordnung des Orchesters verstärken den Fokus des Publikums auf das Verhalten der Handelnden. Der Personenregie kommt so ein hoher Stellenwert zu, wird dem Regisseur eine intensive Auseinandersetzung mit dem Dämonischen der Protagonisten abverlangt. Schwab gelingt das in doppelter Hinsicht. Exemplarisch in den beiden Schlüsselszenen der Tragödie, der Auseinandersetzung Klytämnestras mit Elektra, dem Wiedersehen der Geschwister. Er lässt die Interaktion der von Rache oder Todesangst Getriebenen in direkter körperlicher Sinnlichkeit ablaufen und schafft dafür packende Bilder, die unter die Haut gehen. Elektra stößt ihrer am Boden liegenden Mutter den königlichen Stock wie ein Schwert in den Leib. Das Ende des Aegisth atmet die Grausamkeit einer öffentlichen Hinrichtung. Elektra lockt ihn mit verführerischer Freundlichkeit in eine Falle und erwürgt ihn mit Seilen.
Wie Salome und ein halbes Jahrhundert zuvor Tristan und Isolde ist Elektra Musiktheater über das Schauen, über den Blick als Instanz des menschlichen Ausdrucks von Anziehung und Ablehnung. Dieser Aspekt bleibt dem Libretto vorbehalten. Schwab konzentriert sich auf die Schlüssigkeit seiner Idee von Elektra, riskiert hierfür Abweichungen vom Hofmannsthal-Text. So endet Aegisth dort unter den Schlägen von Orest respektive seinem Pfleger – eine Tat, die laut Libretto nur durch ein kleines Fenster des Palasts zu beobachten ist. Die aber Schwab offenkundig zu wenig spektakulär ausfällt. Bei Hofmannsthal wird der Tod des Orest nur angedeutet, eher in der Musik thematisiert. Schwab lässt ihn sich selbst richten.

Strauss erkennt in der Vorlage Hofmannsthals, die er 1905 als Einakter im Kleinen Theater Berlin kennenlernt, die willkommene Gelegenheit, musikalisch mit einem noch größeren Orchester über die schon kühne Tonsprache der Vorgängerin Salome hinauszugehen. Er will die Grenze musikalischer Vermittlung und Aufnahmefähigkeit ausloten. Der Sound ist rigider, expressiver, stellenweise atonal, was beispielsweise Gustav Mahler dem Komponisten übelnimmt. Unter dem zupackenden Dirigat Benders entfesseln die Gürzenich-Instrumentalisten einen Kosmos an Klängen, Tongemälden und Soundeskapaden, der intensive Vorbereitung verrät.
Die räumliche Vertikalanordnung von Orchester und Bühne tangiert auch die Aufführung des insgesamt vorzüglichen Sängerensembles. Wie im Hoch-Belcanto sind Positionen dicht an der Rampe möglich, die die Wahrnehmung des Publikums auf die Interpreten richten, in gleicher Weise jedoch Schwächen in der Intonation oder jedes überakzentuierte Vibrato offenbaren, das den drei Hauptprotagonistinnen zu eigen ist. In der ersten Aufführung nach ihrem Rollendebüt als Elektra bewältigt Allison Oakes eine dieser mörderischen Partien, die Strauss seinen Favoritinnen im Sopranfach zumutet, mit der ganzen Skala von der expressiven Schärfe bis hin zur lyrisch gehauchten Innerlichkeit. Über das rein Sängerische hinaus ist die Partie der Elektra nicht zuletzt eine Manifestation der Sprachgewalt, in der sich Hofmannsthal und „sein“ Komponist mit ihrer ersten gemeinsamen Arbeit auf einer genialen künstlerischen Linie zusammenfinden und Maßstäbe für ein ganzes Jahrhundert setzen. Auch das lässt die Kölner Aufführung spüren.
Als Chrysothemis, die ein richtiges Leben ersehnt und Kinder haben will, „bevor mein Leib verwelkt“, überzeugt die Sopranistin Astrid Kessler mit vokaler Vehemenz und spielerischer Agilität. Ihren Kontrapunkt, wenn man so will, die Partie der Klytämnestra, gestaltet Dalia Schaechter gebieterisch mit schneidendem Mezzo als zutiefst verdorbene femme fatale auf dem Thron der Verbrecherclique. Bariton Insik Choi gibt der Figur des Orest düsteres Format. Als Aegisth zeigt Tenor Martin Koch jene Durchtriebenheit, die sich mit Selbstgefälligkeit und Narzissmus paart. Die Künstler in den weiteren Rollen fügen sich wie der Chor aus dem Off, einstudiert von Rustam Samedov, stimmig in das Gesamttableau ein.
Mit großem Beifall für die Leistung Einzelner wie der Gesamtheit der Mitwirkenden quittiert das Publikum im ansprechend besetzten Saal eine Aufführung, die sich rumsprechen wird. Besser, sollte. Aufführungen gibt es noch bis in den November hinein.
Ralf Siepmann