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Foto © Tom Schulze

Im Zauberspiegelkasten

DIE ZAUBERFLÖTE
(Wolfgang Amadeus Mozart)

Besuch am
18. Oktober 2024
(Premiere am 28. Oktober 2023)

 

Oper Leipzig

Heiter gelassene Stimmung im Leipziger Opernhaus. Auffallend, dass an diesem Freitag­abend mehrere Familien mit Kindern die Aufführung Die Zauber­flöte von Wolfgang Amadeus Mozart besuchen. Vielleicht sind sie das erste Mal gemeinsam in einer Oper, so wie sie selbst sie als Kinder erlebten.
Seit ihrer Urauf­führung 1791 in Wien hat Die Zauber­flöte im Sturm die Opern­bühnen bis heute erobert. Sie wurde als Alt-Wiener Zauber­stück, Volks­ko­mödie oder barocke Zauberoper beschrieben. Oder auch von der Kritik als moralische Läuterung des Isis-Kultes im Gewand der ägypti­schen Mytho­logie im Kontext von Mozarts Freimaurer-Gedan­kengut unter Verwendung der Symbolzahl Drei als ein arche­ty­pi­scher Kampf zwischen Gut und Böse beschrieben – stets feierte sie das Publikum in höchsten Tönen. Die Begeis­terung des Publikums in Leipzig ist an diesem Abend grenzenlos.

Mozarts in Briefen mehrfach zum Ausdruck gebrachte Hoffnung, dass es ihm um ein tiefes Verständnis des Menschen – „ Tamino ist Prinz und noch mehr Mensch“ – und nicht um ein Spektakel geht – „was mich am meisten freuet, ist der stille Beifall“ – wischt der Begeis­te­rungs­wille der Opern­be­sucher weg. Von Szenen­ap­plaus zu Szenen­ap­plaus lassen sie sich in die Zauberwelt der Insze­nierung willig entführen. Drachen, Schlangen, Kobolde dürfen für einmal märchen­hafte Zauber­tiere bleiben. Mathias Fischer-Dieskau, verant­wortlich für Bühne und Video, fanta­siert in seinem Zauber­spie­gel­kasten den Papageno-Wald neben Rehen und Vögeln mit Elefanten, Tigern und Kamelen.

Diese Zauber­haf­tigkeit vereint, wie von unbekannter Hand gesteuert, das Haus und die Menschen. Ein junges, kaum 20 Jahre altes Liebespaar im Parkett rückt und drückt sich immer mehr anein­ander. Paminos Schlachtruf – „Pamina, ich komme!“ – wird für sie zu ihrem eigenen Liebesabenteuer.

Mit den drei exponierten Es-Dur-Akkorden der Ouvertüre beginnt eine Liebes­zau­ber­reise, die von Zeit und Raum entgrenzt. Gerahmt von der symbo­li­schen Zahl Drei, changierend zwischen Märchen und Mysterium inter­pre­tiert Yura Yang die Geschichte am Pult des Gewand­haus­or­chesters mit empathi­schem Sentiment zwischen gespro­chenem Text, Gesang und dem Orches­ter­klang. Sie bettet die Insze­nierung von Matthias Davids in einen abgeklärt balan­cierten Klang­kosmos der alten Musik ein.

Überwiegend gespiegelt in einem helldunklen Blaulicht, gibt man hier roman­ti­schen Assozia­tionen von Traum und Wirklichkeit viel Raum. Davids’ Insze­nierung überzeugt mit ihrer Offenheit. Sie engt die eigene Fantasie nicht ein, sondern ist ein Angebot an die Opern­be­sucher, sich selbst ins Bild zu setzen. Sie ist, und das soll ausdrücklich vermerkt sein, nicht einer Ideologie der Political Correctness verpflichtet.

Nach der langsamen Einleitung, gesteigert in eine Fuge, kurz noch einmal unter­brochen von den drei Akkorden, bewegt sich der grafisch ornamen­tierte, Video animierte Vorhang. Die Protago­nisten des Stücks kriechen nach und nach unter ihm hervor. Susanne Hubrichs Kostüme assozi­ieren einen kultu­rellen Zeitbogen vom Barock bis in die Gegenwart. Sie versammeln sich, stellen sich dem Publikum gewis­ser­maßen vor, laden es ein, mit ihnen die Zauber­flö­tenwelt zu erleben.

Davids entführt die Zuhörer mit Mozarts barock histo­ri­sie­renden Kompo­si­ti­ons­tech­niken in die Vergan­genheit mit einer gegen­wär­tigen Blick­per­spektive. Tamino wird von den Drei Damen – Sarah Traubel, Gabrielė Kupšytė und Nora Steuerwald zelebrieren mit erotisch poliertem Feinschliff einen harmo­nisch diffe­ren­zierten Ensem­ble­gesang à la italie­ni­scher Buffo-Oper – vor einer Riesen­schlange bewahrt. Polternd fliegt der Schlan­genkopf aus dem Schnür­boden. Märchenhaft und unüber­sehbar real zugleich.

Die folgenden Arien fokus­sieren die magische Drei. Papageno, Waldmensch-Vogel-Fabel­wesen stellt sich volks­tümlich mit einer volks­lied­haften Melodie vor – Der Vogel­fänger bin ich ja – während anschließend Tamino in der sogenannten Bildnis-Arie – Dies Bildnis ist bezau­bernd schön – von Pamina, der geraubten Tochter der Königin der Nacht, träumt. In ihrer Begegnung mit Tamino bietet die groß angelegte Arie mit einem Rezitativ – O zitt’re nicht – und der langsamen Arie – Zum Leiden bin ich auser­koren – eine für die italie­nische Opera seria typische Koloratur. Illusion und Desil­lusion, das Höfische im Kontrast zur Bühne für das Volk, die Menschen allgemein, markiert Davids‘ Insze­nierung als Aufklä­rungs­ritual in einer immer komple­xeren Welt.

Foto © Tom Schulze

Ylva Stenberg als Königin der Nacht beein­druckt mit ihren venezia­ni­schen Trompe­ten­arien durch makellose Kolora­tur­technik. Ihre erste Arie zeigt einen lyrischen Schmelz, wie sie sich in der zweiten, von Flöten, Trompeten und Pauke begleitet, rache­blitzend zeigt. Samantha Gaul als Pamina bietet ihrer Mutter erfolg­reich Paroli und lässt diese ihren Rache­ge­danken überwinden. Ihr Sopran perlt frisch und konzis.

Als letztlich kluger Stratege reprä­sen­tiert Randall Jakobsh als Sarastro mit seinen kühl pompösen, reichlich unter­kühlten Arien die Tradition der Opera seria. Sein Bass ist eine Zauber­flöten-Versi­cherung per se.  Bemer­kenswert, wie sich die drei Knaben als Soprane, nämlich Mariko Krohne und Rachel Ridout, und Mezzo­sopran, Lena Herrmann, in klang­schöner Abmischung hervorheben.

Hingucker des Abends ist Papageno. Franz Xaver Schlecht charak­te­ri­siert mit Bariton-Timbre stilvoll überzeugend in der Tradition des italie­ni­schen Harlekins und des deutschen Hanswursts körperlich und gestisch mit frappantem Varian­ten­reichtum. Gedehnte Artiku­la­tionen, schel­misch verschwitzte Frage­hal­tungen, eskapis­tisch tanzend.

Zuerst als hässliche Hexe klein­kindlich unschuldig lispelnd in einem reichlich dimen­sio­nierten Kleid versteckt, versucht Papagena, Papageno auf sich aufmerksam zu machen. Vergeblich, bis sie ihn aus seiner Jungge­sel­len­lar­moyanz weckt. Alice Chinaglia, quick­le­bendig verwandelt, deutet im Duett an, über welches spiel­freudige Potenzial sie verfügt.

Yang hat als Dirigentin charmant alles im Griff. Flöte, Glocken­spiel, Trompete mit Pauke charak­te­ri­sieren motivisch klar, Streicher zusammen mit Blech und Holz generieren einen roman­tisch blau flackernden Klangraum.

Der Chor der goldfarben betuchten Priester singt, von Thomas Eitler-de Lint mit feinem Gehör gestimmt, in einer medita­tiven Anmutung. Dass Eitler-de Lint kürzlich in Bayreuth als neuer Chordi­rektor der Festspiele vorge­stellt wurde, dazu hat seine Chorein­stu­dierung der Zauber­flöte zur Leipziger Premiere vor einem Jahr das ihre sicher dazu beigetragen.

Peter E. Rytz

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