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Wichtige Erinnerung

JEWISH SONGS BY BASIA RUBIN
(Basia Rubin)

Besuch am
24. Oktober 2024
(Einmalige Aufführung)

 

Klassik aber frisch im Alten Küsterhaus, Meerbusch

Basia Rubin wurde 1898 in dem weißrus­si­schen Städtchen Dolginovo in der Nähe von Minsk geboren. Die Rubins waren eine tradi­tio­nelle jüdische Familie. Basia hatte sieben Schwestern und einen Bruder. Im Städtchen wie in der Familie wurde jüdisch gesprochen. Basia wurde Zahnärztin, aber ihre freie Zeit widmete sie ihren Kompo­si­tionen. Im Laufe ihres Lebens hat sie mehr als 200 Melodien und Lieder verfasst, die Gedichte und Texte dazu schrieb sie überwiegend selbst. 1941 sollte ihr die Musik gar das Leben retten. Während sie in Minsk weilte, wohin sie einge­laden war, um ihre Musik aufzu­führen, fiel Dolginovo einem Luftan­griff zum Opfer. Von der großen Familie blieben nur vier Schwestern am Leben. Eine der Nichten von Basia Rubin war Irina Bychkovskaya, die immer davon träumte, die Rubin-Lieder im Konzert zu hören. Dazu sollte es nicht mehr kommen, weil Bychkovskaya 2020 verstarb.

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Zuvor hatte Bychkovskaya der Sängerin Ekaterina Somicheva einen ganzen Stapel an Noten­papier übergeben und ihr das Versprechen abgenommen, die Lieder aufzu­führen. 2021 war es so weit. Als Geigerin hatte Somicheva die Klavier­be­gleitung um Arran­ge­ments für die Geige erweitert. Am Toten­sonntag beglei­teten Ekaterina Porizko am Klavier und der junge Magnus Enckelmann an der Geige ihren Vortrag in der Bethle­hem­kirche im Meerbu­scher Stadtteil Büderich. Das Publikum war begeistert, auch wenn die Texte in der Akustik unver­ständlich blieben und eine Übersetzung nicht vorhanden war.

Für Somicheva und Porizko war das Projekt damit noch nicht beendet. Für Porizko stand fest: Mit dieser Musik sollte die erste CD ihres Unter­nehmens Klassik aber frisch produ­ziert werden. Hartnäckig suchte sie und fand schließlich Förderer, die die Produk­ti­ons­kosten für das Album Jewish Songs by Basia Rubin übernahmen. Am 11. August dieses Jahres konnte das neue Album im Musik­theater der Litaui­schen Musik­ge­sell­schaft in Vilnius vorge­stellt werden. Die Beson­derheit: Weil die Kosten der Produktion vollständig gedeckt sind, können die Erlöse aus dem Verkauf in ein neues ehren­amt­liches Projekt fließen.

Nun also soll das Programm in Deutschland vorge­stellt werden. Abermals ist ursprünglich die Begleitung durch einen Geiger vorge­sehen. Der aber sagt krank­heits­be­dingt am Nachmittag ab, und so kommen die Besucher in den Genuss des Programms so, wie es auch auf dem Album zu hören ist. Nämlich mit Porizko am Klavier und der Sängerin Somicheva. Das Konzert findet im Rahmen der Reihe statt, die Klassik aber frisch an jedem dritten Donnerstag des Monats im Alten Küsterhaus in Meerbusch initiiert hat. Warum auch immer ist das Interesse an diesem Donnerstag geringer als an den sonstigen Konzert­ter­minen. Wovon sich die Besucher aber nicht beein­drucken lassen. Es herrscht gute Stimmung.

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In den Liedern Rubins spiegelt sich das ganze Leben wider. Dass es auch heute Abend keinen Programm­zettel gibt, reduziert das Geschehen auf die Klang­lichkeit. Immerhin geben Porizko und Somicheva immer wieder kurze Anhalts­punkte, um was es inhaltlich geht – wenn es nicht ohnehin selbst­er­klärend ist wie bei dem Lied des Friedens. In Du sollst kommen geht es um die Sehnsucht nach dem Liebsten, und die Liebe ist auch Trieb­feder, wenn es heißt Ich will in den Kosmos fliegen. Es gibt Freuden­tänze, und immer wieder richten sich Lieder wie Alphabet oder Warum? auch an Kinder, wenn es nicht gleich ein Wiegenlied ist. Insgesamt zehn Lieder inter­pre­tiert Somicheva, immer auf dem gefähr­lichen Grat, den ein Sopran im Alten Küsterhaus beschreitet. Denn die Akustik ist für die Sängerin tückisch. Da will die Lautstärke gut dosiert sein, wenn man seine Hörer nicht verschrecken möchte. Somicheva gelingt es, den Glanz der Lieder raumfüllend zu wahren.

Porizko steuert abschließend ein Wiegenlied bei, zu dem es keinen Text gibt. Hier kommt man noch einmal in den puren Genuss der Musik, die bereits begeis­ternd die Lieder begleitet hat. Es ist ein frischer Klang, durchweg tonal, mit immer wieder überra­schenden Wendungen, der eigentlich auch für sich stehen könnte. Gekonnt reizt Porizko die Pointen aus und zeigt so deutlich die Finesse der Kompo­nistin. Gemessen am Stand der Zahnme­dizin zur Hälfte des 20. Jahrhun­derts, was das Feingefühl in der Behandlung der Patienten angeht, kann man die Fertig­keiten der Zahnärztin als Kompo­nistin nur doppelt bewundern.

Das Publikum ist jeden­falls begeistert über Gesang und musika­lische Begleitung und versäumt es nicht, sich im Anschluss an das Konzert noch einmal persönlich bei den Künst­le­rinnen zu bedanken.

Wer sich auf jüdische Musik abseits von Klezmer und Wehklage einlassen möchte, kann das Album via E‑Mail bestellen.

Michael S. Zerban

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