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PICTURE A DAY LIKE THIS
(George Benjamin)
Besuch am
25. Oktober 2024
(Premiere)
George Benjamin ist einer der Hauptvertreter der heutigen Musik, der jenseits aller Schulen und mit einer außergewöhnlichen technischen Meisterschaft, verfeinerte Strukturen und klare Formen, durch Tradition als auch durch Experimentieren genährte Inspirationen, visuelle Anregungen und Tonzauberei, expressive Kraft und Sinnlichkeit in Einklang bringt.“ So charakterisiert Timothée Picard die Musik des 1960 in London geborenen Komponisten, der sich 25 Jahre lang an die Oper herantastet, um dann 2006 im Auftrag des Festival d’Automne de Paris die erste Oper Into the little Hill – nach dem Märchen Der Rattenfänger von Hameln – auf die Bühne zu bringen, gefolgt 2012 von dem psychosexuellen Werk Written on Skin beim Festival d’Aix-en-Provence, und elf Jahre später wieder in Aix Picture a day like this. Diese, seine vierte Oper entstand, wie die vorangegangenen, in Zusammenarbeit mit dem Bühnen-Schriftsteller Martin Crimp. Crimps Textbücher sind modern gehalten, aber deutlich von Märchen, von der Legende oder von Shakespeares Tragödien inspiriert und ihre Handlungen sind meist an die Grenze der materiellen und der metaphysischen Welt verlegt. Der Schriftsteller wie der Komponist sind dabei stets bestrebt eine universelle Geschichte zu erzählen.

Crimp hat sich zu dieser metaphysischen Fabel von uralten orientalischen Legenden inspirieren lassen und mit kargen, knappen Worten daraus eine Prosa-Dichtung geschaffen. Sie erzählt die Geschichte von einer Frau, die erlebt, wie ihr Kind stirbt, und das nicht akzeptieren kann. Da gibt eine andere Frau ihr eine Seite mit Namen und sagt ihr, dass ihr Kind ins Leben zurückkehrt, wenn sie vor Sonnenuntergang unter diesen Menschen einen findet, der wirklich glücklich ist, und wenn sie ihm einen Knopf von seinem Ärmel abschneidet. Sie macht sich auf den Weg. Doch schon bei den ersten, bei einem verliebten jungen Paar entfesselt die Bitte um einen Knopf einen entsetzlichen Streit. Dann zerschlägt sich auch bei einem pensionierten Handwerker, der früher Knöpfe hergestellt hatte, im Laufe der Unterhaltung jede Hoffnung, ist er doch in Wirklichkeit ein gebrochener Mann, der zum Selbstmord neigt. Bei einer berühmten, von allen bewunderten Komponistin muss die Frau feststellen, dass auch Selbstherrlichkeit nicht glücklich macht. Nach diesen Erfahrungen ist die Frau wütend und entmutigt, nichts scheint zu gelingen. Ganz niedergeschlagen trifft sie den Kunst-Sammler, der ihr alles verspricht, wenn sie nur bei ihm bleibt, denn er ist trotz seiner Kunstschätze einsam. Sie verweigert sich ihm. Doch er hat Mitleid mit ihr und öffnet ihr schließlich die Tür zu einem geheimnisvollen Garten. In diesem wunderschönen, ganz stillen Wundergarten trifft die Frau auf Zabelle, die glücklich scheint. Sie bittet um einen Knopf, aber Zabell klärt sie auf, dass auch ihr Kind tot sei und sie nur glücklich, weil sie nicht existiere. Der Zaubergarten verschwindet und die Frau befindet sich wie zu Beginn der Oper vor ihrem toten Kind und eine Frau erklärt ihr, die Seite mit den Namen stamme aus dem Totenbuch. Das Ende bleibt geheimnisvoll, als die Frau den blanken Knopf vorzeigt, den sie in der Hand hat.

Die beiden Regisseure Daniel Jeanneteau und Marie-Christine Soma haben den Einakter in sieben kurzen Bildern mit zeitlosem, minimalistischem, eiskaltem Dekor und mit meist dunkler Beleuchtung völlig statisch, ja, fast ausdrucklos in Szene gesetzt. Die Kostüme sind modern. Die einzige Extravaganz sind Hicham Berradas aquarienhafte Videos, die die märchenhafte, aber geheimnisvoll-gefährliche Fantasie-Vegetation des Zaubergartens recht einleuchtend auf der Bühne erwachsen lässt, die aber auch symbolisieren soll, wie sonst tödliche Chemikalien ins Wasser geworfen eine üppige, verführerische Pflanzen-Scheinwelt entfalten können. Wie Jeanneteau es ausdrückt: „Der Garten ist zugleich sehr verführerisch und tödlich. Wie die Versuchung, sein Kind zu retten, wenn das nicht möglich ist. Der Garten der Zabelle ist ein tödliches Bild. Herrlich und gefährlich.“
Die Besetzung der Oper ist dieselbe, wie beim Festival von Aix-en-Provence. Als Hauptdarstellerin hat der Komponist Marianne Crebassa ausgewählt und die Rolle für sie und für ihre Stimme komponiert. Und sie spielt die Frau ernst, streng und entschlossen und singt sie sehr nuanciert. Mit fast tonloser, leiser Stimme beginnt sie ihre Geschichte, dem Sprechgesang nahe, doch steigert sich, als der Schmerz zu groß wird, in eine lautstarke, lang hinausgezogene, oft nur auf einem Ton ruhende Litanei. Ein langwährendes, amelodisches legato-lamento. Im Gegensatz dazu überzeugt Beate Mordal mit leichter, beweglicher Stimme sowohl als die über die fucking polyamory ihres Liebhabers wütende Geliebte als auch als die selbstherrliche, egozentrische Komponistin. Der Kontratenor Cameron Shahbazi spielt und singt lüstern den flatterhaften Liebhaber. John Brancy beeindruckt durch eine technisch gut kontrollierte, schön timbrierte Baritonstimme und mit gewagten Sprüngen in die Kopfstimme. Er verströmt Unruhe als der Handwerker und ist eher ein beruhigendes Element als Kunstsammler. Mit Anna Prohaska als die geheimnisvolle Zabelle und mit ihrem Garten steigt die Oper szenisch, aber auch musikalisch in eine neue Dimension auf, und das lyrische Duett der beiden Frauenstimmen nähert sich fast schon der traditionellen Opernwelt, bis die verführerische Fata Morgana wie eine spukhafte Illusion wieder verschwindet.
Wenn die Gesangsrollen oft etwas eintönig erscheinen, so ist das Orchester umso erregter. Es sind 23 Musiker des Philharmonischen Orchesters von Radio France, die oft sehr lautstark und eher als unabhängige Solisten den Ton angeben.
George Benjamin leitet Soli und Orchester souverän durch seine Oper.
Das Premierenpublikum bedenkt die Solisten, das Orchester, das Regie-Team, vor allem aber auch George Benjamin und Martin Crimp mit eifrigem Beifall.
Alexander Jordis-Lohausen