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SPOTLIGHT
(Diverse Komponisten)
Besuch am
6. November 2024
(Premiere)
Düsseldorf Lyric Opera im Bürgersaal Salzmannbau, Düsseldorf
Acht Jahre lang hat die Düsseldorf Lyric Opera die Spotlight-Konzerte im Bürgersaal des Salzmannbaus im Düsseldorfer Stadtteil Bilk veranstaltet. Einer der glühendsten Anhänger der Konzerte war William Bartholomew. Wann immer seine Gesundheit es gestattete, war er dabei, um den Opernsängern zuzuhören, wenn sie in Begleitung eines ausgesprochen einfachen und recht abgespielten Klaviers Arien und Kunstlieder intonierten. Beim Konzert im September gab Julia Coulmas, künstlerische Leiterin der DLO, bekannt, dass im November das letzte Spotlight-Konzert stattfinden werde. Das kann Bartholomew nicht mehr erleben. Aber wenigstens in Gedanken, entschied Coulmas, sollte er dabei sein. Und so widmet DLO das letzte Spotlight-Konzert dem Mann, der noch im Februar vergangenen Jahres mit Coulmas auf der Bühne tanzte.
Bartholomew wurde 1948 im englischen Andover geboren und ist in Rodmell aufgewachsen. Nach dem Studium der Mathematik an der Loughborough University wanderte er nach Deutschland aus und absolvierte hier eine Ausbildung zum Bilanzbuchhalter. Eine Arbeit, die er dann für internationale Großunternehmen in Düsseldorf wahrnahm. Mit seiner französischstämmigen Frau lebte er in Solingen, wenn er nicht gerade durch die Welt reiste. Neben der Reiseleidenschaft liebte er Sahnetorten, die Architekturfotografie, zeichnete gern und ging, wann immer möglich ins Konzert. Mit seiner Liebe zur Musik hat er sein ganzes Umfeld angesteckt. Bartholomew starb am 9. Juni dieses Jahres in Solingen. Er hinterlässt zwei Kinder und zwei Enkel.

Offenbar hat Coulmas mit ihrer Entscheidung einen Nerv getroffen. Kein Stuhl, der unbesetzt bleibt, obwohl ständig Nachschub herbeigeschafft wird, bis wirklich kein Platz mehr ist. Unter den Gästen neben zahlreichen Familienangehörigen von Bartholomew auch Armin Dusend, der sich auf Seiten des Bürgersaals stets für das gute Gelingen der Konzerte eingesetzt hat, und viele Wegbegleiter der DLO. Meghan Behiel und Michael Carleton, die beiden Pianisten, die stets zuverlässig und mit viel Freude die Begleitung der Gesangskünstler übernahmen, eröffnen den Abend mit dem vierhändig gespielten Instrumentalstück Arrival of the Queen of Sheba aus dem Oratorium Salomon von Georg Friedrich Händel, eine Version, die Anhänger der Spotlight-Konzerte noch in guter Erinnerung beispielsweise von den Open-Air-Konzerten während der Pandemie haben.
Es soll keine Trauerfeier werden, also hat sich die künstlerische Leiterin etwas Besonderes einfallen lassen. Sie bittet Batholomews Tochter Isabelle auf die Bühne. Die hat inzwischen einen Kimono angelegt und setzt sich, um Suzuki aus der Madama Butterfly von Giacomo Puccini zu verkörpern. Denn aus dieser Oper stammt eine der Lieblingsarien Bartholomews, erzählt Coulmas. Es ist die Szene, als Cio-Cio-San an Pinkertons zweifelhaftes Versprechen erinnert zurückzukehren, wenn die Rosen erblühen und die jungen Rotkehlchen im Nest zwitschern. Anders als im Libretto zieht sich die Dienerin jetzt aber nicht zurück, sondern hört aufmerksam zu, als Cio-Cio-San Un bel dì, vedremo singt. Eine anrührende Szene, die auch bei der Tochter Tränen fließen lässt.

Für emotionale Entspannung sorgt Tenor Frank Schnitzler, als er Komm in die Gondel aus der Operette Eine Nacht in Venedig von Johann Strauss anstimmt. Sopranistin Julia Langeder arbeitet inzwischen als Regie-Assistentin an der Deutschen Oper am Rhein Düsseldorf Duisburg und bereitet sich gerade auf ihre erste eigene Regie-Arbeit vor. Heute Abend aber gibt sie das Lied an den Mond, die wohl bekannteste Arie aus Rusalka von Antonín Dvořák, zum Besten. An der Mutterbrust, da war der Sekt schon meine Lust: Nach der Romantik der Humor. Bass-Bariton Thomas Huy interpretiert das Lied Als Büblein klein, das heute fest mit dem Sänger Günter Wewel verbunden ist und ursprünglich aus den Lustigen Weibern von Windsor, der Operette von Otto Nicolai stammt. Mit Printemps qui commence aus der Oper Samson et Dalila von Camille Saint-Saëns begrüßt Sopranistin Karen Bandelow das Publikum.
Der Abend hält einige Überraschungen bereit, auch für Coulmas. Was sie aber schon im Vorfeld wusste: Der Zufall will es, dass sich die lyrische Koloratur-Sopranistin Klara Nanyoung Song für ein paar Tage in Düsseldorf aufhält. Ungewöhnlich, weil sich ihr Leben eigentlich eher zwischen ihrer Heimat Südkorea und Nordamerika abspielt. Aber es soll so sein. Kurz vor ihrer Abreise tritt sie noch im Bürgersaal auf. Und es ist, als werde der Raum ein wenig heller. Mit grandioser Stimme trägt sie Quando men vo aus Puccinis La bohème vor, während sie sich hochelegant und theatralisch gekonnt durch den Raum bewegt. Das Publikum ist hingerissen, und es gibt die ersten Brava-Rufe. Bei allem Respekt vor den Leistungen ihrer Kolleginnen ist das noch mal eine Klasse für sich. Coulmas und Bandelow punkten mit dem Duett Sull’aria aus Mozarts Le nozze di figaro, ehe sich ein weiterer Gast ankündigt. Überraschend hat sich Ani Tsartsidze eingefunden, die nun Klänge der Heimat aus der Fledermaus von Johann Strauss Sohn vorträgt.

Die Pause beenden Michael Carleton am Piano und Luis Pallarolas am Saxofon mit Glenn Millers In the Mood, ehe Coulmas zu den beiden stößt und Ms. Celie’s Blues und Summertime, letzteres mit wunderbarem Schmelz, erklingen lässt. Nach dem gelungenen Intermezzo erstaunt Nanyoung Song ein weiteres Mal, wenn sie Mein Herr Marquis aus der Fledermaus akzentfrei vorträgt. Wie es mit Schnitzlers Spanischkenntnissen bestellt ist, ist unbekannt, aber sein Amor, vida de mi vida klingt jedenfalls für deutsche Ohren sehr überzeugend. Ein weiterer Überraschungsgast ist James Martin, der sich mit Bandelow zum Duett Da unten im Tale, einem Lied von Johannes Brahms, trifft. Dem schließen sich Langeder und Huy gleich mit ihrem Duett Papagena/Papageno aus Mozarts Zauberflöte an. Während Huy anschließend das Publikum mit dem Traum durch die Dämmerung in romantische Gefilde führt, ein Lied von Richard Strauss nach einem Liebesgedicht von Otto Julius Bierbaum, geht die Stimmungskurve dann noch einmal kräftig nach oben. Nanyoung Song und Bandelow erfreuen mit der Barcarole aus Jacques Offenbachs Hoffmanns Erzählungen, und Tsartsidze bringt Martin dazu, dass die Lippen schweigen.
Nach mehr als zwei Stunden kurzweiliger Unterhaltung mit Tiefgang fordert Carleton das Publikum auf, gemeinsam mit den Sängern das Lied You’ll Never Walk Alone anzustimmen. Was heute in Fußballstadien weltweit angestimmt wird, stammt ursprünglich aus der Feder von Richard Rogers und Oskar Hammerstein II, die es 1945 für das Musical Carousel geschrieben haben. Hier ist es der Trost für die Witwe eines Karussellarbeiters, später im Finale der Mutmacher für die 15-jährige Tochter, nach dem Schulabschluss ins „wahre Leben“ zu treten. Eine schöne Geste, dass Coulmas dazu den Sohn von William Bartholomew, David, auf die Bühne zu den Sängern bittet.
Und nach so viel Gefühl von Gemeinsamkeit darf in der Zugabe dann auch kräftig gefeiert werden. Libiamo, ne‘ lieti calici heißt das beliebte Trinklied aus La traviata von Giuseppe Verdi. Dieses Mal sicher mit einem Hintergedanken ausgewählt, denn am 23. November tritt die Düsseldorf Lyric Opera mit einer halbszenischen Aufführung genau dieser Oper in der Düsseldorfer Jazz-Schmiede auf. Und da macht dieser Gassenhauer doch schon mal Lust, sich das Spektakel anzuschauen, zumal Yvonne Prentki als Violetta Valéry zu erleben sein wird.
Es ist ein überaus gelungener Abschiedsabend mit einigen Feuerwerken. Da ist zu hoffen, dass der Düsseldorf Lyric Opera im kommenden Jahr wie versprochen etwas einfällt, das den Spotlight-Konzerten ebenbürtig ist.
Michael S. Zerban