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Natasha Goldberg, Julia Hagenmüller und Theresa Klose - Foto © Joana Zimmermann

Kein schönes Wochenende

VOICES
(Diverse Komponisten)

Besuch am
8. November 2024
(Einmalige Aufführung)

 

Tonhalle in der Neander­kirche, Düsseldorf

Unter dem Titel Schönes Wochenende veran­staltet die Tonhalle Düsseldorf seit vielen Jahren ein Festival, das sich in vier bis fünf Konzerten an einem Wochenende mit der neuen Musik ausein­an­der­setzt. Das letzte Festival fand im März dieses Jahres unter dem Titel Serenissima statt und beschäf­tigte sich mit Luigi Nono. Vom 8. bis 10. November nun lautet der Titel Dark Angels. Dunkle Engel klingt drama­ti­scher, poeti­scher, aber bitte schön. Auch im Engli­schen deutet sich da durchaus an, dass das Wochenende vielleicht nicht ganz so schön werden wird, wie es der Festival-Name verspricht. Denn Chefdra­maturg Uwe Sommer-Sorgente hat sich als künst­le­ri­scher Leiter zum Ziel gesetzt aufzu­zeigen, wie Kompo­nisten vom 20. Jahrhundert bis in die Gegenwart „auf das Unsagbare des Krieges mit Musik reagiert haben und sich mit Verlust, Hoffnung und Neubeginn auseinandersetzen“.

Fünf Konzerte sind für das Wochenende vorge­sehen. Dabei gehört es zum Konzept, dass sie auch an Spiel­stätten außerhalb der Tonhalle statt­finden dürfen. Da geht es zum Eröff­nungs­konzert gleich mal in die Neander­kirche in einem Hinterhof an der Bolker Straße in der Düssel­dorfer Altstadt. Die Kirche hat sich in den letzten Jahren immer häufiger als „Kammer­mu­siksaal für besondere Anlässe“ bewährt. Trotzdem ist sie wohl immer noch so etwas wie ein Geheimtipp, wenn man sich die Besucher­zahlen der Konzerte anschaut. Zu Unrecht. Durch­gängig sind hier Auffüh­rungen der Sonder­klasse zu erleben. Auch wenn man dazu die sparta­ni­schen Sitzbänke in Kauf nehmen muss, von denen sich selbst gesunde Menschen nach zwei Stunden nicht ohne Rücken­schmerzen erheben. Heute Abend ist das Programm außer­or­dentlich vielver­spre­chend, kann aber nicht genügend Menschen anziehen, um wenigstens die Hälfte der Sitzplätze zu füllen. Und am Titel Voices kann es ja wohl nicht liegen.

Eva Marti – Foto © Joana Zimmermann

Obwohl der Hinweis auf Stimmen ein wenig in die Irre führt. Denn die Themen sind andere. Doch bevor die Besucher sich damit befassen können, werden sie auf eine Neuerung hinge­wiesen, die ihnen den Abend angenehmer gestalten soll. Auf dem Abend­zettel findet sich ein QR-Code. Was sich dahinter verbirgt, muss Sommer-Sorgente in seiner Einführung mündlich erklären, weil auf dem Abend­zettel jede Erläu­terung fehlt. Wer den Code mit seinem Smart­phone erkennen lässt, soll zu den Liedtexten des Abends kommen. Inwiefern das zu einer verbes­serten Öko-Bilanz führt, soll hier nicht disku­tiert werden. Erst mal aber besticht der Gedanke, dass damit Papier einge­spart werden kann. Und insofern lohnt der Versuch doch allemal. Er ist aller­dings beim ersten Durchgang noch nicht zu Ende gedacht. Zwar öffnet sich die gewünschte Netzseite, aber dort liest man erst mal ewig, wer an dem Abend beteiligt ist. Wenn man schon glaubt, auf der falschen Seite gelandet zu sein, tauchen endlich die Texte auf. Im Verlauf des Abends stellt sich dann heraus, dass man mit dem Energie-Sparmodus seines Mobil­te­lefons in Konflikt kommt und die Verdun­kelung des Gerätes auf später verschieben muss, wenn man nicht alle paar Sekunden auf den Bildschirm tippen will, um das vorzeitige Abschalten und Reakti­vieren zu verhindern. Mit solchen Dingen will man sich eigentlich während des Konzerts nicht beschäf­tigen. Aber der Versuch lohnt.

Mit dem ersten Werk kommt zunächst einmal die Stimme eines Instru­ments zu Wort. Das Requiem für Violine solo schrieb der georgische Komponist Igor Loboda 2014 anlässlich der Besetzung der Krim durch die Russen für Lisa Batia­shvili und widmete es „dem endlosen Leiden der Ukraine“. Yumiko Shibata liefert eine eindring­liche Inter­pre­tation ab. Fragmen­tierte Bogen­striche wechseln sich mit melodi­schen Einwürfen ab und vermitteln ein assozia­tives Bild von Kriegs­ge­bieten und Opfern der Zivil­be­völ­kerung. Im Zuge des russi­schen Angriffs auf die Ukraine seit 2022 hat das Stück zunehmend an Popula­rität gewonnen. Und Shibata weiß zu vermitteln, warum.

Die deutsch-italie­nische Altistin Eva Marti stellt sich einer beson­deren Heraus­for­derung, wenn sie Weeping for a Dead Love von Anna Pidgorna aus dem Jahr 2015 in Schlag­zeug­be­gleitung vorträgt. Sie lässt sich nämlich auf die ukrai­nische Sprache ein. Spätestens jetzt freut man sich über den deutschen Text auf dem Mobil­te­lefon. Eine Ukrai­nerin aus dem Publikum gibt zu Protokoll, dass Marti ein verständ­liches Ukrai­nisch gesungen habe. Dem kann man in Ausdruck und emotio­naler Wirkung nur ein weiteres Kompliment hinzu­fügen. Um nicht zu sagen:  Das geht ganz schön unter die Haut.

Yumiko Shibata – Foto © Joana Zimmermann

Nach zwei Kompo­si­tionen des 21. Jahrhun­derts will sich fast schon Enttäu­schung breit­machen, wenn das nächste Stück dann schon wieder dem 20. Jahrhundert entstammt. 1993 hat Dieter Schnebel Amazones für fünf Frauen­stimmen geschrieben. Das sind heute Abend Julia Hagen­müller und Eva Marti vom Rhein­stimmen-Ensemble und Natascha Goldberg, Theresa Klose und Katharina Georg von den Kölner Vokal­so­listen, die sich der musika­li­schen Leitung von Mark-Andreas Schlin­gen­siepen anver­trauen und so einen Auftritt zaubern, der tatsächlich so frisch wirkt, als sei er dem Moment entsprungen. Mit der 35-jährigen Kompo­nistin Laura Marconi geht es dann tatsächlich wieder in die Gegenwart. Obgleich sie mit ihrem Werk Cenebre – so heißt Asche auf Italie­nisch – einer jahrhun­der­te­alten Tradition nachspürt, bei der Klage­weiber zu einer Beerdigung bestellt wurden. Auch diese Kompo­sition ist für fünf Frauen­stimmen angelegt. Tatsächlich bekommt das Publikum sechs Stimmen zu hören. Marconi selbst steht auf der Empore und ruft von oben herab. Grandios.

Mit Peter Ruzickas Der die Gesänge zerschlug aus dem Jahr 1998 tritt das zwölf­köpfige Notabu-Ensemble unter der Leitung von Schlin­gen­siepen an und beweist einmal mehr seine Klasse. Der Komponist hat sieben Gedichte aus Paul Celans Zeitgehöft vertont und mit Zwischen­spielen versehen. Bariton Fabian Hemmelmann trägt die Kunst­sprache des Dichters wortver­ständlich vor, ehe sie in dem Wort Hachn­assini zerfließt. Mit Celesta, Geige, Cello, Querflöte und Oboe steht das Notabu-Ensemble bereit, um den Epilog aus Engel in Flammen von Isang Yun zu spielen. Gemeinsam mit dem Chor, bestehend aus Goldberg, Klose und Georg, sowie Hagen­müller als Sopran erklingen Vokalisen, die mit dem Klang der Instru­mente verschmelzen. Ein wunder­barer Schluss­punkt, der alle Ängste vor neuer Musik beiseite wischt, ehe sich der Rahmen des Abends schließt. Den bildet die Wieder­holung des Requiems für Violine solo. Da steht Shibuta also zwischen den eilends beiseite geräumten Instru­menten, Noten­ständern und Stühlen. Gerade so, als habe sie ein Schlachtfeld betreten, in dem sie erneut Wut, Verzweiflung, aber auch ein kleines bisschen Hoffnung zu Gehör bringt.

Nein, „schön“ sind die Inhalte nicht, die von den Akteuren so meisterhaft gestaltet werden, aber kraft- und eindrucksvoll. Das Publikum ist mehr als begeistert, und so gilt es nach dem langen Applaus, den Künstlern noch so manches Danke­schön persönlich zu übermitteln. Ein fulmi­nanter Einstieg in ein Fest, das noch bis Sonntag­abend dauert, um dann in einer multi­me­dialen Urauf­führung eines Werks von Bojan Vuletić seinen Höhepunkt und Abschluss zu finden.

Michael S. Zerban

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