Die einzig gültige Antwort

DARK MATTER
(Bojan Vuletić)

Besuch am
10. November 2024
(Einmalige Aufführung)

 

Tonhalle, Mendelssohn-Saal, Düsseldorf

Drei Jahre ist es her, dass Bojan Vuletić sein Werk Zweig und Eselin im Mendelssohn-Saal der Düssel­dorfer Tonhalle urauf­führte. Nun hat die Tonhalle ihn erneut einge­laden, sein neuestes Stück zum ersten Mal in dem großen Konzertsaal des Hauses zu präsen­tieren. Anlass ist das Neue-Musik-Festival Schönes Wochenende, das vor zwei Tagen mit Voices begann und mit Dark Matter beschlossen werden soll.

Die Geschichte zur Dunklen Materie stammt von Shlomo Moskowitz, der in Berlin lebt und zu den wichtigsten Drama­tikern, Drehbuch­au­toren und Regis­seuren Israels zählt. Die israe­lische Astro­nomin Noga forscht in einer Stern­warte in der nordchi­le­ni­schen Atacama-Wüste auf 5.148 Meter Höhe schwarze Löcher. Dort erreicht sie die Nachricht, dass ihre Freundin Na’ama unter ungeklärten Umständen verschwunden sei. Noga reist mit dem Bus zum Flughafen von Santiago de Chile, fliegt von da aus nach Tel Aviv, um schließlich mit dem Auto zum Kibbuz zu rasen, in dem ihre große Liebe zuletzt lebte. Ein Hinweis auf das Massaker im vergan­genen Jahr legt den Schluss nahe, dass Noga zu spät kommt. Aber die Wirklichkeit führt zum glück­lichen Ende. Noga findet Na’ama in einer Baumhütte, wo sie sich viele Tage lang versteckt hielt.

Christoph Schneider – Foto © Susanne Diesner

Erzählt wird die Geschichte von der Schau­spie­lerin Vidina Popov. Die beschränkt sich nicht auf eine Lesung, sondern versucht, die inneren Konflikte der Astro­nomin auf der Bühne auszu­leben. Da dürfen neben einem, soweit mit Mikrofon und unter musika­li­scher Begleitung verständlich, perfekt vorge­tra­genen Text sänge­rische und tänze­rische Einlagen nicht fehlen.

Vuletić hat Dark Matter – Ein Urknall, für Instru­mente, Schau­spie­lerin und Visuals in vierzehn musika­lische Abschnitte einge­teilt. Die werden nun von „seinem Team“ abgespielt. Alina Bercu wird mit dem Auftakt gleich heraus­ge­fordert, was die Geschwin­digkeit angeht. Aber, wie gewohnt, meistert sie das souverän. Egor Grechish­nikov hat an der Geige gefühlt den größten Teil der Arbeit zu leisten. Unter­stützt wird er von Nikolaus Trieb am Cello und Christoph Schneider, der an der Klari­nette auch schon mal durch „Atemübungen“ ohne Ton auffällt. Die langjährige Zusam­men­arbeit kommt dem Quartett zugute.

Immer wieder mal wird bei Konzerten mit Projek­tionen gearbeitet. So sorgt auch Dietgard Brandenburg hier dafür, dass Bilder hinter den Akteuren auf der Bühne auftauchen. Die „Visuals“, wie das im Programmheft genannt wird, verzichten auf die große Leinwand und tummeln sich statt­dessen im Hellbraun der Rückwand. Auch heute Abend stellt sich die grund­sätz­liche Frage: Können zusätzlich einge­spielte Bildchen eine Berei­cherung für die Musik darstellen, oder lenken sie ab? Im Großteil der bisher erlebten Fälle war wohl eher letzteres der Fall. Neben den Textin­for­ma­tionen, die einge­spielt werden, und der Darstellung von Flugzeug­luken, die den Aufent­haltsort von Noga andeuten, bieten die Zeich­nungen keinen echten Mehrwert. Aller­dings muss der Saal, damit sie sichtbar werden, so weit abgedunkelt werden, dass man auch die Augen schließen kann, um sich auf Musik und Wort zu konzentrieren.

Alina Bercu – Foto © Susanne Diesner

Nach 75 Minuten kommt Nogas Reise also zu einem glück­lichen Ende, die Moskowitz im Programmheft so formu­liert: „Wenn eine myste­riöse Super­kraft hinter all dem steckt, sollen wir sie Liebe nennen? Um das Unbestimmbare zu definieren? Wahrscheinlich und hoffentlich ist Liebe die einzig gültige Antwort.“ Und so sitzt auch Noga letztlich am Bühnenrand und fragt sich, ob sie auf eine glück­liche Zukunft mit Kindern hoffen darf.

Für eine Aufführung neuer Musik ist der Saal erstaunlich gut besucht. Und das Publikum spart auch nicht mit Applaus. Dann aller­dings gibt es eine unange­nehme Überra­schung. Chefdra­maturg und künst­le­ri­scher Leiter des Festivals Schönes Wochenende, Uwe Sommer-Sorgente, betritt mit dem Mikrofon die Bühne. Er verab­schiedet sich. Aller­dings nicht nur von dem Festival dieses Wochen­endes. Sondern er bedankt sich für treue Gefolg­schaft über zehn Jahre und verkündet damit, dass das Festival insgesamt mit dem eben gehörten Konzert sein Ende findet. Wie es mit der neuen Musik in der Tonhalle weitergeht, verrät er nicht.

„Wir nehmen die Inhalte des Festivals ‚Schönes Wochenende‘ wieder – wie schon früher – in das Jahres­pro­gramm der Tonhalle auf. Durch die Einbindung in größere veran­stal­te­rische Zusam­men­hänge versprechen wir uns eine größere Selbst­ver­ständ­lichkeit in der Rezeption zeitge­nös­si­scher Musik­pro­duktion“, hat die Geschäfts­führung der Tonhalle inzwi­schen verlauten lassen.

Michael S. Zerban

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