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Foto © O-Ton

Treibende Kraft

DRIFT
(Daniel Smith, Pascal Touzeau)

Besuch am
13. Novemer 2024
(Premiere am 8. November 2024)

 

Nowaday Dance Company im ES365, Düsseldorf

Ist doch vollkommen normal, oder? Wenn du Visionen hast, mit denen du im Estab­lishment nicht landen kannst, suchst du nach neuen Wegen. Und es wird sich schnell heraus­stellen, dass es nicht nur die Wege gibt, sondern auch Menschen, die sich darauf freuen. So hat sich die so genannte Freie Szene in der Landes­haupt­stadt immer wieder erneuert. Und sie häutet sich erneut. Jetzt wird die Nowaday Dance Company für Furore sorgen. Mit ihrem Abend Drift trägt sie das Ballett in die Stadt. Der Name sagt es: Dieses Ensemble will nicht die alten Ballett-Geschichten zeigen, sondern die Gegenwart reflek­tieren. Und dazu hat es auch das gefunden, was in Düsseldorf so knapp ist: Eine „Bühne“.

2021 verließ der italie­nische Autoher­steller seine Nieder­lassung an der Erkrather Straße im Düssel­dorfer Stadtteil Lierenfeld, ein paar Schritte von einer Straßen­bahn­hal­te­stelle entfernt. Zurück­blieben 17.000 Quadrat­meter Nutzfläche. Marco Fuligni erkannte die Chance des Leerstandes zunächst als Interims­nutzung. Inzwi­schen steht wohl fest, dass die Räumlich­keiten in den kommenden Jahren nicht weiter verwertet werden. Mit Hilfe eines Immobi­li­en­ent­wicklers wurden binnen Wochen alle Räume und Plätze an über 120 Künstler vergeben. Damit entwi­ckelte sich das ES365, wie es jetzt heißt, nach Aussage Fulignis zu einem „Ersatzort zur geschlos­senen Akademie Düssel­dorfs“. Ein Ort mit 50 unabhän­gigen Ateliers und drei großen angeschlos­senen Ausstel­lungs­räumen „im post-indus­tri­ellen Charakter“. Heißt, das Gebäude macht einen ziemlich abgewrackten Eindruck. Auf den weitläu­figen Flächen stehen Schüsseln und Schalen, um das Wasser aufzu­fangen, das von der Decke tropft. Die Raumtem­pe­ratur ist der Außen­tem­pe­ratur angenähert.

Szene aus Sponge Effect – Foto © O‑Ton

Die offenen Ateliers, die man durch­schreiten muss, um in die ehemalige Fahrzeug­halle zu gelangen, wo die Company einen Tanzboden ausgelegt hat, besitzen schon Charme. In der Halle sind auf der einen Seite entlang der Bühne Hocker für die Besucher aufge­stellt. Aber niemand wird gezwungen, darauf Platz zu nehmen. Und wer glaubt, während der Aufführung einen Perspek­tiv­wechsel vornehmen zu müssen, wird nicht daran gehindert. Vornehme Ausstattung, weil es ja Ballett ist? Fehlan­zeige. Hier wird die Kunst auf sich zurück­ge­worfen, Minima­lismus ist gewollt. Ballett­meis­terin Elisabeta Stancu­lescu, nach ihrer inter­na­tio­nalen Ausbildung am Theater Chemnitz und etliche Jahre bei der Deutschen Oper am Rhein Düsseldorf Duisburg angestellt, arbeitet heute als freie Tänzerin, Tanzpäd­agogin und leitet bei Nowaday die Proben. Heute Abend übernimmt sie die Abend­spiel­leitung, kümmert sich darum, dass die Besucher sich wohlfühlen.

Drift, zu Deutsch Antrieb, ist ein so genannter Double-Bill-Abend, es werden also zwei Choreo­grafien gezeigt, wobei das Personal weitgehend identisch ist. Für das Licht sorgt Sebastian Mejia, der sich bemüht, mit margi­nalen Mitteln schöne Effekte zu zaubern. Als Tänzer sind Alice Hunter, Anri Hirota, Claire Graham, Caroline Powell, Luisa Stehmann und Valentin Juteau zu erleben. Den Anfang übernimmt Daniel Smith mit seiner Choreo­grafie Sponge Effect, also Schwamm­effekt. Freunde des Düssel­dorfer Balletts kennen ihn als Tänzer aus der Zeit Demis Volpis. Die Tänze­rinnen treten in hellgrauen, boden­langen Baumwoll­kleidern auf. Schnell stellt sich heraus, dass die extrem hoch geschlitzt sind und damit nicht nur ausrei­chende Bewegungs­freiheit, sondern auch die Möglichkeit bieten, den Anblick der durch­trai­nierten Körper zu genießen. Großartig gelungen ist die Musik. Der Pianist Eduardo Boechat hat sie gemeinsam mit Smith zusam­men­ge­stellt – darunter Musik der Kompo­nisten Philip Glass und Johann Sebastian Bach – und selbst einge­spielt. Mehr als die eindrucks­volle Klavier­musik braucht es nicht. Die Tänzer vollziehen in Varia­tionen nach, was entsteht, wenn man einen Schwamm ausdrückt und ihn wieder loslässt. Sie kumulieren in immer neuen Haufen oder Reihen, spritzen ausein­ander und werden wieder einge­sogen. Die Raumauf­teilung ist auf dem langge­zo­genen Rechteck des Tanzbodens eine Heraus­for­derung, die Smith mit Bravour meistert. Schnell, fast scheint es einem zu schnell, geht das lebendige Treiben zu Ende.

Szene aus What if – Foto © O‑Ton

Mit What if stellt Pascal Touzeau seine neue Choreo­grafie vor. Der franzö­sische Tänzer und Choreograf wurde bekannt, als er Martin Schläpfer als Ballett­di­rektor in Mainz nachfolgte und die Compagnie vollständig neu aufbauen musste, weil Schläpfer sein Ensemble mit nach Düsseldorf nahm. Was wäre, wenn, so die deutsche Übersetzung des Titels, wir der Fantasie freien Lauf lassen? Dann bekommt der Besucher nicht nur wunder­baren Balletttanz zu sehen, sondern auch eine zusätz­liche Figur, mit schwarz­glän­zendem Motor­radhelm und schwarzem Visier sowie einer roten Schleppe zur Unkennt­lichkeit verkleidet, die Hände in einem Ofenrohr wie in einem Muff versteckt. Bass-Bariton Thomas Huy übernimmt die Rolle, die im Habitus an einen König erinnert. Seine Verlaut­ba­rungen bleiben aller­dings ebenso wie die Zwischenrufe der Tänze­rinnen komplett unver­ständlich. Das Gefühl, damit etwas verpasst zu haben, entsteht dabei nicht. Während die Gestalt sich von einem Stuhl erhebt, hinter dem ein Schein­werfer dafür sorgt, dass sie in gebüh­rendem Glanz erscheint, und die Halle durch­schreitet, bekommen die Besucher alles das zu sehen, was sie von einem Ballett­stück erwarten. Spitzentanz, Sprünge und Hebungen in Anmut, die in ihrer Selbst­ver­ständ­lichkeit Stärke ausstrahlen. Hier bewegen sich keine zierlichen Püppchen, sondern Tänze­rinnen kraftvoll im nicht näher definierten Raum. Den Eindruck unter­streichen auch die Trikots, die auf Spitze und ähnlichen Firlefanz verzichten. Untermalt wird die eindrucks­volle Vorführung von Musik, die James Blake zusam­men­ge­stellt hat.

Beide Choreo­grafen werden vom zahlreich erschie­nenen Publikum ebenso wie die Tänzer ausgiebig gefeiert. Und nach guten anderthalb Stunden verweilen die Besucher gerne noch, um das Gespräch zu suchen, noch immer in Mänteln und mit Kopfbe­de­ckung, aber das stört hier wirklich niemanden. Smith und insbe­sondere Touzeau haben heute Abend mit einem wunder­baren Ensemble ein Zeichen gesetzt. Es weht ein frischer Wind in der Freien Tanzszene, der die von HipHop und urbanem Tanz verkleis­terten Köpfe mal kräftig durch­blasen könnte. Da kommt man gern wieder ins ES365, um zu erleben, ob die Nowaday Dance Company den hohen Anspruch, den sie gesetzt hat, auch halten kann.

Michael S. Zerban

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