O-Ton im Abonnement ist mehr!

Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.

Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.

Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.

O-Ton 

3-Monats-Abo

  • +3 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 16,-
 €

für jeweils 3 Monate

Unsere Top-Empfehlung!

O-Ton 

Jahres-Abo

  • +7 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 48,-

pro Jahr

O-Ton 

6-Wochen-Abo

  • sofort loslesen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 9,-

für jeweils 6 Wochen

O-Ton 

Jahres-Mitgliedschaft

  • keine automatische Verlängerung
  • keine Werbeanzeigen
  • Zugang verfällt nach Ablauf
nur 48,-

für ein Jahr

Schönes Abschiedsgeschenk

HÄNSEL UND GRETEL
(Engelbert Humperdinck)

Besuch am
16. November 2024
(Premiere)

 

Musik­theater im Revier, Gelsenkirchen

Ein schöneres Abschieds­ge­schenk hätte der schei­dende General­intendant Michael Schulz dem Musik­theater im Revier mit der Neuin­sze­nierung von Humper­dincks Hänsel und Gretel nicht machen können. Ob die Oper tatsächlich nach Bayreuth gehört, wie jüngst von Kultur­staats­mi­nis­terin Claudia Roth vorge­schlagen, mag einmal dahin­ge­stellt sein. In das Stadt­thea­ter­re­per­toire gehört die oft und gerne gespielte Oper auf jeden Fall. In Gelsen­kirchen ist das nun die dritte Produktion in über 30 Jahren und damit doch nicht ganz so oft auf die Bühne gebracht, wie man eigentlich annehmen würde. In den ausge­henden 1980-er Jahren bestach die damalige Insze­nierung von Paul Flieder durch eine hochro­man­tische Bebil­derung in den ersten beiden Akten um dann in ein alieneskes Scifi-Drama abzudriften. Die zweite Insze­nierung im Jahre 2010 von Michiel Dijkema gab sich hochäs­the­tisch voller Gesell­schafts­kritik mit eindrucks­vollen Symbolen und Gesten.

Nun die aktuelle Neuin­sze­nierung vom Hausherrn, der nach 16 Jahren Intendanz am MiR zum Ende der Spielzeit an das Saarlän­dische Staats­theater wechselt. Glaubt man die Geschichte von Hänsel und Gretel zu kennen, die 1812 von den Gebrüdern Grimm erstmals veröf­fent­licht wurde, um dann mit einem Libretto von Adelheid Wette 1893 als spätro­man­tische Oper ihren Siegeszug anzutreten, so wird man an diesem Abend erleben dürfen, wie dem populären Märchen eine weitere Facette verliehen wird, die äußerst stimmig und glaub­würdig den Verlauf des Bühnen­ge­schehens beeinflusst.

Foto © Karl und Monika Forster

Doch mit Beginn der Aufführung gibt es vor geschlos­senem, eine Waldland­schaft zeigenden Vorhang erst einmal die Ouvertüre, die in Gelsen­kirchen ganz gegen den allge­meinen Trend ohne Handlung auskommt. Es findet sich Gelegenheit, der fulmi­nanten Orches­ter­musik aus dem Graben zu lauschen und sich von den reichen Klang­bildern einstimmen zu lassen. In diesen multi­me­dialen Zeiten keine Selbst­ver­ständ­lichkeit mehr, braucht doch auch hier das Publikum Zeit, zur Ruhe zu kommen und sich dem Zauber der Musik hinzugeben.

Der erste Akt zeigt die Stube der Besen­bin­der­fa­milie auf einer kleinen Guckkas­ten­bühne, der Vorlage entspre­chend ärmlich einge­richtet. Der bekannte Handlungs­verlauf entspricht auch an diesem Abend den Erwar­tungen: Hänsel und Gretel spielen übermütig, werden von der erbosten Mutter überrascht und müssen zur Strafe in den Wald Erdbeeren sammeln. Mutter und Vater eilen in plötz­licher Sorge um ihre Kinder hinterher. Doch die klassische Erzähl­weise erfährt bald den ersten Bruch mit dem Auftreten einer bis dahin unbekannten Person, die sich Zutritt zur verwaisten Stube verschafft, alles Essbare an sich reißt und scheinbar verzweifelt nach etwas sucht, ist es ein Porträt an der Wand oder sind es die Puppen von Hänsel und Gretel, mit denen sie zuvor noch ausgiebig gespielt haben. Der unbekannte Schwarz­ge­kleidete nimmt Essen und Puppen an sich und verschwindet ebenfalls in den Wald.

Zu Beginn des zweiten Aktes haben dort Hänsel und Gretel inzwi­schen ihre Körbe gefüllt, können aber ihren Weg nach Hause nicht mehr finden. Auch diese Geschichte scheint mit Abend­segen und vielerlei Erschei­nungen im abend­lichen Wald nur allzu vertraut, wäre da nicht wieder die unheim­liche, schwarz­ge­kleidete Person hinter den Bäumen, den Standort ständig wechselnd, deren Rolle doch schon ein wenig fragwürdig erscheint und immer mehr in das Geschehen eingreift.

Die zahlreichen Waldbe­wohner geben sich auf offener Bühne ein Stell­dichein und der Fantasie der Bewohner des Märchen­walds sind kaum Grenzen gesetzt. Von der Schnecke, über den Raben und das Eichhörnchen bis hin zum Grashüpfer und der Libelle ist alles dabei, was die Statis­terie des Musik­theaters fanta­sievoll auf die Bühne zu bringen vermag. Für die Kostüme sorgt Martina Feldmann. Es kreucht und fleucht im Bühnenwald, der dann doch etwas übersicht­licher ausge­fallen ist, als man nach der Ankün­digung, den Wald aus der früheren Produktion von Janáčeks Schlauem Füchslein aus Gründen der Nachhal­tigkeit, wieder­ver­wenden zu wollen, erwartet hat. Dennoch hat das, was tatsächlich an Wald auf der Bühne zu sehen ist, seine ganz eigene Magie – nur Engel sind an diesem Abend gar nicht zu sehen.

Die Handlung des dritten und vierten Aktes wird vom Knusper­häuschen und der Erscheinung der Hexe bestimmt. In Gelsen­kirchen hat Bühnen­bild­nerin Heike Scheele einen weihnachtlich beleuch­teten Jahrmarkt­wagen mit großen Spros­sen­fenstern geschaffen, in dessen Innerem die schrill rosa gekleidete Hexe umgeben von Spielzeug und Süßkram reglos thront, um die Kinder schließlich auf altbe­kannte Weise in ihren Bann zu ziehen. Auch in dem Zusam­menhang zeigt sich die schwarz­ge­kleidete Person wieder, die Hänsel und Gretel entweder zur Hexe führen soll oder versucht, sie davon abzuhalten. Das ist an der Stelle immer noch nicht ganz klar. Tenden­ziell scheint es aber der Hexen­ge­selle zu sein, der ihr Kinder und andere Habse­lig­keiten zuführt. Doch letztlich entpuppt er sich als Befreier, der Hänsel aus seinem Käfig entlässt, die Hexe unschädlich macht, das Geschwis­terpaar in die Freiheit führt und die aus der Stube entnom­menen Puppen zurückgibt. In einer Stimmung der Glück­se­ligkeit, dem Grauen entronnen zu sein, gibt sich der Namenlose als älterer Bruder zu erkennen, der schon vor Jahren von der Hexe verzaubert wurde und dessen Porträt zu Beginn der Handlung an der Wand der Besen­bin­der­stube zu sehen war. Hier schließt sich der Kreis der wunder­baren Erzählung, die so neu, so überra­schend und so stimmig daher­kommt. Wer hätte gedacht, dass man der Geschichte von Hänsel und Gretel einen neuen bedeu­tungs­vollen Erzähl­strang hinzu­fügen kann?

Michael Schulz hat das in Gelsen­kirchen feinsinnig und überzeugend geschafft und dabei noch zahlreiche Details ausge­ar­beitet, die in all ihren reichen Nuancen wahre Meister­schaft beweisen. Reich an Chiffren und Symbolen, die das Tor zu einem eigenen Bedeu­tungs­kosmos aufzu­stoßen in der Lage sind. Beispielhaft können in dem Zusam­menhang die Puppen angesprochen werden, deren Gegenwart sich durch alle Akte zieht und die zu Symbolen familiärer Verbun­denheit werden. In der heimi­schen Stube spielen Hänsel und Gretel damit, der unbekannte Dieb entwendet sie und gibt sie den beiden am Schluss wieder zurück. Wie final alle erlösten Kinder und auch der bis dato unbekannte Bruder Puppen oder Kuschel­tiere in ihren Händen halten, die zuvor im Hexen­la­by­rinth in Schränken gelagert und teilweise auch zur Feuerung des Ofens genutzt wurden.

Die Hexe erscheint zu den Klängen des Hexen­ritts nicht nur auf der Bühne, sondern Hexen­schwestern schweben zeitgleich kreischend durch die Lüfte und stürmen den Zuschau­erraum unter schrillem Geschrei. Ein wunder­bares Zitat aus dem Holly­woodfilm Hänsel und Gretel Hexenjäger.

Effektvoll werden Lichter und ordentlich Theater­nebel einge­setzt, um das Publikum noch inten­siver einzubeziehen.

Die befreiten Kinder, die sich von der Hinter­bühne als Chor langsam den Weg nach vorne bahnen, bestimmen das anrüh­rende und verklä­rende Finale der so neu gedachten Märchenoper.

Die musika­lische Seite des Abends besticht ebenfalls durch hohe Qualität im gesamten Sängerensemble.

Foto © Karl und Monika Forster

Hänsel und Gretel, in der Premiere von Lina Hoffmann und Heejin Kim darge­stellt, sind außer­ge­wöhnlich vital und spiel­freudig. Stimmlich sind beide Ideal­be­set­zungen. Der warme, kraft­volle Mezzo­sopran von Hoffmann harmo­niert außer­or­dentlich gut mit dem brillanten Sopran von Kim. Einschließlich der klaren Diktion von Hoffmann überzeugt das Gelsen­kir­chener Bühnenpaar.

Den Besen­binder Peter gibt Benedict Nelson souverän. Sowohl sein anspruchs­voller Bariton als auch sein vielschich­tiges Spiel können überzeugen. Almuth Herbst als Gertrud ist ihm eine konge­niale Partnerin, die sich zuweilen in der Höhe etwas scharf zeigt, ansonsten mit ihrer Altstimme verwöhnt. Schau­spie­le­risch und sänge­risch überragend an diesem Abend als Hexe ist Martin Homrich, der alle Facetten der so dankbaren Rolle ausreizt und dabei das gesamte Register seiner komplexen Stimm­fär­bungen zum Besten geben kann. Eine wunderbare Bühnenpersönlichkeit!

Elia Conen-Weißert als Mitglied des Opern­studios NRW verleiht sowohl Sandmännchen als auch Taumännchen eine zauberhaft-zarte Stimme und berei­chert mit Bravour die große Ensem­ble­leistung. Sebastian Schiller bringt die enigma­tische Figur des verschol­lenen Bruders mit großem darstel­le­ri­schem Einsatz auf die Bühne.

Ganz außer­or­dentlich beein­dru­ckend ist der große Kinderchor, bestehend aus Mitgliedern der Akademie für Gesang NRW und dem MiR-Kinderchor, der nicht nur drama­tur­gisch überzeugt, sondern auch mit großem und präzisem Wohlklang für sich einnimmt.

Die Neue Philhar­monie Westfalen spielt unter der Leitung von Giuliano Betta gewohnt stimmungsvoll und einsatz­sicher, mit kleinsten Abstrichen bei den Hörnern.

Das Premie­ren­pu­blikum im fast ausver­kauften Haus zeigt sich angesichts der musika­li­schen Gesamt­leistung und der anspruchs­vollen, klugen Regie über alle Maßen begeistert. Der Schluss­ap­plaus gerät mit einer der längsten stehenden Ovationen der letzten Jahre zu einem Vermächtnis der Intendanz Michael Schulz. Er hat das Haus fast eine Generation lang umsichtig und mit starkem allge­mein­po­li­ti­schem Mandat erfolg­reich durch schwere Zeiten geführt. Ungeachtet aller Sparzwänge, denen das Musik­theater im Revier immer wieder unter­worfen war, ist es bis heute ein Leuchtturm für künst­le­rische Qualität und gesell­schaft­liches Engagement. Man darf dem Haus nur alles erdenklich Gute bei der Neube­setzung der Position des General­inten­danten wünschen, dessen Name wohl in nicht allzu ferner Zukunft verkündet werden dürfte. Glück auf!

Bernd Lausberg

Teilen Sie O-Ton mit anderen: