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HÄNSEL UND GRETEL
(Engelbert Humperdinck)
Besuch am
16. November 2024
(Premiere)
Ein schöneres Abschiedsgeschenk hätte der scheidende Generalintendant Michael Schulz dem Musiktheater im Revier mit der Neuinszenierung von Humperdincks Hänsel und Gretel nicht machen können. Ob die Oper tatsächlich nach Bayreuth gehört, wie jüngst von Kulturstaatsministerin Claudia Roth vorgeschlagen, mag einmal dahingestellt sein. In das Stadttheaterrepertoire gehört die oft und gerne gespielte Oper auf jeden Fall. In Gelsenkirchen ist das nun die dritte Produktion in über 30 Jahren und damit doch nicht ganz so oft auf die Bühne gebracht, wie man eigentlich annehmen würde. In den ausgehenden 1980-er Jahren bestach die damalige Inszenierung von Paul Flieder durch eine hochromantische Bebilderung in den ersten beiden Akten um dann in ein alieneskes Scifi-Drama abzudriften. Die zweite Inszenierung im Jahre 2010 von Michiel Dijkema gab sich hochästhetisch voller Gesellschaftskritik mit eindrucksvollen Symbolen und Gesten.
Nun die aktuelle Neuinszenierung vom Hausherrn, der nach 16 Jahren Intendanz am MiR zum Ende der Spielzeit an das Saarländische Staatstheater wechselt. Glaubt man die Geschichte von Hänsel und Gretel zu kennen, die 1812 von den Gebrüdern Grimm erstmals veröffentlicht wurde, um dann mit einem Libretto von Adelheid Wette 1893 als spätromantische Oper ihren Siegeszug anzutreten, so wird man an diesem Abend erleben dürfen, wie dem populären Märchen eine weitere Facette verliehen wird, die äußerst stimmig und glaubwürdig den Verlauf des Bühnengeschehens beeinflusst.

Doch mit Beginn der Aufführung gibt es vor geschlossenem, eine Waldlandschaft zeigenden Vorhang erst einmal die Ouvertüre, die in Gelsenkirchen ganz gegen den allgemeinen Trend ohne Handlung auskommt. Es findet sich Gelegenheit, der fulminanten Orchestermusik aus dem Graben zu lauschen und sich von den reichen Klangbildern einstimmen zu lassen. In diesen multimedialen Zeiten keine Selbstverständlichkeit mehr, braucht doch auch hier das Publikum Zeit, zur Ruhe zu kommen und sich dem Zauber der Musik hinzugeben.
Der erste Akt zeigt die Stube der Besenbinderfamilie auf einer kleinen Guckkastenbühne, der Vorlage entsprechend ärmlich eingerichtet. Der bekannte Handlungsverlauf entspricht auch an diesem Abend den Erwartungen: Hänsel und Gretel spielen übermütig, werden von der erbosten Mutter überrascht und müssen zur Strafe in den Wald Erdbeeren sammeln. Mutter und Vater eilen in plötzlicher Sorge um ihre Kinder hinterher. Doch die klassische Erzählweise erfährt bald den ersten Bruch mit dem Auftreten einer bis dahin unbekannten Person, die sich Zutritt zur verwaisten Stube verschafft, alles Essbare an sich reißt und scheinbar verzweifelt nach etwas sucht, ist es ein Porträt an der Wand oder sind es die Puppen von Hänsel und Gretel, mit denen sie zuvor noch ausgiebig gespielt haben. Der unbekannte Schwarzgekleidete nimmt Essen und Puppen an sich und verschwindet ebenfalls in den Wald.
Zu Beginn des zweiten Aktes haben dort Hänsel und Gretel inzwischen ihre Körbe gefüllt, können aber ihren Weg nach Hause nicht mehr finden. Auch diese Geschichte scheint mit Abendsegen und vielerlei Erscheinungen im abendlichen Wald nur allzu vertraut, wäre da nicht wieder die unheimliche, schwarzgekleidete Person hinter den Bäumen, den Standort ständig wechselnd, deren Rolle doch schon ein wenig fragwürdig erscheint und immer mehr in das Geschehen eingreift.
Die zahlreichen Waldbewohner geben sich auf offener Bühne ein Stelldichein und der Fantasie der Bewohner des Märchenwalds sind kaum Grenzen gesetzt. Von der Schnecke, über den Raben und das Eichhörnchen bis hin zum Grashüpfer und der Libelle ist alles dabei, was die Statisterie des Musiktheaters fantasievoll auf die Bühne zu bringen vermag. Für die Kostüme sorgt Martina Feldmann. Es kreucht und fleucht im Bühnenwald, der dann doch etwas übersichtlicher ausgefallen ist, als man nach der Ankündigung, den Wald aus der früheren Produktion von Janáčeks Schlauem Füchslein aus Gründen der Nachhaltigkeit, wiederverwenden zu wollen, erwartet hat. Dennoch hat das, was tatsächlich an Wald auf der Bühne zu sehen ist, seine ganz eigene Magie – nur Engel sind an diesem Abend gar nicht zu sehen.
Die Handlung des dritten und vierten Aktes wird vom Knusperhäuschen und der Erscheinung der Hexe bestimmt. In Gelsenkirchen hat Bühnenbildnerin Heike Scheele einen weihnachtlich beleuchteten Jahrmarktwagen mit großen Sprossenfenstern geschaffen, in dessen Innerem die schrill rosa gekleidete Hexe umgeben von Spielzeug und Süßkram reglos thront, um die Kinder schließlich auf altbekannte Weise in ihren Bann zu ziehen. Auch in dem Zusammenhang zeigt sich die schwarzgekleidete Person wieder, die Hänsel und Gretel entweder zur Hexe führen soll oder versucht, sie davon abzuhalten. Das ist an der Stelle immer noch nicht ganz klar. Tendenziell scheint es aber der Hexengeselle zu sein, der ihr Kinder und andere Habseligkeiten zuführt. Doch letztlich entpuppt er sich als Befreier, der Hänsel aus seinem Käfig entlässt, die Hexe unschädlich macht, das Geschwisterpaar in die Freiheit führt und die aus der Stube entnommenen Puppen zurückgibt. In einer Stimmung der Glückseligkeit, dem Grauen entronnen zu sein, gibt sich der Namenlose als älterer Bruder zu erkennen, der schon vor Jahren von der Hexe verzaubert wurde und dessen Porträt zu Beginn der Handlung an der Wand der Besenbinderstube zu sehen war. Hier schließt sich der Kreis der wunderbaren Erzählung, die so neu, so überraschend und so stimmig daherkommt. Wer hätte gedacht, dass man der Geschichte von Hänsel und Gretel einen neuen bedeutungsvollen Erzählstrang hinzufügen kann?
Michael Schulz hat das in Gelsenkirchen feinsinnig und überzeugend geschafft und dabei noch zahlreiche Details ausgearbeitet, die in all ihren reichen Nuancen wahre Meisterschaft beweisen. Reich an Chiffren und Symbolen, die das Tor zu einem eigenen Bedeutungskosmos aufzustoßen in der Lage sind. Beispielhaft können in dem Zusammenhang die Puppen angesprochen werden, deren Gegenwart sich durch alle Akte zieht und die zu Symbolen familiärer Verbundenheit werden. In der heimischen Stube spielen Hänsel und Gretel damit, der unbekannte Dieb entwendet sie und gibt sie den beiden am Schluss wieder zurück. Wie final alle erlösten Kinder und auch der bis dato unbekannte Bruder Puppen oder Kuscheltiere in ihren Händen halten, die zuvor im Hexenlabyrinth in Schränken gelagert und teilweise auch zur Feuerung des Ofens genutzt wurden.
Die Hexe erscheint zu den Klängen des Hexenritts nicht nur auf der Bühne, sondern Hexenschwestern schweben zeitgleich kreischend durch die Lüfte und stürmen den Zuschauerraum unter schrillem Geschrei. Ein wunderbares Zitat aus dem Hollywoodfilm Hänsel und Gretel Hexenjäger.
Effektvoll werden Lichter und ordentlich Theaternebel eingesetzt, um das Publikum noch intensiver einzubeziehen.
Die befreiten Kinder, die sich von der Hinterbühne als Chor langsam den Weg nach vorne bahnen, bestimmen das anrührende und verklärende Finale der so neu gedachten Märchenoper.
Die musikalische Seite des Abends besticht ebenfalls durch hohe Qualität im gesamten Sängerensemble.

Hänsel und Gretel, in der Premiere von Lina Hoffmann und Heejin Kim dargestellt, sind außergewöhnlich vital und spielfreudig. Stimmlich sind beide Idealbesetzungen. Der warme, kraftvolle Mezzosopran von Hoffmann harmoniert außerordentlich gut mit dem brillanten Sopran von Kim. Einschließlich der klaren Diktion von Hoffmann überzeugt das Gelsenkirchener Bühnenpaar.
Den Besenbinder Peter gibt Benedict Nelson souverän. Sowohl sein anspruchsvoller Bariton als auch sein vielschichtiges Spiel können überzeugen. Almuth Herbst als Gertrud ist ihm eine kongeniale Partnerin, die sich zuweilen in der Höhe etwas scharf zeigt, ansonsten mit ihrer Altstimme verwöhnt. Schauspielerisch und sängerisch überragend an diesem Abend als Hexe ist Martin Homrich, der alle Facetten der so dankbaren Rolle ausreizt und dabei das gesamte Register seiner komplexen Stimmfärbungen zum Besten geben kann. Eine wunderbare Bühnenpersönlichkeit!
Elia Conen-Weißert als Mitglied des Opernstudios NRW verleiht sowohl Sandmännchen als auch Taumännchen eine zauberhaft-zarte Stimme und bereichert mit Bravour die große Ensembleleistung. Sebastian Schiller bringt die enigmatische Figur des verschollenen Bruders mit großem darstellerischem Einsatz auf die Bühne.
Ganz außerordentlich beeindruckend ist der große Kinderchor, bestehend aus Mitgliedern der Akademie für Gesang NRW und dem MiR-Kinderchor, der nicht nur dramaturgisch überzeugt, sondern auch mit großem und präzisem Wohlklang für sich einnimmt.
Die Neue Philharmonie Westfalen spielt unter der Leitung von Giuliano Betta gewohnt stimmungsvoll und einsatzsicher, mit kleinsten Abstrichen bei den Hörnern.
Das Premierenpublikum im fast ausverkauften Haus zeigt sich angesichts der musikalischen Gesamtleistung und der anspruchsvollen, klugen Regie über alle Maßen begeistert. Der Schlussapplaus gerät mit einer der längsten stehenden Ovationen der letzten Jahre zu einem Vermächtnis der Intendanz Michael Schulz. Er hat das Haus fast eine Generation lang umsichtig und mit starkem allgemeinpolitischem Mandat erfolgreich durch schwere Zeiten geführt. Ungeachtet aller Sparzwänge, denen das Musiktheater im Revier immer wieder unterworfen war, ist es bis heute ein Leuchtturm für künstlerische Qualität und gesellschaftliches Engagement. Man darf dem Haus nur alles erdenklich Gute bei der Neubesetzung der Position des Generalintendanten wünschen, dessen Name wohl in nicht allzu ferner Zukunft verkündet werden dürfte. Glück auf!
Bernd Lausberg