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Meereswogen und ein fantastischer Chor

THE WRECKERS
(Ethel Smyth)

Besuch am
15. November 2024
(Premiere am 25. Oktober 2024)

 

Staats­theater Meiningen

Ethel Smyth, eine Britin aus dem Süden der Insel, die von 1858 bis 1944 lebte, also 86 Jahre alt wurde, war eine sehr militante, feminis­tisch geprägte Frau, die als Kompo­nistin in ihrer Zeit viel zu wenig öffent­liche Wertschätzung erfuhr – zeitlebens wurde ihr auch ihr Wunsch, haupt­be­ruflich als Kompo­nistin zu arbeiten, nicht erfüllt. Aller­dings ist sie doch mit zahlreichen Ehrungen in Großbri­tannien schon zu Lebzeiten ausge­zeichnet worden. Ihre sieben­bän­digen Memoiren weisen sie zudem als versierte Schrift­stel­lerin aus. Sie verkehrte in den musika­li­schen Kreisen Leipzigs und lernte im Hause ihrer Gönner von Herzo­genberg Clara Schumann, Anton Rubin­stein, Max Fried­länder, Edvard Grieg, Johannes Brahms, später dann auch Pjotr Iljitsch Tschai­kowski kennen. Bruno Walter wurde in Wien einer ihrer Bewun­derer, Gustav Mahler konnte hier eine Premiere von The Wreckers nicht durchsetzen.

Das Werk The Wreckers erlebte seine Urauf­führung in deutscher Sprache 1906 in Leipzig,1909 wurde es in London in der engli­schen Fassung zum ersten Mal auf die Bühne gebracht. In Meiningen erklingt die vollständige deutsche Fassung des Werkes unter der musika­li­schen Leitung des GMD Killian Farrell, der sich der Musik Smyths anscheinend sehr nahe fühlt.

Eine alte Legende aus Cornwall inspi­rierte Smyth zu dem Werk, eine Geschichte von Küsten­pi­raten, die in einer in sich geschlos­senen Gesell­schaft ihr eigenes Recht durch­setzen. Wer hier aber an etwas Ähnliches wie die Pirates of Penzance denkt, liegt falsch.

Foto © Christina Iberl

Aber zunächst zum Inhalt des selten gespielten Stückes: In Cornwall bringt eine einge­schworene Dorfge­sell­schaft aus Not und Armut Schiffe durch das Aussetzen der Leucht­feuer zum Kentern. Das dadurch ergat­terte Strandgut bunkert sie in Höhlen, es verschafft ihr die Möglichkeit, zu überleben. Durch ihren Glauben und durch den geist­lichen Führer Pasko unter­stützt, halten sich die Bewohner dazu berechtigt. Als man bemerkt, dass jemand aus dem Dorf heimlich Feuer anzündet, um die Schiffe vor den Klippen zu warnen, einen Schiff­bruch zu vermeiden und die Seeleute zu retten, wird der Schuldige vehement gesucht. Der Leucht­turm­wärter Laurent, seine Tochter Avis, Schwager Harvey und Wirt Tallan mit Tochter Sophie bringen die Dorfge­mein­schaft immer mehr dazu, einen Verräter dingfest zu machen. Unglück­liche Liebes­be­zie­hungen und Ehen tun ihr Übriges dazu, dass Misstrauen, Verdachts­mo­mente und Verrat sich breit machen. Am Ende wird das Liebespaar Thurza und Marc, das sich entschlossen hat, mit den Ersatz­feuern dem unseligen Treiben ein Ende zu bereiten, von der Dorfge­mein­schaft hingerichtet.

Regisseur Jochen Biganzoli, der in Meiningen schon Die tote Stadt Erich Korngolds in Szene setzte, möchte gemeinsam mit Bühnen- und Kostüm­bildner Alexandre Corazzola ganz im Sinne Ethel Smyths zeigen, dass „alle Betei­ligten von ihrem Stand­punkt aus das Richtige tun“, wie Drama­turgin Julia Terwald aus den Memoiren der Kompo­nistin zitiert. Das ist aber ein schwie­riges Unter­fangen bei dem doch sehr gewalt­tä­tigen Stoff. Bühnenbild und Kostüme versinn­bild­lichen die in sich geschlossene Gesell­schaft, ein großer weißer Kubus hängt in der Mitte der Bühne von der Decke, die einzelnen weißen Scheiben gut als Schreib­un­terlage respektive als Tafelwand und als halbtrans­pa­rente Fenster von innen nutzbar. Hinter denen sind die Dorfbe­wohner manchmal wie in Zellen gefangen zu sehen, wie hinge­klebt, wie Moment­auf­nahmen aus heftigen Aktionen heraus, als ob sie gegen die Wand gelaufen wären. Parolen wie „Angst, Not, Chance, Verräter, Ausländer raus etc.“ werden auf den Kubus geschrieben, sehr plakativ und etwas gewollt, das Ganze. Die Abgeschirmtheit der Gemein­schaft in ihrem Kubus wird noch durch die einheit­lichen Farben der Kostüme verstärkt, grau-schwarz, bläulich, braun sind die dominie­renden Farben. Alltags­kostüme tragen sie, vom Janker über Leder­jacken bis zum Anzug. Nur die zugezogene Thurza sticht aus dem Ganzen heraus, mit violetten Haaren, einem T‑Shirt mit der Aufschrift „In Flammen“ und einem silber­far­benen Plisseerock bekleidet. Sie wider­setzt sich den Regeln und Riten der Gemein­schaft und zündet die rettenden Feuer gemeinsam mit ihrem Liebhaber Marc an. Dabei ist der Stoff behutsam moder­ni­siert, diese Bubble, diese Blase könnte auch in jeder modernen Gesell­schaft lokali­siert werden, ob in einer Migran­ten­un­ter­kunft oder in einer gutbür­ger­lichen Enklave, überall da, wo Menschen in ihrer eigenen Welt, mit ihrer eigenen Anschauung leben, wie Regisseur Biganzoli im Interview vermittelt. Die Aktua­lität einer moralisch fragwür­digen Gesell­schaft wird durch das drama­tisch einge­setzte Licht unter Beleuch­tungs­meister Rolf Schreiber verstärkt. Als einzige größere Requi­siten dienen zwei moderne Stühle und ein Abfall­con­tainer, als Feuer­stelle entfremdet.

Die Musik Smyths ergreift einen vom ersten Moment an. Sie ist mächtig, Unheil verheißend, Stürme evozierend. Aber die Kompo­nistin hat auch Elemente ihrer briti­schen Heimat in Form von Volks­weisen in ganz zarter Weise aufge­nommen. Einen starken Akzent legt Smyth auf die Darstellung des Meeres, wie es im aufzie­henden Sturm wütet und am Ende bei der Hinrichtung der beiden Liebenden in einer Höhle an der Küste Leben vernichtend immer höher steigt. Sie war eine große Vereh­rerin Richard Wagners, und nicht nur von ihm entdeckt man immer wieder Zitate: Die Meeres­szenen erinnern an den Fliegenden Holländer, die Gesänge der notge­plagten Dorfge­sell­schaft an die Chöre der Grals­ge­mein­schaft im Parsifal, das große Liebes­duett zwischen Marc und Thurza an Tristan und Isolde. Avis‘ Arien verströmen einen Hauch von Carmen und La Bohème, manchmal glaubt man auch, Giuseppe Verdi und Engelbert Humper­dinck standen Pate. Aber man würde das nicht als epigonal bezeichnen wollen, Smyth hat mit großem Gespür für die Dramatik des Geschehens eine wuchtige und emoti­ons­ge­ladene musika­lische Sprache gefunden, die den Zuhörer im Innersten packt. Dabei weist sie teils weit in die Moderne und ist von einer Inten­sität, die man als Zuhörer manchmal kaum noch aushält.

Einen großen Anteil an dieser Wirkung haben der Chor und die Statis­terie des Staats­theaters Meiningen. Mit voller Kraft, sowohl im körper­lichen Ausdruck als auch in den Stimmen, werfen sich die Sänger voll in das Geschehen und sind vor allem immer absolut präsent in ihrer Darstellung. Dabei singen sie sauber, sehr oberton­reich, klar und gut verständlich, immer homogen und gut durch­hörbar. Chorleiter Roman David Rothe­naicher scheint sie für die Produktion nochmals speziell für den Ausdruck im großen Forte vorbe­reitet zu haben – sehr überzeugend und sehr wirkungsvoll!

Foto © Christina Iberl

Tamta Tarie­lashvili passt mit ihrem hochdra­ma­ti­schen, dunklen Mezzo­sopran sehr gut zu der Rolle der Thurza, die sich als heftig Liebende mit großer Emotio­na­lität der Dorfge­mein­schaft und dem unseligen Treiben entge­gen­setzt. Auch leise lyrische Töne stehen ihr zu Gebot, in der Höhe lodert die Stimme farbenreich.

Marc, ihr heimlicher Geliebter, wird von Alexander Geller verkörpert. Er kann hier beweisen, dass er sowohl die lyrischen als auch die heldi­schen Passagen der Partie in der Stimme hat. Mit kernigem Ton und heller Höhe meistert er auch schwierige Stellen und ist dabei immer sehr gut verständlich. Bass-Bariton Tomasz Wija als Thurzas ungeliebter Ehemann Pasko singt mit immer gutem Körper­klang einen überzeugend fanati­schen Sekten­führer, seine Verzweiflung glaubhaft in die Stimme legend. Marc Hightower als Leucht­turm­wärter Laurent verströmt mit seinem sonoren Bass große Autorität. Emma Mc Nairy als eine Tochter Avis‘ setzt ihren jugendlich-drama­ti­schen Sopran mit vollem Elan in die Rolle der verschmähten Geliebten ein. Warme, innige Töne wechseln sich mit schnei­denden Tönen voller Schärfe, da, wo es passt. Auch in der Tiefe hat sie das für die Musik Smyths nötige Volumen. Sara Maria Saalmann als Sophie füllt wie immer auch kleinere Rollen mit großer Bühnen­präsenz und wohltim­briertem, sehr ausge­gli­chenem, hellem Mezzo. Ihren Vater Tallan gibt Tobias Glagau mit hellem Tenor, der auch Orato­riums-Quali­täten hören lässt. Selcuk Hakan Tiraşoğlu in der kleinen Rolle als Schwager Harwey fügt sich mit seinem mächtigen Bass gut ins Ensemble ein.

Bleibt das Orchester unter seinem Dirigenten Farrell. Schon in der Einführung fürs Publikum beweist Farrell, dass er ein großer Fan der Musik Smyths ist. Sein Dirigat verleitet denn auch die Meininger Hofka­pelle zu Höchst­leis­tungen. Süffig und satt, dicht und drängend evozieren die Musiker nicht nur die Küste Cornwalls, sondern auch die tiefen Emotionen. Entfes­selte Sturmböen, Blitze und Donner und das brausende Meer halten Einzug ins Opernhaus und überwäl­tigen schier die Zuhörer.

Nach der Pause bleiben manche Stühle leer. Liegt es daran, dass Smyth die Sehnsucht nach wieder­hol­baren eingän­gigen Melodien nicht bedient? Das restliche Publikum dankt jeden­falls allen Mitwir­kenden im gut verkauften Haus mit langan­hal­tendem, begeis­tertem Applaus und feiert Chor, Ensemble und Orchester ausgiebig.

Jutta Schwegler

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