Resonanzen des Unerwarteten

VOYAGERS
(André Buttler)

Besuch am
16. November 2024
(Urauf­führung)

 

Theater Marl

Kunst braucht Visionäre, die Konven­tionen in Frage stellen und Grenzen auflösen. Der Marler Komponist André Buttler stellt mit seiner neuesten Kompo­sition Voyagers die Grenzen tradi­tio­neller Musik­auf­führung radikal in Frage. Im Theater der Stadt Marl insze­niert er eine 75-minütige Perfor­mance, die Musik nicht als Konsum­produkt, sondern als ganzheit­liches Erlebnis versteht. Musik, Tanz, Licht und Farben verschmelzen zu einer künst­le­ri­schen Einheit, die das Publikum einlädt, musika­lische Konven­tionen zu durch­brechen und die Welt mit neuen Sinnen wahrzunehmen.

Foto © O‑Ton

Der Abend beginnt mit dem Solospiel des Duisburgers André Meisner auf der Duduk, dem uralten armeni­schen Blasin­strument, das mit jedem einzelnen, lange ausge­kos­teten Ton Geschichten erzählen kann. Solche Klänge, zwischen archai­scher Tradition und experi­men­teller Moderne changierend, geben wiederum Raum für das visuelle Geschehen:  Unter einem schim­mernden Seidentuch erwachen die Tänze­rinnen, richten sich schließlich auf, einem elemen­taren Erwachen gleich – auch das wirkt wie eine choreo­gra­fische Metapher für Trans­for­mation und Aufbruch.

Zehn Tänze­rinnen vom Marler Studio Tanz Kreativ erzeugen unter Melanie Drükes choreo­gra­fi­scher Expertise einen lebenden Resonanzraum für alle Emotionen der Musik – dynamisch, in sehr stili­sierten, aber auch frei impro­vi­sierten Figuren, in rausch­haften Bildern. Oft wirken die Tänze­rinnen wie zu einer sozialen Skulptur vereint. Das ist keine dekorative Ergänzung zur Musik, sondern die Verkör­perung einer kollek­tiven Energie, die der Kompo­sition eine philo­so­phische Tiefen­di­mension verleiht. Ihre Bewegungen synthe­ti­sieren die präzisen Linien des klassi­schen Balletts mit den organi­schen, oft unvor­her­seh­baren Impulsen des Modern Dance zu einer ganz eigen­stän­digen Bewegungs­sprache. Und ja, eine solche Leistung von zehn hochmo­ti­vierten Laien­tän­ze­rinnen ist das Ergebnis harter künst­le­ri­scher Arbeit und noch mehr gelebter Leiden­schaft, die Drüke in ihrem seit 20 Jahren engagiert betrie­benen Studio bei den Tänze­rinnen weckt.

Foto © O‑Ton

Die feinsinnige Musik des Ensembles fordert zum Eintauchen und konzen­trierten Zuhören heraus, wie sie um ein imagi­näres Zentrum kreist, aber dabei im Detail extrem durch­dacht ist. Oberflächlich mag der Tonfluss gleich­förmig wirken, doch darunter offen­baren sich umso mehr Tiefen­schichten. Klug einge­setzte Harmo­nie­wechsel erzeugen in ausge­suchten Momenten starke Gefühls­wir­kungen. Solche Wendungen erzeugen dynamische Spannung, die den Hörer aus der Komfortzone immer wieder heraus­führen.  In einem späteren der zwölf Sätze schiebt sich ein perkus­siver, pochender Klavierton zwischen die fließenden Duduk-Klänge – konfron­tativ, aber irgendwie auch sehr versöhnlich. Der feinsinnige Klang­teppich, den die Streich­in­stru­mente – Felix Kriewald und Patricia Gilde­kötter an der Geige, Bratschistin Caroline Bernhard und Cellist Gereon Schmelter – weben, tut sein Übriges, um lebendig pulsie­rende Klänge auszu­breiten.  Und wenn sich fernöst­liche Penta­tonik mit westlicher Kompo­si­ti­ons­technik mischt, wirkt das nicht plakativ oder aufge­setzt, sondern wie eine globale Gesprächseinladung.

Voyagers übte schon im Vorfeld eine hohe Anzie­hungs­kraft auf andere Perso­nen­kreise aus, als das sonst anwesende Bildungs­bür­gertum bei dem – für eine vergleichs­weise kleine Ruhrge­biets­stadt durchaus beacht­liche – Konzert­leben. So wirkt das Alters­spektrum deutlich nach unten erweitert und auch die kultu­relle Durch­mi­schung stärker als sonst. Und ja, genau darum geht es den Veran­staltern, die das Projekt auch als kreatives „Audience Develo­pement“, als gesell­schaft­liches Anliegen begriffen haben wollen, um damit auch  Menschen für alter­native Konzepte jenseits des konven­tio­nellen „Museums­be­triebes“ im Konzert­leben, wie Buttler es nennt, sensi­bi­li­sieren möchte.  Voyagers wirkt in dieser Hinsicht als Einladung, die Welt mit anderen Augen neu zu sehen und auch neu zu hören, wie es auch Marcel Proust philo­so­phisch formu­liert, der in den Erläu­te­rungen zum geistigen Hinter­grund des Projekts im Programmheft zitiert wird. Dass das von den vielen Zuhörern intuitiv erfasst wird, zeigt der ehrliche, enthu­si­as­tische Applaus am Ende dieser „Reise“.

Stefan Pieper

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