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Kaiserlicher königlicher Hochadler

IM WEISSEN RÖSSL
(Ralph Benatzky)

Besuch am
23. November 2024
(Premiere am 11. Oktober 2012 im Deutschen Theater im Zelt in Fröttmaning)

 

Gärtner­platz­theater, München

Das Weisse Rössl am Wolfgangsee, Synonym für alpen­län­di­schen Charme, für spritzige Melodien und großes Gefühl, lässt das Publikum alle großen und kleinen Sorgen vergessen. Wie heißt es doch so schön im Refrain: „tritt ein und vergiss deine Sorgen.“ Man fühlt mit dem Zahlkellner Leopold, der mit allen Tricks und Finten um die Liebe seiner angebe­teten Rössl­wirtin kämpft. Man leidet mit der Wirtin Josepha Vogel­huber, die ihrer­seits unglücklich in den etwas glatten Rechts­anwalt Dr. Siedler verliebt ist, der aber wiederum ein Auge auf Ottilie, die Tochter des Trikot­fa­bri­kanten Giesecke, geworfen hat. Und natürlich amüsiert man sich über den gries­grä­migen, schimp­fenden Giesecke, dem Inbegriff der Berliner Großschnauze, und seinen skurrilen Zwist mit seinem Konkur­renten Sülzheimer. Doch am Schluss gibt es ja das große Happy End. Es ist das klassische Verwirr­spiel, mit vielen Missver­ständ­nissen und ewig jungen Pointen, das die Operette zu einem Klassiker ihres Genres macht und auf einzig­artige musika­lische Weise öster­rei­chi­schen Charme mit Berliner Deftigkeit verbindet. Es ist aber auch die Gratwan­derung zum Kitsch, zum Possen­reißen, wenn die Figuren überzeichnet werden oder die Leich­tigkeit, die Sprit­zigkeit zu kurz kommen.

In München weit gefehlt. Hier wird kein rührse­liger Kitsch gezeigt, sondern Komik und Revue-Operette im eigent­lichen Sinne, mit tanzendem Chor und buntem Ballett. Regisseur Josef E. Köpplinger, Intendant des Gärtner­platz­theaters München, hat das Stück in der Urfassung von 1930 auf die Bühne gebracht. Im Vergleich zu der populären Fassung der fünfziger Jahre beinhaltet die Urfassung viele Jazz-Elemente mit eigener Jazzband im Orches­ter­graben, sowie ein Zither-Trio, das die folklo­ris­ti­schen Elemente besonders betont.

Für Köpplinger steht die stilis­tische Vielfalt des Werkes im Vorder­grund, Schau­spiel und Musik sind bei ihm gleich­be­rechtigt. „Wunderbare Slapsticks, pointierte Dialoge und schön gesungene Lieder, die zum Mitsingen animieren“, das will Köpplinger in diesem Stück zeigen. Und dass das keine leeren Verspre­chungen sind, beweist der Erfolg der Insze­nierung. Seit der Premiere am 11. Oktober 2012 stand das Stück bisher 66-mal auf dem Spielplan und ist zu einem Dauer­brenner für die ganze Familie am Gärtner­platz­theater avanciert. Die heutige Vorstellung ist eine „sing-along“-Vorstellung, das Publikum soll nicht nur mitsingen, sondern sich aktiv betei­ligen. Die Vorstellung ist seit langem ausver­kauft, und so bunt wie die Insze­nierung ist auch das Publikum. Schon vor der Vorstellung stimmt eine Trach­ten­gruppe mit folklo­ris­ti­schem Tanz auf die Vorstellung ein, Dagmar Hellberg als badische Reise­lei­terin sorgt schon auf der Bühne für Stimmung, bevor der Vorhang sich überhaupt öffnet, und in der Pause spielt eine Trach­ten­ka­pelle vor dem Eingangs­portal des Gärtner­platz­theaters sehr zur Freude des Publikums zünftig auf.

Foto © Christian Pogo Zach

Jeder Zuschauer erhält am Eingang eine kleine Papiertüte mit den notwen­digen Utensilien, einschließlich „Gebrauchs­an­weisung“. In dem „Packerl“ findet sich eine Packung Salzbrezeln, damit nicht nur die Reise­ge­sell­schaft was zum Essen bekommt. Ein rotes Herz, das immer dann hochge­halten wird, wenn es um die Liebes­szenen geht. Eine Dusch­haube gegen den typischen Schnür­regen im Salzkam­mergut. Ein Taschentuch zum Winken, wenn der schöne Sigismund auftritt. Ein kleines Kuhglöckchen für die Kuhstall-Szene, und natürlich die öster­rei­chische Fahne zur Begrüßung des Kaisers. Und vor der Vorstellung tritt Köpplinger in Tracht und mit einem Kinder­ak­kordeon auf die Bühne und erläutert dem Publikum, wann und wie die Utensilien zu nutzen sind. Die Texte zum Mitsingen werden einge­blendet, bei jeder Ohrfeige auf der Bühne, und davon gibt es reichlich, soll das Publikum „Au“ rufen und mit den Geohr­feigten mitleiden, bei den vielen Kussszenen sollen entspre­chende Kussge­räusche fabri­ziert werden. Und damit das auch alles klappt, mimt Köpplinger den Gesangs­lehrer und macht mit dem Publikum stimm­liche Aufwärm­übungen. Während der Vorstellung, bei der er vom Tänzer und Choreo­grafen Adam Cooper in Schot­ten­tracht begleitet wird, sitzt Köpplinger seitlich an der Bühne und dirigiert und animiert das Publikum, das ihm voller Begeis­terung folgt. Dementspre­chend überschäumend ist die Stimmung von Anfang an, alle singen und machen lautstark mit, die Melodien sind ja eingängig und hinlänglich bekannt. So viel herzhaftes Lachen erlebt man sonst nicht in einem Theater.

Dieses Rössl ist ein witziges, sprit­ziges Schmankerl, das einfach gute Laune verbreitet. Mit Sängern, die in ihren Rollen schau­spie­le­risch voll aufgehen, mit einem Chor, der leiden­schaftlich spielt und einer Ballett­com­panie, die mitrei­ßende Tänze aufführt, hat das Gärtner­platz­theater ein Ensemble, das dem Genre mit Respekt und Können begegnet, denn nur so gelingt große Kunst. Köpplinger hat in den Mittel­punkt seiner Insze­nierung den Zahlkellner Leopold und seine anfangs nicht erwiderte Liebe zur Rössl­wirtin gestellt. Dieser Leopold ist kein chaoti­scher Depp, er hat Liebes­kummer und offeriert großes Gefühl, denn es geht auch um gesell­schaft­liche Schranken und Barrieren. Aber auch die Parodie des großkot­zigen Berliners, der alles besser und die Schönheit des Salzkam­mer­gutes nicht zu schätzen weiß, machen den beson­deren Reiz der Insze­nierung aus.

Köpplingers Perso­nen­regie ist auf schnelle Inter­aktion aller Protago­nisten ausge­richtet, mit viel Slapstick. Da wird ordentlich geohr­feigt, gejodelt, geschuh­plattlert, getanzt, und geschossen. Da wird eine stinkende Mistfuhre über die Bühne geschoben, ein altes Hochzeitspaar entfacht Lachstürme, wenn der greise Bräutigam in Unter­hosen seiner dicklichen Braut lüstern hinter­her­stürmt, der Oberförster mit Spiel­zeug­dackel auf die Bühne kommt oder die Stall­bur­schen Lois und Hias als etwas sehr deppert darge­stellt werden. Und der Zahlkellner Leopold, nicht ganz nüchtern, verliert beim Erscheinen des Kaisers die Contenance und redet die Majestät mit „Kaiser­licher und könig­licher Hochadler“ an.

Manchmal ist es, typisch Köpplinger, etwas „too much“, immer noch einen drauf­ge­setzt, aber stets mit einem Augen­zwinkern. Köpplinger liebt die Persi­flage, ohne das Stück dadurch zu entwerten. Ganz im Gegenteil! Indem er die gängigen Klischees bedient, die aber vollkommen überzeichnet, gewinnt die musika­lische Revue an Fahrt und Rasanz, und als Zuschauer muss man einfach lautstark mitsingen, so mitreißend sind die schnell anein­an­der­ge­reihten Nummern. Wenn das Ballett in queeren blauen Satin­le­der­hosen alpen­län­disch daher­kommt, das ist einfach nur genial komisch.  Die Ausstattung von Rainer Sinnel ist klassisch, alpen­län­disch und bunt. Etwas überzeichnet, dafür witzig pointiert. Natürlich gibt es ein gemaltes Alpen­pan­orama im Hinter­grund, das Bild hängt konse­quen­ter­weise schief. Vom Rössl sieht man nur den Balkon zum Zimmer Nr. 4, der Dampfer und der Touris­tenbus sind aus Pappma­schee, und fertig ist die Kulisse. Es ist ein einfaches, dafür effekt­volles Bühnenbild, das die Bühne nicht überfrachtet, aber den beson­deren Charme des Salzkam­merguts heraus­stellt. Angesiedelt Ende der zwanziger Jahre des letzten Jahrhun­derts, prallen tradi­tio­nelle alpen­län­dische Tracht und der aufblü­hende Tourismus aufein­ander. Die Kostüme, ebenfalls von Sinell, verkörpern die Zeit, beim Ballett dagegen wird es richtig bunt. Die Choreo­grafie des Balletts und aller Protago­nisten auf der Bühne ist spritzig, witzig und gleich­zeitig liebevoll einstu­diert von Karl Alfred Schreiner.

Foto © Christian Pogo Zach

Es ist ein Abend des ganzen Ensembles. Allen voran Tenor Daniel Prohaska als Zahlkellner Leopold Brand­meyer. Seit Anfang des Jahres Bayeri­scher Kammer­sänger, ist Prohaska vom Ausdruck her eine Ideal­be­setzung. Mit seinem charmanten Auftreten und dem Wiener Dialekt ist er der absolute Publi­kums­liebling, und das seit der Premiere vor über zwölf Jahren. Schau­spie­le­risch zeigt Prohaska sein ganzes Können. Mit großer Gestik und noch mehr Leiden­schaft erobert er letzt­endlich die Rössl­wirtin, und dass er gesanglich „nicht zuschauen kann“, gibt er eindrucksvoll und mit viel Gefühl zum Besten. Sigrid Hauser als etwas gefühls­ver­wirrte Rössl­wirtin Josepha Vogel­huber harmo­niert stimmlich mit ihrem hellen und klaren Sopran gut mit Prohaska. Auch sie singt und spielt die Rolle seit der Premiere. Sie hat vielleicht nicht mehr die Flexi­bi­lität in ihrer Stimme wie eine junge Sängerin, dafür ist sie mit burschi­kosem Auftreten und lauter Komman­do­stimme eine absolut resolute Rössl­wirtin, mit der man sich besser nicht anlegt. Nur bei ihrem Schwarm Dr. Siedler wird sie weich und im Dialog mit dem Kaiser ganz innig, eine großartige Leistung. Erwin Windegger als Triko­ta­gen­fa­brikant Wilhelm Giesecke gibt die Berliner Schnauze mit Herz so komisch und so bissig, dass man dem alten Kotzbrocken wahrlich nicht lange böse sein kann. Andreja Zidaric verkörpert die Ottilie als kesse Berliner Göre mit eigenem Dickschädel und verfüh­re­ri­schem Gehabe. Ludwig Mittel­hammer überzeugt mit der Partie des Rechts­anwalt Dr. Siedler. Sein schöner Tenor hat den nötigen Schmelz und Charme, um die Damen auf der Bühne reihen­weise um den Finger zu wickeln. Herrlich komisch agiert Armin Kahl als schöner Sigismund Sülzheimer, und Anna Overbeck wird als lispelndes Klärchen Objekt seiner Begierde. Eduard Wildner als Prof. Hinzelmann ist ein wunder­barer stimm­licher Kontrast zum lauten Giesecke, und der mittler­weile 85-jährige Wolfgang Hübsch gibt den Kaiser Franz Joseph mit majes­tä­ti­scher Würde und leisen Tönen. Bei seinem berüh­renden Lied Es ist nun mal im Leben so ist es ganz still im Publikum, einer dieser Gänse­haut­mo­mente. Josef Ellers als Piccolo Gustl leidet herrlich komisch, und wenn Dieter Fernengel als blinder und tauber Oberförster auch noch Lara Schnei­derhan als Brief­trä­gerin Kathi aus Versehen erschießt, dann ist das Klamauk „at it’s best“.

Auch musika­lisch ist die Spiel­zeit­pre­miere beste Unter­haltung. Andreas Partilla, seit der Spielzeit 201920 musika­li­scher Assistent des Chefdi­ri­genten, und das bestens aufge­legte Orchester des Staats­theaters am Gärtner­platz präsen­tieren ein musika­lisch erfri­schendes Singspiel, in dem die Melodien von Ralph Benatzky und Robert Stolz jung und frisch erklingen. Die unter­schied­lichen Musik­stile vom Walzer bis zum Jazz werden modern und pfiffig inter­pre­tiert und laden förmlich zum Mitsingen ein. Der Chor, von Pietro Numico gut einstu­diert, zeigt große Spiel­freude, und die Damen und Herren des Balletts dürfen die vielen Facetten ihres Reper­toires zeigen.

Das Publikum bricht am Schluss in einen Jubel­sturm aus und erhebt sich unisono. Es feiert ein wunder­bares Ensemble auf der Bühne und ein wenig auch sich selbst, denn heute war jeder Zuschauer ein Teil des Ensembles. Und das ist sowohl das Geheimnis als auch das Erfolgs­rezept von Köpplinger, mit wunder­baren Slapsticks, pointierten Dialogen und schön gesun­genen Liedern ein bunt gemischtes Publikum komplett mitzu­nehmen und zu begeistern. Nur so kann das Genre in der Zukunft überleben.

Von dem öster­rei­chi­schen Journa­listen Günther Nenning stammt im Übrigen das folgende Zitat, das auch im Programmheft abgedruckt ist: „Wer wirklich glaubt, dass die Leute an das Operet­ten­glück glauben, versteht nichts von Kitsch. Und wer glaubt, dass die Leute an die Operet­ten­tragik nicht glauben, versteht nichts von Kunst. Auf dem einfachsten Zusam­mensein von Glück und Tragik beruht die Überle­genheit des Kitsches über die Kunst und der Operette über die sonstigen Kunst­formen. Nur wer Kitsch liebt, versteht das Leben. Wie die Operette sich das Leben vorstellt, so ist es. Das Leben ist die Fortsetzung der Operette mit anderen Mitteln, die die gleichen sind, nur ärger. Nicht der Kitsch übertrifft das Leben, das Leben übertrifft den Kitsch.“ Passender kann man Genre und Insze­nierung nicht zusammenfassen.

Andreas H. Hölscher

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