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NACHT UND TRAUM
(Diverse Komponisten)
Besuch am
29. November 2024
(Einmalige Aufführung)
Musiker vor Publikum sind wie Kinder – vielleicht die Mitglieder öffentlich-bediensteter Orchester ausgenommen – man muss sie ernsthaft ermahnen, mit dem Spielen aufzuhören, damit sie endlich ins Bett kommen. Ein schönes Beispiel dafür ist die Orgelnacht, die erstmals im Rahmen und zum Abschluss des Internationalen Düsseldorfer Orgel-Festivals stattfindet. Es war ein langgehegter Traum von Intendantin Frederike Möller, endlich einmal eine solche Nacht durchzuführen. In Zeiten, in denen das Publikum kaum mehr Willens ist, Konzerte zu besuchen, die länger als anderthalb Stunden dauern, hat Möller ein dreistündiges Programm geplant. In einer Kirche Ende November ist das eine echte Herausforderung, zumal wenn der Abend letztlich viereinhalb Stunden dauert. Die Pianistin ist aber kein Unmensch. Am Eingang liegen Decken bereit, und für die Pausen sind Glühwein und alkoholfreier Punsch vorgesehen. Allein, es wird nicht reichen …
Die Antoniuskirche liegt im Düsseldorfer Stadtteil Oberkassel sehr zentral an der Luegallee. Sie stammt aus dem Jahr 1910 und verfügt über eine beachtliche Orgelanlage. Es gibt eine Chororgel mit 19 Registern im Querhaus aus dem Jahr 2012, die Emporen-Orgel mit 70 Registern aus dem Jahr 2016 und ein schwellbares Fernwerk mit acht Registern oberhalb der Vierungskuppel, das zwei Jahre nach der Emporen-Orgel aufgestellt wurde. Zudem gibt es gleich zwei fahrbare Spieltische, von denen aus die Orgeln angespielt werden können. Das hier neueste Technik verbaut ist, versteht sich fast von selbst. Ideale Voraussetzungen also, um eine Orgelnacht zu veranstalten. Kirchenmusiker Markus Hinz hat im Vorfeld die Wege für die Mammutveranstaltung geebnet.
Unter dem Motto Nacht und Traum hat Möller ein vielfältiges Programm von Weckmann bis Ritter, sprich vom 17. Jahrhundert bis in die Gegenwart, zusammengestellt. Das Notabu-Ensemble stellt die Orchestermusiker: Seunghae Kürten und Aki Yasuda an der Geige, Doris Funke spielt die Bratsche, Yuko Uenomoto das Cello und Thomas Schlink den Kontrabass. Am Schlagzeug wirbelt Tobias Liebezeit und Yukiko Fujieda wird das Klavier kunstvoll bearbeiten. An zusätzlichen Kräften treten an der Orgel Odilo Klasen, Silvan Meschke und Christoph Ritter an, Frank Zabel hat seine E‑Gitarre nebst Zubehör mitgebracht und Sopranistin Natalie Moi wird unter anderem für einen der schönsten Momente sorgen.

Wenn nötig, tritt Frederike Möller ans Dirigentenpult. Gleich im ersten Block mit dem Titel Bausatz mit Walzer ist ihre Führung gefragt. Entspannt geht es zu Wein, Weib und Gesang von Walzerkönig Johann Strauss im Arrangement von Alban Berg. Dann wartet die Herausforderung. Ulrich Kreppein hat Bausatz für Orgel, E‑Gitarre und Ensemble komponiert, das heute in seiner Anwesenheit zur Aufführung kommt. Klasen eröffnet mit einem Orgelsturm, ehe sich die anderen Instrumente bunt wie in einem Baukasten hinzufügen. Auch Kreppein macht vor der Mode der neuen Musik nicht halt, das Klavier zu präparieren. Fujieda bewältigt das mit Bravour. Kreppein wurde 1979 im baden-württembergischen Schorndorf geboren. Bereits in jungen Jahren erhielt er Unterricht in Klavier, Orgel, Cello und Komposition. Folgerichtig studierte er an der Robert-Schumann-Hochschule Düsseldorf bei Manfred Trojahn Komposition sowie Klavier und Musikwissenschaft. In Harvard promovierte er und hat heute eine Professur in Frankfurt inne. Das Publikum gratuliert ihm herzlich zu seinem neuesten Werk.
Moi tritt an, um in Klasens Begleitung die wunderschöne Arie Lascia ch’io pianga aus Georg Friedrich Händels Oper Rinaldo zu intonieren. Lass mich beweinen mein grausames Schicksal – zurecht gehört das Klagelied zu den populärsten Melodien der klassischen Musik. Und den beiden Künstlern gelingt es sehr gut, die Stimmung zu treffen, ehe Frank Zabel in den Wahn abdriftet. Zabel hat in Köln Klavier und Tonsatz studiert, ehe er sich ganz der Komposition widmete. Heute bekleidet er die Professur für Tonsatz und Gehörbildung an der Robert-Schumann-Hochschule. An der E‑Gitarre bringt er seine Uraufführung Ein Ort aus Wahn und Schall (genannt Schloss Schattenhall) zu Gehör. Es wird ein eindrucksvoller Spaziergang durch das Schloss als lost place, bei dem man Geschichten zwischen Edgar Allan Poe und Franz Kafka assoziieren mag. Allein die Klangeffekte, die Zabel zwischen bekannten Rock-Akkorden und Melodien zaubert, sind eindrucksvoll. Da hört und staunt man, wie wenig eigentlich Rock-Musiker mit diesem Instrument anzufangen wissen. Das ist wirklich neue Musik, die sich wohltuend und kraftvoll vom Einerlei der Neutöner abhebt. Auch Zabel darf sich über intensiven Applaus freuen.
Von Odilo Klasen schließt sich ein Concertino für Orgel, Stimme und Ensemble an, ehe der erste Block mit Rosen aus dem Süden von Johann Strauss in einem Arrangement von Arnold Schönberg wunderbar zu Ende geht. Jetzt noch ein Schlückchen Glühwein, ein paar nette Gespräche und ein ungewöhnlicher wie ansprechender Konzertabend käme zu einem glücklichen Ende. Und wirklich verlassen einige Besucher die Kirche. Aber nein, nun beginnt der zweite Block.
War die Orgel im ersten Block „nur“ als Begleitinstrument oder im Ensemble zu hören, gehört ihr jetzt allein die Bühne. Silvan Meschke studierte vom vierzehnten Lebensjahr bis zum Abitur Orgel an der Kölner Musikhochschule. Inzwischen ist er in Leipzig für den Bachelor-Studiengang eingeschrieben. Seit vergangenem Jahr arbeitet er an der Antonius-Kirche als Organist. Sein Recital trägt den Titel Fantasia. Der 19-Jährige beginnt mit der Deuxiéme Fantaisie von Jehan Alain und der vierten Fantasie Fantômes aus der dritten Suite der Piéces de Fantaisie von Louis Vierne, ehe er mit der Fantasie f‑Moll von Wolfgang Amadeus Mozart Fahrt aufnimmt. Ein schönes Stück, in dem der verschmitzte Mozart zu hören ist. Nach der Fantasia ex D von Matthias Weckmann aus dem 17. Jahrhundert spielt Meschke die Symphonische Fantasie Inferno von Max Reger, der sich dazu durch Dantes Werk inspirieren ließ. Der junge Organist weist darauf hin, dass Regers Fantasie zu den selten gespielten Werken gehört und in Düsseldorf bislang nur zwei Mal aufgeführt worden sei. Ein besonderer Leckerbissen also, bei dem das Fernwerk für einen besonderen Effekt sorgt. Das Publikum applaudiert dem jungen Talent ausgiebig, und ein Großteil verabschiedet sich dann auch. Der Abend ist weit fortgeschritten, in der Kirche wird es nicht wärmer und im dritten Block vermögen die Besucher offenbar keine besonderen Höhepunkte zu entdecken, die sie zum Verweilen veranlassen. Was so nicht stimmt, aber für Möller im Wiederholungsfall sicher ein guter Hinweis ist, an der Dramaturgie zu feilen. Es gibt selbstverständlich noch Glühwein. Nur ist man ja nicht zum Besäufnis gekommen. Immerhin verbleiben noch genug Menschen in den Kirchenbänken, dass der Eindruck ausbleibt, vor leerem Haus zu spielen.

Nachtklänge nennt Möller den dritten Teil. Und mit der Gymnopédie Nr. 1 von Erik Satie gelingt es auch, die Stimmungskurve noch einmal nach oben zu drehen. Unglücklicherweise stellt Möller ihr Spielzeugklavier auf den Flügel und legt die Noten rechts davon ab. Erstaunlich, dass sie die für die Suite For ToyPiano von John Cage überhaupt braucht, gehört das Werk doch zu den von ihr meistgespielten an dem Miniaturinstrument. Vielleicht will sie angesichts der fortgeschrittenen Zeit einfach auf Nummer sicher gehen. Nur sieht man von ihr in dieser Konstellation nicht viel mehr als den Hinterkopf. Es ist die Einleitung eines langen, zu langen Abgesangs. Es geht auf Mitternacht zu, als Christoph Ritter Les vagues du Fibronacci zur Uraufführung bringt. Schon Schönberg musste lernen, dass man Musik mit der Seele und nicht mit dem Rechenschieber schreibt. Davon lässt Ritter sich nicht beeindrucken und hat seine beiden Midi-Stücke nach der Fibronacci-Folge komponiert. Der Mathematiker Leonardo Fibronacci beschrieb damit 1202 das Wachstum einer Kaninchenpopulation. Demnach ist es die „unendliche Folge natürlicher Zahlen, die mit zweimal der Zahl eins beginnt und bei der jede weitere Zahl die Summe der beiden ihr vorangegangenen Zahlen ist“. Es bleibt in der musikalischen Umsetzung der auf dem Computer erstellten Komposition, mit der die Orgel gefüttert wird, bei Klangflächen, in die einzelne Noten tropfen. Und es klingt in der Praxis so, wie es sich in der Theorie anhört. Nach einem weiteren Ausflug zu Satie beantwortet Ritter die Frage, warum Morton Feldman mit Principal Sound sein einziges Orgelwerk schuf. Der Vortrag des Organisten ist tadellos, aber jetzt muss es allmählich mal zu einem Ende kommen. Das ist Hardcore, und selbst die zähesten Orgelanhänger verziehen sich allmählich. Außer Klasen, der in seiner Kirche ja selbst regelmäßig solche Orgelnächte durchführte. Da ist es Ehrensache, dass er jetzt bis zum Schluss durchhält, um mit Möller am Toy Piano Je te veux von Satie für einen glanzvollen Abschluss der Nacht zu sorgen.
In einer Zeit, in der sich Stadttheater nicht mehr trauen, Richard-Wagner-Werke aufzuführen, weil das Publikum nicht mehr so lange verweilen will, ist eine Orgelnacht eine Mutprobe. Aber Möller zeigt, dass es sich lohnt, das Wagnis einzugehen, auch wenn man die Dramaturgie sicher diskutieren kann. Immerhin ist das IDO-Festival so noch einmal mit einem ungewöhnlichen Ereignis zum Ende gebracht. Herbert Ludwig als Präsident und Frederike Möller als Intendantin des Festivals dürfen insgesamt mit ihrer Arbeit zufrieden sein. Allmählich dringt in immer weiteren Schichten der Bevölkerung durch, dass das Orgel-Festival die „Königin der Instrumente“ in oftmals ungewöhnlichen Zusammenhängen neu und interessant zu interpretieren weiß. Man muss als Besucher weder etwas von Orgel- noch von Kirchenmusik kennen oder verstehen, um sich von bislang vielleicht ungehörten Klängen begeistern zu lassen.
Mit der Petruskirche hat das IDO-Festival seinen Campus gefunden. Den gilt es in Zukunft stärker mit Leben und Sinn zu erfüllen, um die Menschen noch mehr an das Festival zu binden. Und warum ertönte die Fanfare des Festivals nicht in der Orgelnacht? Ludwig hat sich damit seinerzeit einen Traum erfüllt so wie Möller heute Nacht. Das Publikum muss bis zur Fortsetzung der Träume halt bis zum nächsten Jahr warten. Es lohnt sich.