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Theater nach Wunsch

ABSURD BIG
(Diverse Komponisten)

Besuch am
30. November 2024
(Einmalige Aufführung)

 

Labor 519 im Rabbit-Hole-Theater, Essen

Drei Auffüh­rungen an einem Abend: Das klingt erst mal bizarr. Der Verein Labor 519 von Daniela Petry wagt es und organi­siert das Mini-Festival Absurd Big. Bei näherem Hinsehen wirkt es sogar ganz sympa­thisch. Die Auffüh­rungen sind jeweils auf eine Stunde begrenzt und bleiben unabhängig vonein­ander. So kann der Zuschauer nicht nur entscheiden, wie viel Zeit er im Theater verbringen will, sondern auch, welche Themen er wahrnehmen will. Legitim ist, dass der Veran­stalter den Besuch aller drei Auffüh­rungen zum Vorzugs­preis anbietet. Und tatsächlich nehmen die Besucher alle Optionen wahr. Wobei die Entscheidung, im vorweih­nacht­lichen Essen am Samstag­abend bereits um 17.30 Uhr zu beginnen, angesichts des Straßen­ver­kehrs mindestens überden­kenswert erscheint. Richtig voll wird es im Rabbit-Hole-Theater am Vieho­fer­platz folge­richtig erst zur zweiten Aufführung.

Für den frühen Termin gibt es aller­dings eine Premiere, erzählt Dominik Hertrich, einer der drei Betreiber des Theaters, bei der Begrüßung. Zum ersten Mal tritt ein elfköp­figes Musik-Ensemble in dem Wohnzim­mer­theater, wie Hertrich es nennt, auf. Seit 2012 gibt es das Simon-Rummel-Ensemble aus Köln „zum gemein­samen Spielen erfreu­licher Musik“, wie auf der sparta­ni­schen Netzseite verkündet wird. Heute Abend verstehen die Musiker darunter Jazz, Impro­vi­sation und Avant­garde-Klänge. Titel wie Sieben, Süßholz, Unbeachtet, Langsam oder Orgel­schlag geben keine Hinweise auf die Musik, immerhin deutet sich bei Fragen Sie mehr über Jazz eine Richtung an. Aber wozu soll man die Musik erklären, wenn man sie auch einfach spielen kann. Und das mit einer ordent­lichen Portion Humor sowie einem erstaun­lichen Timing. Nach 59 Minuten ist die Zugabe Cleaning beendet. Eine kurzweilige Stunde, die beim Publikum als gelun­gener Auftakt gefeiert wird.

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Nach dem Auftritt sputen die Musiker sich, die Bühne zu räumen. Schön, dass sie nicht gleich alle abreisen, sondern einige bleiben, um zu schauen, was die Truppe nach ihnen zeigt. Die zweite Aufführung wird in der Reihe Inter­Inter des Labors 519 gestaltet. Mit der Reihe will Petry Menschen durch Musik, Tanz und andere Künste verbinden. Es ist die neunte Veran­staltung dieser Art, bei der ein Ensemble zu einem bestimmten Thema zusam­men­findet, das aus lokalen und inter­na­tio­nalen Akteuren besteht. Das Thema entwi­ckelt ein Kurator. Für heute übernimmt Francesco Matejcek die Rolle und wählt als Thema Stress and Relax. Genau wie er kommt Meret König vom Physical Theatre. Als inter­na­tio­naler Gast nimmt Filippos Raskovic aus Vilnius am Klavier Platz. Das Schlagzeug und die elektro­nische Musik übernimmt Daniel Ismaili. Geigerin Élise Rosenbaum wechselt zwischen Instrument und Physical Theatre. Es beginnt ein abwechs­lungs­reiches Bewegungs­spiel, das nicht nur Matejcek, König und Rosenbaum in Atem hält. Auch Raskovic wird an der Klaviatur wie Ismaili an seinen Instru­menten mächtig gefordert, was Durch­hal­te­willen und Tempo angeht. Eindrucksvoll, wenn Rosenbaum sich mit der Geige in die Gemengelage der Körper­lichkeit einmischt. Die Phasen der Erholung werden zunehmend kürzer, die Zwischen­räume der Begeg­nungen wechseln zwischen verfehlter und verun­glückter Beziehung. Die große Kunst des Auftritts liegt weniger im Können der Akteure, sondern darin, dass hier eine knappe Stunde lang impro­vi­siert wird. Wenn Rosenbaum am Ende die Betei­ligten von der Bühne fiedelt und schließlich reglos auf dem Boden liegt, wunderbar einge­leuchtet von Christian Freund, ist das Publikum hingerissen.

Auch die dritte Aufführung des Abends findet im Rahmen einer Reihe statt. Die nennt sich Piano Lounge und wird von Xi Chen kuratiert. Die Pianistin ist in China geboren, beschäftigt sich seit 2015 intensiv mit der Musik des 20. und 21. Jahrhun­derts, insbe­sondere für Solo-Klavier und Kammer­musik. 2018 schloss sie ihr Master­studium Neue Musik an der Folkwang-Univer­sität in Essen ab. Ihre Idee ist, dass Musik zur Kunst des räumlichen Gestaltens wird, also ein Medium, das den Raum selbst model­liert. Die Idee wird im siebten Konzert ihrer Reihe nicht verständlich, was zu keinen Verlusten führt. Sie hat heute Muzi Lyu mitge­bracht, einen Geiger, der ebenfalls aus China stammt, seinen Bachelor in Hannover abgeschlossen hat und nun an der Folkwang-Uni seinen Master­stu­di­engang Neue Musik Instru­mental absol­viert. Wer glaubt, einen Auszu­bil­denden im dritten Lehrjahr vor sich zu haben, liegt damit komplett falsch. In Deutschland gilt auch für Instru­men­tal­mu­siker, dass das Wichtigste ein Titel ist. Also erwerben auch die Musiker ihn. Über ihr Können sagt das herzlich wenig aus. Muzi Lyu beispiels­weise hat bereits jetzt auf allen wichtigen Veran­stal­tungen der neuen Musik gespielt, bedeu­tende Preise abgeräumt. Da wird das Beein­dru­ckendste am Studi­en­ab­schluss, dass er ihn trotzdem noch erlangen wird.

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Mit dem Konzert Sculpting Space, was so viel heißt wie den Raum gestalten, bringen die beiden ein fabel­haftes Programm mit. Schon der Auftakt gefällt, wenn Freund den Besuchern einen Abend­zettel austeilt – ein seltenes Ereignis im Rabbit-Hole-Theater. Was die Schrift­größe angeht, richtet der Abend­zettel sich aller­dings eher an eine junge Zielgruppe mit Adler­augen. Sei’s drum, die Idee zählt. Und natürlich das großartige Programm. Es beginnt mit einem Ausflug nach Japan. Toru Takemitsu zählt zu den bedeu­tendsten japani­schen Kompo­nisten. Distance de Fée heißt das Werk, das von ihm erklingt. Eine intime, fast magische Dimension schreibt Xi Chen dem Stück zu, und das wissen die beiden auch zu vermitteln.

Den polni­schen Kompo­nisten Witold Lutoslawski braucht man eigentlich nicht mehr vorzu­stellen. 1992 erschien mit Subito eines seiner letzten Werke, in dem sich eine dynamische und von plötz­lichen Wendungen durch­zogene Klang­land­schaft entfaltet. John Adams gilt als einer der wichtigsten Vertreter der Minimal Music und schuf 1995 das Werk Road Movies, das aus drei Sätzen besteht. Relaxed Groove sieht Xi Chen als entspannten, rhyth­mi­schen Fluss. Der zweite Satz Meditative lässt die Zeit scheinbar still­zu­stehen. Mit 40 % Swing wird die Zeit rasch aufgeholt, und zwar so sehr, dass Muzi Lyu Schwie­rig­keiten hat, mit dem Tempo am Klavier stand­zu­halten, was aller­dings eher unter dem Stichwort „Ist halt Live-Musik“ verbucht werden darf und den großar­tigen Vortrag nicht schmälert. Ärger­licher ist da schon die Aufstellung der beiden Musiker. So taucht Xi Chen nur hin und wieder unter dem Arm von Muzi Lyu auf. Das kann man mit Sicherheit auch ohne Akustik­ver­luste besser einrichten. Nach rund 45 Minuten ist der aufre­gende Auftritt zu Ende, und das Publikum feiert die beiden Musiker ausgiebig.

Petry hat einen innova­tiven Ansatz gefunden, den man vielleicht nicht gleich zum Mini-Festival hochjubeln muss, von dem man sich aller­dings wundert, dass große Häuser nicht längst auf eine solch publi­kums­freund­liche Lösung gekommen sind. Auch wenn Besucher alle drei Konzerte genießen, haben sie die Wahlfreiheit. Und das ist doch etwas ziemlich Kostbares, wenn es um Lebenszeit geht. So kann man einen solchen Abend nur unbedingt empfehlen, vor allem, wenn die musika­li­schen Angebote in ihrer Vielfalt so gefallen wie in Essen am Viehoferplatz.

Michael S. Zerban

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