O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.
Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.
Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.
O-Ton
3-Monats-Abo
für jeweils 3 Monate
O-Ton
Jahres-Abo
pro Jahr
O-Ton
6-Wochen-Abo
für jeweils 6 Wochen
O-Ton
Jahres-Mitgliedschaft
für ein Jahr
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Kulturmagazin mit Charakter
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
DIALOGUES DES CARMÉLITES
(Francis Poulenc)
Besuch am
4. Dezember 2024
(Premiere am 10. Dezember 2013)
Francis Poulencs Werk lässt sich in die Tradition des Pelléas einordnen, in der die Architektur der wiederkehrenden Motive keineswegs systematisch ist. Die zugegebenen Vorlagen sind, außer Debussy, auch Monteverdi, Verdi und Mussorgsky. Unter den nicht zugegebenen findet man Massenet und seine Kunst die französische Sprache eloquent und natürlich singen zu lassen. Dieser ausgezeichneten Schule verdanken wir Rezitative und flüssige Dialoge, die von einer originellen Erfindungsgabe getragen sind, ein umfangreiches und voll anwesendes Orchester, das aber nie überhandnimmt, und eine absolut sichere, dramaturgische Berechnung. Man singt hier nur tonale Musik, wie sich Poulenc mit gespielter Zerknirschung entschuldigt.“ Das schreibt Piotr Kaminski zum Dialogues des Carmélites, Francis Poulencs Vertonung von Georges Bernanos‘ Theaterstück, das wiederum von Gertrude von Le Forts Novelle Die letzte am Schafott inspiriert ist. Das Werk kommt im selben Jahr 1957 zuerst an der Scala in Mailand und danach an der Pariser Oper zu Aufführung und wird zu einem sofortigen triumphalen Erfolg. Für Poulenc ist die Oper von ganz besonderer Bedeutung, denn nicht nur ist sie das umfangreichste und vollkommenste seiner Vokalwerke, sondern es ist auch religiöser Ausdruck eines Menschen, der den Glauben seiner Kindheit wieder gefunden hatte. „Wenn es ein Theaterstück über die Angst ist, so ist auch ebenso, und meiner Ansicht nach, vor allem ein Theaterstück über die Gnade und die Übertragung von Gnade“, sagte der Komponist selbst über das Thema der Oper. Und bei einer anderen Gelegenheit erklärt er: „Ich bin Blanche!“

Dialogues des Carmélites erzählt eine Geschichte, die sich tatsächlich während der Französischen Revolution zugetragen hat. Zu Beginn der Revolution bittet Blanche de la Force ihren Vater, bei den Karmeliterinnen als Novizin eintreten zu dürfen. Sie sei zu fragil und sensibel, um das weltliche Leben zu ertragen. Sie ist in Angst geboren. Die sterbenskranke Äbtissin, Madame de Croissy, weist auf die Härte des Klosterlebens hin, aber Blanche lässt sich von ihrem Entschluss nicht abbringen. Sie nimmt den Namen Blanche von Christi Todesangst an. Die todkranke Äbtissin hat Visionen vom Untergang des Klosters und macht sich Sorgen um Blanche. Die hat in der immer fröhlichen Novizin Constance eine Freundin gefunden, findet sie aber fast ein wenig zu sorglos. Constance teilt ihr mit, dass sie sicher sei, sie würden bald zusammen sterben. Zum Erstaunen aller verliert die Äbtissin im letzten Todeskampf jegliche Haltung. Am Ende bittet sie Blanche um Vergebung für ihre Todesangst. Constance und Blanche schmücken das Grab der Verstorbenen. Dabei fragt sich Constance, ob die Äbtissin nicht von Gott dazu ausersehen gewesen war, die Todesangst einer anderen, schwächeren auf sich zu nehmen. Außerhalb des Klosters tobt die Revolution. Der Chevalier de la Force versucht seine Schwester Blanche zu überreden, mit ihm ins Ausland zu fliehen, doch sie lehnt ab. Der Revolutionskommissar kommt, um die Nonnen aus dem Koster zu vertreiben. Blanche ist terrorisiert. In der verwüsteten Klosterkirche legen die Nonnen ein Märtyrergelübde ab – sie wollen alle gemeinsam sterben. Blanche ist als Dienerin verkleidet zurück nach Hause geflüchtet. Ihr Vater ist hingerichtet worden. Dort kommt Mère Marie sie abholen, um ihr Gelübde einzulösen. Inzwischen sind die Nonnen verhaftet und zum Tode verurteilt worden. Das Salve Regina singend, werden eine nach der anderen öffentlich hingerichtet. Blanche ist immer noch nicht zurück, doch Constance ist überzeugt, dass ihre Freundin noch kommen wird. Im letzten Moment bahnt sich Blanche einen Weg durch die Menge. Constance sieht sie noch nahen, bevor sie stirbt. Und dann steigt Blanche als letzte ganz ruhig aufs Schafott.
Olivier Py hat mit seiner Regie-Arbeit von 2013 eine ganz karge, minimalistische, aber durchaus dem Thema entsprechende Inszenierung geschaffen. Pierre André Weitz‘ Bühne ist meist leer und düster, durch Verschieben der Zwischenwände und durch Veränderung der Beleuchtung entstehen neue Räume und Stimmungen. Requisiten sind sparsam eingesetzt: ein Kronleuchter im Hause des Marquis, einige Stühle im Kloster. In der Sterbeszene der Äbtissin wird ihr Bett, wie von oben gesehen, auf die Hinterwand versetzt. Manche Szenen spielen im Klostergarten, der durch hohe, nackte Bäume angedeutet ist. Die Gewänder sind eher zeitlose Straßenkleider für die Zivilisten und graue Nonnengewänder, nur Constance und Blanche sind ganz in weiß. In der Schlussszene tragen alle Nonnen weiße Hemden. In den liturgischen Zwischenspielen werden von den Nonnen mit einfachen Mitteln lebende Bilder aus dem Neuen Testament dargestellt: Die Verkündigung, Christi Geburt, das letzte Abendmahl, die Kreuzigung.

Für die Aufführung sind fünf hervorragende Sängerinnen erforderlich. Dieser schwierigen Forderung ist das Théâtre des Champs Elysées hier gewissenhaft nachgekommen. Vannina Santoni singt und spielt mit reiner, oft leiser, dann wieder ungemein kraftvoller leuchtender Sopranstimme die zerbrechliche und dann dennoch starke Blanche, wie schon in der Anfangsszene Je ne méprise pas le monde im Dialog mit ihrem Vater, eine Szene, die musikalisch schon auf das Finale der Oper hinweist, oder dann wieder, verzweifelt verloren im dramatischen Dialog mit Mère Marie im zweiten Bild des dritten Akts, vor der befreienden Erlösung der Schlussszene.
Sophie Koch ist die todkranke, strenge, aber doch zum Mitgefühl fähige Äbtissin, schauspielerisch und stimmlich bewundernswert wandelbar, mit schönen, vollen tiefen Lagen, sehr eindrucksvoll im Monolog Qu’on vous en dépouille und erschütternd dramatisch in der Sterbeszene im vierten Bild des ersten Akts. Patricia Petitbon singt mit klangvollem, aber kaltem Sopran die nach außen hin fürsorgliche, aber im Grunde allen, außer ihr selbst gegenüber unerbittliche Mère Marie, die einzige, die das Märtyrer-Gelübde nicht erfüllt. Manon Lamaisons leichter, fast tändelnder, aber strahlender Sopran ist wie geschaffen für die immer heitere, kindlich-hellseherische Schwester Constance, bezaubernd verspielt und seifenblasend im Dialog mit der viel rigoroseren Blanche Encore ces maudites fèves! oder ernsthaft und tiefsinnig im Monolog Pouquoi pas? Ce que nous appelons hasard.
Veronique Gens’ etwas herber, aber imposanter Sopran macht sie zu einer glaubhaften Madame Lidoine, der Nachfolgerin als Äbtissin, schon gleich in ihrer ersten langen Ansprache an die Nonnen Mes chères filles, j’ai encore à vous dire im zweiten Akt. Sahy Ratia singt mit schön timbrierter Tenorstimme den Chevalier de la Force und Alexandre Duhamel ist der Marquis. Alle Nebenrollen vervollständigen ein ausgezeichnetes Ensemble.
Karina Canellakis leitet Solisten, den Chor Unicanti und das Ensemble Les Siècles gekonnt durch Poulencs dramatische Partitur.
Das Publikum im vollbesetzten Haus spendet ausgiebig einhelligen Beifall.
Alexander Jordis-Lohausen