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Che sara! Questo è un nodo avvilupatto. Konsterniert reagiert die Bagage auf die Entdeckung des Abends und des ganzen Stücks. Dandini ist nicht der Diener des Fürsten, sondern dieser höchstselbst, Prinz Don Ramiro. Und der begehrt niemanden mehr an seiner Seite auf dem Thron als Cenerentola, deren Tage als erniedrigtes Aschenputtel gezählt sind. Immerhin reißen sich die Protagonisten zu dem vielleicht spektakulärsten Sextett zusammen, das Gioacchino Rossini je geschrieben hat. Umherirrend in „diesem ganzen Wirrwarr“, finden sie sich in der Essener Neuinszenierung von La Cenerentola auf einer praktisch leeren Bühne, wie ausgesetzt in einer Welt, die wenig Halt verspricht und aus der so leicht kein Entrinnen ist.
Was Bruno Klimek im Aalto-Musiktheater mit seiner Sicht auf das Dramma giocoso bietet, ist ein Lehr- und Lernstück, das mit dem Märchenhaften der Fabel von Charles Perrault, auf der das Libretto von Jacopo Ferretti beruht, und der immanenten Geschlechterhierarchie tüchtig aufräumt. Das weder im Prunk des Märchens noch im Vorgaukeln einer heilen Welt landet. „Keine Zeit für Märchen“, ließe sich in flapsiger Bemühtheit, eine Verbindung zu unserer Gegenwart zu wagen, ein Resümee über das Ganze ziehen. Doch so einfach ist Klimeks Flirt mit der Buffa nicht, die Rossini 1817, ein knappes Jahr nach dem grandiosen Il barbiere di Siviglia, einen neuerlichen großen Erfolg in Rom beschert.
La Cenerentola, halb buffa, halb semiseria, ist im Grunde eine Geschichte von Oben und Unten. Sie passiert seit 200 Jahren auf allen Opernbühnen der Welt mit dem Vorzug, dass sie gut ausgeht und das Glück schenkt, das wir märchenhaft nennen. Sie erzählt von einer Welt, die streng trennt zwischen der feinen Herrschaft und ihren Bediensteten. Die da oben sind aber weder fein, geschweige nobel. Und die da unten, die ein Herz haben, sich aber in Staub und Küchendreck schinden und auch noch erleben müssen, verachtet zu werden.

In diese Welt zieht Klimek eine weitere Ebene ein, eine „feministische Lesart“, wie er im Programmheft zur Aufführung erklärt. Er bricht in seiner Inszenierung mit der patriarchalischen Pseudo-Moral, in der, wie schon im Untertitel La bontà in trionfo angedeutet wird, die duldsame Frau belohnt wird. Er lässt sie den Thron ersteigen, nicht als Auserwählte des Prinzen, sondern als starke junge Frau den Thron ihrer Emanzipation. Folgerichtig bürstet Klimek das Finale des zweiten Aufzugs gegen jeden Strich, den der überkommenen Sichtweise und den von Imagination und Rezeption.
Angelina, das Aschenputtel, Stieftochter des Don Magnifico, der mit der Verheiratung seiner Töchter Clorinda und Tisbe die Sanierung seiner Finanzmisere zu erreichen hofft, lässt die Blockierer wie die Förderer ihrer Entwicklung ihre, Aschenputtels Rolle übernehmen. Ramiro & Co werden mit Putzmitteln ausgestattet und von Cenerentola angehalten, den Boden zu wischen. Das kostet zwar Mezzosopranistin Liliana de Sousa den finalen Bravourauftritt in Nacqui all‘affano e al pianto, dem berühmten Rondo der Angelina, ist aber konsequent und sogar gegenwärtig.
Zwar ist bald Weihnachten, aber wenig Anlass für Opern-Lametta, für silbrig-goldenes Pomp-Theater. Obendrein ist auch alles, was Rossini-Glück in die Augen von Kindern und Erwachsenen zaubert, in der Musik enthalten. Wie bei Wolfgang Amadeus Mozart, dem anderen Humanisten auf der Opernbühne vor und nach der Jahrhundertwende um 1800.
La Cenerentola ist zwar die erste Rossini-Oper, die der in Essen mit einer Bühnenadaption von Eine Nacht in Venedig hervorgetretene Regisseur inszeniert, doch zeigt Klimek durchaus ein Gespür für die komödiantische Anlage des Stoffes. Sein Konzept definiert sich vom Libretto her, genauer: von dessen Bruder, dem Schauspiel und der Commedia dell‘arte.
Entsprechend ist die von Jens Kilian ersonnene Bühne vorwiegend leer, anfänglich begrenzt durch einen tiefschwarzen Hintergrund, der mit dem Gang der Geschichte ins Dunkelrot wechselt, unterbrochen von einem Intermezzo mit Motiven eines blumigen Gartens, in dem Dandini dem Don Magnifico seine wahre Identität offenbart. Warum dort, wird im Übrigen nicht näher plausibel. Mit dem um 90 Grad verschiebbaren Hintergrundvorhang wird der nötige Raum geschaffen, den die als Schauspiel pulsierende Oper verlangt.
Schon während der acht Minuten umfassenden, schwungvollen Ouvertüre reiht sich eine Bewegungssequenz an die andere. Dandini und Ramiro eilen in gestikulierendem Gespräch vertieft von einer Seite auf die andere. Angelina schiebt einen Wagen mit Schrubbern, Besen und Putzmitteln über die Bühne, was in der Folgezeit noch mehrfach geschehen wird. Dann springt Alidoro, hier zunächst als Bettler gedacht, aus einem Berg aufgeschichteter Müllsäcke, was sich als Symbol des schmutzigen Daseins Aschenputtels deuten lässt. Solche Überlegungen helfen allerdings dann nicht weiter, als ein Alidoro-Double, genannt Wirbelwind, zur Gewittermusik im zweiten Akt artistisch über die Bühne tollt. Francesco Matejcek zeigt sich hierbei in Höchstform.
Damit sind die Fragezeichen um die Figur des Alidoro noch nicht am Ende. Wieso er sich später, nun in der Rolle des Lehrers Ramiros, in eine Zauberfigur verwandelt, die Angelina den Besuch des Balls weist, wird nicht erkennbar. Baurzhan Anderzhanov, von der hier wie auch bei den übrigen Akteuren fantasievoll agierenden Kostümbildnerin Tanja Liebermann in einen goldschimmernden Anzug gekleidet, interpretiert die Variante ausgezeichnet.
Je länger sich das Treiben im baufälligen Schloss des Magnifico hinzieht, desto mehr Ungereimtheiten erlaubt sich Klimek. Den Armreif, an dem laut Libretto Ramiro Angelina erkennen soll, tauscht – pars pro toto – der Regisseur gegen den Schuh aus, der im Märchen der Gebrüder Grimm als Erkennungszeichen dient. Angeblich, weil der Schuh einer Dame größere erotische Ausstrahlung besitzt. Warum dann, nach dem Gewitter im zweiten Akt, vergoldete Schuhe gleich in Massen aus dem Schnürboden auf die Bühne prasseln, bleibt flaue Symbolik. Angelina fegt sie dann auch mit einem Besen energisch aus der Szene. Weg mit Lametta!

Musikalisch ist die Aufführung ein großes Vergnügen. Die Essener Philharmoniker unter Leitung von Tommaso Turchetta präsentieren sich in famoser Verfassung und auf Notenpult-Höhe zu Rossinis facettenreicher, nobler Partitur, die zwischen den Buffa- und den Seria-Passagen pendelt. Ihren Reiz erfährt ihre Wiedergabe durch die gekonnte Abfolge von Rossini-Rouladen, den Stromschnellen, besser bekannt als Crescendi, und Wasserkaskaden sowie melodischen Kapriolen, die die Koloraturen des singenden Personals umkleiden.
In der Titelrolle ist Liliana De Sousa eine vorzügliche Besetzung, die den Weg vom Aschenputtel zur ernsthaften Persönlichkeit glaubhaft darstellt. Schon mit Una volta c’era un re, ihrer Sehnsuchtsarie zu Beginn, macht sie mit warmem Timbre deutlich, dass sich an diesem Abend alles nur um sie drehen wird. Christina Clark als Clorinda und Nataliia Kukhar als Tisbe sind vor allem spielerisch großartige Ergänzungen des Schwesterntrios, das erst im zweiten Finale dank der Milde Angelinas zu sich findet. Der Tenor Mykhailo Kushlyk, der im Januar zum Essener Opernensemble stoßen wird, ist ein famoser Ramiro mit Spinto-Qualitäten, die er unmittelbar mit seinem Einstieg Tutto è deserto unter Beweis stellt. De Sousa ist er ein adäquater Partner, so im wunderbar gebauten dreistufigen Duett Un soave non so che. So in der Finalszene Sposa … Signor, perdone, in der er Angelina den Vortritt lässt.
Don Magnifico konturiert Vincenzo Nizzardo bei seinem Hausdebüt als Erzkomödianten. Wie er seine Kavatine Miei rampolli femminini mit Lust an Rossinis Presto sillabato, dem raschen Sprech- und Silbengesang, angeht, lässt sein Gespür für die Buffo-Rollen im italienischen Fach erahnen. Alec Avedissian fällt dagegen in der Partie des Dandini etwas ab. Zurückhaltend in der Stimmführung und blass im tiefen Stimmbereich. Dabei schenkt ihm schon seine Auftrittsarie Come un‘ ape ne‘ giorni d’aprile die Chance, alle Register eines Buffo-Baritons auszuspielen. Die Herren des Opernchors, einstudiert von Patrick Jaskolka, machen ihre Sache ordentlich. Um in die erste Liga der Rossini-Chöre aufzusteigen, müsste ihnen die Regie mehr Präsenz einräumen. So agieren sie meist defensiv im Hintergrund. Und die einzige lebhafte Szene bei Ramiros Fest, in der sie singen und zugleich die Teller für den Hauptgang füllen, funktioniert nur bedingt.
Das Aalto-Musiktheater verfügt zur Mitte einer Spielzeit nicht frei von programmatischen Einwänden mit La Cenerentola über ein Repertoirejuwel und somit auch eine Bank für die Karnevalszeit. Das wird bereits im stürmischen Schlussbeifall des Publikums deutlich, der alle Akteure auf der Bühne wie im Graben einschließt. Nicht zuletzt, bei leichten Nuancen der Zurückhaltung, auch das Regieteam.
Ralf Siepmann