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WEIHNACHTSZAUBER
(Diverse Komponisten)
Besuch am
12. Dezember 2024
(Einmalige Aufführung)
Seit 2022 hat das C.-Bechstein-Centrum Düsseldorf seinen Sitz in der Adersstraße am unteren Ende der Königsallee. Von Anfang an plante Reza Indrakesuma, der Leiter des Centrums, hier Konzerte aufzuführen und ließ eine aufwändige Konzertlounge mit ausgeklügelter Akustik einrichten. Seither finden regelmäßig Konzerte aller möglichen Genres statt. Von Klassik über Pop bis Jazz reicht die Bandbreite. Für den Sommer war eigentlich geplant, die Pianistin Lydia Maria Bader auftreten zu lassen. Die Verabredung platzte. Nun ist sie da.
Im oberbayerischen Chiemgau geboren, erhielt Lydia den ersten Klavierunterricht von ihrem Vater. Mit 15 Jahren begann sie ihr Studium an der Musikhochschule München, um nach dem Abitur das künstlerische Diplom und das Konzertexamen abzulegen. Studien am Conservatoire National Supérieur de Musique in Paris und an der Kunstuniversität Graz ergänzten die erworbenen Kenntnisse, die Bader durch zahlreiche Meisterkurse abrundete. Seither ist sie weltweit auf den Konzertpodien von Europa bis Asien unterwegs.
Wenn Bader auf dem Programmzettel steht, braucht man also nach dem Titel des Konzerts gar nicht mehr zu schauen. Tatsächlich wurde der Auftritt in den Winter verlegt, weil Bader ein eigenes Weihnachtsprogramm mit dem eigentlich aussagekräftigen Titel Weihnachtszauber anbieten kann. Also Weihnachtslieder. Verzweifelt huscht der Blick über den Abendzettel, ob da womöglich noch irgendetwas über ein Mitsingkonzert steht. Aber nein, Bader ist Konzertpianistin, und so einfach macht sie es sich nicht. Stattdessen hat sie ein faszinierendes Programm mitgebracht, das man so nicht alle Tage erlebt.
Sie beginnt mit Wolfgang Amadeus Mozarts 12 Variationen über „Ah, vous dirai-je, Maman“. Über die Spielweise einer Künstlerin, die von der Neuen Musikzeitung als „eine der führenden Pianistinnen Deutschlands“ bezeichnet und in einer chinesischen Zeitung als „German Piano Princess“ betitelt wurde, braucht man kein Wort mehr zu verlieren. Der souveräne Auftritt erledigt sein Übriges. Ihre Zwischenmoderationen sind kurz, mitunter humorvoll und versprechen Spaß auf das jeweils folgende Stück. Walter Niemann ist heute ein vergessener Komponist, der sich dem Impressionismus annäherte. Aus der Krippenmusik zur Weihnacht hat Bader vier Miniaturen mitgebracht – Schneenacht, Herbei, ihr Hirten, Anbetung vor der Krippe und Engelsreigen – die gefällig klingen, Bader spricht von einem „plastischen Klang“, der die geschlossene Schneedecke in der Musik weiß und fahl erscheinen lässt.

Die Feier des Weihnachtsfestes wurde im 19. Jahrhundert zunehmend zu einer familiären Angelegenheit, die sich mehr und mehr im Wohnzimmer abspielte. Dem trägt die Weihnachts-Sonatine von Carl Reinecke Rechnung. Motive aus Bachs Sinfonia aus dem Weihnachtsoratorium oder aus Händels Messias mischen sich mit den Melodien beliebter Weihnachtslieder wie Stille Nacht, heilige Nacht, Vom Himmel hoch oder O du fröhliche. Bader gelingt es, Salonstimmung und damit das Wohlgefühl einer vergangenen Zeit zu erzeugen. Mit dem isländischen Komponisten Sveinbjörn Sveinbjörnsson und seiner Pastorale bringt die Pianistin Abwechslung in eine allzu typische Abfolge, ehe sie Variationen über „O Tannenbaum“ von Carl Thiessen vorträgt. Dann schaut sie bei Franz Liszt, einem ihrer Lieblingskomponisten, nach, was dem zu Weihnachten einfällt. Kraftvoll und sonor geht es in die Pause.
Mit Paul Zilcher kommt ein weiteres „Medley“ zu Gehör. Der Engel und die Hirten, Unterm Weihnachtsbaum und einmal mehr Stille Nacht, heilige Nacht erklingen. Wenn es etwas gibt, was Bader beherrscht, dann ist es, Stimmungen in der Vorstellungswelt des Publikums zu erzeugen. Die Tanne zählt zu den bekanntesten Werken Jean Sibelius‘. Bei Bader klingt sie im positiven Sinne wie das Stück eines Barpianisten in einem mondänen Hotel. Großartig. Nach Gustav Langes Fantasie „Zu Weihnachten“ stellt Bader abschließend das Werk Christmas Eve – A yultide idyl des amerikanischen Komponisten Ferde Grofé vor. Obwohl, wie sie erzählt, ihr Lieblingswerk an diesem Abend, und sie erläutert die einzelnen Stationen des amerikanischen Weihnachtsfestes, die hier zu hören sind, kann man ihre Begeisterung nur bedingt teilen. Da klingt es doch mehr nach Stummfilmbegleitung als nach besinnlicher Weihnacht. So sind die Ausflüge in die Salons des 19. Jahrhunderts doch überzeugender.
Ist die Zugabe die Filmmusik zum Kleinen Lord, der für viele Menschen in der Weihnachtszeit zum Pflichtprogramm im Fernsehen gehört? Man darf rätseln, denn Bader verrät es nicht. Aber in der allgemeinen Feierstimmung nach einem wunderbar originellen und abwechslungsreichen Programm interessiert das sowieso keinen mehr. Die Pianistin, die man im Übrigen ruhig zu einer der „führenden Pianisten Deutschlands“ zählen darf, ist ein Erlebnis, und Reza Indrakesuma darf stolz darauf sein, sie als Gast seiner Konzertlounge gewonnen zu haben.
Michael S. Zerban