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David Pichlmaier - Foto © O-Ton

Ein Kleinod abseits der ganz großen Bühnen

SEHNSUCHT UND ERZÄHLUNG – LIEDERABEND
(Carl Loewe, Robert Schumann)

Besuch am
13. Dezember 2024
(Einmalige Aufführung)

 

Staats­theater Darmstadt

^
Das Staats­theater Darmstadt glänzt eher nicht mit einem präch­tigen und beein­dru­ckenden Bau, wenn er besticht, dann durch seine Großzü­gigkeit und Zweck­mä­ßigkeit. Das Foyer ist weit und die Kammer­spiele findet man im Unter­ge­schoss, man hat versucht, alles etwas freundlich zu bemalen. Man weiß ja, wie das so ist mit den Geldern. Aber deshalb ist man nicht hier, sondern weil sich vier Künstler ein ganz beson­deres Programm überlegt haben. Neben Balladen von Carl Loewe stehen Lieder von Robert Schumann, dazwi­schen liest Schau­spieler Aron Eichhorn Textaus­schnitte aus dem Brief­wechsel Herzzeit. Brief­wechsel zwischen Ingeborg Bachmann und Paul Celan, aus Friederike Mayrö­ckers Pathos und Schwalbe und aus Hertha Kräftners Kühle Sterne. Gedichte, Prosa, Briefe.

David Pichl­maier, Bariton am Theater in Darmstadt, eröffnet den Abend mit zwei Balladen von Loewe, Herr Oluf und Die Uhr. Pichl­maier ist ein ausdrucks­starker Sänger, der allein schon mit seiner Bühnen­präsenz tiefe Emotio­na­lität trans­por­tieren kann. Wenn er sich dann in Herr Oluf – dem Ursprung nach eine dänische Volks­weise und durch Johann Friedrich Herder in Deutschland 1779 bekannt geworden – in die beiden Figuren, den Bräutigam Oluf und die Tochter des Elfen­königs versetzt, kommt Spannung auf. Mit inten­siver Körper­sprache, jedes Wort verständlich und sehr sorgfältig ausge­formt, weiß er die Zuhörer zu bannen. Feine Nuancen stehen ihm zu Diensten, die Wieder­holung einer Phrase ist immer neu geschaffen. Mit recht hellem Bariton trägt Pichl­maier die Balladen vor, manche Töne erinnern an Fischer-Dieskau. Kraft hat der Sänger und einen langen Atem, zudem eine ausge­feilte Pianokultur.

Jana Baumeister – Foto © O‑Ton

Yuka Beppu, Studi­en­lei­terin Solore­pe­ti­torin am Staats­theater Darmstadt, folgt dem Sänger unglaublich aufmerksam, geschmeidig und locker und setzt immer wieder eigene Akzente, sich nie in den Vorder­grund spielend.

Alle Textaus­schnitte beziehen sich auf das große Thema des Abends: Sehnsucht, zunächst im Brief­wechsel zwischen Bachmann in Wien und Celan in Paris. Die Entfernung gab den beiden viel Gelegenheit, sehnsuchts­volle Briefe zu schreiben und sich auch hier intel­lek­tuell auszu­tau­schen. Eichhorn spricht mit runder, gefäl­liger Stimme, setzt klug die Akzente und liest sehr ruhig.  „Für mich bist du Wüste und Meer“, schreibt Bachmann, und „du mein verwun­schener Herr“, „wir sagen uns Dunkles“. Sehnsuchts­texte, die ihre Dichter­sprache wider­spiegeln, mit großer Inten­sität leiten sie hinüber zu den Emotionen in gesun­gener Form.

Jana Baumeister steht zurzeit als Eurydike oder der kleine Prinz auf der großen Bühne und bezaubert das Publikum mit ihrem hochly­ri­schen Sopran. Den weiß sie im Zyklus Frauen­liebe und ‑leben von Robert Schumann sehr diffe­ren­ziert einzu­setzen. Sie nimmt die Lieder sehr weich, mit völlig problem­loser Höhe, in großer Ruhe und mit sehr einfühl­samem Piano. Entspannt ist ihre Stimm­gebung, immer mit großem Raum im Ton, auch wenn sie sehr zurück­ge­nommen singt, wie bei „Wandle, wandle deine Bahnen; Nur betrachten deinen Schein, Nur in Demut ihn betrachten, Selig nur und traurig sein!“ Über die hinge­bungs­volle Haltung, die die Frau in den Gedichten nach Adalbert von Chamisso einnimmt, braucht man nicht zu rechten, sie erklärt sich aus der Entste­hungszeit um 1830. Baumeister macht sie sich im Vortrag zu eigen, man glaubt ihr, was sie singt. Mal inniglich, mal mit großer Verve zeigt sie immer einen gut dosierten Ausdruck, im Piano feine Fädchen spinnend. Zum Höhepunkt gerät das letzte Lied, in dem sie ganz zurück geht, letzt­endlich stagniert: „Ich zieh’mich in mein Innres still zurück, Der Schleier fällt, Da hab ich dich und mein verlornes Glück, Du meine Welt!“ Beppu am Flügel nimmt die Figur vom Anfang des Zyklus‘ auf: stockend, ungläubig und sich nur langsam vorwärts­tastend, jede Note leidvoll auskostend.

Hertha Kräftners Text Kühle Sterne folgt. Sie sehnte sich so sehr nach dem Leben, bevor sie sich 1951 mit nur 23 Jahren das Leben nahm. Tod und Vergäng­lichkeit sind ihre Themen, wirklich glücklich war sie nur selten, Traurigkeit und Einsamkeit bestimmten ihr kurzes Leben. Eichhorn rezitiert ihre Texte leise, intensiv und berührend.

Aron Eichhorn – Foto © O‑Ton

Bei den Balladen dürfen Tom der Reimer und Der Nöck nicht fehlen. Voller Poesie und auch großer Emphase gestaltet Pichl­maier die bekannten Stücke. Beppu am Klavier spielt die Piani mit größter Selbst­ver­ständ­lichkeit, vor allem die klingenden Glöckchen, die in die Mähne des weißen Rosses einge­flochten sind, auf dem die Elfen­kö­nigin sitzt, erklingen, als sitzt man dabei, bei „Vogelsang und Sonnen­schein“ mitten im Wald. Ein Nöck, von althoch­deutsch „nihhus“ kommend, ist ein Wasser­geist, der an Furten, Flüssen und Bächen, aber auch Brunnen lebt und mit seinem Harfen­spiel auch die Menschen verführen kann. Mit langem Atem und entspannter Stimme ist Pichl­maier zu großen drama­ti­schen Bögen fähig und liefert mit Pianistin Beppu eine reife Inter­pre­tation ab.

Der Ausschnitt aus Friedrike Mayrö­ckers Pathos und Schwalbe erschließt sich dem Zuhörer nur schwer. Um Sehnsucht und Liebe geht es im Text, den Tod eines Freundes und um Sprache: „ich verkoste die Sprache: schmeckt köstlich“.

Am Ende steht die unglaublich verschwur­belte Ballade aus der lyrischen Fantasie Friedrich Rückerts Kleiner Haushalt. Die von der Natur geschaffene Einrichtung wird minutiös beschrieben, Pichl­maier hat recht viel zu tun, singt auswendig. Odins Meeresritt, hochdra­ma­tische Ballade auf einen Text von Aloys Schreiber, schließt den Abend ab. Pichl­maier legt sie von Anfang an mit großen Effekten an, und auch Beppu malt Meister Olufs Erstaunen ob des größer werdenden Hufeisens, grausige Gespenster und den finalen Sturmritt Odins auf seinem überdi­men­sio­nierten Rappen mit Wonne ins Klavier.

Ungefähr 110 Zuschauer folgen dem Lieder­abend mit Begeis­terung, was auch immer wieder Zwischen­ap­plaus zeigt, nun am Ende spenden sie herzlichen Applaus, müssen aber dennoch ohne Zugabe nach Hause gehen. Wer will es den Künstlern verübeln, ein schöner, ein berei­chernder Abend geht vorüber. Im Oktober kommenden Jahres gibt Jana Baumeister im Goethehaus Frankfurt ein Konzert mit Liedern nach Adalbert von Chamisso, bei dem sie auch den Zyklus Frauen­liebe und ‑leben zu Gehör geben wird.

Jutta Schwegler

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