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LES FÊTES D’HÉBÉ
(Jean-Philippe Rameau)
Besuch am
17. Dezember 2024
(Premiere am 13. Dezember 2024)
Les Fêtes d’Hébé ist eines jener Divertissements, mit denen Rameau 1739 das Pariser Publikum mit viel Erfolg begeistert. Denn Opern-Aufführungen finden zu der Zeit schon immer häufiger in Paris und weniger bei Hof in Versailles statt. Es ist sein zweites opéra-ballet nach Les Indes Galantes von 1735.
„In der klassischen Zeit zeichnet sich die französische Kultur dadurch aus, dass sie dem Tanz besondere Bedeutung beimisst. Sowohl bei Hof als auch in der Gesellschaft spielt der Tanz eine große Rolle. Und vor allem ist er ein unabdingbarer Bestandteil von Lullys Opern. Selbst wenn er hier der Deklamation untergeordnet ist, bleibt er zwangsläufig Teil der Dramaturgie. Ein opéra-ballet wie Les Fêtes d’Hébé räumt dem Tanz im szenischen Ablauf ebenso viel Platz ein wie dem Gesang“, sagt William Christie. Und der barocken Tänze gibt es viele im barocken, königlichen Frankreich: Bourrée, Tambourins, Rigaudons, Passepied, Menuet, Musette, Gavotte. Loure, Contredanse, Sarabande, Chacaonne und wie sie alle heißen …
Das Textbuch von Antoine Gautier de Montdorge besteht aus drei verschiedenen Episoden aus der römisch-griechischen Mythologie mit einem Prolog. Kein geniales Libretto, was aber Rameau nicht daran hindert, dafür eines seiner beliebtesten Werke zu komponieren.

Paris scheint in der heutigen morosen Situation auf ständige brillante Feiern nicht verzichten zu können. Nach den fantasievollen Festen der Olympischen Spiele und der statischen Ästhetik der Eröffnung der Kathedrale von Notre Dame, hat nun auch Robert Carsen, der seit Jahren mit William Christie zusammenarbeitet, Paris in einer Art moveable feast in dieser Oper in Szene gesetzt. Wie schon bei seiner Inszenierung von Rameaus Platée vor zehn Jahren im selben Haus hat er auch heute wieder die Handlung sehr geschickt in die heutige Zeit verlegt. Und in einer sehr genauen, zum Teil sehr witzigen Personenregie die antike Geschichte in ein heiteres, modernes Musical-Märchen verwandelt. Ohne jedoch dabei der barocken Musik oder dem Text Abbruch zu tun. Seine Version der Geschichte beginnt bei einem Empfang im Élysée-Palast des französischen Staatspräsidenten Macron, wo die Kellnerin Hébé, die Göttin der Jugend, aus Ungeschicklichkeit der Präsidentengattin Brigitte Macron Rotwein auf ihr weißes Kleid schüttet, worauf sie sofort entlassen und unsanft rausgeschmissen wird. Auf der Straße vor dem Palais trösten sie Momus, der Gott der Feste, und l‘Amour, die Göttin der Liebe, und fahren sie per Fahrrad, nach einer ausgiebigen Szene narzisstischer Selfies, ans Seine-Ufer, um dort mit ihr zu feiern. Die Musen werden beauftragt, in drei aufeinander folgenden Bildern die „lyrischen Talente“, nämlich die Poesie, die Musik und den Tanz in Szene zu setzen. Auf der Paris-Plage, dem „Strand“, den die Pariser seit einigen Jahren kennen, wo auf dem unteren Seine-Ufer Sand aufgeschüttet wird, Palmen aufgestellt sind und Liegestühle bereitstehen, um all diejenigen aufzunehmen, die in den Sommerferien nicht ans Meer fahren können, dort spielen die Geschichten der drei Bilder, jeweils mit Blick auf die alte Stadt an der Seine.
Poesie: Sappho beklagt, dass ihr Geliebter Alcée durch die Intrigen eines Mitglieds des Bade-Clubs in die Verbannung geschickt wird. Doch indem sie vor dem wachhabenden Polizisten ein herzzerreißendes Gedicht lebendig werden lässt, in dem der Flussgott seine geliebte Naïade wiedergewinnt, erreicht sie Alcées Begnadigung. In einem wilden Tanz wird der Intrigant von den anderen Club-Mitgliedern verprügelt. Als Belohnung schenkt und widmet Sappho jedem ihr Gedichtebuch.
Musik: Iphise soll den Sänger Tyrtée heiraten, den sie liebt. Doch das Orakel verlangt, dass sie den heiratet, der die Staatsfeinde besiegt. Die sind in diesem Fall das gegnerische Fussball-Team. Tyrtée ist Kapitän des französischen Teams, das er mit Gesang anfeuert. Und natürlich siegt sein Team. Man kann es auf einer Gross-Leinwand-Übertragung Tor für Tor verfolgen. Und sie spielen zum Rhythmus von Rameaus Tanzmusik! Der Hochzeit Iphises – in wunderschönem weißem Hochzeitskleid – und ihres Fußball-Helden steht nichts mehr im Wege.
Tanz: L‘Amour hat Mercure in einen Ausschank mit Musik auf der Paris-Plage eingeladen. Mercure erscheint auf einem Motorrad in Jeans und schwarzer Lederjacke. Dort soll die Tänzerin Eglé sich unter den anwesenden Halbstarken, die alle in sie verliebt sind, einen Ehemann auswählen. Sie in schwarzer Glitzerbluse und kurzem Lederrock. Mercure und Eglé finden schon beim ersten Tanz Gefallen aneinander. Terpsichore, die Muse des Tanzes, erscheint und zeigt allen, was tanzen wirklich bedeutet. Alle feiern die Liebe Mercures und die Kunst Eglés in wilden Tänzen, die durch Videos optisch verstärkt werden.
Da Hébé im ursprünglichen Textbuch nach dem Prolog nicht mehr auftaucht, sieht man sie hier immer wieder als Foto-Reporterin auf der Bühne ausgiebig knipsen. Am Schluss ist sie dann noch Kapitän des Bateau-Mouche, das ihren Namen trägt. Denn schließlich sitzt das ganze Ensemble in einem Bateau-Mouche namens La Hébé und betrachtet sehr ausgelassen, wie Paris an ihnen vorüberzieht, bis sie zum Eifelturm kommen, wo ein großes Feuerwerk und ein contredanse die Oper beschließen.

Gideon Davey entwirft als Dekor sehr stimmungsvolle Bilder. Erst genau erkennbar der Elysée-Palast und dann Paris-Plage, jeweils mit dem Blick auf die Pariser Altstadt. Auf den Pont-Neuf, dann auf die Häuserfassaden am Quai mit den Kästen der Bouquinisten und schließlich ein Blick über die alten Häuser und auf Notre Dame. Robert Carsens und Peter van Praets wechselnde Beleuchtung lässt verschiedene Stimmungen aufkommen. Die Choreografie der modernen Ausdruckstänze ist manchmal sehr witzig, wie das stilisierte Fußball-Spiel ohne Ball, fast immer sehr lebendig, aber im Allgemeinen hätte man sich etwas dem übrigen Rahmen entsprechend Genialeres gewünscht. Bemerkenswert ist die Tatsache, dass nicht nur die Tänzer, sondern alle, auch der Chor, Statisten und Solisten hin und wieder am Tanz teilnehmen.
Die neue Produktion der Oper – nach Christies erster Aufnahme von 1997 – ist als eine Art Feier für William Christie gedacht, der am 19. Dezember seinen 80. Geburtstag feiert. Und so hat er für sein Publikum und sich selbst auch diesmal wieder einen hübschen Blumenstrauß schöner Stimmen zusammengestellt. Emmanuelle de Negri ist mit vollem, kräftigem Sopran die verstoßene Hébé als auch die Naïade. Sehr sehnsuchtsvoll-ergreifend in der Arie der Naïade Mortels que le plaisir amène, umspült von Flöten. Lea Desandre singt und spielt mit warmem, vollem Mezzo und großer Einfühlungsgabe gleich alle drei Liebenden, Sappho, Iphise und Eglé. Besonders nuanciert und lyrisch in der ersten Arie der Iphise Pour rendre à mon hymen tout L’Olympe propice, aber auch in Sapphos Lamento Bois cheri des Amours. Ana Vieira Leite ist neben anderen Rollen, aufreizend mit fruity voice und bis zur Hüfte aufgeschlitztem, weinrotem Abendkleid vor allem l’Amour. Mit Können und Heiterkeit durchläuft sie die Melismen in Vole Zéphire! Hébé t’appelle. Marc Mauillons hoher Tenor à la française berückt vor allem in der Rolle des Mercure, wie in Tu veux avoir la préférence mit der charmanten pastoralen Oboenbegleitung. Renato Dolcini ist sehr glaubhaft unter anderem in der Rolle des siegreichen Sängers und Fussballers Tyrtée. Und Lisandro Abidie ist der glücklich rehabilitierte Alcée. Cyril Auvity, Antonin Rondepierre und Matthieu Walendzik tragen jeder auf seine Weise zum Erfolg des Ensembles bei.
William Christie dirigiert mit jugendlichem Schwung und sichtlicher Begeisterung Chor und Orchester seines ausgezeichneten Ensembles Les Arts Florissants, die Tänzer sowie die Solisten durch die barocke Partitur.
Das Publikum ist hell begeistert und spendet nicht enden wollenden Beifall, sodass das Orchester den Schlusstanz der Oper noch einmal wiederholen muss, wobei diesmal William Christie sehr vergnügt mit allen anderen auf der Bühne mittanzt. Eine richtige Geburtstagsfeier!
Alexander Jordis-Lohausen