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Standards ohne Ecken und Kanten

MY CHOICE
(Diverse Komponisten)

Besuch am
19. Dezember 2024
(Einmalige Aufführung)

 

Insel, Wuppertal

Während der Corona-Pandemie lag die Kultur darnieder. Viele Künstler mussten – salopp ausge­drückt – Gras fressen. Fest abgesperrt waren die Pforten aller Kultur­ein­rich­tungen und Veran­stal­tungs­häuser. In dieser Zeit beantragte Peter Baumgärtner nach eigener Aussage zum ersten Mal in seinem Leben Förder­gelder, die er auch bekam. Der gefragte Schlag­zeuger, künst­le­ri­scher Leiter der Düssel­dorfer Jazz-Schmiede und Gründer der Hildener Jazztage rief seine Lieblings­stan­dards in Erinnerung und besann sich auf sein Faible für das Jazz-Klaviertrio. Jetzt gab es die Gelegenheit, beide Vorlieben mitein­ander zu verbinden. Gesagt, getan. Pianist Thomas Rückert und Kontra­bassist Martin Gjako­n­ovski, die ebenfalls sehr geschätzt sind und mit etlichen renom­mierten Kollegen zusam­men­ar­beiten, erklärten sich sofort bereit, mitzu­machen Also ging es im Sommer 2021 ab ins tradi­ti­ons­reiche MPS Studio in Villingen. Entstanden ist ein Album namens My Choice. Mit den darauf dokumen­tierten und zwei weiteren Stücken ist das Trio für ein Gastspiel in die sozio­kul­tu­relle Einrichtung Insel gekommen, und sorgt mit dem Programm für entspannte Kurzweil.

Foto © O‑Ton

Mit dem Ausdruck Jazzstandard werden allgemein Kompo­si­tionen der letzten Jahrzehnte definiert, die immer wieder gespielt werden und somit in vieler Munde sind. Es gibt aber auch solche, die nicht regel­mäßig aufge­führt werden, aber dennoch nicht zu vernach­läs­sigen sein sollten. Davon werden etliche präsen­tiert. Unbekannt scheint Dienda von Kenny Kirkland zu sein. Rückert klärt insofern auf, dass es sich bei dem Kompo­nisten um den US-ameri­ka­ni­schen Pianisten handelt, der an der Produktion der ersten LP The Dream of The Blue Turtles von Sting beteiligt war und 1998 früh im Alter von 44 Jahren starb. Auch den Beatles-Song Here, There And Every­where kennen die Zuhörer nicht, als die Band sie fragt. Nur ab und an erklingen wohl auch Soul Eyes von Mal Waldron, Darn That Dream aus der Feder von Jimmy van Huesen oder Bronislaw Kapers Invitation. Dagegen kommen Alice In Wonderland von Bob Hilliard aus dem gleich­na­migen Disney-Streifen aus dem Jahr 1951, Leonard Bernsteins Somewhere aus dem Musical West Side Story, Time After Time von Jule Styne aus dem Jahr 1947, So Tender von Keith Jarrett und der von Irving Berlin 1932 geschriebene Song How Deep Is the Ocean.

Es changieren Walzer, Balladen und flotte Nummern, die geschmeidig von der Bühne kommen. Dabei harmo­nieren die drei Vollblut­mu­siker vorzüglich mitein­ander. Sie haben offen­sichtlich großen Spaß, in alten Zeiten zu schwelgen .Nach tradierten Mustern, ohne Ecken und Kanten, mit teils gleitenden Taktwechseln und einer gesunden Portion Swing werden die inklusive elf Nummern eingängig und geschmackvoll vorge­stellt. Gepflegte Harmonien kommen aus dem Flügel, sonore, groovende Riffs aus dem Kontrabass und über weite Strecken dank des Einsatzes von Schlag­zeug­besen unauf­dring­liche, präzise Rhythmen aus dem Drumset. Ihr großes Können demons­trieren sie bei ihren Soli: mit ihren umfang­reichen Impro­vi­sa­tionen Baumgärtner etwa bei Invitation und Gjako­n­ovski bei Time After Time sowie Rückert bei etlichen anderen Stücken. Sie glänzen ausnahmslos mit hoher Virtuo­sität sowie überzeu­gendem Aufbau und variabler Gestaltung ihrer solis­ti­schen Einlagen.

Das Publikum zeigt sich begeistert und applau­diert zum Schluss frene­tisch lang anhaltend. Dafür bedankt sich das Trio mit Billy Stray­horns Isfahan als Zugabe.

Hartmut Sassen­hausen

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