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LA CENERENTOLA
(Gioachino Rossini)
Besuch am
21. Dezember 2024
(Premiere am 7. Dezember 2024)
Wie alle anderen Opern Gioachino Rossinis steht auch La cenerentola im Schatten des Barbier von Sevilla. Dennoch ist sie danach die meistgespielte Oper des Komponisten, die, in schwindelerregenden vierundzwanzig Tagen entstanden, 1817 in Rom uraufgeführt wurde.
Aktuell gibt es in NRW gleich zwei Neuinszenierungen, die zeitgleich am 7. Dezember Premiere hatten. Sowohl am Aalto-Theater in Essen als auch am Theater Hagen wird La cenerentola nun gezeigt. In Essen als Erstaufführung und in Hagen zum zweiten Mal innerhalb von gut zehn Jahren.
Unter der Regie von Friederike Blum ist am Stadttheater Hagen eine Inszenierung gelungen, die gehörig aufräumt mit dem Klischee der Opera buffa. Tatsächlich handelt es sich bei der zwanzigsten Rossini-Oper nämlich um eine Melodramma giocoso, eine tragikomische Oper. Und folgerichtig besitzt die Inszenierung in Hagen viel Tiefgang und verkommt nicht zur slapstick comedy, wie es bei der parallellaufenden Produktion von Bruno Klimek in Essen der Fall ist.
Wer sich von der La cenerentola das uns vertraute Märchen vom Aschenputtel von den Gebrüdern Grimm erhofft, mag enttäuscht sein. Grundlage für das Libretto von Jacopo Ferretti sind verschiedene Quellen, hauptsächlich basiert es auf Charles Perraults Fassung des Märchens Cendrillon und einigen älteren Libretti, unter anderem von Nicolas Isouard.
Einige zentrale Märchenelemente, wie Balltreppe mit Schuh, finden sich eigentlich nicht im Libretto. Im Mittelpunkt der Cenerentola steht der Mensch mit all seinen Entscheidungsmöglichkeiten, weniger der Symbolgehalt der Geschichte. Die gute Fee ist ein Zauberer, die Stiefmutter ein Stiefvater, der Schuh ein Armreif und dennoch verzichtet die Produktion in Hagen nicht gänzlich auf Märchenerzählungen, die den Handlungsverlauf nochmal bereichern und gleichzeitig die Brücke zum besseren Verständnis des Betrachters schlagen.
Die zentrale Idee von Blum ist das Rad des Schicksals, das sich schon zu Beginn der Ouvertüre zeigt. Ein solches Rad des Schicksals ist auf der Hagener Bühne eher eine in schwarz-weiß gehaltene Glücksspirale, die den Boden der Drehbühne und den Bühnenhintergrund vermittels einer projizierten Spiegelung dominiert. Von der Bühnenseite werden nacheinander einzelne Schaukästen mit den Protagonisten des Abends über die rotierende Bühne hereingefahren. Angelina, ihre beiden Stiefschwestern, ihr Stiefvater Don Magnifico sowie der Prinz Don Ramiro. Kammerdiener Dandini und der Lehrer respektive Zauberer Alidoro postieren sich vor und zwischen die überdimensionierten Setzkästen, die in ihrem Innenleben die sozialen Unterschiede der Charaktere deutlich machen.

Während die Kästen der Stieffamilie und des Prinzen mit wattierten Stoffen aufwendig ausgeschlagen sind, ist der Kasten Angelinas, die von ihren Stiefschwestern Cenerentola genannt wird, eine karge Kammer mit wenigen Habseligkeiten und Erinnerungsstücken. Die im Weiteren durch die Drehung der Bühne zum Vorschein kommende Rückseite der Kästen eröffnet den Blick auf das nüchtern und sachlich gehaltene Innenleben im Hause des Don Magnifico. Dort zeigen sich alle Szenen sozialer und menschlicher Verwerfungen innerhalb der Hausgemeinschaft und dort manifestieren sich auch die ersten Kontakte zur Außenwelt in Form der Begegnung mit dem als Bettler erscheinenden Alidoro und dem als Kammerdiener verkleideten Prinzen Don Ramiro. Begegnungen, die das weitere Schicksal Cenerentolas entscheidend verändern.
Wie an den Fäden dieses Schicksals ziehend, verändern Choristen und Bühnenarbeiter, alle gleichermaßen ausgestattet mit dem Brustemblem der Schicksalsspirale, die Schauplätze und variieren die Bühnenrequisiten. Regisseurin Blum bezeichnet sie als die Mechaniker des Schicksals, was zumindest für die Bühnenarbeiter auch passt.
Die von Tassilo Tesche gestaltete Bühne ist vielfältig und in der Lage, zahlreiche Illusionsräume zu schaffen. Neben den Puppenkästen sind es vor allem die abstrahierten Fassadengliederungen der Bühnendekoration aus übereinander gelagerten, verschiedenfarbigen Rechtecken, die an eine sehr filigrane Lesart von Piet Mondrians De Stijl erinnern und ästhetisch äußerst anspruchsvoll unter anderem den Palast des Don Ramiro skizzieren. Zusätzlich sorgen Projektionen im gleichen Duktus für ein hohes Maß an Komplexität. Ganz besonders in den Szenen des Festmahls, in denen die Irrungen und Wirrungen des Verkleidungsspiels die Welt aus den Fugen zu heben scheinen und alles zu schwanken beginnt. In der Tafelszene gerät die intensive und kluge Personenführung zu ganz eindrucksvollen Momenten überzeugender Regiekunst.
Zusätzlich wird die Inszenierung durch viele wunderbare Details bereichert, die meist Zitate und Referenzen sind. So zum Beispiel der Ascheregen, der final zum Goldregen wird und Cenerentolas Wandlung von der Pech- zur Goldmarie unterstreicht. Kürbisse erinnern an die spektakuläre Walt-Disney-Verfilmung, auch wenn sie sich nicht in eine Kutsche verwandeln.
So variationsreich die Bebilderung, so facettenreich ist auch die Darstellung der Figuren. Sowohl einzeln als auch in den komplexen Ensembles, die den Opernkosmos Rossinis immer erneut beleben und bereichern, wird das tragikomische Spiel zu einem intensiven und auch emotionalen Erlebnis. Besonders berührend in dem Zusammenhang ist die Darstellung einer sehr zögerlichen Angelina, die erst nach längerem Zureden Alidoros den Sprung aus der Enge des Elternhauses hinaus in eine selbstbestimmte Zukunft wagt.
Angesichts des reichen Bilderkanons in Hagen mag es durchaus einige Ungereimtheiten geben. So stellen sich die Fragen, warum Alidoro am Ende regungslos in einem Rollstuhl verharrt. Warum die Bühnenarbeiter bei offenem Vorhang und laufender Handlung die Bühnendekoration verändern und damit immer wieder die Handlung ein Stück weit eludierend aus dem gerade geschaffenen Illusionsraum hinausführen. Auch die vielen Schrifttafeln mit diversen Betitelungen für die Hauptfiguren in Händen des Bühnenpersonals scheinen ein wenig beliebig. Von Barbie über Callgirl bis hin zur Trantüte gibt es da einiges zu lesen und gelegentlich auch zu schmunzeln. Erst am Ende der Vorstellung scheint es dann Sinn zu machen, wenn eine versöhnlich gestimmte Angelina die Schandschilder in den Händen der Stieffamilie einsammelt und Ihnen damit verzeiht. Nicht umsonst ist der Untertitel der Oper: Der Triumph der Güte!
Insgesamt aber vermag die Inszenierung die sehr anspruchsvolle Komplexität der Partitur umzusetzen und dabei ein wohltuend ausgewogenes Verhältnis zwischen Komik und Drama zu erzeugen. Die Feinzeichnung der einzelnen Charaktere gelingt ganz wunderbar, und es macht großen Spaß, dem Handlungsverlauf auf der Bühne entspannt und interessiert zu folgen.

Die Titelfigur Angelina wird von Lamia Beuque grandios verkörpert. Ihr merkt man die Erfahrung in der Gestaltung der Rolle an, hat sie die Angelina doch bereits in Massy, Clermond Ferrand und Santa Cruz gegeben. Bestens disponiert meistert sie die stimmlichen Herausforderungen der Partie. In den teilweise mörderischen Rezitativen vermag sie mit ihrem wunderbar timbrierten Mezzo zu brillieren. Eine vortreffliche Besetzung für die von Rossini angelegten noblen und eleganten Koloraturen. Und das, obwohl zu Beginn der Vorstellung verkündet wurde, dass sie nach genesener Erkrankung zum ersten Mal wieder auf der Bühne steht.
Der recht junge Anton Kuzenok als Don Ramiro ist ihr ein spielfreudiger Partner, der mit seinem flexiblen, wohlklingenden lyrischen Tenor den besten Beweis für sein großes Potenzial bietet, das die zuweilen auftretende leichte Anstrengung in der Höhe vergessen macht.
Ganz großartig die überragende Bühnenpräsenz von Tigran Martirossian, der die komplexe Rolle des Don Magnifico darstellerisch und stimmlich souverän bewältigt. Sein Basso buffo wird allen stimmlichen Nuancen der Partie gerecht. Er ist eine der eindrucksvollsten Besetzungen des Abends. Gesang und Spiel von Bariton Oleh Lebedyev als Kammerdiener Dandini sind vorzüglich und begeistern. Geistesgegenwärtig bedeutet er gegen Ende der Vorstellung dem bereits final applaudierenden Publikum mit kluger Geste, dass die Vorstellung noch nicht ganz zu einem Ende gekommen ist.
Dong-Won Seos profunder Bass in gewohnt guter Verfassung. In Hagen stets ein Garant für die Rollen seines Stimmfachs.
Spritzig und lebendig die Darstellung der zickigen Stiefschwestern Tisbe und Clorinda durch Luzia Tietze und Jennifer Zein. Beide Sängerinnen bestechen in den Charakterrollen sowohl durch enorme Spielfreude als auch durch vielschichtigen und reflektierten Schönklang.
Der Herrenchor des Theaters meistert seine inszenatorische Aufgabe als Helfer des Schicksals unterhaltsam und trägt stimmlich zu einer sehr ausgewogenen, runden Ensembleleistung bei, auch wenn man sich einen größeren Chor wünschte.
Insgesamt ist es aber genau das Gesamtensemble, das die Musik Rossinis so packend, mitreißend und brillant auf die Hagener Bühne bringt.
Unter der musikalischen Leitung von Steffen Müller-Gabriel zeigt sich das Philharmonische Orchester sehr gut aufgestellt und in der Lage, dem hohen Tempo des Dirigats zu folgen. Dem vollen Tempo, ganz im Sinne des Komponisten, wird das Hagener Sängerensemble umfassend gerecht und sorgt für eine wirklich stimmungsvolle, kurzweilig und rasante Vorstellung.
Begeisterter Applaus, der sich angesichts der gezeigten Leistung nun endlich ungehindert Bahn brechen darf.
Bernd Lausberg