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NEUJAHRSKONZERT
(Diverse Komponisten)
Besuch am
3. Januar 2025
(Einmalige Aufführung)
Jetzt mal ganz ehrlich. Zum Neujahrskonzert mit Orgel und Klavier in die Kirche? Da braucht es schon einiges an gutem Willen und Überwindung, um den Freitagabend bei Schneeregen nicht lieber auf dem heimischen Sofa zu verbringen. Offenbar hat Kantor Ingo Hoesch aber mit seiner Reihe Freitagsmusik, in deren Rahmen das Neujahrskonzert stattfindet, schon viel Vertrauen in der Gemeinde aufgebaut, denn die Kirche St. Mariä Himmelfahrt im Düsseldorfer Stadtteil Unterbach ist erstaunlich gut besucht.
Wie dem einen oder anderen bekannt sein dürfte, endet die Weihnachtszeit nicht mit dem Auspacken der Geschenke unter dem geschmückten Tannenbaum, sondern im christlichen Glauben mit Epiphanias, geläufiger als Tag der Heiligen Drei Könige, also dem 6. Januar, der als Tag der Taufe Jesu Christi gilt. Dementsprechend ist in dem Kirchenbau, der im Stil des Brutalismus errichtet ist, noch eine feudale Krippe im Altarraum aufgebaut. An der Rückwand der Kirche stehen die drei Figuren der Könige, alles schön ausgeleuchtet. Ein wunderbarer Blickfang.
An der rechten Seite, an der sich auch die Orgel befindet, sind eine Truhenorgel und ein Stutzflügel aufgebaut. Bauartbedingt weist ein Stutzflügel Schwächen auf. Die hohen Saiten neigen relativ früh zum „Scheppern“, während die Bass-Saiten schnell dumpf klingen. Hoesch hat sich entschlossen, den Klang des Instruments „aufzumotzen“. Dazu verwendet er erstmalig ein Klangverbesserungssystem, das sein Freund Knut-Michael Senftleben erfunden hat. Senftleben ist in Buxtehude geboren, hat im elterlichen Betrieb Cembalo- und Klavierbau gelernt und 1983 den Meisterbrief erworben. Im selben Jahr machte er sich mit einem Reparaturbetrieb in Cadenberge bei Cuxhaven selbstständig. Vor einigen Jahren entwickelte er eine verblüffend einfache Klangmembranbrücke. Sechs Silikonkugeln braucht es dazu. Vier werden zwischen Klappe und Deckel, zwei zwischen Deckel und Rahmen des Instruments platziert. So schlicht wie genial wird dadurch eine massive Klangverbesserung erreicht. Das Instrument klingt wärmer und voluminöser. Und Hoesch will heute Abend den Beweis antreten, ehe am 16. Februar die Frau des Erfinders ein Konzert mit tschechischer Klaviermusik im Erkrather Pfarrsaal geben wird, bei dem Senftleben das System vorstellen will. Und um es vorwegzunehmen: Die Klangveränderung am Stutzflügel ist mindestens eindrucksvoll. Ohne die Klangmembranbrücke wäre das Konzert nicht durchführbar.

Wie üblich hat Hoesch einen Gast eingeladen. Heute ist es Torsten Laux. In Worms geboren, studierte er Kirchenmusik, Orgel und Komposition in Frankfurt, Paris und Stuttgart. Nachdem er A‑Prüfung, Konzertexamen und Solistenprüfung erfolgreich absolviert hatte, begann eine beeindruckende Karriere, in deren Folge sich nicht nur zahlreiche Preise in Orgelspiel und Komposition, sondern auch eine Professur für Orgel an der Robert-Schumann-Hochschule in Düsseldorf finden. Verbunden ist Laux dem Orgelspiel in Düsseldorf auch als Mitgründer des Internationalen Düsseldorfer Orgelfestivals neben dem damaligen Intendanten und heutigen Präsidenten, Herbert Ludwig, und Andreas Petersen. Hoesch kennt den sympathischen Musiker als Lehrer. Von 1997 bis 2000 studierte er bei Laux und legte bei ihm auch sein Examen ab. Seitdem sind die beiden freundschaftlich verbunden. Beste Voraussetzungen also für ein Konzert der Spitzenklasse.
„Um die Herzen der Besucher zu öffnen“, wie Hoesch sagt, erklingt zum Einstand das Concerto für zwei Orgeln Nr. 6 in G‑Dur von Antonio Soler in vier Sätzen mit Laux an der Truhenorgel und Hoesch an der Orgel. Es sind eher weltliche Klänge, und wer will, kann hier Programmmusik über Fürsten bei der Fuchsjagd wahrnehmen. Ein wenig langatmig ist es schon, das Werk aus dem 18. Jahrhundert, vor allem, weil der Blick in den Abendzettel durchaus Aufregenderes erwarten lässt. Und mit dem nachfolgenden Stück liefert Laux. Puh, na klar, du bist in der Kirche, also gibt es Bach – Johann Sebastian Bach. Aber was der Organist mit dem Präludium und der Fuge in D‑Dur, BWV 532, in der Kirche an Erhabenheit und durchdachtem Wohlklang verströmen lässt, gerät zum Fest. Laux gelingt es, einen Bach zu spielen, der nicht nach alter Musik klingt, sondern direkt in die Herzen fährt. Kompliment.
Ein Jahrhundert später versprüht César Franck Sehnsuchtsklänge. Mit Prélude, Fugue et Variation, die 1868 in der Originalfassung für Orgel und Flügel erschienen, hat Franck nicht nur ein wunderbares Zusammenspiel der beiden Instrumente erschaffen, sondern auch viele Melodien komponiert, die seiner Zeit weit voraus scheinen. Die beiden Musiker – Laux an der Orgel, Hoesch am Flügel – bilden dafür das perfekte Team, und spätestens hier wird deutlich, was Senftleben zu einem gelungenen Abend beiträgt.

Im zweiten Teil des Abends kommt der Komponist Laux zu Wort. Seine Fünf Psalmen für Orgel stammen aus dem vierten Jahr des IDO-Festivals. Für den heutigen Abend haben die Musiker sich etwas Besonderes einfallen lassen. Im Abendzettel finden sich die Psalmen in der Übersetzung von Martin Luther. Pastoralreferent Martin Grote liest die Psalmen in der Übersetzung des Rabbiners Naftali Herz Tur-Sinai. So können die Besucher sich etwa ganz dem Klang der geübten Stimme Grotes überlassen oder den Vergleich der beiden Übersetzungen ziehen. Im Vergleich allerdings verliert der Rabbiner stilistisch. Jeweils nach einem verlesenen Psalm ertönt die musikalische Interpretation Laux‘. Was sie mit den Psalmen verbindet, mag sich allein dem Komponisten erschließen. Aber die Musik, bisweilen durchaus düster, ist großartig. Verwendete man sie als Filmmusik, würde sich so mancher Horrorfilm ebenso damit schmücken können wie der Film über die beendete Liebe, in der die unglückliche Frau im Morgennebel in den mystischen Wald entschwindet.
Noch einmal finden die beiden Musiker zusammen, um dem Anspruch, „ein musikalisches Feuerwerk für zwei Tasteninstrumente“ abzuliefern, gerecht zu werden. Ein wenig ungewöhnlich ist es schon, Maurice Ravels Bolero in der Kirche zu hören. Die Originalfassung für zwei Klaviere haben sie auf Orgel und Flügel übertragen. Vielleicht irritiert hier tatsächlich der Blick auf die Krippe, wenn sich das ekstatische Werk in einen Rausch verwandelt. Aber der Klang ist grandios. Laux an der Orgel und Hoesch am getunten Stutzflügel steigern sich in die wechselnde Führung hinein, werden furios, am Ende stimmt so manche Note nicht mehr, aber wen interessiert das? Die Klangexplosion geht den Besuchern unter die Haut, bis in die Haarspitzen reicht das.
Erschöpft, aber glücklich springen die Besucher auf, um Laux und Hoesch zu einem herausragenden Abend zu gratulieren. Vermutlich vibrieren ihre Finger noch vom enthusiastischen Zugriff auf Ravel, während sie die verdienten Gratulationen nach dem offiziellen Schlussapplaus entgegennehmen. Beim anschließenden Empfang im Pfarrsaal werden sie von einem begeisterten Publikum gefeiert. So muss ein Neujahrskonzert sein, dann klappt es auch mit dem Rest des Jahres.
Michael S. Zerban