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ROMANTIKER UND IMPRESSIONISTEN
(Diverse Komponisten)
Besuch am
5. Januar 2025
(Einmalige Aufführung)
Als Menachem Har-Zahav sich am 7. Januar 2023 nach abgeschlossenem Konzert von dem Flügel auf der Bühne der Kulturvilla Mettmann erhob, war auch dem letzten Besucher klar: Das Instrument hat es hinter sich. Seit 1880 in Diensten, war das Scheppern und Dröhnen nicht mehr zu überhören. Für Constanze Backes, die die Kulturvilla gemeinsam mit Bodo Herlyn betreibt, war der Flügel ein Teil ihres Lebens, allein die Aussage des hinzugezogenen Klavierbauers ließ keine Zweifel offen: Mindestens auf einer öffentlichen Bühne hatte das historische Instrument nichts mehr verloren.
Nun gehört es nicht zu den leichtesten Dingen des Lebens, einen alten Flügel zu entsorgen, geschweige denn, einen passgenauen Ersatz zu finden, schon gar nicht, wenn man von diesen Musikinstrumenten nicht viel mehr weiß, als dass sie von Zeit zu Zeit gestimmt werden müssen und wie sie zu spielen sind. Aber bekanntlich ist das Glück mit den Tüchtigen, und so fanden Backes und Herlyn im Nachlass einer alten Dame einen C‑Flügel der Firma Bechstein. Nach zahlreichen Expertenbefragungen fiel die Entscheidung. Dieser Flügel, 25 Jahre alt, kaum gespielt und damit so gut wie neu, 2,32 Meter lang, für mittelgroße Konzertsäle entwickelt, sollte es sein. Bis das Prachtstück spielbereit in Mettmann auf der Bühne stand, war das Jahr herum. Und so kommt dem Virtuosen Har-Zahav, der zum vierten Mal in der Kulturvilla auftritt, die ehrenvolle Aufgabe zu, das Instrument mit seinem neuen Programm Romantiker und Impressionisten einzuweihen.
Karl-Heinz Kensche, Pianist und ehemaliger Leiter der Mettmanner Musikschule, hatte im Vorfeld Gelegenheit, das Schmuckstück anzuspielen, und war begeistert. „Da kommen dir die Töne entgegengeflogen“, erzählt er voller Vorfreude auf das bevorstehende Konzert im nahezu vollbesetzten Saal. Nach fast einem Jahr Recherche und Überlegungen sind die Zweifel in der Kulturvilla mittlerweile großer Freude gewichen und so übernimmt Herlyn entgegen seiner Gewohnheit die Begrüßung, um das Publikum auf die Neuerung hinzuweisen. Satte sieben Minuten erzählt er sehr zum Vergnügen des Publikums vom Erwerb des Flügels, bis ihn Backes freundlich zur Ordnung ruft. Ließ sich Har-Zahav im vergangenen Jahr nichts von der Qual anmerken, auf dem maroden Gerät spielen zu müssen, so ist ihm auch jetzt nichts von Vorfreude anzusehen. Erst im Spiel wird deutlich werden, wie sehr er das Instrument genießt.
Auch mit dem neuen Programm wird Har-Zahav seinem Anspruch gerecht, „abwechslungsreiche Querschnitte durch die Klavierliteratur“ anzubieten. Es geht los mit einer Polonaise von Moritz Moszkowski. Und es braucht nicht mehr als wenige Takte, um die besondere Qualität des Flügels zu hören. Glasklar im Diskant, wunderbar sonor im Bass reicht das Volumen, um den Saal mit Musik zu erfüllen. Selbstverständlich ist das Instrument zu diesem Anlass auf Hochglanz poliert, und so spiegelt sich das Innenleben im hochgestellten Deckel. Spiegelblank nutzt Har-Zahav auch die makellos eingestellten Pedale. Das bereitet besonderes Vergnügen, wenn die Töne vibrationsfrei nachhallen und unendlich sanft ausklingen. Der Pianist macht reichlich Gebrauch davon und verleiht dem Abend so einen zauberischen Effekt. Das ist bei der Tarantella von Mili Balakirev noch nicht so deutlich zu hören, wird von Har-Zahav aber umso mehr ausgekostet, wenn er aus dem ersten Buch der Préludes pour Piano von Claude Debussy die beiden Stücke La cathédrale engloutie und Les collines d’Anacapri spielt. Aus dem fünfteiligen Klavierzyklus der Spiegelbilder, die Maurice Ravel als 30-Jähriger schrieb, trägt Har-Zahav die Oiseaux tristes, die traurigen Vögel, vor.

Spätestens jetzt stellt sich die Assoziation eines Herbstspaziergangs ein, der durch Nebelfelder und glitzernde Sonnenstrahlen auf nassen Felsbrocken führt. Verstärkt wird der Eindruck durch L’alouette, die Lerche, von Michail Glinka und Mili Balakirev nach einem Volkslied, das im Zählreim den Vorgang beschreibt, eine Lerche zu rupfen. Das Bild bleibt auch bei La plus que lente, am langsamsten, von Debussy stehen und wird erst mit dem Danse des Komponisten etwas unsanft, aber munter beendet.
Mit einer Polonaise und einer Tarantella von Frédéric Chopin holt der Pianist das Publikum aus der Pause zurück, um es mit drei Préludes von Sergej Rachmaninoff auf die Etude tableau hinzuführen, mit der er die Qualität des Klaviers in ihrer Bandbreite virtuos zeigen kann. Mit der Paganini-Etüde Nr. 3, unter dem Titel La campanella, das Glöckchen, bekannt, gelingt ihm die furiose Steigerung zum Finale. Wie es sich für eine Etüde gehört, ist das virtuose Können gefragt, wenn Läufe und Triller das Thema des Walzers umspielen, der den Hörer gefühlt in die italienische Provinz entführt. Für Har-Zahav offenbar eher ein Vergnügen als eine anspruchsvolle Übung. In jedem Fall ein grandioser Abschluss.
Das Publikum, das sich sehr diszipliniert an die im Programm vorgegebene Applausordnung gehalten hat, kennt nun kein Halten mehr. Es springt auf, und Jubelschreie erklingen. Har-Zahav entführt seine begeisterten Hörer mit einem Seufzer – Un sospiro heißt das Stück von Franz Liszt – in die Gefühlswelt, die das Werk nicht nur anspruchsvoll wirken lässt, sondern auch dafür sorgte, dass es längst Eingang in die Filmmusik gefunden hat.
Am Ende des Abends weiß man nicht, wem er mehr gefallen hat. Dem Publikum, das sich an einem wunderbaren Klang erfreuen darf oder dem Pianisten, der ihn erzeugt hat. „Ich habe gerne auf diesem neuen Flügel gespielt. Er hat eine gute Mechanik, wodurch er leicht zu kontrollieren ist. Er hat einen sehr klaren Klang und eine Klangdefinition, die es mir ermöglichte, die Nuancen in der Musik hervorzuheben“, erzählt Har-Zahav begeistert, ehe er seine Tournee fortsetzt, die ihn bis April in 15 weiteren Städten beschäftigen wird.
Und manchmal gibt es auch noch ganz andere Gründe, sich an dem Neuzugang in der Kulturvilla zu erfreuen. Lachend weist Constanze Backes auf das Logo am seitlichen Rahmen hin. Da sind ihre und die Initialen Carl Bechsteins unter einem Krönchen angeordnet.
Michael S. Zerban