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Foto © Michael Zerban

Hölle bietet ungenügenden Service

GESCHLOSSENE GESELLSCHAFT
(Jean-Paul Sartre)

Besuch am
19. Januar 2025
(Premiere am 12. Januar 2025)

 

Rabbit-Hole-Theater, Essen

Die gute Nachricht: Lina Kempchen hat Jean-Paul Sartre und seine Philo­sophie des Existen­zia­lismus auf dem Gymnasium kennen­ge­lernt. Es gibt also noch einen Funken Hoffnung für das marode Bildungs­system in Deutschland. Heute studiert sie Theater­wis­sen­schaften an der Ruhr-Univer­sität Bochum. Geht doch gar nicht, werden Alumni der Univer­sität nun behaupten. Schließlich sind Publi­zistik, Film- und Fernseh- sowie Theater­wis­sen­schaften gegen alle Wider­stände vor vielen Jahren zum Fach Medien­wis­sen­schaften zusam­men­gelegt worden. Wenn nun die Theater­wis­sen­schaften wieder ausge­gliedert wurden, ist das nur zu begrüßen, auch wenn es vermutlich nicht dazu reichte, die Publi­zistik wieder­zu­be­leben. Aber da liegt die Schuld wohl eher an der Publi­zistik. Anderes Thema.

Kempchen reicht die Theorie nicht. Und die sympa­thische, junge Frau hat Freunde an der Uni, die am Spiel ebenso viel Spaß haben wie sie. Die formale Gründung eines festen Ensembles steht zwar nicht zur Debatte, aber auf die Bühne wollen sie. Die Freunde entscheiden sich, das Stück Geschlossene Gesell­schaft von Sartre aufzu­führen, weil es mit scheinbar wenig Aufwand zu verwirk­lichen ist. Wie sich heraus­stellt: gegen alle Wider­stände. Die Bühne im Musischen Zentrum der Univer­sität ist zu groß für das Kammer­spiel, Termine gibt es sowieso nicht. Mag ja durchaus sein, dass man den Kommi­li­tonen das komplexe Stück nicht zutraut. Wer weiß das schon? Das Rabbit-Hole-Theater am Viehofer Platz zeigt da mehr Mut. Also werden die Studenten einge­laden, das Stück, das 1944 urauf­ge­führt wurde, in Essen zu zeigen.

Foto © Michael Zerban

Das kleine Theater ist bis auf den letzten Platz besetzt. Neben dem Auditorium ist Platz für das elektrische Klavier geschaffen. Auf der Bühne sind drei Bänke angeordnet, in deren Mitte ein kleiner Tisch mit einer Klingel steht. Der schwarze Vorhang im Hinter­grund ist beiseite gezogen und gibt den Blick auf ein mit einem Rollladen verschlos­senen Fenster und eine Tür frei. Mehr ist zunächst nicht zu sehen.

Kempchen ist als Regis­seurin echt gefordert. Denn das Stück ist extrem handlungsarm. Drei Menschen sind in einen Raum einge­schlossen und beginnen einen Seelen­strip­tease, der in dem berühmten Zitat „Die Hölle, das sind die anderen“ mündet. Die drei Toten sind Inès Serrano, eine lesbische Postan­ge­stellte, hochin­tel­lek­tuell, deren Freundin ihr und sich selbst nach einer folgen­schweren Intrige Inès‘ mit Gas das Leben nimmt. Journalist Joseph Garcin hat seine Frau misshandelt und in entschei­denden Situa­tionen feige versagt. Estelle Rigault, sinnlich, verfüh­re­risch, hat ihr Kind ermordet und ihren Geliebten dazu getrieben, sich zu erschießen. Der namenlose Diener tritt spora­disch auf, um die Erkenntnis voran­zu­treiben, dass die drei sich in der Hölle befinden. Wenn er sie in das Zimmer führt, ist den Protago­nisten noch nicht klar, wo sie gelandet sind. Noch kleben sie an ihren Klischees von der Hölle, die bis auf eine zuneh­mende Hitze nicht gegeben sind. Sie beschweren sich über die karge Unter­bringung und den mangelnden Service.

Musik hatte der Drama­tiker Sartre nicht vorge­sehen. Wenn sie hier erklingt, kann man disku­tieren, ob die Aufführung dadurch an Moder­nität und Abwechslung gewinnt oder die Szene an Inten­sität in der Aussage verliert. Irritierend ist in jedem Fall, dass der Diener zum Auftakt zwei englische Liedchen singt. Kempchen bleibt jede Erklärung schuldig. Auch über die Kostüme kann man sich Gedanken machen. Wenn die Toten in Weiß und Beige auftreten, fehlt es an Eleganz, wenn sie – warum auch immer – im Laufe der Aufführung die Klamotten wechseln, ist das ein netter Regie-Einfall, zumal die Kleidungs­stücke scheinbar aus dem Nichts auftauchen, die Notwen­digkeit will sich indes nicht erschließen. Man darf wohl davon ausgehen, dass die Gelder für die Ausstattung nicht in Strömen flossen, insofern darf man dem Ensemble immerhin die Fantasie anrechnen. Und zur Hochform läuft Kempchen auf, wenn es um die Bewegung im Raum und das Licht geht. Hier gelingt es ihr fabelhaft, Drama entstehen zu lassen.

Foto © Michael Zerban

Wesent­lichen Anteil am Gelingen eines wirklich überzeu­genden Abends tragen auch die Akteure auf der Bühne. Angefangen bei Leon Gleser, der sich am elektri­schen Piano wunderbar einbringt, von der Liedbe­gleitung über kleinere einge­spielte Impro­vi­sa­tionen bis zum energe­ti­schen Blues. Wenn man also die musika­li­schen Einlagen gutheißt, löst Gleser seine Aufgabe absolut überzeugend. Nicht ganz so sehr begeistert Emrys Perera als singender Diener. Er bekommt kein Mikrofon, und seine Stimme trägt nicht, um den Raum zu füllen. In seiner eigent­lichen Rolle wirkt er zwar nicht dämonisch, muss ja auch nicht, gefällt aber in der ihm zugedachten Überheb­lichkeit des Dieners, der die Abläufe an dem Ort kennt, ohne Einblick in die größere Ordnung zu haben. Absolut großartig spielen Tanja Kiewsky als Inès, Isabell Weiß als Estelle und Gianluca Hille als Garcin. Die Textsi­cherheit der Studenten ist mehr als ordentlich, sie bringen sich körperlich stark und sehr gekonnt ein – da erlebt man manchen studierten Schau­spieler, der die Inten­sität nicht aufbringt – und vor allen Dingen spielen sie wunderbar mitein­ander, auch das keine Selbst­ver­ständ­lichkeit. Den dreien gelingt es, die Inten­sität wie die Absur­dität der Situation hochzu­schaukeln, so dass der Spannungs­bogen über zweieinhalb Stunden nicht nur hält, sondern sich beständig steigert.

Dass die Studenten mit höchster Konzen­tration bei der Sache, sprich im Stück, sind, wird deutlich, als die Tür zum Hinterhof geöffnet wird und eine Zeit lang offen stehen bleibt. Draußen ist die Tempe­ratur unter den Nullpunkt gefallen, und allmählich bekommen die Besucher kalte Nasen. Schließlich sagt wer auch immer auf der Bühne: „Und schließ endlich die Tür, damit nicht noch mehr Hitze reinkommt“. Ob die Akteure mitbe­kommen, warum das Publikum so herzhaft lacht? Man weiß es nicht.

Aber was sie ganz sicher mitbe­kommen, ist der lautstarke und langan­hal­tende Applaus am Ende eines eindrucks­vollen Abends, mit dem sich das Publikum auf das Herzlichste bedankt. Kempchen verspricht nach der Aufführung, bei der sie die Technik übernommen hat, beim nächsten Schluss­ap­plaus auch mit auf die Bühne zu gehen, um sich verdient feiern zu lassen. Gratu­lation dem Rabbit-Hole-Theater, das den begna­deten Nachwuchs so vortrefflich unter­stützt hat.

Michael S. Zerban

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