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GESCHLOSSENE GESELLSCHAFT
(Jean-Paul Sartre)
Besuch am
19. Januar 2025
(Premiere am 12. Januar 2025)
Die gute Nachricht: Lina Kempchen hat Jean-Paul Sartre und seine Philosophie des Existenzialismus auf dem Gymnasium kennengelernt. Es gibt also noch einen Funken Hoffnung für das marode Bildungssystem in Deutschland. Heute studiert sie Theaterwissenschaften an der Ruhr-Universität Bochum. Geht doch gar nicht, werden Alumni der Universität nun behaupten. Schließlich sind Publizistik, Film- und Fernseh- sowie Theaterwissenschaften gegen alle Widerstände vor vielen Jahren zum Fach Medienwissenschaften zusammengelegt worden. Wenn nun die Theaterwissenschaften wieder ausgegliedert wurden, ist das nur zu begrüßen, auch wenn es vermutlich nicht dazu reichte, die Publizistik wiederzubeleben. Aber da liegt die Schuld wohl eher an der Publizistik. Anderes Thema.
Kempchen reicht die Theorie nicht. Und die sympathische, junge Frau hat Freunde an der Uni, die am Spiel ebenso viel Spaß haben wie sie. Die formale Gründung eines festen Ensembles steht zwar nicht zur Debatte, aber auf die Bühne wollen sie. Die Freunde entscheiden sich, das Stück Geschlossene Gesellschaft von Sartre aufzuführen, weil es mit scheinbar wenig Aufwand zu verwirklichen ist. Wie sich herausstellt: gegen alle Widerstände. Die Bühne im Musischen Zentrum der Universität ist zu groß für das Kammerspiel, Termine gibt es sowieso nicht. Mag ja durchaus sein, dass man den Kommilitonen das komplexe Stück nicht zutraut. Wer weiß das schon? Das Rabbit-Hole-Theater am Viehofer Platz zeigt da mehr Mut. Also werden die Studenten eingeladen, das Stück, das 1944 uraufgeführt wurde, in Essen zu zeigen.

Das kleine Theater ist bis auf den letzten Platz besetzt. Neben dem Auditorium ist Platz für das elektrische Klavier geschaffen. Auf der Bühne sind drei Bänke angeordnet, in deren Mitte ein kleiner Tisch mit einer Klingel steht. Der schwarze Vorhang im Hintergrund ist beiseite gezogen und gibt den Blick auf ein mit einem Rollladen verschlossenen Fenster und eine Tür frei. Mehr ist zunächst nicht zu sehen.
Kempchen ist als Regisseurin echt gefordert. Denn das Stück ist extrem handlungsarm. Drei Menschen sind in einen Raum eingeschlossen und beginnen einen Seelenstriptease, der in dem berühmten Zitat „Die Hölle, das sind die anderen“ mündet. Die drei Toten sind Inès Serrano, eine lesbische Postangestellte, hochintellektuell, deren Freundin ihr und sich selbst nach einer folgenschweren Intrige Inès‘ mit Gas das Leben nimmt. Journalist Joseph Garcin hat seine Frau misshandelt und in entscheidenden Situationen feige versagt. Estelle Rigault, sinnlich, verführerisch, hat ihr Kind ermordet und ihren Geliebten dazu getrieben, sich zu erschießen. Der namenlose Diener tritt sporadisch auf, um die Erkenntnis voranzutreiben, dass die drei sich in der Hölle befinden. Wenn er sie in das Zimmer führt, ist den Protagonisten noch nicht klar, wo sie gelandet sind. Noch kleben sie an ihren Klischees von der Hölle, die bis auf eine zunehmende Hitze nicht gegeben sind. Sie beschweren sich über die karge Unterbringung und den mangelnden Service.
Musik hatte der Dramatiker Sartre nicht vorgesehen. Wenn sie hier erklingt, kann man diskutieren, ob die Aufführung dadurch an Modernität und Abwechslung gewinnt oder die Szene an Intensität in der Aussage verliert. Irritierend ist in jedem Fall, dass der Diener zum Auftakt zwei englische Liedchen singt. Kempchen bleibt jede Erklärung schuldig. Auch über die Kostüme kann man sich Gedanken machen. Wenn die Toten in Weiß und Beige auftreten, fehlt es an Eleganz, wenn sie – warum auch immer – im Laufe der Aufführung die Klamotten wechseln, ist das ein netter Regie-Einfall, zumal die Kleidungsstücke scheinbar aus dem Nichts auftauchen, die Notwendigkeit will sich indes nicht erschließen. Man darf wohl davon ausgehen, dass die Gelder für die Ausstattung nicht in Strömen flossen, insofern darf man dem Ensemble immerhin die Fantasie anrechnen. Und zur Hochform läuft Kempchen auf, wenn es um die Bewegung im Raum und das Licht geht. Hier gelingt es ihr fabelhaft, Drama entstehen zu lassen.

Wesentlichen Anteil am Gelingen eines wirklich überzeugenden Abends tragen auch die Akteure auf der Bühne. Angefangen bei Leon Gleser, der sich am elektrischen Piano wunderbar einbringt, von der Liedbegleitung über kleinere eingespielte Improvisationen bis zum energetischen Blues. Wenn man also die musikalischen Einlagen gutheißt, löst Gleser seine Aufgabe absolut überzeugend. Nicht ganz so sehr begeistert Emrys Perera als singender Diener. Er bekommt kein Mikrofon, und seine Stimme trägt nicht, um den Raum zu füllen. In seiner eigentlichen Rolle wirkt er zwar nicht dämonisch, muss ja auch nicht, gefällt aber in der ihm zugedachten Überheblichkeit des Dieners, der die Abläufe an dem Ort kennt, ohne Einblick in die größere Ordnung zu haben. Absolut großartig spielen Tanja Kiewsky als Inès, Isabell Weiß als Estelle und Gianluca Hille als Garcin. Die Textsicherheit der Studenten ist mehr als ordentlich, sie bringen sich körperlich stark und sehr gekonnt ein – da erlebt man manchen studierten Schauspieler, der die Intensität nicht aufbringt – und vor allen Dingen spielen sie wunderbar miteinander, auch das keine Selbstverständlichkeit. Den dreien gelingt es, die Intensität wie die Absurdität der Situation hochzuschaukeln, so dass der Spannungsbogen über zweieinhalb Stunden nicht nur hält, sondern sich beständig steigert.
Dass die Studenten mit höchster Konzentration bei der Sache, sprich im Stück, sind, wird deutlich, als die Tür zum Hinterhof geöffnet wird und eine Zeit lang offen stehen bleibt. Draußen ist die Temperatur unter den Nullpunkt gefallen, und allmählich bekommen die Besucher kalte Nasen. Schließlich sagt wer auch immer auf der Bühne: „Und schließ endlich die Tür, damit nicht noch mehr Hitze reinkommt“. Ob die Akteure mitbekommen, warum das Publikum so herzhaft lacht? Man weiß es nicht.
Aber was sie ganz sicher mitbekommen, ist der lautstarke und langanhaltende Applaus am Ende eines eindrucksvollen Abends, mit dem sich das Publikum auf das Herzlichste bedankt. Kempchen verspricht nach der Aufführung, bei der sie die Technik übernommen hat, beim nächsten Schlussapplaus auch mit auf die Bühne zu gehen, um sich verdient feiern zu lassen. Gratulation dem Rabbit-Hole-Theater, das den begnadeten Nachwuchs so vortrefflich unterstützt hat.
Michael S. Zerban